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posted by on Das dritte Jahr, Von Geburt an

Gefühlt und wahrscheinlich auch real haben wir in Deinem 36. Lebensmonat die meiste Zeit in verschiedenen Freizeit- und Erlebnisparks verbracht. Zieht man um Düsseldorf einen Radius von einer Autostunde ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten. Pädagogisch korrekt und altersentsprechend beschränken wir uns auf die Einrichtungen, in welchen man nicht durch Kirmesattraktionen geschleift wird, sondern Dein Mittun gefordert wird. Ob nun eine Tierpark mit freilaufenden Affen oder Riesentrampolin: Du verblüffst mich immer wieder. Betreten wir einen Park findest Du schnell eine Dich begeisternde Attraktion und erklärst uns Eltern wohin des Weges es nun geht. Kein Problem, wir sind schließlich wegen Dir hier. In jedem Park – ich bin mir da sehr sicher – gibt es irgendwo einen Ziegenbereich. Haben wir den erreicht bist Du glücklich. Hunde sind für Dich nett, Katzen niedlich, Kaninchen und andere Langohren putzig aber an einer Ziegenwiese kommen wir nicht unter mindestens einer Stunde vorbei.

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In den meisten dieser Einrichtungen kauft man, als passables Futter, gepresstes Gras welches Du dann hingebungsvoll verfütterst. Irgendwann und irgendwo war der Futterautomat leergekauft, nicht vorhanden oder sonst wie nicht verfügbar und mich blicken zwei erschütterte Kinderaugen an: “Papa, wir haben gar kein Futter.” vernehme ich mit bestürzter Stimme. “Das macht nichts.” antworte ich, “dann pflückst Du eben einfach Gras von der Wiese und gibst das den Ziegen.” Du vergewisserst Dich kurz bei Deiner Mutter ob ich auch keine Blödsinn erzähle und ziehst von dannen. Da es um die Mittagszeit ist entzünde ich den Grill und Deine Mutter bereitet Dein mitgebrachtes Essen vor.

Nach einer halben Stunde frage ich nach ob Du nicht zum Mittagessen kommen möchtest und vernehme die schon so oft gehörte Floskel “Gleich, Papa nur noch kurz hier …” Du hast Dir angewöhnt diesen Satz meist nicht final auszuformulieren, da Du dies vermutlich für Zeitverschwendung hältst, denn in dieser Zeit kann man sich ja lieber seinen selbstgesteckten Aufgaben und Zielen widmen. Worin ich übrigens in Dir eindeutig Deine Mutter wiedererkenne. Wenn eh schon alle wissen was passiert muss man ja nicht lange herumreden. Ein effizientes Kind. Jedenfalls verschwindet Dein eigener Appetit hinter dem der Ziegenfamilie frappierend. Wir sehen Dir zu und beobachten ein kleines Mädchen, welches mit stoischer Hingabe zwischen der, einige Meter entfernt liegenden, Wiese und dem Ziegengehege hin- und herläuft um immer wieder frische Gräser an die versammelte Ziegenschar zu verfüttern. Die ist übrigens auf ein stattliches gutes Duzend Paarhufer angewachsen und streitet sich mitunter um das jeweilige Vorrecht. Aber nicht mit Dir. Erst die Kleinen dann die Großen scheint die Devise. Wenn sich ein störrisches Tier nicht an Deine Anweisungen hält wird es auch schonmal von Dir zur Seite geschoben – Berührungsängste unbekannt.

Inzwischen bist Du rund eine Stunde zugange und weit über Deiner üblichen Zeit zum Mittagessen. Also versucht Deine Mutter ihr Glück Dich zum Familienlunch zu bekehren. Deine Reaktion kommt genauso postwendend wie umwerfend: “Nur noch das da.” verkündest Du und zeigst in Richtung eines Hügels mit hochgewachsenen Gräsern bevor Du dorthin läufst und eine genaues Areal absteckst das Du zu verfüttern gedenkst. Unverzüglich nimmst du Deine Grassammlung auf. Jedwede Intervention erscheint mir an dieser Stelle sinnlos und wir lassen Dich einfach gewähren. In der Zwischenzeit haben Deine Mutter und ich bereits gegrillt, gegessen und uns final damit arrangiert Dir Dein Mittagessen heute am Nachmittag zu verabreichen.

Auf einmal erscheinst Du wie aus heiterem Himmel bei uns, setzt Dich auf einen Stuhl und grinst mich an: “Die Tiere wollten ja essen.” Einwände in Richtung einer möglichen Fehlinterpretation Deinerseits zu diesem Thema strafst Du lediglich mit einem verächtlichen Blick in meine Richtung. “Ich kann ja nicht kommen, die Tiere wollten ja essen.” wiederholst Du Deine Intention in Richtung Deiner Mutter. “Aber Du musst doch auch etwas essen.” versuche ich logisch zu argumentieren. “Ich kann ja immer essen.” bekomme ich retourniert, während Du Dich wieder auf den Weg Richtung Gatter machst “aber die Tiere nicht, denn dann bin ich ja nicht mehr hier.” vernehme ich noch aus der Ferne. Ich kapituliere vor so viel kleinkindlichem Überzeugungsgeist, bin aber schweigend so dermaßen stolz auf Dich das ich platzen könnte. Alles in allem verbringst Du geschlagene zwei Stunden damit die versammelten Hornträger zu versorgen und auch Hinweise auf Rutschbahnen, Trampoline und Sommerrodelbahnen verpuffen im Nichts. Gegen eine Ziege kommt nichts an.

Irgendwann ereilt Dich die Überzeugung alle Tiere versorgt zu haben und Du bequemst Dich doch noch zum Mittagstisch zu erscheinen. Deinem Appetit hat das ganze Spektakel nicht geschadet und so isst Du zwar spät aber dafür für drei. Auch nicht schlecht beschließen Deine Mutter und ich. Während des Schokoladeneisnachtisch verkündest Du uns freudig, daß wir nun weiterziehen können.

Der entscheidenden Satz klingt in etwa so aus Deinem Mund: “Ihr habt jetzt so lange hier gesessen, jetzt müssen wir aber zur Rutsche, sonst wird es zu spät.”

Es muss schwierig sein so trödelnde Eltern zu haben.

Geschrieben in Berlin, Berlin, Germany.

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Zu Beginn Deines 35. Lebensmonat erlebt Düsseldorf am Abend des Pfingstmontag einen derart gehörigen Sturm, daß die folgenden Tage das öffentliche Leben ernsthaft eingeschränkt sind. Ganze Straßenzüge sind nicht befahrbar und überall sieht es aus wie nach einem Bombenangriff nur mit stehengebliebenen Häusern. Das eigentliche Wetterchaos hast Du zwar gemütlich verschlafen denn der rheinische Weltuntergang tobte ab etwa 21 Uhr für lediglich eine gute Stunde; in dieser aber derart ordentlich, daß in den Tagen danach sogar Kettenfahrzeuge der heimischen Armee in den Stadtwäldern eingesetzt werden um der Schäden Herr zu werden. Dein Kindergarten hat am folgenden Dienstag unabhängig von der Wettersituation ohnehin geschlossen womit Deine Betreuung bei den mütterlichen Großeltern liegt. Die aber zu Erreichen ist gar nicht so leicht, denn wo Kubikmeterweise Bäume umherliegen muss man erstmal durchkommen, oder besser gesagt darüber kommen.

Ich erkläre Dir bereits direkt nach dem Aufwachen die Lage und zeige Dir vom Fenster unsere Straße die allerdings nicht wirklich wie eine solche aussieht, sondern vielmehr einem Dschungelpfad mit (noch funktionierender) Ampelanlage gleicht. Nachdem wir auf der Straße angekommen sind kann ich Dir Dein Unverständnis unserer geringfügig geänderten Umgebung deutlich anmerken: “Papa, warum sind denn die Bäume umgefallen?” ist Deine erste verständliche Frage in meine Richtung. Noch bevor ich antworten kann kletterst Du auf eine der zahlreichen neugeschaffenen Straßensperren um Deinem Unmut ob dieser Situation resolut Ausdruck zu verleihen: “Ich mag nicht wenn die Bäume umfallen, die müssen doch stehen bleiben.” ist Deine logische wie auch verständliche Reaktion auf unsere kleine Naturgewalt. Ich erlebe Dich erstmals in Deinem Leben wirklich entrüstet. Du verstehst das ganze nicht und es gefällt Dir auch nicht. Auf dem Weg zu den Großeltern – den wir zwangsweise zu Fuß absolvieren – bleibst Du an wirklich jedem umgestürzten Baum stehen und stellst mir mittlerweile gebetsmühlenartig immer wieder die gleiche Frage: “Warum sind die Bäume umgefallen?”Weil es einen Sturm gab.” “Was ist denn ein Sturm?” und so weiter. Kurz vor dem großelterlichen Haus erreicht Deine Verwunderung ihren Zenit.

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Ein riesiger Baum liegt vor einem Haus und sein freiliegendes Wurzelgeflecht hat den halben Bürgersteig aufgerissen. Du bleibst regungslos davor stehen und es dauert einige Minuten bis Du mich fragst warum denn hier die Straße umgefallen ist. Ich erkläre die Sachlage und so langsam wird mir ersichtlich wie das ganze auf Dich wirken muß. Wenn man die Größenverhältnisse auf einen Erwachsenen überträgt stünde ich also vor einer Baumwurzel die eine Durchmesser von gut 20 bis 30 Meter hätte und das Loch im Trottoir mäße ein halbes Fußballfeld. Viel spannender ist allerdings der Umstand, daß Du heute das erste Mal einen Baum sozusagen von unten siehst. Denn Wurzeln sind Dir bis dato unbekannt. Du deutest auf die Wurzeln und erkundigst Dich danach ob “das die Haare von dem Baum” sind? “Nein.” antworte ich, “die Haare sind doch auf dem Kopf, also oben.” Das leuchtet Dir ein und Du erkletterst den Baum in Richtung Krone. Dort angekommen strahlst Du mich an und wedelst mit ein paar Blättern. “Guck mal Papa, das sind Baumhaare.” Und wenn Bäume neuerdings Haare haben, dann haben Sie auch Füße – das erscheint irgendwie logisch. Du kletterst also wieder herunter, läufst um den Baum herum und präsentierst mir freudestrahlend die “Baumfüße” indem Du am Wurzelwerk herumfuchtelst. Ich sage erstmal gar nichts, bemerke aber daß Dich irgendetwas beschäftigt. Es dauert ein paar Minuten und dann fällt Dir auf, daß – wer Füße hat mit eben diesen auch vor einem Sturm davonlaufen kann. “Warum ist denn der Baum nicht weggelaufen?” vernehme ich Deine Stimme. “Weil seine Füße unter der Erde sind. Bäume können gar nicht laufen.” hoffe ich die Erklärung wieder halbwegs sinnvoll zu gestalten. “Warum können denn Bäume nicht laufen?” ist die nächste Frage. ” Weil sie immer am selben Platz stehen müssen und sonst kann sich ja kein Kind seinen Lieblingsbaum aussuchen auf den es dann besonders gerne klettert. Außerdem würde ja unsere Hängematte im Urlaub mit den Bäumen weglaufen und dann müssten wir sie immer suchen gehen.” Das leuchtet Dir ein, da Du unsere Hängematte sehr magst und, wann immer sich die Möglichkeit bietet, in ihr umherschaukelst. Wir verständigen uns also darauf, daß Bäume nicht laufen können und besser immer stehen bleiben.

Aber genau das ist ja gegenwärtig das Problem, welches Dich nachhaltig beschäftigt. Noch Wochen nach dem Tag des rheinischen Regenwaldes zeigst Du mir immer wieder umgestürzte Bäume und vergisst niemals zu erwähnen, daß dies überhaupt nicht nach Deinem kleinkindlichen Geschmack ist. Um die Sache irgendwie wieder rund zu bekommen schlage ich vor einfach einen neuen Baum zu pflanzen. Die Idee findet Deinen Zuspruch und Du planst bereits die erneute Begrünung unserer Heimatstraße.

Als wir endlich bei den Großeltern eingetroffen sind stürmst Du auf Deinen Opa zu und eröffnest Ihm alle Neuigkeiten. Bis zum Abend hat sich die Geschichte dann noch geringfügig geändert: in der Zwischenzeit hast Du nämlich beschlossen für jeden umgefallenen Baum einen neuen zu pflanzen, das wären dann also 20.000.

Vielleicht gründen wir die erste Papa-Kind-Baumschule. Aber diesen Vorschlag behalte ich erstmal für mich.

Geschrieben in Fleury, Occitanie, France.

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So allmählich wiederholen sich bestimmte Dinge in Deinem Leben. Es ist Mai und gefühlt zwangsläufig verbringen wir einen Teil dieses Monats mal wieder in Tarifa. Das gehört irgendwie dazu und irritiert auch niemanden. Selbstverständlich beabsichtigt Deine Mutter einer Konsolidierung ihrer Kitesurf-Künste Vorschub zu leisten – unterbricht dieses Vorhaben allerdings ob Deiner gepflegt ordentlichen Erkältung und widmet sich ganz Deiner Genesung.

Kranksein empfindest Du bereits seit längerem als unsinniges, lästiges Übel und forderst bereits am zweiten Tag ein gestandenes Unterhaltungsprogramm ein. Verständlich wie ich finde, bist Du doch brav und artig mal wieder mit uns in die lustige kleine Stadt der Verrückten gereist, in der sich alle nur für Wind und Wellen interessieren. Kurz gesagt: Nach zwei Tagen Triefnase ist Dir jedwede verordnete Passivität zu langweilig und Du erfragst sachkundig wie es hier um die Pony-Lage bestellt ist.

Super-Mami hat selbstverständlich vorgesorgt und uns bereits am ersten Tag zur Touristeninfo geschleppt, um genau dieser anberaumten Fragestellung nicht schutzlos gegenüber zu stehen. Das Wort Pony ist noch nicht einmal ausgesprochen – schon parliert Deine Mutter gekonnt mittels gewohnter Eloquenz und zaubert die Adresse einer Pony-Verleih-Station herbei. Dieselbe gehört zu einem Hotel, welches sich erfreulicherweise nur ein paar Minuten von unserem Haus entfernt befindet, was soviel bedeutet, daß Deine Mutter und ich von nun an von einem täglichen Besuch ausgehen. Die Pony-Mädchen vor Ort erfüllen alle Klischees und wir befinden uns mitten im Wendy-Paradies. Oder anders ausgedrückt: Du bist rundum glücklich und gibst schonmal die Stallorder der nächsten Tage bekannt: “Heute will ich auf den, morgen auf den und dann noch auf das ganz große!” Alles bestens, jeder weiß Bescheid.

Vermutlich Deiner zierlichen Gestalt geschuldet wird uns Deine Reittierwahl des heutigen Tages als besonders gutmütig, aber auch etwas lauffaul geschildert. Ich werde instruiert wie das Tier zur Bewegung gebracht werden soll und wir ziehen los in Richtung Strand. Betont sei aber auch nur in Richtung Strand, den auf dem Weg dorthin scheint besonders wohlschmeckendes Gras zu wachsen. Fressen ja – laufen nein ist die Kurzform. Meine Pferdeflüstererkunst erweist sich als noch gehörig ausbaubar und wir stehen so ziemlich in der Mitte auf dem schmalen Weg zwischen Stall und Strand. Bisherige Ausreitdauer etwa 60 Sekunden – etwas mager wir Du findest. “Papa, will das Pony nicht mehr?” lautet Deine berechtige Frage. Schieben, ziehen, schimpfen – nichts hilft – der Gaul bewegt sich nicht. Das Spektakel guckt sich Deine Mutter ein paar Minuten an und holt dann aber doch zügig die Wendy-Fraktion zur Hilfe die – wie ich vermute – einen Geheimcode kennen, denn wir setzen uns augenblicklich in Bewegung. Nun geht es eine Stunde den Strand rauf und wieder runter. Auf meine Frage wie das Tier auf Kites reagiert beruhigt mich die Antwort allerdings nicht in Gänze: “Kein Problem – haltet nur genug Abstand.” An den Stränden rund um Tarifa genügend Abstand zu Kites zu halten ist in etwa so, wie Schwimmen zu wollen, dabei aber trocken zu bleiben. Wir beschließen daher pauschal das Klepper und Kite schon irgendwie aneinander gewöhnt sind und sehen uns glücklicherweise auch darin bestätigt. Auf dem Rückweg kommen wir selbstverständlich erstmal wieder nur bis zu bereits bekannten Grüngrasstrecke. Nach einer absolvierten Reitstunden scheinst Du aber durchaus geneigt zu sein dem Tier seinen Imbiss zu gönnen und schaust Dir das ganze geduldig an. Und diesmal schaffe ich es sogar alleine Ross und Reiter ordnungsgemäß im Stall abzuliefern.

Am nächsten Tag – wie wundersam, wir sind wieder hier – scheinen wir die Ponyprüfung bestanden zu haben, denn Deine heutige Pferdewahl fällt auf die ordentlich große Schimmelvariante Mona, die, wie mir erklärt wird “etwas aktiver reagiert also weniger lauffaul agiert”. Das erhöht die Chancen vor Sonnenuntergang wieder zurück zu sein.


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Kurz – und gut, die nächsten Tage verbringen Mona und wir damit den Strand rauf und runter zu traben, bis auf einmal etwas noch nie da gewesenes passiert: Wir sind an einem Tag noch nicht ganz am Strand angekommen und ein kleines Mädchen mit schrecklich unglücklichem Gesicht guckt mich an: “Papa, ich will nicht mehr ponyreiten. Ich bleibe mit der Mama hier und Du gehst mit dem Pony spazieren.” Mittlerweile habe ich gelernt zu verstehen, wenn Du etwas wirklich ernst meinst. Und heute ist so ein Tag. Einmal noch zur Sicherheit zurückgefragt, steigerst Du Deine Aussage sogar noch: “Papa, muss ich noch weiter auf dem Pony sitzen?” – was mich der Stimmlage nach eher an ein Kind erinnert was eine wie auch immer geartete Bestrafung absitzt. Also alles wieder auf Anfang und wir beenden unser tägliches Ritual. Am nächsten Morgen frage ich nochmals nach und bekomme aber nur eine knappe Absage entgegen geschleudert: “Ich habe doch gesagt, ich will nicht mehr ponyreiten.” Punkt. Ende. Aus. Dazu machst Du ein herrlich genervtes Gesicht, was mich wiederum schwer an Deine Mutter erinnert.


Pony passé!
Sarah Sophie Mai 2014 – Tarifa
Musik – Matanza – Apolinar

Ein Überangebot bewirkt also bei Dir eine Verweigerung und die hält recht lange vor. Erst nach ein paar Monaten kommen wir irgendwo an ein paar Ponys vorbei und Du verblüffst mich erneut: “Jetzt möchte ich wieder ponyreiten, Papa” “Und wann” frage ich zurück. “Kann man jetzt sofort ponyreiten?” bekomme ich als Antwort. Auch diese Aussage outet Dich als Tochter Deiner Mutter: Warten ? Was ist das ?

Also aufgesessen, Prinzessin.

Geschrieben in Fleury, Languedoc-Roussillon, France.

Ski 1.0 @ Super 8

Aug
2014
20

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Einer der großartigsten Vorteile analoger Bildproduktion ist die herrlich antizyklische Vorgehensweise. Somit kommt – passend zur gefühlten Wetterlage – hier der erste Film aus diesem Jahr. Und der spielt eben im Schnee …


Ski 1.0
Sarah Sophie Winter 2013/2014 – Samoëns
Musik – Peppermoon – Sur le bout de la langue


Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

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Ostern dieses Jahr findet recht unspektakulär an einem niederrheinischen See statt. Das Wetter ist entgegen den Voraussagen schlicht großartig und wir bekommen Besuch von Deiner Freundin Helene nebst elterlichem Anhang. Die Rahmenbedingungen sind folglich ordentlich und auf dem Campingplatz erfahren wir, daß Sonntag der Osterhase um elf Uhr für alle Kinder vorstellig wird, um die üblichen Devotionalien rund um den See zu verstecken.

Durch die zahllosen Kinder hier hast Du über das Wochenende verteilt verstanden, daß dieses spezielle Nagetier offenkundig Geschenke versteckt welche dann von allen Kindern gesucht werden. Soweit die Theorie. In der Praxis werden wir Zeuge raffiniertester Raffgier verschiedener Altersstufen. Dein dringliches Nachfragen, was denn jener nun für ein Hase sei, bedarf einer religionsbefreiten Erklärung. Die läuft in etwa so ab: In jedem Jahr kommt zu einer bestimmten Zeit, nämlich Ostern, ein sagenumwobener großer, bunt verkleideter Hase anspaziert und versteckt für alle Kinder kleine Geschenke und Süßigkeiten. Nicht ungewitzt konterst Du mit der Frage “Woher weiß denn der Osterhase welche Geschenke für welche Kinder sind?” “Das muss der gar nicht wissen.” entgegne ich überzeugt, “denn alle Geschenke sind für alle Kinder. Jedes Kind muss ja selbst suchen und was Du findest ist eben Dein Geschenk.” Das leuchtet Dir offensichtlich ein und akzeptierst meine Aussage ohne weitere Zweifel anzumelden.

Am Sonntag setzen wir uns folglich gegen halb elf Richtung Seeufer in Bewegung und Du bist völlig begeistert von der Idee, daß alle Kinder die gleichen Geschenke bekommen. “Das ist eben ein besonders schlauer und gerechter Hase, der behandelt alle Kinder gleich.” füge ich hinzu und kann einfach nicht umhin das ganze gesamtgesellschaftlich zu erklären: “In einer ganz und gar gerechten Welt haben alle Menschen gleich viel und bekommen auch immer das gleiche – ganz egal was sie tun. Dann will auch niemand jemand anderem etwas wegnehmen.” Du begreifst sofort und fragst nach ob das dann genauso ist wie mit dem Sandkastenspielzeug. Da dürfen ja auch immer alle Kinder mit jedem Förmchen hantieren, ganz gleich wem es letztendlich gehört. “Ganz genauso ist das dann.” antworte ich politisch korrekt. “Und das heißt dann Ostern?” fragst Du zurück. “Nein, wenn das immer so ist heißt das Sozialismus.” entgegne ich provokant in Richtung Deiner Mutter. Zur allgemeine Erklärung sei erwähnt, daß im Vergleich zu Deiner Mutter jeder noch noch so wirtschaftsfreundlicher Neoliberaler als Karl Marx-Verschnitt durchgeht – so steinzeitkapitalistisch erlaube ich mir ihre Gesellschaftsvorstellung zu beschreiben. Aber dies nur am Rande.

Während dieses politischem Geplänkel erreichen wir das Seeufer und tatsächlich verteilt ein bunt verkleidetes Langohr kleine Schokoladenhasen. Was mich irritiert ist lediglich der Umstand, daß uns eine Vielzahl an Kindern – meist jenseits des Osterhasen-Glauben-Alters – mit prall gefüllten Tüten entgegenkommen und offensichtlich bei der Suche äußerst erfolgreich gewesen waren. Du trollst freudig dem Osterhasen entgegen und beginnst sofort das hohe Gras nach kleinen Geschenken zu durchforsten. Mein Glaube an die Gerechtigkeit dieser Welt hat an diesem Tag einen klitzekleinen Knacks bekommen, denn wir finden schlichtweg nichts. Absolut rein gar nichts. Das wiederum wird durch den uns entgegen kommenden – Tüten schleppende – Sozialinkompetentennachwuchs erklärlich. Nach einigen erfolglosen Suchminuten verlierst Du verständlicherweise das Interesse und setzt Dich lieber ins Gras um Deinen Schokoladenhasen zu verspeisen.

Die einzige Folgerung die Dir zu dem sinnentleertem Seeausflug einfällt ist genauso knapp wie logisch: “Hat der Osterhase uns vergessen?” fragst Du mich erstaunlich gefasst. Das verneine ich selbstverständlich mit brachialer Überzeugung und verweise auf die Wiese um unseren Campingbus herum, die Du ja noch nicht inspiziert hast. Auf dem Rückweg trödelst Du mit Deiner Mutter umher, so daß ich die vorbereiteten kleinen Päckchen genügend verstecken kann.

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Das Märchengebilde ist gerettet und Du leitest lediglich mit der Frage ob doch nicht alle Kinder gleich sind, das Triumvirat Deiner Mutter zu meinem Oster-Sozialismus ein:

Mit dem ihr eigenen siegesgewohnten Grinsen erklärt sie Dir eine untergegangene Gesellschaftsordnung etwa so: “Selbstverständlich sind alle Kinder gleich, aber diejenigen, die an Gleichheit glauben finden eben keine Geschenke – denn die haben nämlich alle diejenige eingesammelt die den anderen diesen Unsinn erzählt haben.” Das wiederum versteht Du nun verständlicherweise wieder nicht und guckst fragend in meine Richtung.

“Was hat die Mama denn gesagt?” bekomme ich zu hören während ich innerlich beschließe Deine gesellschaftskritische Grunderziehung auf die nächsten Jahre zu verschieben. Bevor ich antworten kann poltert es schon aus der mütterlichen Ecke frei nach Orwell “Manche Kinder sind eben gleicher.” Dazu sehe ich ein Kind inmitten von vielen kleinen Päckchen sitzen.

Ich kapituliere und sehe auch diesen Sozialismus als gescheitert an – aber es war einen Versuch wert.

Geschrieben in Kalkar, North Rhine-Westphalia, Germany.

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Es ist Karneval – eine Zeit die außerhalb seiner Hochburgen wenig Bedeutung zukommt, aber in rheinischen Regionen bekanntlich den Ausnahmezustand bedeutet. Deine Mutter kann auch nach Jahren mehr oder weniger freiwilliger Zugehörigkeit zur rheinischen Republik nicht wirklich etwas mit Bier und Brauchtum anfangen. Ich habe da weniger Probleme, was wohl per Geburt verordnet sein dürfte. Dies am Rande.

Eine der schönsten Alternativen zum Rumtamtam am Rhein – alle Düsseldorfer mögen es verzeihen, daß ich auch nur erwäge unsere Stadt an Karneval zu verlassen – ist definitiv die französische Version davon in Nizza. Das ganze dauert dort etwa zwei Wochen und wartet ebenfalls mit Umzug und verkleidetem Chi-Chi auf. Aber eben in der Côte d’ Azur-Version und die ist etwas wärmer, sonniger und kinderkompatibler. Das Karussell ist wahrscheinlich nicht nur auf 20er Jahre getrimmt sonder stammt ernsthaft aus dieser Zeit und findet in Dir eine begeisterte Mitfahrerin. Geworfen werden hier keine Kammellen sondern Abertausende Tonnen von Konfetti in Kombination mit einer Art endlosem Gummiwurm aus Sprühdosen mit dem sich hier alle gegenseitig einwickeln. Somit hätten wir wieder die Verbindung zum Rheinland: Ebenfalls völlig sinnfrei – aber lustig.

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Das der Umzug des Öfteren stoppt und Du somit die Gelegenheit bekommst zwischen den Wagen zur Musik kleine Tanzeinlagen darbieten zu können finden nicht nur Deine Eltern großartig, sondern vermutlich auch diejenigen der anderen Kinder mit denen Du ein kurzfristiges Bewegungsensemble bildest. Putzig anzuschauen ist es allemal. Da ist sich die international besetzte Erziehungsberechtigtenfraktion einig. Irgendwie ergibt es sich, daß die meisten der Zufallskindertanztruppe später ebenfalls am Strand auftauchen und ihr somit wieder vereint seit. Deinen kleinen Ball magst Du aber nur abgeben, wenn hier alle nach Deinen Regeln spielen und das sieht in etwa so aus:

Zuallererst bekommt jeder der Probanden seinen Platz durch Dich zugewiesen. Sprachbarrieren können derzeit als Kollateralschaden betrachtet werden, da Du hierfür keinerlei Verständnis hast. Die Informierten scheint das allerdings ebenfalls nicht weiter zu stören, jedenfalls funktioniert es offenkundig nach Deinem Belieben. “Du musst hierhin. Nein, nicht dahin, sondern hierhin.” Brav unterstützen Deine Gesten die Verbalorder. Erwägt auch nur einer der Beteiligten von seinem Platz abzuweichen wird er genauso umgehend wie unmissverständlich zurückbeordert. “Da hin, das habe ich doch gesagt!” Die Truppe nimmt also ihre Plätze ein. Genau genommen stelle ich mir so kleine Diktatoren vor und mache eine entschuldigende Geste in Richtung der jeweiligen Eltern. Die winken ab und scheinen mit der Situation zufrieden. Deine Mutter ist aus dem Häuschen. Ihre Belobigungen erfolgen natürlich auf russisch, daß macht das ganze noch gewaltiger. Mit einem derart selbstzufriedenen Grinsen das es wehtut vernehme ich einem meiner Lieblingssätze von Ihr: “Meine Tochter eben, die sagt allen wo es lang geht.” Ganz im geheimen muss ich aber zugeben, daß mir das Ganz auch nicht so furchtbar missfällt. Es fühlt sich nur eben ein ganz klein wenig politisch inkorrekt an. Ich beschließe damit zu leben. Nachdem nun jeder weiß wo er zu stehen hat wird der Ball ein paar mal hin- und hergekickt bevor Dir das ganze zu langweilig wird und Du lieber völlig unvermittelt alles stehen und liegen läßt um Dich in Richtung Strandpromenade zu begeben.

Ich bin beruhigt das Du am Kleinkindkommandosein ebenso lange Begeisterung zeigst, wie an den meisten anderen Dingen. Nichts ist ernsthaft von Dauer und so sind natürlich auch ein paar gefügige Befehlsempfänger nicht wirklich von langem Interesse. Irgendwie ist meine Welt wieder in Ordnung und Du bekommst anstandslos das eingeforderte Schokoladeneis überlassen – Gerechtigkeitssinn muss belohnt werden.

Auf der Rückfahrt stehen wir irgendwann im Stau neben einem Schaustellerlastwagen, was Dich wiederum zu der Aussage verleitet: “Guck mal Papa, hier ist auch Karneval. – Und wo ist der Strand?” Dieser Assoziationskette habe ich nichts mehr hinzuzufügen und an der nächsten Tankstelle gibt es Schokoladeneis.

Ach, so die Kombination aus Karneval und Strand ist ab jetzt gesetzt – aber wer will schon auf hohem Niveau jammern.

Hellau, Prinzessin.


Carnaval de Nice
Sarah Sophie März 2014 – Nizza
Musik – La Caravane Passe – Striptease Burlesque

Geschrieben in Tarifa, Andalusia, Spain.

posted by on Das dritte Jahr, Von Geburt an

Ich hätte es natürlich wissen können, vielmehr wissen müssen, da aber Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, bin ich bis ultimo davon ausgegangen, daß der Gleichheitsgedanke für Dich unangefochten gilt. Tut er absolut auch, aber nur bis zum Wochenende. Bin ich verständlicherweise im intrafamiliären Elternranking werktäglich die Nummer 1, erlischt derlei Kompetenz meinerseits schlagartig am Freitagabend.

Du hast schnell verstanden, das eines der bunten Icons auf Papas iPhone dazu erdacht ist Fluginformationen zu transportieren. Pünktlich zur “Flug XYZ ist gelandet-Melodie” schauen mich zwei glücklich strahlende Kinderaugen an und Du stellst immer wieder die gleiche Frage, verbunden mit immer der gleichen Antwort: “Kommt Die Mama jetzt” – “Ja, die Mama kommt gleich – sie ist gerade gelandet”. Weiter geht es mit “Ist die Mama gelandet?” “Fährt die Mama jetzt mit dem Taxi?” Gebetsmühlenartig bejahe ich beide Fragen und entfessele einen Schlüsselreiz. Sogleich willst Du unbedingt und sofort auf die Fensterbank meines Arbeitszimmers klettern und der spannenden Anfahrt eines gelben Autos mit schwarzem Schild auf dem Dach beiwohnen. Nach der gefühlten dreihundertsten Erklärung, daß zwischen Landung und Vorfahrt mindestens eine halbe Stunde liegt, es aber auch mal gerne eine ganze werden kann, haben wir gemeinsam gelernt die Zeit zu nutzen und stellen nun fest, welche Farben die Autos haben die unter unserem Fenster vorbeifahren. Manchmal erkennst Du sogar die Marke korrekt, was ich aus zwei Gründen erstaunlich finde. Erstens wohnen wir in der dritten Etage und zweitens habe ich Dir nie Automarken erklärt. Ein nicht unbegründeter Anfangsverdacht in dieser Sache geht in Richtung Deiner mütterlichen Großeltern. Das aber nur nebenbei.

Steigt Deine Mutter dann irgendwann in persona aus der vorgefahrenen Droschke, wird erst munter gewunken und dann, selbstverständlich Deinerseits selbständig, die Tür geöffnet damit sich meine beiden Damen standesgemäß begrüßen können. Ab jetzt könnte ich ausziehen, es würde niemand merken. Gerne sitzt Ihr beide eine Viertelstunde auf dem Boden im Flur und tauscht Euch über die wesentlichen Ereignisse der vergangenen Tage aus. Eine gute Gelegenheit das Gepäck Deiner Mutter zu verstauen und mit Deinem Abendessen zu beginnen, da wir natürlich zumeist über eine Uhrzeit sprechen, in der Du eigentlich bereits gegessen haben solltest. Der Konjunktiv hat an dieser Stelle reinen Richtcharakter. Alle Beteiligten haben sich irgendwie daran gewöhnt, das es Freitags etwas länger dauert – was soll’s. Das wir die Eltern sind, denen es wichtig ist, das Du verstehst was Konsequenz bedeutet, versteht sich von selbst. Den letzten Satz Deiner Mutter zu diesem Thema den ich mir gemerkt habe endete ungefähr mit dem Worten: “Natürlich Du hast völlig recht, ich bin Deiner Meinung, Sie muss verstehen das um acht Uhr abends Schluss ist – ich lande um halb acht, ihr wartet doch mit dem Essen, oder?”

Bewundernswert finde ich dann aber doch die Geschwindigkeit mit der Deine Mutter die anstehenden Dinge mit Dir erledigt. Ihr esst, vertreibt die Zahnteufelchen und schon werde ich zum Gute-Nacht-Defilee gerufen nach dessen Abarbeitung mir Deine Mutter noch flugs das benutzte Geschirr und die nebenbei aussortierte, schmutzige Wäsche von Dir in die Hand drückt. Für das alles brauchen wir beide länger, das gebe ich zu.

Am Samstag werde ich zu aufregenden Hilfstätigkeiten wie Wasserflaschen besorgen, Papiermüll runtertragen und – nicht zu vergessen – dem Auffüllen Deiner Wochenration kleinkindlicher Verbrauchsartikel herangezogen. Die Frage “Sind noch Feuchttücher oben?” ist längst zum Geflügelten Wort hierfür mutiert. Keine Frage am Wochenende werde ich einfach nicht gebraucht. Daran muss man sich erstmal gewöhnen – was Du allerdings meisterhaft beherrschst. Dein offenkundig bereits ausgeprägtes Gespür für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens knallst Du einem schonmal vollmundig vor den Latz. Ich glaube es war mein Versuch Dir beim Einsteigen in eine Strumpfhose behilflich zu sein. Da hier aber nicht jeder machen kann was er will – am Wochenende schon gleich gar nicht – rupfst Du Dein Beinkleid aus meiner Hand machst eine elegante Drehung um 180 Grad und wirfst mir eine mehr als nur vorwurfsvolle Geste mit den Worten “Nein, Du nicht – Heute ist doch Mama-Tag. Du darfst morgen wieder.” entgegen. Strumpfhose und Kind stolzieren in Richtung Mama und mir fällt gerade noch rechtzeitig eine wenig marginale Frage ein: “Ist noch Sprudelwasser oben?”

Ich schaue besser mal nach.

Geschrieben in Gibraltar.