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Nice @ Super 8

Jan
2014
20

posted by on Das zweite Jahr, Von Geburt an

Die Côte d’Azur steht uns ganz gut.
Nizza, Ostern 2013 in der Super 8 – Version


Französische Interaktion
Sarah Sophie Ostern 2013 – April 2013 – Nizza
Musik – Noir Désir – Le vent nous portera

Geschrieben in Dusseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

posted by on Das dritte Jahr, Von Geburt an

Sicherlich völlig zufällig schafft es Deine Mutter an jedem Freitag für Dich ein neues Spiel aus Ihrem Handgepäck zu zaubern. Diesem Umstand mag es geschuldet sein, daß wir fast jede Woche ein neues Spiel ausprobieren können. Ob nun Zufall oder glückliche Fügung; jedenfalls mehren sich Produkte einer französischen Kinderspielzeugmarke verstärkt in Deinem Zimmer. Ich vermute ja System dahinter: Fakt ist aber, Deine Mutter findet selbst in tiefer bayerischer Provinz einen Spielzeugladen dem unverrückbar ein Produkt aus der Auslage zu entnehmen ist.

Kurz und Gut, in diesem Bereich herrscht kein direkt fühlbarer Mangel.

Das hindert Dich aber nicht, für jedes einzelne Spiel Deine individuellen Regeln für jeden Beteiligten aufzustellen. Ich habe das einmal bewußt beobachtet. Anfänglich vermutete ich allen Ernstes noch reine Zufälligkeit in dem Umstand, daß ich stets nur Doppeltierkarten im Domino bekomme, Du dich selbst hingegen mit einer profunden Auswahl aller verfügbaren Tiersymbole ausstattest. Ein Schelm wär Böses denkt. Allen Nicht-Domino-Erfahrenen sei an dieser Stelle gesagt: es ist nahezu unmöglich zu gewinnen, hat man in der Hälfte seiner Karten jeweils zwei gleiche Symbole auf eben einer Spielkarte. Ich habe gefühlt alle “Doppelten” zu meiner freien Verfügung. Aber damit gibst Du dich natürlich nicht zufrieden, sondern baust auch hier entsprechend vor. Die rote Maus ist Dein Lieblingstier und wenn beim Verteilen der Karten eine eben solche auftaucht, wandert die wie selbstverständlich unter Deine Obhut. Anfängliche Proteste meinerseits konterkariertest Du mit einem vorwurfsvollem Blick und dem Satz: “Das ist nicht “fu” Papa, das ist “fu” Baby. Umlaute sind noch nicht so ganz Dein Ding – aber wer kann da schon widersprechen.

Ähnlich verhält es sich bei “Minu”, einem von Dir kreiertem Kunstwort als Beschreibung für eine Art Memory auf dem die Symbole auf die jeweiligen Spielkarten – den Jahreszeiten – zuzuordnen sind. Wer zuerst seine Karten(n) voll hat, hat gewonnen. Soweit die Theorie. Praktisch komme ich selten zum Zuge, da Du mir in hingebungsvollen Durchhalteparolen immer wieder erklärst, das Du jetzt gerade an der Reihe bist. Das geht dann in etwa so: Du beginnst das Spiel, das ist sowie klar. Deckst Du ein Symbol auf, welches auf Deine Karten paßt darfst Du nochmal – das ist, glaube ich, die einzige Anweisung die wirklich für einen regelkonformen Spielbetrieb vorgesehen ist. Gehört hingegen ein Symbol zu einer meiner Karten, darfst Du selbstverständlich ebenfalls noch einmal, da ich ja die Karte bekommen habe. Der Trick an der Sache ist aber noch viel perfider. Wenn zu erahnen ist, daß meine Karten fast voll sind und Du erneut eine für meine Bildersammlung umgedreht hast, grinst Du frech, zeigst mir das Bild erst gar nicht sondern drehst die betreffende Karte sogleich wieder um. Und manchmal darf ich dann sogar mal wieder mitspielen, wir haben aber auch schon ganze Serien monologen Spielbetriebs Deinerseits hinter uns gebracht.

Es stellt sich somit die Frage nach dem Herrühren dieser selbstbereichernden Handlungsweise. Und natürlich steht ab sofort Deine Mutter unter Generalverdacht. Am kommenden Wochenende lüftet sich das Geheimnis. Wir spielen zu dritt und egal ob Du oder Deine Mutter die Karten verteilt, ich komme nicht besonders gut weg. Im laufenden Betrieb schummelst Du mit Deiner Mutter um die Wette und wenn ich kurz aus dem Zimmer geschickt werde, in der Art von “Könntest Du mir bitte noch einen Tee machen.“, passiert es: Ihr lacht Euch schallend an und teilt die Beute unter Euch auf – mit der Folge, daß ich gar nicht mehr gewinnen kann. Ich fühle mich ein ebenso macht-, wie hilflos.

Meinem Einwand nach fehlender Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit entgegnet Deine Mutter nur allzu lapidar: “Freu Dich doch, oder willst Du eine Tochter die sich nicht durchsetzen kann?” Ich verlasse augenblicklich das Kinderzimmer und überdenke meinen Glauben an das Gute in der Küche während ich Tee aufsetze.

Am Montag fangen wir wieder von vorne an, denn ich weiß die Gerechtigkeit wird siegen – aber vielleicht eben erst nächste Woche.

Geschrieben in Samoëns, Auvergne-Rhône-Alpes, France.

posted by on Das dritte Jahr, Von Geburt an

In Deinem siebenundzwanzigsten Lebensmonat waren wir – bis auf einen Kurztrip an den Gardasee, der allerdings mächtig verregnet war – nahezu ausschließlich zu Hause, was für unsere Verhältnisse schon erstaunlich genug ist und zwangsweise dazu führt, das Du sehr regelmäßig den Kindergarten besuchst. Und irgendwann in diesen Tagen taucht ein Name immer wieder auf: Nico. Sind wir bisher zum Kindergarten immer “tu” Anna gefahren (ein “Z” will einfach nicht über Deine kleinen Lippen) so heißt das Ganze neuerdings eben “tu” Nico. Zu besonders gut gelaunten Zeiten wird Anna gnädigerweise noch erwähnt und wir fahren eben “tu” Nico und Anna – aber klar ist: Nico ist die Nummer eins. Dein Vater ist in seiner manchmal doch etwas zu naiv, gutgläubigen Sicht auf die Dinge dieser Welt ernsthaft zu Beginn der – wie vom Himmel gefallenen – Namenspermanenz Nico davon ausgegangen, das es sich vielleicht um einen neuen Betreuer männlichen Geschlechts handelt (gibt es eigentlich den Quotenkindergärtner?) aber davon weit gefehlt. Still und heimlich, und vor allem über Nacht ist er da:

Dein erster kleiner Verehrer!

Auf einmal ist alles Nico. Du bist Nico, Dein Lieblingsteddy Miscka ist Nico und wenn ich Dich frage wer am Tisch noch fehlt ist das nicht etwa Deine Mutter, sondern – wenig überraschend – Nico. Spielen wir abends zusammen, sitzen der Teddy (dann heißt er übrigens wieder Mischka) und ein imaginärer Nico mit auf dem Spielteppich und bekommt wie selbstverständlich Karten für das Tierlotto zugeteilt. Prima ich habe jetzt zwei Kinder und eines davon ist immer gerade nicht zu Hause. Ich werde neugierig. Am nächsten Tag frage ich mal so ganz zufällig im Kindergarten nach, wer denn dieser Nico ist.

Wahrscheinlich dem gleichen Gesetz folgend, nachdem das Marmeladenbrot stets auf die “Gesichtsseite” fällt, ist Nico selbstverständlich just an an diesem Tag nicht zugegen und ich werde lediglich von einer der Damen darauf hingewiesen, das Nico Dein spezieller Freund sei. Na prima, Du bist zweieinhalb Jahre alt und ein spezieller Freund sitzt nicht nur fast täglich unsichtbar in unserem Kinderzimmer sondern verwehrt sich durch geschicktes Taktieren seiner Kindergartenbesuche meiner väterlichen Wohlwollensprüfung. Ich glaube nicht, daß wir Freunde werden – soviel scheint sicher.

Da mir nichts ferner liegt, als mich in Deinem Kinderclub als Helicoptervater zu outen – so nennt man in diesen Tage zu sehr fürsorgliche Eltern – bleibt mir zwangsweise nichts anderes übrig, als mir anderweitig einen Überblick zu verschaffen. In den nächsten Tagen vergesse ich grundsätzlich täglich irgendetwas und tauche nach ein paar Minuten erneut bei Dir im Kindergarten auf. Bringt aber alles nix – von Nico keine Spur. Was bildet sich dieser Krabbelgruppengigolo eigentlich ein. Es bedarf einer neuen Taktik. Von nun an schaue ich – selbstverständlich rein zufällig – an der Garderobe in Eurem Vorraum wann unter dem Namensschild Nico keine Haus- sondern Straßenschuhe stehen und tatsächlich, bereits am nächsten Tag werde ich fündig.

Jetzt heißt es dranbleiben:

Wir beide spazieren also wie üblich Hand in Hand in Euren Frühstücksraum und Du suchst einen Platz aus, läßt Dir bereitwillig den – zu Hause nicht verputzten – Buchweizen mit Milch vor die Nase setzen und beginnst sogleich eben diesen zu löffeln. Keine gesonderte Reaktion von irgendjemandem. Um nicht weiter aufzufallen verabschieden wir uns in gewohnter Zeremonie und ich entschwinde aus dem Raum. Unmittelbar hinter der geöffneten Flurtür muss ich unaufschiebbar aber einige SMS schreiben und kann folglich gerade nicht weitergehen. Es dauert keine Minute und ein Lockenkopf in Latzhose schleppt seine Frühstücksdose um den Tisch zu Dir heran. Ihr beide begrinst Euch freudig und beginnt in gleicher Minute damit die bevorratenden Zerealien im Rotationsprinzip unter Euch aufzuteilen. Meine Verzückung ob dieses Sujet wird allerdings jäh unterbrochen da sich eine Deiner Betreuungsdamen zu mir gesellt und mich auf den Boden der Realität zurückholt. “Haben sie wieder etwas vergessen” fragt sie mich und ich fühle mich irgendwie ertappt. Bevor ich antworten kann, erwähnt sie fast beiläufig und überhaupt nicht triumphierend, daß der Latzhosenmann eben derjenige Nico sei, nachdem ich letzthin gefragt habe und mit Dir jeden Tag zusammen frühstückt. “Das sei ja putzig” entgegne ich und frage unaufdringlich nach, was Ihr beide denn sonst noch so zusammen anstellt. “Eigentlich nichts” vernehme ich und blicke in ein erstauntes Gesicht.

Ach doch, manchmal nach dem Frühstück bugsiert Nico so ziemlich jedes Spielzeug heran was gerade greifbar ist und möchte mit Dir spielen, aber das scheint Dich dann nicht mehr zu interessieren, denn egal was er Dir offeriert es wiederholt sich stets das gleiche Spiel: Du nimmst es und schickst ihn stehenden Fußes wieder weg. Aber das macht ja auch Sinn, schließlich spielen wir jeden Abend mit ihm und da ist er schließlich nie da.

So kann das ruhig weitergehen Prinzessin: Wer etwas von Dir will, kann sich gefälligst auch ordentlich anstrengen. Das gehört sich so – findet zumindest Dein Vater.

Geschrieben in Thyez, Auvergne-Rhône-Alpes, France.

posted by on Das dritte Jahr, Von Geburt an

Das Du bilingual aufwächst versteht sich von selbst; daß Deutsch aber wohl Deine primäre Sprache werden wird steht nicht für beiden Elternteile fest. Einer russischen Mutterseele – die einer Großmutter im übrigen nicht weniger – treibt es wahrscheinlich gefühlten sibirischen Eiswind ins Gesicht bei der Vorstellung das möglicherweise Deine Russischkenntnisse nicht genügend befördert werden könnten. Für die korrekte Verbalwiedergabe derlei Befürchtungen ist ein einziger Konjunktiv im Grunde viel zu schwach.

Es dauert also nur wenige Monate und wir schauen uns die erste “Russische Schule” an. Meine Einwände aus der Rubrik “Möglicherweise ist es noch etwas früh für eine Schule – Du bist ja erst zwei Jahre.” kontert Deine Mutter eloquent mit dem Hinweis auf Deine unstillbare Wissbegierigkeit aus. Bis dahin dachte ich immer das sei übliche kindliche Neugierde, aber so habe ich schon wieder etwas gelernt. Das Unverständnis ob dieses Einwandes im Gesicht Deiner Mutter kann sich jeder vorstellen, der sie kennt – alle anderen rufen sich jetzt bitte eine Polarexpedition ins Bewusstsein, die zur Sicherheit einen Kühlschrank mitführt, damit der Proviant nicht warm wird. Kurzum diese Institution scheint gesetzt zu sein und ich beschließe vorurteilsfrei an die ganze Sache heranzugehen.

Das ist nicht ganz einfach als mir eine wuchtige Endvierzigerin in einem Bürogebäude die Tür öffnet und uns etwas zu herzlichst willkommen heißt. Ich gebe zu, der Eindruck von außen täuscht und im Inneren des Reichs von Doppel D Ludmilla sieht es aus, wie in jedem anderen Kindergarten auch. Ihre Notizkladde wird von einem Davidstern dekoriert und sie tippt – gewiss absolut unbewusst – unaufhörlich darauf herum.

Was nun folgt entspricht in etwa dem, was ich mir als mögliches “Worst-Case-Szenario” ausgemalt habe. Der Fleischberg mit Rüschenbluse und Brokatweste erläutert mit tiefer Inbrunst und ebenso gleicher Stimme die unverzichtbare Notwendigkeit Kindern Wissen zu vermitteln und dieses besonders zu festigen. Die Nachhaltigkeit Ihrer Intension manifestiert sich für sie in Hausaufgaben bei deren Nichterledigung die entsprechenden Eltern zum Rapport einbestellt würden. Ich bin überzeugt in einer Vorschule für Nachwuchsdiktatoren gelandet zu sein. Langsam fängt es mir an Spaß zu machen, da eine Entscheidung gegen diese Rohrstockinstitution längst gefallen ist. Also frage ich nach, warum denn auch so kleine Kinder schon Hausaufgaben auferlegt bekommen und lasse nicht unbemerkt, daß mir ein spielerischer Umgang mit dem Bildungsauftrag durchaus sympathischer ist. Das ist zu viel für Fräulein Rabiata und sie verfällt in einen noch resoluteren Kasernenhofton. “Sehen Sie, mein Herr – vielleicht wissen sie das ja nicht, aber ich bin Jüdin und gerade jüdische Kinder müssen immer besser sein als alle anderen.” Und da könnte etwas rigide Strenge eben gar nichts schaden. Aber es kommt noch besser. Sie fragt mich in leicht mitleidigen Unterton ob ich denn Herrn Bismarck kennen würde. Die wenig geistreiche Nachfrage nach demjenigen mit den Fischen spare ich mir gerade noch und antworte höflich und mit absichtlich leisen Ton, daß Sie getrost davon ausgehen dürfe, in mir jemanden zu sehen, dem die Eckdaten europäischer Geschichte geläufig sind und ich somit im Bilde um die Persönlichkeit des ersten deutschen Reichskanzlers sei. Da strahlt das rigorose Fräulein und erklärt voll begeisternder Inbrunst, daß sich Ihre pädagogische Einrichtung an den Idealen, Werten und Vorstellungen des Deutschland im späten 19. Jahrhundert orientiert.

Eine Familie mit liberalen Grundwurzeln steht also vor einer kaisergetreuen, jüdischen Migrantin aus der ehemaligen Zarenstadt St. Petersburg (das war wohl der Grund, warum Deine Mutter recht lange zu ihr gehalten hat) und bekommt im wahrsten Sinne des Wortes den Mund nicht mehr zu. Eine kurze Bemerkung zu den Sozialistengesetzen und der damit verbundenen politischen Intoleranz Ihres Herrn Bismarck kann ich mir einfach nicht verkneifen und erlaube mir noch ebenso höflich wie bestimmt meinem Mitleid für die hier verwahrten Kleinmonarchisten Ausdruck zu verleihen. Gekonnt stellt das stämmige Fräulein noch fest, daß wir da wohl etwas unterschiedliche Auffassungen in pädagogischen Fragen hätten. “Vielleicht ein klein wenig” entgegne ich und wir verabschieden uns freundlich, aber wohl für immer voneinander. Sie fügt noch an, daß sie es bemerkenswert findet, daß ich – trotz meiner offenkundigen Abneigung – so lange zugehört habe. Das mache ich übrigens immer so wenn mir Dinge begegnen die ich nicht verstehe. Man fühlt sich dann so herrlich bestätigt in seiner Meinung.

Ach ja und noch etwas: Du gehst natürlich trotzdem in eine “russische Schule”. Die liegt mitten im Düsseldorfer Rotlichtviertel in der obersten Etage eines Hauses auf dem noch der Werbschriftzug “Citysauna” aus den 1970er Jahren zu lesen ist. Die ersten Stunden bin ich mit Dir dorthin gegangen und wir haben mit fünf russischen Muttis und deren Nachwuchs im Kreis getanzt nachdem Luba, Deine “Lehrerin” durch eine Igelhandpuppe auf der Schulter sitzend uns genau dazu aufgerufen hat.

Aber die Bilder die Du dort malst sehen viel russischer aus als die Zuhause.

Viel Spaß in der Schule, Prinzessin.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

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Den ersten Monat Deines neuen Lebensjahr haben wir zu nicht unbeträchtlichen Teilen auf Achse verbracht. Ein niedersächsischer Kunde Deiner Mutter hat Sehnsucht nach ihr und die Herrschaften der Toten Hosen sowie der Ärzte geben sich auf dem Flugfeld des ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof die Ehre vor knapp 60.000 Leuten zu spielen. Da müssen Deine Eltern natürlich hin. Ach ja: Urlaub wollen wir auch noch machen.

Also rollt der Familienkleinbetrieb zunächst ans Steinhuder Meer und Deine Mutter geht von hier aus täglich zur Arbeit während wir beide die hiesige Strandlage testen. Nebenbei bemerkt: Wer einen Siebziger Jahre Flashback braucht und die zeitlupengesteuertsten Kellnerinnen der westlichen Hemisphäre erleben möchte, dem sei das schmucke Städtchen Mardorf wärmstens empfohlen. Aber dafür gibt es eine Fischbude deren Räucherware Deine volle Zufriedenheit erreicht und in uns somit treuen Kunden gefunden hat. Zum Auftakt überreichen wir Dir Dein neues Fortbewegungsmittel in Form eines kleinen Laufrades. Das erscheint Dir allerdings äußerst suspekt und die ersten Bewegungsversuche konkurrieren in Punkto Geschwindigkeit mit denen der gerade angesprochenen Servierfachkräfte – nur brauchen die dafür noch nicht mal ein solches Rad. Glücklicherweise haben unsere Nachbarn einen Sohn ungefähr gleichen Baujahrs der die dreirädrige Modellversion sein eigen nennt, aber an Deiner Zweiradvariante größtes Interesse bekundet. Irgendwie handelt ihr beide einen Tausch aus und zwei Kinder sind glücklich. Diese Austauschverhandlungen wiederholen sich etwa im Stundentakt aber so wichtige Entscheidungen erfordern ja auch ein gesichertes Fundament.

Jedenfalls rollst Du von nun an mit Leidenschaft mit zwei oder drei Rädern über den Campingplatz. Das eigentliche Projekt dieses Sommers verschiebe ich Kraft autoritärer Willkür auf den anstehenden Strandurlaub, da ich glaube das die Windelentwöhnung zwingend an eine materne Permanenz gekoppelt sein sollte und ich durchaus gewillt bin die ein oder andere Erziehungskompetenz abzugeben.

Der Wochenendausflug nach Berlin führt zu großer Begeisterung auf allen Seiten, da Du natürlich von Mimi betreut wirst während Deine Mutter und ich mehr als erstaunt sind wieviele Eltern ihren Nachwuchs mit auf ein Punkrockkonzert schleppen – größtenteils mit Ohrenschützern aber immerhin.

Am Sonntag zur Zeit Deines Mittagsschlaf starten wir in Richtung Südfrankreich und müssen leider feststellen, das wir wohl nicht die einzigen sind die an diesem Tag unterwegs sind – jedenfalls befinden wir uns immer noch auf dem Berliner Autobahnring als Du erwachst. Mit allerlei Tricks und munterem Gesinge gelingt es uns zumindest Braunschweig zu erreichen bevor Du Dich endgültig weigerst in Deinem Autositz zu verweilen. Den ortsansässigen Zoo wählen wir kurzerhand als nachmittäglichen Verweilort aus und stellen mit Begeisterung fest wie Du auf Tiere reagierst die fünf bis zehnmal so groß sind wie Du. Solange Du sie streicheln kannst ist alles gut und so ein Kamel macht sich als Haustier gewiss ganz gut. Jedenfalls höre ich den ganzen Tag, daß eben dieses Kamel mit ins “Wohnauto” (so bezeichnest Du unseren Campingbus) muß, was mich wiederum zu der Annahme bringt, daß ein Kinderleben ohne Kamel irgendwie einen Irrtum darstellt. Ich überlege wie die Bekanntschaft mit einer Kamelhandeltreibenden Beduinenfamilie zu erreichen ist, verwerfe den Gedanke aber recht zügig, da Kamele weder durch Nadelöhre gehen noch in drittgeschossigen Etagenwohnungen Einzug halten können. Mir scheint Deine Zukunft im Wüstenschiffbereich eher unvorhersehbar, verspreche Dir aber in absehbarer Zukunft einen Ausritt auf Deinem neuen Lieblingshaustier zu ermöglichen. Vielleicht fliegen wir mal nach Marokko empfehle Deiner Mutter. “Selbstverständlich” entgegnend sie mir “und wenn sie das nächste Mal den Mond sieht, ziehen wir nach Baikonur.” Das klingt ebenso herzlos wie logisch und ich gebe mich damit zufrieden. Unterdessen hast Du auf dem Spielplatz die Riesenrutsche entdeckt und wen interessieren da noch die Kamele von vorhin.

Nach Deinem Abendbrot machen wir uns wieder auf den Weg und erreichen am folgenden Nachmittag Saint-Pierre-la-Mer unweit von Narbonne. Hier verbringen wir die nächsten zwölf Tage und beabsichtigen Dich von der Unnötigkeit der Pampers-Produkte zu überzeugen. Deine Mutter hat für selbiges Unterfangen selbstverständlich entsprechend vorgesorgt und eine recht interessante Konstruktion erworben. Mittels einer kleinen Leiter kannst Du selbstständig die Toilette unseres Campingbus erreichen und dort oben befindet sich eine kindergerechte Verkleinerung der Sitzfläche.

Diese neue Errungenschaft findet gehörigen Anklang bei Dir und die nächsten Tage verbringen wir nicht selten vor eben dieser Konstruktion. Ganz gleich ob Du vorher gespielt hast, in Deinem Planschbecken umhergerudert bist oder auch in Deinem Bett liegst. Es vergehen wenige Minuten und unser neuer Liebligssatz erschallt: “Baby muß Pipi!”! Unsere anfängliche Begeisterung ob Deiner raschen Auffassungsgabe weicht recht schnell der ernüchternden Feststellung, daß es weit weniger um die Toilettenaktion als solche geht, sondern Du vielmehr offenkundig einen ordentlichen Unterhaltungswert darin erkennst, Deine Eltern dazu zu bewegen nach dem ausgesprochenen Schlüsselsatz augenblicklich alles stehen und liegen zu lassen um Dich ins Badezimmer zu verfrachten und vor besagte Konstruktion zu positionieren.

Artig erkletterst Du Deinen Toilettenthron und grinst fröhlich frech in die versammelte Familienrunde. Und dann passiert meistens etwas überaus Aufregendes: Nämlich rein gar nichts. Deine Beinchen schaukeln munter umher und Du siehst überaus glücklich aus. Nur die eigentliche Sinnhaftigkeit des ganzen Unterfangens will sich nicht einstellen. Dieses heitere Familienspiel wiederholt sich mehrfach täglich. Irgendetwas läuft hier verkehrt. Deine Mutter und ich schauen uns von nun an des öfteren fragend an, kommen aber nicht wirklich zu einer befriedigenden Antwort. Also entscheiden wir uns für das Prinzip Durchhalten. Und das funktioniert ganz passabel.

Mit jedem Tag verstehst Du ein wenig mehr wozu die kleine Kletterpartie nötig ist und begeisterst Deine Eltern immer wieder aufs neue. Ganz in Deine neue Kompetenz vertrauend beschließt Deine Mutter irgendwann auf eine Windel vollends zu verzichten und beschließt Dich sozusagen unten ohne in den Tag zu schicken. Eine detailreiche Schilderungen der folgende Ergebnisse erspare ich uns allen an dieser Stelle, nur soviel: So ein Gartenschlauch tut schon gute Dienste und der Weg vor unserem Campingbus ist wieder sauber.

Am folgenden Tag entdeckst Du das Abwasserventil an unsrem Campingbus und stellst im Brustton kindlicher Überzeugung fest: “Auto macht Pipi.” Ich weiß eigentlich nicht warum, aber von nun an gestaltetet sich Deine Windelentwöhnungsphase irgendwie entspannter und alles wird gut.

Ach so, die Idee ab jetzt weniger Windeln zu benötigen hat hervorragend funktioniert. Wir brauchen jetzt etwa doppelt so viele, aber das läßt sich bestimmt irgendwie saisonbereinigt heraus rechnen. Und bevor Fragen aufkommen: Nein, ich ziehe Dir nach einem Fehlalarm nicht die gleiche Windel nochmal an.

Wo wir gerade dabei sind: Muß Baby Pipi?

Geschrieben in Lazise, Veneto, Italy.

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Dein 24. Lebensmonat fällt logischerweise auf den Hochsommer und somit jährt sich eine Veranstaltung die mit Dir überhaupt nichts zu tun hat: Die gemütliche Verrücktentruppe meines Lieblingskunden unternimmt Ihr jährliches Teambuilding an dem Dein Vater natürlich nicht fehlen darf. Als ich in Deinem Alter war nannte man das noch Betriebsausflug und belegte im Firmenkalendarium einen freien Nachmittag sowie in der ortsansässigen griechischen Spezialitätengaststätte die Kegelbahn. So erzählt es zumindest Dein Opa.

Heute koppelt man an den Nachmittag noch ein Wochenende an und fährt ans Meer. Jedenfalls entfällt somit ein Wochenende väterlicher Verfügbarkeit für Dich. Ich bin mir sicher das geht klar mit uns beiden. Nachdem Deine Mutter diese Offerte unterbreitet bekommt überlegt sie nicht lange und entscheidet kurzerhand mit Dir einen Mädelsausflug nach Berlin zu unternehmen. Dort wohnt bekanntlich Deine Nicht-Patentante und beste Freundin Deiner Mutter.

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In den nächsten Tagen höre ich gefühlte tausendmal den gleichen Satz aus Deinem Mund: “Baby fährt tu Mimi”. Z und T sind derzeit noch nicht zu unterscheidende Konsonanten für Dich. Jedenfalls ignorierst Du beharrlich jeden Verbesserungsversuch meinerseits; was ich aber auch schnell aufgegeben habe, da ich das einfach zu putzig finde. Auch frage ich stets interessiert nach was den in Berlin machen möchtest, bekomme aber kontinuierlich die gleicht Antwort: “Tu Mimi”. Aber vielleicht hat das ja auch einfach zu genügen. Irgendwann erlaube ich mir auf die Idee zu kommen, Dich begleiten zu wollen und blicke nach Verbaläußerung desselbigen Umstandes in ein völlig irritiertes Kindergesicht.

“Papa nicht tu Mimi.” ist die noch weichgespülte Variante Deiner Missbilligung einer eventuelle väterlichen Partizipation am hauptstädtischen Ausflug der mir nahestehenden Damenwelt. Je näher der Termin rückt umso rigider formulierst Du Deinen Wunsch endlich mal mit Deiner Mutter alleine sein zu wollen. Ich darf nicht mit und werde somit förmlich genötigt das Land zu verlassen und ein Wochenende am Strand zu verbringen. Bitte Prinzessin, wenn es Dein Wunsch ist – wer kann da schon nein sagen.

Die Damen reisen selbstverständlich zeitoptimiert und Deine Mutter koordiniert Ihre freitägliche Ankunft aus Irgendwo mit Eurem gemeinsamen Weiterflug nach Berlin. Freudestrahlend präsentiert sie mir ihr Zeitkonzept, in der sie noch nicht einmal den Flughafen von Düsseldorf verlassen muß, sondern lediglich Dich dort in Empfang zunehmen gedenkt. Wer nicht mit darf, fährt auch nicht zum Flughafen, heißt: Ich scheide als Shuttle-Service aus. Ich gestehe allerdings wahrscheinlich um diese Uhrzeit auch schon die niederländische Küste erreicht zu haben. Also werden Deine mütterlichen Großeltern, an diesem Nachmittag ohnehin mit Deiner Bespaßung betraut, von Ihrem erweiterten Aufgabenbereich in Kenntnis gesetzt. Zumindest in der Wahrnehmung Deiner Mutter, denn als ich Dich den Abend zuvor von ihnen abhole und mehr beiläufig erwähne, an welchem Gate Deine Mutter auf Dich wartet, schaue ich in zwei völlig ahnungslose Augenpaare.

Deine Mutter kann ganze Industriekomplexe optimieren, Fabriken reorganisieren, aber in Kommunikationsangelegenheiten könnte ihr manchmal durchaus jemand hilfreich zur Seite gestellt werden. Kurz gesagt, sie hat – mal wieder – vergessen ihre Umwelt von der Einzigartigkeit Ihrer Planung in Kenntnis zu setzen. Also wandele ich den unverständlichen Gesichtsausdruck Deiner Oma in ein mitleidvolles Nicken um und entschwinde mit Dir auf dem Arm.

Am nächsten Morgen magst Du schon zu früher Stunde nicht mehr schlafen und schleppst stattdessen ganze Heerscharen von Kuscheltieren zu Deinem Koffer verbunden mit der resolut formulierten Feststellung “Das muß mit!” Einen Schrankkoffer bräuchten wir schon aber das interessiert Dich selbstverständlich nicht. Du beschließt alle Kleidungsstücke durch Hasen, Eisbären, Zebras und sonstiges Getier zu ersetzten. Meinen gutgemeinten Hinweis doch wenigsten den Schlafanzug im Koffer zu belassen konterkarierst Du mit dem Verweis auf den selbigen den Du am Körper trägst. Gegen soviel kleinkindliche Logik kommt keiner an und ich hole einen größeren Koffer.

Wir fahren zum Kindergarten und auf dem Weg frage ich zur Sicherheit noch einmal nach ob Du nicht lieber mit Deiner Mutter und mir nach Berlin fliegen möchtest. Was soll ich sagen: Aussichtslos. “Baby tu Mimi, mit Mama, nicht mit Papa.” Etwa wegrationalisiert fühle ich mich schon als ich Dich an Anna, Deine Kindergärtnerin, übergebe und mich von Dir verabschieden will.

Fast dachte ich es mir schon und dann kommt er auch – der meist gehörte Satz der letzten Tage: “Papa muß weg!” Na dann guten Flug und schönes Wochenende, Prinzessin.

Geschrieben in Lazise, Veneto, Italy.

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Es hat noch nicht einmal zwei Jahre gedauert und das erste unumstößliche Dogma Deines Vaters ist wie das berühmte Kartenhaus zusammengebrochen: Dein Essen im Kindergarten. Im Zuge der Suche nach einem geeigneten Tagesaufenthalt für Dich habe ich kategorisch diejenigen Einrichtungen ausgeschlossen, in denen Mittags nicht frisch gekocht wird. Erfahrungen mit Mensa, Kantine und Co sollst Du alleine machen und zwar idealerweise zu einem Zeitpunkt wo Du selbstbestimmt mit leeren Tablett an der Kasse vorbeiziehst und die feilgebotenen Schnitzelsurrogate – die wahrscheinlich inoffizielle deutsche Leibspeise – verschmähst.

Selbstverständlich bist Du dennoch in einem Kindergarten mit Cateringservice – der neudeutsche Version der klassischen Kantine. Bis dato allerdings nur bis Mittags und ein fleißiges Familienmitglied erscheint pünktlich um zwölf Uhr mit Deinem Mittagessen meist aus großväterlicher Produktion. Dieses Prozedere birgt allerdings verschiedene Nachteile. Zum einen wird es Dir allmählich schwer vermittelbar, warum alle anderen Kinder – wir sind selbstverständlich die einzigen mit der Halbtagsvariante – zusammen am Mittagstisch sitzen und Du an eben dieser Tafel nicht Platz nehmen darfst und ferner schläfst Du grundsätzlich auf der anschließenden Rückfahrt im Auto ein. Zuhause bzw. bei Deinen mütterlichen Großeltern angekommen, also nach etwa zehn bis fünfzehn Minuten, musst Du folglich schlafend aus Deinem Autositz genommen werden und erwachst spätestens im Treppenhaus. Bis Du dann endlich in Deinem Bett angekommen, magst Du manchmal – wie wundersam – nicht direkt wieder einschlafen und es bedarf der üblichen Tricks. Eine funktionale Abhilfe ist es, Dich vom Kindergarten aus in Deinem Kinderwagen durch die Gegend zu schieben. Dieses Unterfangen scheitert allerdings an nicht wenigen Tagen auf Grund der mitteleuropäischen Großwetterlage. An dieser Stelle sei den Erfindern dieser Welt ein atmungsaktiver Regenschutz für solche Gefährte dringend ans Herz gelegt. Ich danke vorab und sichere eine mannigfache Abnahme zu.

Kurz und gut die Halbtagsbetreuung ist mehr als suboptimal und bedarf einer Korrektur. Ob nun Zufall oder nicht, jedenfalls trägt man uns seitens Deines Kindergartens in diesen Tagen die Option einer vollzeitlichen Betreuung anheim. Für Deine Mutter ist selbstverständlich sofort alles klar und ich wehre mich soviel es geht. Es geht allerdings nicht so gut, weil mir schlichtweg die Alternative fehlt. Die russische Familienseite – ohnehin mit dem Kindergarten wenig glücklich – rät zum sofortigen Betreuungsausstieg und bietet die Übernahme an. Deine Mutter und ich sind uns bekanntlich selten einig, in diesem Punkt finden wir aber beide die Kindergartenvariante überzeugender.

An die Stelle von Faina und Semen gerichtet möchte ich mich für das Angebot von ganzem Herzen bedanken, bitte aber ebenfalls um Verständnis, das wir in Kindergartenfragen schlicht und ergreifend anderer Meinung sind, was eben von nun an Deinen werktäglichen Aufenthalt in Unterrath bis etwa drei Uhr ausdehnt.

Du siehst Dich in der Folge dieser Entscheidung zwangsweise mit zwei Änderungen konfrontiert: Gegessen wird mit allen anderen Kindern zusammen und anschließend geschlafen ebenfalls in der Gute-Nacht-Höhle mit Deinen kleinkindlichen Mitstreitern des Kindergarten. Von einer Kreidetafel neben dem Eingang entnehme ich täglich das Mittagsangebot des Hauses und erreiche eine Trefferquote von annähernd einhundert Prozent ob Du etwas isst oder eben nicht. Beim Thema Einschlafen reizt Du Dein Prinzessinnen-Püppchen-Image bis an die Schmerzgrenze aus und so darf sich wahrscheinlich jede Deiner Betreuerinnen rühmen, Dich auf der Schulter liegen gehabt zu haben. Das beruhigt und amüsiert mich wiederum gleichermaßen.

Gefühlte Ewigkeiten vergehen bis sich auch bei Deinem Vater nach einer guten Woche die Einsicht breitmacht Deiner kleinkindlichen Seele keine irreparablen Schaden zuzufügen, nur weil Du mittags keine Hausmannskost mehr dargereicht bekommst. An dem ein oder anderen Tag probierst Du etwas, lehnst jedoch das Essen dann vollständig ab.

Dein Großvater hat aber hierfür stets vorgesorgt und Deinen Nachmittagsfrüchtebrei still und heimlich gegen sein Selbstgekochtes ausgetauscht. Das weiß ich natürlich überhaupt nicht, möchte mich an dieser Stelle aber einfach mal dafür bedanken.

Ich glaube, so ein klein bisschen jüdisch sind wir eben doch alle. Und das ist auch gut so.

Geschrieben in Vendres, Occitanie, France.