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posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

In Deinem 52. Lebensmonat heiraten wir. Und zwar nicht etwa wir Eltern, sondern wir alle. Mit einer schonungslosen und absoluten Selbstverständlichkeit verkündest Du Deiner Umwelt den anstehenden Familienstandswechsel nicht ohne den vehementen Verweis auf Dein Mittun zum Prozedere. Das besonders putzige ist der Umstand, daß die Heirat für Dich einen Stellenwert an sich darstellt. “Wir sind dann alle drei verheiratet, oder Papi?” bekomme ich mehr als nur einmal als Frage gestellt. Frage ich dann zurück: “Und was bedeutet das dann danach?” “Na, Papi dann sind wir verheiratet und jetzt nicht.” Diese Erklärung reicht Dir skurrilerweise völlig. Kein übliches “Warum ist das so, wieso macht man das so oder so?” Nichts. Heirat scheint einen Selbstzweck zu erfüllen. Du bist eindeutig eine Frau. Aber wer wollte das auch bestreiten.

Von etwa gleichem Rang in der aktuellen Bedeutungshoheit ist der Vorname Deines zukünftigen Bruders. Deine Mutter und ich toppen die Namensfindung bei Dir gehörig. Bei Dir waren wir uns zumindest einig, daß Du nur einen und vor allem kurzen Namen bekommen solltest. Daß das bekanntlich hervorragend geklappt hat ist unschwer an Deinen beiden Namen zu erkennen. Aber es gab immerhin stets Optionen die uns beiden gefielen. Bei Deinem zukünftigen Bruder sind wir davon weit entfernt um nicht zu sagen: kongruent ist anders. Es gibt nicht eine einzige Alternative die uns beiden zusagt. Der eine ist zu jüdisch, der andere zu deutsch (was bei Deiner Mutter offenkundig synonym mit altbacken interpretiert wird) oder – der Super-GAU – zu christlich. Kurzum wir stecken fest.

Aber nicht lange: denn wie haben ja Dich: Als angehende große Schwester mischt Du fleißig im Namensfindungskarussell mit und kamst sogar irgendwann auf die Idee, das jeder Deinen Bruder anders nennen soll. Sicherlich salomonisch aber wohl weder bei Kind noch Standesamt zu vermitteln. Dann platzt Du aus heiterem Himmel mit drei Buchstaben in unser Dilemma: “Mama, Papa: Wir nennen ihn Leo.” Zwei Eltern schauen sich verdutzt aber zustimmend an. Also wir brauchen für das Projekt “Kurzer Name” eben etwas länger – so etwa bis zum zweiten Kind. Seit diesem Tag ist aber klar, Dein zukünftiger Bruder heißt Leo. Das von nun an jeder der es hören möchte oder nicht darüber unterrichtet wird, daß Du den Namen ausgesucht hast versteht sich von selbst.

Doch zurück zur Hochzeit: Am 20. November fahre ich Deine Mutter und Dich früh morgens zum Frisör damit Ihr den maternen Ansprüchen des Tages entsprechen aufgerüstet werdet. Kurz nach elf treffen wir uns alle auf dem Standesamt und das Prozedere nimmt seinen Lauf. Bis zu diesem Zeitpunkt glaubt Deine Mutter noch, das sie demnächst mit “Pick” zu unterschreiben hat; ich habe da aber mal etwas in die Wege geleitet.

Zur Historie: Wir haben Dir damals meinen Namen gegeben, da ich argumentiert habe, wenn wir irgendwann mal heiraten, brauchen wir nicht extra wieder einen neuen Pass für Dich. Aber in unserer Familie ist ja gerne mal alles ein bisschen anders. Die ordnungsgemäße Anmeldung unserer Hochzeit lief selbstverständlich unter meinem Familiennamen, was Deine Mutter zähneknirschend akzeptiert hat. Und lediglich genau das war mir einfach mal ganz wichtig. Im Vertrauen ist mir unser Familiennamen ziemlich egal und ich finde “Reichmann” schlägt “Pick” auditiv um Längen und bevor Rückfragen aufkommen, Doppelnamen stehen und standen niemals zur Disposition. Ach ja, daß wir dann so herrlich jüdisch klingen schadet nach meinem Verständnis auch überhaupt nicht. Und für Deine Mutter mag es reichen, wenn Sie das im Moment der Trauung erfährt – habe ich beschlossen.

Das hiesige Standesamt macht einem genau diesen Umstand prickelnd einfach. Sind zu Beginn des ganzen Formaliendschungel noch Geburtsurkunden und was weiß ich nicht alles im Original nebst Übersetzung beizubringen, genügt für die kleine Namensrotation eine simple Email an die entsprechende Beamtin und die Sache läuft.

Die Überraschung ist ein Volltreffer und das verdutzte Gesicht Deiner Mutter werde ich wohl nie vergessen als der Satz ertönt: “… und sie haben sich gemeinsam nach reiflicher Überlegung für den gemeinschaftliche Familiennamen Reichmann entschieden.” Nein, haben wir nicht – habe ich ganz alleine, aber es betrifft ja auch nur mich ganz alleine. Damit wäre die ganze Nummer übrigens fast geplatzt, da unsere Standesbeamtin eine offenkundig sehr gewissenhafte Dame ihrer Zunft ist und uns mittels eines förmlichen “… so geht das aber eigentlich nicht.” kurz und knapp rügt. Da eigentlich bekanntlich aber eben eine Ausnahme eigentlich zulässt und das ganze auch eigentlich im Sinne der Braut ist, ließ sich die Sache noch geradebiegen. Also – eigentlich – problemlos!

Das war es dann auch schon. Kuß, Ringe, Familienphoto und mit der ganze Mischpoke in die Altstadt. Denn der neue Herr Reichmann hat noch etwas beschlossen: gefeiert wird da wo es sich für einen gebürtigen Düsseldorfer gehört – und das ist zweifelsohne die Ratinger und das Füchschen. Da kann mir jeder Luxusitaliener gestohlen bleiben.

Übrigens, für Dich ist Dein neuer Name völlig selbst- und unmissverständlich. Zur Erklärung genügt hier ein einziges Zitat: “Papa; weil wir beide geheiratet haben, heißen wir jetzt wie Mama. Das ist ja auch viel besser so.” “Warum ?” “Papa; na weil es doch eben besser ist.”

Noch irgendwelche Fragen an Fräulein Reichmann, geborene Pick?

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

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Deine Mutter und ich sind nun bereits seit gefühlten Jahrzehnten zusammen, kleine Unterbrechungen verlieren sich in unserer beider Wahrnehmung. Fakt ist, seit nunmehr 16 Jahren geht es nicht mehr ohne den anderen und wir haben nun wirklich alles versucht. Nur geheiratet haben wir nie. Ich glaube man kann es ganz nüchtern beschreiben: Es hat sich einfach nicht ergeben. Ich weiß, daß kann nur ein Mann so sehen. Aber erstens bin ich einer und zweitens ist es wie es ist. Punkt. 

Dies zu ändern liegt wohl an mir und das geht bei uns so: Ringe kaufen ist einfach, der Juwelier bei dem meine Eltern schon vorstellig geworden sind betreibt sein Handwerk immer noch und da ich schlicht und ergreifend keinen anderen kenne, bin eben auch ich dann mal dort hinspaziert. Wie man auch nur annähernd durch die angebotene Menge durchblicken soll ist mir unverständlich und so habe ich mich – wie übrigens bei sämtlichen wichtigen Entscheidungen meines Lebens – auf mein Bauchgefühl verlassen und war nach einer halben Stunden mit einer kleinen Schatulle unterm Arm wieder draußen. Nur wo fragt man so etwas eigentlich? Eine der wenigen Sichtweisen Deiner Mutter und mir, in denen wir mal nicht kilometerweit auseinanderliegen ist unsere gemeinsame Begeisterung für Berlin. Das mag damit zusammen hängen, daß wir dort jeder viele bunte Jahre zugebracht haben, vor allem aber zusammen das Studium Deiner Mutter dort gemeinsam durchlebt haben.

Es muss also Berlin sein: Ein Open-Air-Event in der Spandauer Zitadelle scheint mir eine gelungene Location für dieses Unterfangen zu sein. Das ging dann selbstverständlich gehörig daneben, da es an dem angedachten Juliwochenende gemütliche 40 Grad in Zentraleuropa hatte und wir uns, darauf basierend, für ein – dann allerdings ebenfalls suboptimal verlaufendes Alternativprogramm an der Nordseeküste entschieden haben. Die heldenhaften Planungen meinerseits in dieser Richtung habe ich bereits offenbart.

Zweiter Anlauf eine Woche später ebenfalls in Berlin nur ohne Konzert. Einen Tisch im schummerigsten arabischen Restaurant habe ich gerade noch mit viel Überzeugungskraft ergattert. Übrigens, einem gestandenen ägyptischen Gastronom zu erklären, daß ein jüdisches Mädchen nur in genau seinem Restaurant mit der einzigen Frage konfrontiert werden kann, die man nur einmal im Leben mit Ja beantworten sollte, macht in Berlin eben Spaß und vor allem: Es funktioniert. In dem ausgebuchten Laden zaubert er ganz souverän noch einen Tisch und garantiert mir, er werde sich persönlich um alles kümmern. 

Diesmal könnte es also klappen. Der Babysitter hat dann eine Stunde vorher abgesagt und es gab abends Brathähnchen auf der Couch. Auch schön – vielleicht sollen wir einfach nicht heiraten.

Beim dritten Versuch zwei Monate später habe ich mich dann für “Form follows function” entschieden und wir sind ganz einfach in Düsseldorf schick Essen gegangen, Du bist bei Oma und Opa und das Thema ist vor dem Dessert durch. Im November wird geheiratet, und zwar genau am Zwanzigsten, dem Tag an dem Deine Mutter und ich vor 16 Jahren mit einer Flasche Taittinger in einer Prager Badewanne beschlossen haben zusammen zu bleiben. Somit ist die Geschichte rund.

Dir bleibt dieser Umstand natürlich nicht ganz verborgen und irgendwann im Oktober fragst Du mich verständlicherweise: “Papi, was ist heiraten und wie geht Hochzeit?” Die übliche Antwort in Richtung “Wenn Mama und Papa sich ganz doll lieb haben, heiraten sie, bekommen Kinder und bleiben für immer zusammen.” macht wenig Sinn, denn dann wären Deine Mutter und ich bekanntlich seit Jahren unter der gemeinsamen Haube. Der bestimmende Pragmatismus Deiner Mutter rettet einen erklärungsbedürftigen Vater.

“Wenn man heiratet, dann kaufen sich die Mädchen ganz schöne Kleider, eine Frau fragt ob man immer zusammenleben möchte, dann gibt es Geschenke und schließlich fahren wir alle in ein Schloß.”

Das verstehst Du sofort und resümierst entsprechend: “Papi, wir heiraten: erst kaufen wir mir ein ganz schönes Kleid, dann bekomme ich Geschenke und wir fahren in den Schlossurlaub – so geht heiraten: weißt Du?!” Ich bestätige Deine Aussage vollumfänglich und frage höflich bei Deiner Mutter nach wie sich die Schlossgeschichte genau verhält. Eloquente Antwort: “Nächste Woche kaufe ich mit Sarah Sophie unsere Kleider, da kannst Du ja eh nicht mit. Dann hast Du ja Zeit ein romantisches Schlosshotel zu finden.”

Zwei Dinge haben mich dann übrigens nicht weiter überrascht. Eure Hochzeitskleider haben wir zufällig in Berlin gekauft und das Schlosshotel steht selbstverständlich in Frankreich.

Ich glaube, wir können einfach nicht anders. Aber wenn heiraten nunmal so geht.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Der 12.12. klingt schon rund, aber jemand dachte sich 7.07 Uhr paßt ganz gut dazu.

Leo Gabriel ist in unserer fröhlichen, vagabundierenden Familie angekommen und wird zusammen mit seiner großen Schwester beweisen müssen, daß man mit einer Mutter aus der Beratung sowie einem Vater aus der Werbung nicht zwangsläufig im Chaos enden muß.

Wir arbeiten daran.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

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Eines der schönsten Rituale die Du erfunden hast ist die allabendliche Kuscheltierverteilung. Irgendwann hast Du beschlossen, daß weder Deine Mutter noch ich – Du selbstverständlich ohnehin nicht – einer entspannten Nachtruhe entgegen sehen können wenn wir nicht jeder zumindest ein Kuscheltier mit ins Bett nehmen dürfen. Das geht jetzt bereits Jahre jeden Abend recht unspektakulär über die abendliche Gute-Nacht-Bühne bis schließlich Mascha bei uns einzieht.

Mascha ist eine Puppe, die Du Deiner Mutter irgendwann während irgendeines Ausfluges wie man so schön sagt “aus dem Kreuz geleiert” hast. Mascha war dann kurzfristig interessant, verschwand aber zügig im unteren Bereich der Kuscheltierkramkiste um sich dort mit anderen vergessenen Gesellen ihrer Zunft zu arrangieren. Heißt: Sie wurde missachtet.

Je prominenter nun aber die Sichtbarkeitswerdung Deines zukünftigen Bruders im Zuge der zweiten Schwangerschaft Deiner Mutter voranschreitet, desto wichtiger wird Mascha. Und selbstverständlich sprechen wir hier nicht von einer schleichenden sondern abrupten Einsicht in die Notwendigkeit Mascha aus der Versenkung zu holen. Irgendwann war es dann eben so weit und Mascha war (wieder) da – und zwar omnipräsent um es mal vorsichtig auszudrücken.

Von nun an wird Mascha zum Essen geschleppt, muss beim Zähneputzen zuschauen und bekommt jeden Abend hingebungsvoll das Bett gemacht. Hierzu dirigierst Du mich ins Badezimmer, suchst Dir ein bestimmtes Handtuch aus (wir haben übrigens ausschließlich weiße Handtücher), läßt es Dir von mir herunterreichen und wickelst Mascha darin ein, deckst Sie mit einer kleinen Decke zu und konstruierst Ihr aus täglich variierenden Materialien ein Kopfkissen zurecht. Nur die Decke muss jeden Tag ein anderes Handtuch sein – darauf bestehst Du und ich spiele mit.

Selbstredend bekommt auch Mascha ein Kuscheltier zur Nacht gereicht und da verliere ich dann schonmal gnadenlos: “Papi, Du must das verstehen, die Mascha ist ja noch so klein die braucht heute das Schäfchen. Du bekommst es dann morgen wieder.” Widerspruch zwecklos und unerwünscht. Mascha bekommt also das Schaf, Du die Katze Mimmi und ich habe heute einfach mal Pech gehabt. Passiert und wird, zumindest meinerseits kommentarlos hingenommen. Aber eben nur von mir. Alle Tiere bekommen Gute-Nacht-Küsschen, wir beide umarmen uns und wünschen uns gegenseitig Gute Nacht. Alles wie immer. Du schläfst ein und alles ist gut – so ungefähr eine Stunde lang. Dann ertönt völlig unvermittelt der Ruf nach väterlicher Präsenz in Deinem Kinderzimmer, Du bist hellwach und erklärst mir, das wir nun ganz leise sprechen müssen, da Mascha bereits schläft, Du es aber nun versäumt hast mir ein Kuscheltier zu geben, ich in der Folge also nicht schlafen kann, somit morgen früh nicht wach werde und Du wiederum dann nicht in den Wald kannst!

Das nenne ich mal eine Assoziationskette – Respekt!

Dieser unhaltbaren Situation versuche ich nun wiederum die Schärfe zu nehmen und entgegne ein verständnisvolles “Das ist nicht so schlimm. Ich kann auch ohne Tier schlafen.” “Aber Papi, jeder muss ein Tier haben, das weißt Du doch.” bekomme ich von Dir retour. Mit diesen Worten kletterst Du aus Deinem Bett, zupfst Maschas Decke noch etwas zurecht und spazierst zum Kuscheltierreservoir. Nun hebst Du verschiedene Deiner Kuscheltieren in die Höhe, fragst flüsternd ob ich dieses oder jenes haben wolle und ignorierst konsequent meine Bejahung eines jeden Deiner Angebote.

Schließlich kommst du wieder zurück, gibst mir einen Kuß und empfiehlst mir selbst ein Tier auszusuchen und zwar so: “Papi, Du gehst ja noch nicht schlafen. Wenn Du müde bist, holst du Dir selbst ein Tier, aber Du musst sehr leise sein, denn ich schlafe dann ja schon.” Ich gelobe feierlich völlige Schweigsamkeit und geleite Dich ins Bett zurück. “Papi, was ist Dein Lieblingstier?” fragst Du noch in meine Richtung. Da ich weiß, daß Du in solchen Situationen sowieso nicht aufhörst zu fragen, bis Du eine zufrieden stellenden Antwort erhältst, luke ich in Dein Bett um nicht ein dort liegendes Tier zu nennen und habe unglücklicherweise vergessen das die Katze Mimmi ja in Dein Bett gewandert ist und antworte “Die Katze Mimmi”. “Oh schade, Papi die Mimmi schläft hier unter meiner Decke, die kann ich jetzt nicht aufwecken.” bedauerst Du die Notwendigkeit Mimmi in Deinem Bett zu belassen und beendest zu meiner großen Verwunderung unsere nächtliche Flüsterstunde. Du wickelst meine Hand unter Dein Gesicht und schläfst nach ein paar Minuten wieder ein. Ich warte noch eine Weile und entrolle dann meine Hand von Deinem Gesicht und verlasse das Kinderzimmer.

Gut eine Stunde später bist Du schon wieder wach und erkundigst Dich welches Tier ich denn nun ausgesucht hätte. “Noch gar keins.” entgegne ich. “Dann kannst Du doch die Mimmi haben.” kommentierst Du gönnerhaft die Katzenübergabe.

Zum finalen Ende unserer heutigen Kuscheltierverteilung hebst Du Deinen kleinen Zeigefinger und ermahnst mich nachhaltig: “Aber Papi, nur geliehen! – Selbstverständlich meine Große.”

Ach so: Wach geworden sind wir in dieser Nacht nur noch einmal: Da standest Du dann mit Deiner Decke und allen Lieblingskuscheltieren vor meinem Bett und meintest es wäre besser wir würden heute Nacht alle zusammen in meinem Bett schlafen.

Wahrscheinlich hätte Mimmi sonst Heimweh, oder sowas – aber das ist nur eine Vermutung. Mascha war da übrigens nicht dabei, die hat leider gegen Mimmi verloren – Passiert und ist nicht weiter schlimm, wie gesagt. Ich weiß das ganz genau.

Gute Nacht, meine Große.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Wer vier Jahre alt wird, kann auch viermal Geburtstag feiern. Das hat sich niemand so ausgedacht, das ist in Deinem Fall einfach mal so und gestaltet sich konkret wie folgt:

Passend zu Deinem viertem Geburtstag stehst Du um vier Uhr früh auf da Du die erste Aeroflot-Maschine des Tages erwischen musst. Die Waldkindergartenferien nimmt Deine Mutter selbstverständlich zum Anlass den bereits zweiten Mädelsurlaub in diesem Jahr mit Dir zu begehen. Und der findet in einem winzigen Land statt – daß es eigentlich nicht gibt – nämlich in Abchasien im Kaukasus – gelegen direkt am Schwarzen Meer zwischen Russland und Georgien. Ihr beide fliegt also genau an Deinem Geburtstag von Düsseldorf via Moskau nach Sotchi und von dort weiter mit dem Auto ins abchasische Gagra. Dort wohnt eine bezaubernde Familie, die uns bereits zweimal herzlich beherbergt hat. Dein erstes Geschenk packst zu in der Warteschlange vor dem Gate aus und spazierst anschließend betont stolz mit Deinen neuen Kopfhörern durch die Abflughalle. Das die an überhaupt nichts angeschlossen sind ist Dir sichtlich egal, solange Du nur jedem zeigen kannst, was Du bekommen hast. Und natürlich jedem wildfremden Menschen mitteilst, daß Du eben heute Geburtstag hast. Wir stehen folglich in einer wörtlich zu nehmenden unterhaltenden Schlange. Nach dem Check-In bin ich dann sozusagen Geburtstagsmäßig raus und werde ab jetzt von Deiner Mutter per Mail auf Stand gehalten.

Der kaukasische Kindergeburtstagstrip verläuft organisatorisch nach Plan und der Empfang in Gagra gestaltet sich standesgemäß. Jeder der jemals in seinem Leben eine solche “Privat-Unterkunfts-Reise” in den Post-Sowjetischen Raum unternommen hat, weiß wovon ich spreche. Wer nicht, dem fehlt etwas – das kann ich garantieren. Man darf zwar nix bezahlen, schleppt aber gehörig Geschenke heran um dann gefühlt ununterbrochen am Tisch zu sitzen und zu essen. Der vorliegenden Fall wiegt noch ein wenig stärker, da die besagte Familie (hier wohnen alle Generationen noch unter einem Dach) zwar mit Lyka und Lena zwei erwachsene Töchter hat, die aber wiederum beide kinderlos sind, folglich das Enkelkind im Hause ausbleibt. Und dann kommst Du an Deinem Geburtstag eingetrudelt. Soweit ich weiß wurde drei Tage lang gekocht und gebacken.

Den Umstand, daß Du Dir am dritten Tag einen Infekt eingefangen hast, zwei Tage die örtliche Kinderklinik besuchen durftest und zum Abschluss Baden im Meer verboten war erwähne ich hier rein protokollarisch, denn das hat ja nichts in einer Geburtstagsgeschichte zu suchen. Bleibende Schäden sind jedenfalls nicht bekannt. Die Rubrik Reiseerfahrung hat ein Häkchen mehr.

Eineinhalb Wochen später hole ich Euch beide wieder am Flughafen ab und wir schalten auf Normalprogramm um. Also Geburtstagsnormalprogramm, natürlich.

Dein Waldkindergarten hat noch einige Tage geschlossen und somit bringe ich Dich morgens zu Deinen mütterlichen Großeltern. Und hier wartet – wen wird es wundern – pünktlich an einem Montagmorgen eine Torte mit vier Kerzen und eine riesengroße Geschenkschachtel auf Dich. Auf den Taktschlag Deines Schwellenübertritts setzt das Geburtstagslied ein und wir tanzen zu viert im Kreis. Die Nachbarn Deiner Großeltern bilden die passende und ein wenig staunende Kulisse, gratulieren Dir aber selbstverständlich noch obendrauf. Nachmittags gibt es noch eine passende Geburtstagsrunde mit Deiner Freundin Agnescha und abends erzählst Du mir fröhlich schon wieder Geburtstag zu haben. Pädagogisch korrekt gibt es also folglich Geburtstagsabendessen, aber Knackwürstchen sind bestimmt nicht so schlecht wie ihr Ruf.

In der kommenden Woche geht es morgens wieder in den Wald; wenn auch noch nicht alle Waldwichte und Baumtänzer aus den Ferien zurück sind. Erste Frage am ersten Tag von Erica, sozusagen dem “Head of Forerst”: “Wann feiert Ihr Geburtstag? Die nächsten Tage gibt es ganz viele!” Wir verständigen uns auf den kommenden Freitag, da Deine Mutter in dieser Woche bereits Donnerstag einfliegt und somit noch etwas vorzubereiten möglich ist. Ich wundere mich natürlich nicht, daß Ihr beide am Donnerstag-Abend gemeinsam in der Küche steht und einen Berg von Mini-Muffins produziert. Jedenfalls tragen wir diesen Berg am Freitag in den Wald und Deine gebastelte Papierkrone mit der großen 4 in der Mitte möchtest Du am liebsten selbst abends im Bett nicht absetzen.

Was bleibt ist noch Deine eigene Geburtstagsparty. Den die darf natürlich nicht fehlen. Lange überlegt hast Du nicht wie Du Dein Wiegenfest feiern möchtest und es überrascht mich nicht an einem Samstag auf der Ponyponderosa einzulaufen. Das Wetter ist traumhaft und wir verbringen mit zehn Freundinnen von Dir hier den ganzen Tag. Wenn es irgendwo ein Wendyparadies gibt, dann kann es sehr gut hier sein. Erst wird gebürstet und gestriegelt was das Zaumzeug hält und dann seit ihr von Luna und Co nicht mehr herunter zu kriegen. Kurzum, eine vermutlich gelungene Veranstaltung. Unglückliche Kinder habe ich jedenfalls keine gesehen.

Sarah Sophies 4. Geburtstagsparty, August 2015

Sarah Sophies 4. Geburtstagsparty, August 2015

Und ich glaube seit diesen Tagen denkst Du einfach in etwas größeren Dimensionen. Am Abend vor dem Schlafengehen blickst Du mich mit ernster Miene an und verkündest mit überzeugtem Willen: “Papi, ich möchte kein Pony mehr! Ich möchte einen Stall!”

Mehr muss wohl nicht gesagt werden. Herzlichen Glückwunsch, meine Große. 

Geschrieben in Porto-Vecchio, Corsica, France.

posted by on Das vierte Jahr, Von Geburt an

An einem Wochenende im Juli wollen wir nach Berlin zu einem Open-Air-Konzert in die Spandauer Zitadelle, sind aber Hitzewellen-bedingt an der niedersächsischen Nordsee gelandet. Warum nun gerade in dem adretten Örtchen Hooksiel weiß wahrscheinlich keiner mehr so genau, jedenfalls sind wir dort. Für gewöhnlich landen wir zu solchen Wochenende-Sonne-Strand-Veranstaltungen im holländischen Domburg, aber das wurde Deiner Mutter auf die Dauer zu langweilig und nun sind wir hier. Den unwesentlichen Schönheitsfehler, das der Weg zum Strand einem gefühlten Halbtagesmarsch entspricht, habe sicherlich ich auf der Internetpräsenz unseres Campingplatzes unbewusst überlesen, aber ich gebe zu wir waren schon mal strandnäher an der Nordsee. Aber irgendwann kommen auch wir an und die Laune Deiner Mutter hebt sich, als sie bemerkt das die lokale Strandbude mit einem standesgemäßen Speisereportoire an Maritimprodukten ausgestattet ist. Der Tag scheint doch noch gut zu werden. So weit die Theorie.

Wir haben knapp elf Uhr und es ist noch Ebbe. Das Prinzip der Gezeiten kennst du bereits und es irritiert Dich folglich nicht weiter, das das Meer gerade mal nicht da ist. Ich oute mich an dieser Stelle jetzt mal als Null-Nordsee-Versteher und weiß lediglich, daß wir in Holland auch bei Ebbe schwimmen können, man lediglich etwas weiter zwischen Handtuch und Wasser hin- und herlaufen muß. Das sind hier allerdings Kilometer. Wir sind am unteren Teil einer Landzunge angesiedelt und da geht nix in der Richtung. Das reißt jetzt auch die Strandbude nicht mehr raus. 35 Grad in der Sonne und ein paar Duschen zum abkühlen. Wer Deine Mutter kennt, weiß was hier los ist. Dir macht das ganze weit weniger aus und fragst mich lediglich halbstündlich, wann denn das Wasser endlich kommt.

Als Dienstleistungsgewöhnte Eltern haben wir Dir natürlich nichts zum Mittagessen eingepackt und landen folglich an besagter Strandbude an der wir ein buntes Potpourri für uns drei ordern. Mit schnöden Fischbrötchen braucht man Dir gar nicht erst zu kommen, aber die Krabben scheinst zu inhalieren. Unter zwei Portionen läuft hier nichts und Deine Mutter erklärt unsere wartende Wattstunde zum familiären Erfolgserlebnis. Ich empfehle an dieser Stelle übrigens die Scholle.

Irgendwann ist das Meer dann auch noch da und wir beide sind begeistert von seiner Temperatur. Mittlerweile ist es halb drei und es ist alles rundum gut. Soweit die zweite Theorie.

Nach einer guten Stunde verlässt uns die maritime Pracht schon wieder: Schwimmen und Planschen also wieder passé. Ich verweise auf die Fischbude, werde aber böswillig überhört. Und an dieser Stelle bist Du Dir mit Deiner Mutter einig: Das geht jetzt aber mal gar nicht. Wir finden noch ein paar lustige Meeresbewohner im Watt und das war es dann endgültig. Ich telefoniere mit Deinen mütterlichen Großeltern, die hier in der Nähe schonmal einen Urlaub verbracht haben, werde aber lediglich verwiesen, daß sie nicht an besagter Landzunge sondern weiter nördlich waren und da sei alles in Ordnung gewesen. Ich fasse innerlich mental zusammen:

Der Campingplatz liegt zwar direkt hinterm Deich, da gibt es aber keinen Strand, der ist einen ordentlichen Fußmarsch entfernt und für diesen haben wir selbstverständlich nur Dein Fahrrad dabei – wir Eltern gehen ja gerne zu Fuß. Sinn der Berliner Konzert-Absage für dieses Wochenende waren die irrwitzigen Temperaturen, die wir dann zwar am Strand aber unter einer Dusche verbringen. Und Meeresbaden erfolgt in homöopathischen Dosen von rund 60 Minuten am Tag. Ich hatte wahrscheinlich schonmal bessere Ideen – das gebe ich zu, aktuell fehlt aber die Alternative. Endgültig zum organisatorische Familien-Voll-Horst mache ich mich dann abends, als ich mal einen Blick auf den Dorfplan werfe den ich an der Rezeption bekommen habe. Direkt hinter der Strandbude liegt ein Parkplatz, den man selbstverständlich als Besucher des Örtchens benutzen kann. Mein Bedarf an Selbstkritik ist vollends gedeckt.

Mit dieser Info überrasche ich Euch zum Frühstück am nächsten Morgen was aber die ganze Wochenendnummer irgendwie auch nicht mehr rausreißen kann. Also Kapitel Wattenmeer abgehakt, nächstes Mal geht es wieder nach Holland, da kenne ich mich mit dem Meer irgendwie besser aus.

In Berlin waren wir dann eine Woche später, ohne Konzert aber dafür mit Ruderbootfahrt durch den Tiergarten, was Dich wiederum zu der Aussage bewegt: “Papi, hier ist das Meer ja immer – dann fahren wir jetzt immer nach Berlin.” Das ist natürlich wiederum Musik in den Ohren Deiner Mutter und wir finden uns mit Deiner Urbansozialisation einfach mal ab.

Rudern im Berliner Tiergarten, Juli 2015

Rudern im Berliner Tiergarten, Juli 2015

An den Fischbrötchen könnte die Hauptstadt aber noch etwas arbeiten. Ahoi.

Geschrieben in Porto-Vecchio, Corsica, France.

posted by on Das vierte Jahr, Von Geburt an

Es ist Juni und einen weiteren Schritt in die Erwachsenenwelt haben wir sozusagen im Vorbeigehen erledigt. Seit dem Urlaub in Tarifa im vergangenen Monat schläfst Du auch nachts ohne Windel und die Wahl der Location hierfür hat sich als sehr praktisch herausgestellt. Bettwäsche trocknet unter andalusischer Sonne wirklich im Handumdrehen und nach zwei Nächten vermeldet Deine Mutter stolz, daß Du nachts selbständig den Wunsch nach Besuch der Sanitäreinrichtung äußerst und nach Deinem eigenen Bekunden Windeln von nun an wirklich für “Baby” aufzusparen sind. Nach einer weiteren Nacht spazierst Du bereits alleine ins Bad. Also alles richtig gemacht – bald fragst Du wahrscheinlich wo der Autoschlüssel hängt.

Und große Mädchen schlafen auch mal woanders – beziehungsweise bekommen schonmal Besuch. Du vereinst beides in einem. Denn wer wartet, das sich andere bewegen, wartet vielleicht zu lange und das ist nix für Dich. Irgendwann und irgendwo verkündest Du uns voll inbrünstiger Überzeugung, daß Deine Freundin Mira doch mal mit Dir zusammen im Wohnauto übernachten soll (diese Begrifflichkeit für unseren Campingbus hat mittlerweile Einzug in den allgemeingültigen Familiensprachgebrauch gehalten). Da Mira zufällig anwesend ist, erfolgt die zweitkindliche Bestätigung des Übernachtungsprojektes postwendend. Soweit so gut – Miras Mutter ist einverstanden und wir einigen uns darauf, daß das kommende Wochenende doch eine profunde Grundlage für Deinen Schlafbesuch bildet. Ein, uns mittlerweile wohl bekannter, niederrheinischer See, bildet die Kulisse für den Schlafbesuch.

Mama Mira entscheidet kurzfristig doch lieber in der Nähe zu bleiben, was eine Umorganisation der Schlafplätze zur Folge hat. Für Dich ist alles klar: Mira und Du nächtigt in Deinem Bett, wir in unserem und die Mama Deiner Freundin scheint irgendwie Pech zu haben, jedenfalls vergisst Du sie in allen Überlegungen vollständig. Auf meine Intervention zur vorliegenden Problematik hin folgen diverse Vorschläge Deinerseits in der so ziemlich jeder mal mit jedem im gleichen Bett liegt, es aber irgendwie nie aufgeht. Über das Abendessen verliert die Schlafplatzwahl an Bedeutung und ich baue das Vorzelt auf, in der sicheren Überzeugung irgendjemand wird hier schon übernachten wollen.

Nach dem Essen folgt das erwartete Prozedere: Beim Zähneputzen übertrumpft Ihr Euch noch gegenseitig damit wer nun schneller, schöner oder länger auf einem Bein hüpfend der Mundhygiene trotzen kann, sitzt aber irgendwann doch endlich in Deinem Bett und spielt mit Euren Kuscheltieren – und zwar ganze drei Minuten nach wohlwollender Schätzung. 

Warum nun schlussendlich ist nicht mehr zu ermitteln, aber Mira will auf einmal partout nicht bei Dir schlafen – das heißt schon, aber nur wenn ihre Mama ebenfalls zugegen ist. Das wiederum nimmst Du zum Anlass nun wiederum Deine Mutter einzufordern und ich bemerke, daß selbst bei rigidester Kuscheltierverknappung die zur Verfügung stehende Liegefläche einer 2 + 2-Belegung nur recht begrenzt gewachsen sein dürfte. Selbstverständlich werde ich an dieser Stelle nicht gehört. Aber wer will das schon? Folglich dreht sich das “wer mit wem schläft-Karussell” erneut, ich öffne eine Flasche Rotwein und entzünde den Grill. Von nun an bin ich etwas außen vor, da es sich nach meinem Verständnis wenig ziemt vier Damen ins Bett zu drängen ohne überhaupt zu wissen wer nun denn eigentlich mit wem wohin will.

Das Ganze geht noch eine Weile hin- und her, wobei Du ein erstaunliches Verhandlungsgeschick an den Tag legst und nicht müde wirst einen wie auch immer gearteten Ausweg aus dem Dilemma zu finden. Die Uridee ist zu diesem Zeitpunkt bereits uneinholbar in den Hintergrund getreten und bevor die Beratungen ergebnislos vertagt werden liegt jedes Kind nebst dazugehöriger Mutter im separaten Bett. Also ist meine Vermutung durchaus Realität geworden und ich pumpe meine Luftmatratze im Vorzelt auf.

Am nächsten Morgen sind die Dramen der vorangegangenen Nacht unverzüglich vergessen und sowohl Mira als auch Du berichten durchweg wie schön es war mal woanders übernachtet zu haben, während ihr beide wieder einträchtig auf Deinem Bett sitzt. Deine Ausführungen in diese Richtung werden dahingehend komplettiert, daß von nun an, an allen kommenden Wochenenden Besuch zu erwarten sein sollte, denn ich müsse ja zugeben, wie toll das doch ist, wenn jeder mal woanders schläft. Der Schlusssatz geht in etwa so: “Und Du Papi darfst dann wieder im Zelt schlafen – das magst Du doch auch so!” 

Soviel selektive Wahrnehmung stellt schon wieder ein schützenswertes Gut dar, daran glaube ich ganz fest. Und für nächste Woche kaufe ich ein bis zwei Feldbetten – sicher ist sicher.

Geschrieben in Porto-Vecchio, Corsica, France.