Der 13. Monat – Das Pferd auf dem Balkon

Der bereits bestens bekannte Flugzeugklapptischproduzent im Breisgau beordert Deine Mutter in Deinem dreizehnten Lebensmonat zwei Wochen hintereinander in seine Werkshallen was zur zwangsläufigen Folge hat, daß sich der gesamte mütterliche Teil Deiner Familie an einem Sonntagabend im August bepackt mit allem was das glückbefohlene Kleinkind so zum Leben braucht auf den Weg in Richtung Schweizer Grenze macht. Den Tag über haben wir am Rhein standesgemäß mit Schaschlik grillen verbracht und Du hast Besuch Deiner Bettnachbarin aus dem Geburtskrankenhaus bekommen. Mit ihr hast Du dann zur allgemeinen Unterhaltung der vorbeidefilierenden Menschenmassen bewiesen, daß aufgespannte Sonnensegel eine prima Kombination aus Kletterwand und Trampolin bilden.

Aber zurück zum maternen Arbeitsausflug. Ich habe Deine Mutter also mit Dinnerpaket to go ausgestattet und gegen 20 Uhr brecht ihr gemeinsam mit Oma und Opa auf. Die Verabschiedungsszenen fallen in diesem Fall unjüdisch kurz aus – wir nennen das der Einfachheit halber schlicht deutsch – um Dir von Anbeginn die Normalität unseres Nomadendaseins zu suggerieren. Das fällt mir eindeutig schwerer als Dir – vermute ich zumindest ganz fest, wenn Du auf der Schulter Deiner Mutter liegend in Richtung Auto gewiegt wirst und dabei unaufhörlich in meine Richtung grinst. Der Protest der manchmal aus dem Umstand herrührt Dich in Deinen Kindersitz zu verfrachten fällt diesmal erstaunlich gering aus und nach ein paar Minuten braust meine ganze Familie vom Hof.

Ich überlege kurz was ich alles mit den kommenden Temporär-Single-Tagen anfangen kann und entscheide mich ordentlich flott dazu erst mal mit einer Flasche Rotwein auf den Balkon zu ziehen und meiner Leidenschaft für massenuntaugliche Musik nachzugehen. Denn eins wird mir schlagartig klar: Die nächsten Nächte bedeuten kontinuierliche Nachtruhe. Aber schon nach der ersten Nacht frage ich mich was man mit soviel Schlaf überhaupt anfangen will. Ich kompensiere das damit, daß ich wie in früheren Zeiten erst sehr weit nach Mitternacht ins Bett gehe. Sommer und Balkon ist schon eine entspannten Kombination.

“Leider” nicht live beiwohnen durfte ich Deinem fünften Zahn. Der meldete sich standesgemäß in Tateinheit mit der Art von Magen-Darm-Problematiken bei denen man als Erwachsener jedwede Teilnahme am sozialen Leben verneint und sich für gewöhnlich weit über Gebühr im gekachelten Teil seiner Behausung aufzuhalten pflegt. Eine Bewertung dieses Umstandes nehme ich ausdrücklich nicht vor. Bei unserem Wiedersehen lachst Du fünfzähnig und alle Körperfunktionen arbeiten planmäßig. Das gefällt uns beiden.

Ebenfalls nicht zugegen sein konnte ich bei Deinen ersten Reitversuchen. An dieser Stelle scheint es mir unabdingbar zu sein auf den Umstand hinzuweisen, daß Deine Mutter Dich vor einer Sportart geradezu fanatisch bewahren will: Reiten eben. Mädchen die Reiten haben O-Beine, stinken nach Pferdemist und landen zwangsläufig irgendwann auf einer Art Bauernhof – alles Attribute die Deiner Mutter das nackte Grauen ins Gesicht treiben. Dumm nur, daß im Dorf des Flugzeugklapptischproduzenten das alljährliche Volksfest ausgerechnet zu der Zeit stattfindet in der Deine Mutter allerlei Produktionslinien umbaut und Deine Großeltern das selbige mit Dir besuchen. Der örtliche Ponyhof ist selbstredend dort vertreten und nach erster Sichtkontaktaufnahme Deinerseits in Richtung Reittieren gibt es kein Halten mehr. Du möchtest dorthin. Da Oma und Oma offenkundig weniger Einschränkungen in Bezug auf Dein aktuelles Freizeitprogramm hegen, wirst Du kurzerhand auf ein Pferd gesetzt und mittels großväterlicher Hilfestellung ziehst Du Deine Bahnen. Ein sicherlich großartiges Bild von dem es allerdings kein photographisch reproduziertes Abbild zu geben scheint.

Jedenfalls erfahre ich von dem ganzen Spektakel zu einem Zeitpunkt, als die Fernsehnachrichten gerade über den Großen Preis von Aachen berichten. Da kann ich nun wirklich nichts dafür, wohl aber das ich mich dabei erwische später zufällig nach Preisen und Stockhöhen von Ponys zu recherchieren. Aber vielleicht liegt das einfach an der Kombination von Sommer, Rotwein und Balkon.

Vorm Pferdekauf sind wir aber wohl gefeit: Bald ist Herbst – und das nicht nur auf dem Balkon.

Der 12. Monat – Alles koscher im Kindergarten

Unser alltägliches Leben hat uns wieder. Wenn auch etwas widerwillig, aber leider ist ein permanentes Herumvagabundieren zwar großartig für Kopf und Seele, finanziell doch eher untragbar. Heißt: Deine Mutter und ich arbeiten wieder. Und allmählich, zumindest streckenweise auch gleichzeitig, was das ganze nicht gerade einfacher macht. Es bedarf also einer Betreuung für Dich.

Irgendwann klingelt aus heiterem Himmel das Telefon und eine pädagogische Stimme eröffnet uns, das der gewünschte Kindergartenplatz ab August verfügbar ist. Ich bin irritiert, weiß ich Dich doch fix und fertig angemeldet in einem privaten Vorkinderkarten wie das so hübsch heißt und zwar ab Dezember diesen Jahres. Deine Mutter hat mich mal vor einer mittleren Ewigkeit gefragt welche Stadtbezirke für Deine professionelle Krabbelgruppe in Betracht kommen und ich habe bei einigen ja gesagt. Sagt jedenfalls Deine Mutter und in diesen Dingen hat sie meistens – eigentlich fast immer – recht. “Wozu brauchen wir jetzt noch einen neuen Kindergarten wenn wie bereits einen fest vereinbart haben” frage ich sie. “Wir können uns den Städtischen ja mal ansehen.” meint allen Ernstes Deine Mutter. Dieses Unterfangen setze ich mit absoluter Zeitverschwendung gleich, da mir staatliche oder städtische Einrichtungen dieser Art per se wenig kompetent erscheinen und mich mein Nachfragen wo denn diese Kinderverwarstelle beheimatet ist ebenfalls in dieser Meinung nur noch bestätigt.

“Wo ist denn Unterrath?” schallt es mir entgegen und eine ganze Wand von Vorurteilen türmt sich vor mir auf. Auf dem Weg zum Flughafen, neben einem Industriegebiet und so eine Art Hochburg nicht allzu bildungsinteressierter Schichten um das ganze mal höflich auszudrücken. Mein Gesamtgebilde persönlicher Abneigung macht Deine Mutter in Ihrer gekonnt eloquenten Art mit nur einem Satz zunichte: Ist nicht Andy nach Unterrath gezogen. Autsch. Eindeutiger Tiefschlag. Stimmt leider. Mein ältester Kumpel wohnt tatsächlich in Unterrath. Jetzt heißt es vorsichtig argumentieren. Ja das stimmt wohl, aber das Haus hat ihm so gut gefallen, der Garten ist groß und die alte Wohnung war ja eh zu klein. Alles Quatsch. Ich gebe zu, mein Unterrathbild ist ungefähr 30 Jahre alt und könnte eventuell möglicherweise durchaus minimal überholt sein. Anschauen können wir uns die Bude ja mal entgegne ich und klopfe mir virtuell selbst auf die Schulter vor lauter Begeisterung über meine neu gewonnene Flexibilität.

Einige Tage später ist es soweit und wir kurven zu dritt durch Unterrath auf der Suche nach dem Cloppenburger Weg. Mitten in einem Wohngebiet parken wir vor einem nicht gerade kleinen Gebäude mit dazugehörigem Spielplatz. Ich gebe zu von außen ganz akzeptabel und innen nicht minder professionell gehandhabt. Überraschend werden wir von einer Dame ohne Doppelnamen begrüßt und es riecht gar nicht nach Bonerwachs und Mate-Tee. Als uns die blonde löwenbemähnte Endvierzigerin stilecht mit Edelmineralwasser bewirtet bin selbst ich erstmals bereit das ein oder andere Vorurteil über Bord zu werfen und höre mir artig an wie so eine Düsseldorfer Familiengruppe funktioniert.

Deine Mutter und ich überspielen unsere völlige Unkenntnis über den hier gebotenen pädagogischen Grundansatz mit gebotener Begeisterung für die Einrichtung der Löwenmähnenfrau. Supermami und Oberpapi haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht und sitzen recht unwissend auf ihren Stühlen umher. Die Verbaleinführung dauert glücklicherweise nicht allzu lange und Du darfst Dir nebst Deinen unwissenden Eltern das ganze Haus ansehen. Kurz vor Halbzeit unserer Besichtigungstour will ich nur noch eins: Irgendein Formular unterschreiben um Dich hier anzumelden.

Habe ich jemals irgendwelche Einwände gegen städtische Einrichtungen gehabt, frage ich Deine Mutter und sie schweigt mit ihrem gewinnenden Siegerlächeln in dem eindeutig “Wer hat’s gefunden” eingraviert ist, zurück.

Zurück im Löwenmähnenfraubüro erwähne ich gekonnt beiläufig, daß Du allerdings nicht zum standardisierten Krabbelgruppenbeginn Ende August erscheinst sondern erst am 1. Dezember. Stille, Irritation und Kopfschütteln meines Gegenübers sind die Folge.

Also doch – ich wußte es, da ist der Haken: Soviel Flexibilität ist zuviel. Wir erklären das wie und warum des gesonderten Termins und schauen zusätzlich noch recht betroffen bei gleichzeitiger Nichtabnahme des begeisterten Grundgesichtsausdrucks für die hiesige Krabbelgruppe. Planmäßig beginnst Du unaufhörlich zu grinsen um der Umwelt Dein Wohlbefinden kundzutun. Deine Mutter erklärt die Umstände unserer zu erwarteten zeitlichen Sonderbehandlung und erwähnt sogar den süddeutschen Flugzeugklapptischproduzenten namentlich um der ganzen Sache gehöriges Gewicht zu verleihen. “Das bringe den ganzen Ablauf durcheinander und bedürfe auf jedem Fall einer detaillierten Besprechung mit den partizipierenden Pädagogen und vor allem einer gesonderten Bewilligung Ihrer Chefin.” Wir reden also mit einer weisungsgebundenen Fachkraft, was die Sache nicht vereinfacht.

Ich gebe meine zustimmende Begeisterung für den Umstand, daß Du beim Besuch dieses sozialen Interaktionsgefüges nicht im zarten Alter von drei Jahren das selbigen wieder verlassen musst, wie es in vielen privaten Einrichtungen der Fall ist und treffe damit voll ins Schwarze. Das sei ja genau Ihr Betreuungsansatz und viele Eltern sei dieser wichtige Aspekt gar nicht bewußt. Für einige Augenblicke schweifen wir in erzieherische Feinheiten ab – werden aber von Deiner Mutter wieder auf den Ausgangspunkt unserer Problematik zurückgeholt. Die Löwenmähnenfrau gelobt nach den Ferien Ende August alle Fragen mit den betreffenden Stellen geklärt zu haben und uns dann von Ihrer Entscheidung in Kenntnis zu setzen.

Der Satz ist noch nicht ganz verklungen da verkündet Deine Mutter, daß das nun wiederum überhaupt nicht möglich sei, da wir ja bereits anderswo einen Betreuungsvertrag unterschrieben hätten und das eine Klärung vor den Krabbelgruppenferien doch möglich sein müßte. Die beginnen zwar in zwei Tagen, aber soviel Aufwand sei das ja gar nicht und dann wüssten schließlich alle woran sie seien. Ich rechne mit einen sofortigen Rauswurf, blicke aber freundlich bestimmt in die Runde. Wir müßten sie jetzt mal kurz entschuldigen entgegnet die Löwenmähnenfrau und entschwindet zu Beratungen mit den drei betreuenden Damen Deiner anvisierten Gruppe. Die sind nämlich im Gegensatz zur Oberverantwortlichen vollzählig im Hause anwesend und haben Dich bereits beim vorherigen Rundgang kennenlernen und bewundern dürfen.

Deine Mutter und ich sind uns einig, daß dies hier die richtige Einrichtung für Dich ist und der Formalienzirkus ein zu überstehender sein muß.

Die Beratungen dauern nicht allzu lange an und wir bekommen von der Betreuungstroika grünes Licht. Mit Ihrer Chefin versuche sie das noch vor den Ferien zu klären und melde sich dann telefonisch bei uns. Das klingt gut und mehr scheint mir im Moment nicht erreichbar zu sein. Auf dem Weg nach draußen wolle sie uns aber noch die Küche zeigen und erwähnt in einem Halbsatz, daß in dieser Einrichtung auf Schweinefleisch verzichtet wird. Prima, schießt es mir durch den Kopf, dann jetzt auch das volle Programm: Ich setzte meinen erleichtertsten Gesichtsausdruck gepaart mit würdevoller Dankbarkeit auf, entgegne das dieser Umstand natürlich den ganzen Ablauf um ein Vielfaches vereinfache und kann nicht umhin meiner Freude Ausdruck zu verleihen, daß hier jüdische und nicht-jüdische Kinder dann ja alle das gleiche essen können, was für ein säkulares Miteinander doch so wichtig sei. Die Löwenmähnenfrau schaut ordentlich betroffen-deutsch.

Ob denn bei einem jüdischen Kind noch etwas zu beachten sei, bekomme ich als Rückfrage gestellt. “Nein, eigentlich nicht”, antworte ich, außer das ich davon ausgehe, daß es sich hier um eine religionsfreie Einrichtung handelt. Selbstverständlich, sie seien ja schließlich städtisch.

Am folgenden Morgen kurz vor neun klingelt das Telefon und alle zeitlichen Schwierigkeiten sind obsolet. Ab 1. Dezember gehst Du in einen städtischen Kindergarten und ich revidiere hiermit ein für allemal meine Meinung über Unterrath.

Hatte ich eigentlich erwähnt, daß es immer nur um eine halbtägliche Betreuung ging. Vor dem Mittagessen holt Dich einer Deiner Großeltern ab. Ich finde zu solltest zuhause essen – ob nun koscher oder nicht.

Vlissingen – Fast wie Zuhause

Sommeranfang ist in unserer Familie für gewöhnlich begleitet von zwei wiederkehrenden Ereignissen: Dem Geburtstag Deiner Oma und Deines Onkels – konkret ausgedrückt feiert der mütterliche Teil Deiner Familie Doppelgeburtstag und das ist dann so eine Art “Jüdisch für Anfänger”.

In diesem Jahr fällt das letzte Wochenende unserer Elternzeit auf exakt diesen Familienevent. Irgendjemand kam auf die Idee uns an die südwestliche Spitze Zeelands zu beordern um dort die beiden Wiegenfeste zu begehen. Also haben wir uns Donnerstag-Abend brav aus Südfrankreich und 30 Grad Umgebungstemperatur auf den Weg nach Holland zu gefühlten Minusgraden und brachial böigem Seewind gemacht. Dort am Freitag gegen Mittag eingetroffen katapultiert uns ein gepflegter Platzregen wieder ins hier und jetzt und läßt Deine Mutter und mich mit kalter Grausamkeit das Ende unserer umhervagabundierenden Elternzeit zu deutlich erkennen. Keine guten Vorzeichen für Familienfeste – aber wir denken positiv.

Gegen neun Uhr abends schleppen Deine nahen Anverwandten eine prall gefüllte Kühlbox nebst getränketechnischen Accessoires zu uns. Alle begrüßen sich um dann gemeinschaftlich die Wetterlage zu erörtern und kollektiv eine zu geringe Außentemperatur festzustellen um im Freien Wiederkehr und Wiegenfeste zu begehen. Jüdisch selbstverständlich dauert die Feststellung nur kurz – dafür wirkt die daraus resultierende Empfindsamkeit des allgemeinen Wohlstandszustands zumindest meinerseits, umso schwerer. Heißt: Ich habe ein schlechtes Gewissen, weiß aber nicht genau warum. Draussen ist es schlicht zu kalt, hereinbitten können wir nicht alle gleichzeitig aus simplen Platzgründen und ein Nacheinander scheint mir nicht wirklich die passende Antwort auf die mäßigen Außentemperaturen. Deine Mutter kommentiert das wie gewohnt lässig mit dem Halbsatz: “In einer jüdischen Familie hat immer einer ein schlechtes Gewissen.” Das ist mir wiederum zum einen bekannt und weiterhin nicht dramatisch. Sagt sie also so und verweist auf den folgenden Tag, an dem ich ja schließlich alles wird gut machen könnte. “Was soll ich gut machen?” überlege ich kurz um anschließend mit dieser Bürde alleine gelassen zu werden. Deine Mutter beschließt sich unmittelbar nach dieser Aussage zu Dir zu legen und entlässt sich selbst äußerst rasch ins Reich der Träume.

Die Verwandtschaft verlässt das Areal und ich stehe recht verlassen da. Im August beabsichtigen wir einen neuen Campingbus zu kaufen; der ist dann größer und alle haben Platz. Bis dahin scheint eine Lösung dieser Problematik ohnehin unlösbar und ich verbanne den Gedanke der Schuldhaftigkeit fürs Erste.

Am kommenden Samstag wollen wir zusammen grillen und alle stehen pünktlich bereits zum Frühstück auf der Matte. Ein eventueller Hungertod ist an diesem Tag eher auszuschließen und so sind die beiden mitgebrachten Camping-Klapptische rasch opulent gedeckt. Zum frühen Mittag hin beschließen Dein Opa und ich das es eindeutig Zeit für das erste Glas Wein ist und lassen diesem Beschluss auch Taten folgen. Gegrillt wird an diesem Tag ausschließlich Fisch, womit sich dieser Tag in würdiger Weise an die letzten neun Wochen anschließt.

Du findest das Wiedersehen mit Oma und Opa zunächst überhaupt nicht erstrebenswert und kommentierst jedweden ihrer Annäherungsversuche mit lautstarker Ablehnung gefolgt von der unmittelbaren Einforderung mütterlicher Präsens. Der Beharrlichkeit ihrerseits widersetzt Du Dich anfangs noch recht ordentlich, erkennst dann aber wohl neben der Aussichtslosigkeit dieses Tuns auch den praktischen Nutzen und läßt Dich fortan fleißig bespaßen. Der Großelternteil ist glücklich und zufrieden, photographiert fleißig und Du wirkst nicht ganz teilnahmslos an dem ganzen Prozedere. Diese Anteilnahme Deinerseits würdigst Du mit mäßigem Appetit; einem untrüglichen Zeichen freudiger Überdrehtheit und mangelnder Schlafbereitschaft. Über diese täuschst Du uns alle aber über den Tag hinweg, entschlummerst gar friedvoll am Nachmittag um dann zum Abend hin Appetit und Ausgeruhtheit ad acta zu legen.

Schließlich magst Du aber doch noch den Einschlafritualen Deiner Mutter erliegen und entlockst Deiner Oma schließlich die Aussage “Das sei ja alles viel zu viel für Dich heute gewesen – so viele Leute auf einmal und das auch noch so lange”. Dieser Aussage habe ich nichts hinzuzufügen und melde mich freiwillig zu Deiner Nachtwache während draußen noch weiter familiengefeiert wird.

Nun über Dich zu wachen scheint mir zwingend angebracht – Schließlich habe ich jetzt ein schlechtes Gewissen. Wie war das nochmal in jüdischen Familien?

Schalom.

Agde – Krabbeln, Kicken, Kurze Nächte

Selbstverständlich ist ein Meer was sich nie zu Ebbe zurückzieht – oder mediterran korrekt nicht merklich sichtbar – völlig uninteressant und demzufolge nicht weiter beachtenswert. Ganz genau so verhält es sich mit dem Mittelmeer in der Nähe von Narbonne im Süden Frankreichs. Das wiederum bedeutet keine frühmorgendlichen Emotionsausbrüche Deinerseits über fehlende Meeresbrandung. Wie ein demonstrativer Trostpreis überlässt Du uns dafür Deine neue freundliche Eigenheit: “Noch ein bisschen früher aufzustehen oder besser gesagt aufzukrabbeln – meist über Deine Mutter hinweg in meine Richtung um uns beide dann gegen halb sechs (in Worten fünfuhrdreissig) mit einem fröhlich frechem Grinsen zu wecken. “Ihr wolltet mich haben – jetzt kümmert Euch um mich.” interpretiere ich allmorgendlich Deinen Elternweckrhythmus.

Krabbeln ist per se Deine aktuell bevorzugte Fortbewegungsart und ich muss zugeben mir war bis dato nicht bewußt welche Geschwindigkeiten in der klassischen Vierfüßlerstellung zu erreichen sind. Beschränkt eine ausgebreitete Picknickdecke auf einer Wiese noch Deinen Aktionsradius – Rasen und Erdboden ist gegenwärtig noch zu geheimnisvolles Terrain – ist diese beruhigende Grenzziehung am Strand obsolet, da Sand Dein Element zu sein scheint und ferner Deine Krabbelgeschwindigkeit nochmal deutlich erhöht. Erblickst Du gar einen Hund oder manchmal ein anders Kind am Strand wird zunächst voll Freude der umliegende Sand in gekonnter Überkopf-Wurftechnik auf die dich bettende Decke befördert damit Du dann freie Bann hast und losspurten kannst.

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Erlauben sich Deine Mutter oder ich gar die Unverfrorenheit uns einige Minuten mit anderen Dingen als mit Dir zu beschäftigen tritt mit gesetzmäßiger Folge beschriebener Fall ein und unser Kind ist weg. Mein einziger und letzter Versuch in den vergangenen zwei Monaten eine Zeitung zu lesen endet am hiesigen Strand mit einem hektischen Sprint in Richtung Wellen um Dich vor Erreichen der Wasserlinie abfangen zu können, nachdem ich noch Sekunden vorher überlegt habe, wie unverantwortlich es doch ist ein kleines Kind nur mit Windel bekleidet am Strand umherkrabbeln zu lassen. Farbig gekennzeichnete Pampers könnten hier lebensrettende Maßnahmen bilden. Ich beschließe daher Zeitungslesen auf die Liste der nicht elementar exponierten Maßnahmen zu setzten und unterlasse es fortan. Das Lesen die Dummheit gefährdet kompensieren wir damit das Deine Mutter bis zum heutigen Tag unseres Trips sechs Bücher gelesen hat und damit die Familienstatistik ausreichend versorgt. Manchmal – aber wirklich nur manchmal frage ich mich warum es hier 0:6 aus meiner Sicht steht. Aber das kann natürlich unmöglich mit Dir zusammen hängen.

Apropos 0:6: Zum aktuellen Zeitpunkt ist sozusagen Halbzeit bei der Europameisterschaft, die heutzutage ganz modern EURO 2012 heißt. Die Vorrunde ist vorbei, eine Deiner Identität stiftenden Nationen ist bereits auf dem Heimweg – natürlich diejenige die es ohnehin nicht so weit dorthin hat, die andere ist glorreicher Gruppensieger geworden und unser hübsches kleines Nachbarland mit der sympathischen Nationalfarbe hat mit null Punkten überhaupt nicht auf die Kette bekommen. Kurz gesagt: Wir stehen vorm Viertelfinale und alles ist gut. Deine Mutter kann endlich Aufatmen, da ich aufhöre um sechs Uhr abends den Fernseher einzuschalten und nur gemindert ansprechbar bin. Warum es für weibliche Stammhirne so unsagbar schwer zu verstehen ist, das es Situation gibt die einfach eine permanente TV-Präsens erfordern wird wohl auf ewig unbeantwortet bleiben.

Großmütig habe ich vor Beginn des Turniers verkündet selbstverständlich nicht jedes Spiel schauen zu müssen, habe diese Einschränkung aber natürlich ausschließlich auf die letzten Gruppenspiele gemünzt, da diese ohnehin zeitgleich verlaufen und man sich für eines entscheiden muss, will man nicht ständig hin und her schalten. Wieso schauen wir Ukraine gegen Schweden, ist jenes oder welches das Rückspiel, was passiert wenn die Unentschieden spielen? Solches Fragenwerk entfällt fortan, da ich Deiner Mutter einen übersichtliche Wandturnierkalender in unseren Campingbus gepinnt habe in den sie alle Ergebnisse eintragen kann. Meist genügt schon ein zwei bis dreimaliges völlig nebensächliches Erwähnen das da doch noch der ein oder andere Eintrag fehlt und schon zückt sie Schreiberling und beginnt ihr Werk.

Das K.O.-System der nächsten Tage vereinfacht das Prozedere. Zu den zweiten Gruppenspielen warst Du natürlich schon im Bett und ich mit Deiner Mutter und dem Fernsehfussball ganz alleine. Spannend ist es schon das Deine Mutter einen gefühlten Großteil Ihrer täglich zu verwertenden 5.000 Wörtern ausgerechnet auf die Zeit zwischen An- und Abpfiff platziert und allerlei weltbewegende Dinge zu besprechen hat.

Vor Freistößen ist grundsätzlich Salat zu waschen, bei Ecken der Einkaufsplan der nächsten Tage zu diskutieren und zu Nachspielzeiten kann man irgendetwas aufräumen, muss man aber eigentlich auch nicht.

Zum Halbfinale sind wir wieder in Düsseldorf und ich mit den Jungs verabredet. Das wissen die zwar noch nicht aber das ist mir jetzt egal. Ich liebe Deine Mutter aber eine Vorrunde reicht. Zum Finale versuchen wir das dann nochmal. Da sind wir nämlich zusammen in Zürich und ich stelle den Fernseher einfach lauter. Dort hast Du nämlich ein eigenes Zimmer und der deutsche Siegesgesang stört Dich dann nicht.

Arcachon – Wo ist das Meer

Wir sind entlang der spanischen Atlantikküste mit imposanten Felslandschaften und einer nicht endenden wollenden Schar an Kinderboutiquen am französischem Bassin d` Arcachon eingetroffen. Dein Kleiderschrank ist mittlerweile größer als meiner und die Anzahl an Kleidchen, Hemdchen und Hütchen nicht mehr zählbar. Praktisch finde ich das man für Damen Deiner Altersgruppe zu jedem Paar Schuhe nicht eine geeignete Handtasche finden muss, da Du freundlicherweise lieber mit rührender Hingabe dieselbige Deiner Mutter ausräumst und schon mal eine unserer Kreditkarten an wildfremde Menschen verschenken möchtest. Da die Tochter Deiner Mutter natürlich nichts ohne Gegenleistung hergibt und Dir bisher noch niemand etwas adäquates angeboten hat dürfen wir bis dato unser Lieblingszahlungsmittel behalten was wiederum den Einkauf der elementaren Baby-Grundausstattungs-Artikeln erheblich vereinfacht und beflügelt. Noch nicht ganz dahinter gekommen bist Du, daß die allermeisten Utensilien in Mamas Handtasche stets die gleichen sind. Das finde ich allerdings auch durchaus schwierig wenn sich das Tragebehältnis fast jeden Tag ändert. Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, daß der Schuhe-/ Taschenqoutient Deiner Mutter im Verhältnis zur Gesamtreisezeit relativ zivil ausgefallen ist. Das haben wie schon anders erlebt. Also, relativ anders.

In Arcachon gibt es eine Besonderheit. Hier erscheint Ebbe und Flut besonders ausgeprägt. Man hat den Eindruck, das gesamte Bassin läuft leer und legt allerlei Boote und Schiffe auf Sand. Ein ordentlich imposantes Schauspiel das Dich zu faszinieren scheint. Zweimal täglich schaut ein kleines Kind derart irritiert in Richtung Strand das ich mich frage was jetzt wohl in Deinem Kopf abläuft. Wiese, Bäume, Boote: alles gleich nur das Wasser ist auf einmal weg. Und nun?

Das ganze hast Du Dir zwei Tage mit steigend interessierter Miene angeschaut, dann reichte es und der bereits bestens bekannte akustische “Mir-reicht-es”- unmittelbar gefolgt vom “Ich-will-was-haben”-Warnton setzte ein. Es langt also. Dein Gesichtsausdruck sagt: Wir sind am Meer, also will da auch hin. Fertig! Als wir vor ein paar Tagen einmal auf einem Plateau zum Meer ohne Zugang zum salzigen Nass hin übernachtet haben, bemerkte Deine Mutter übrigens das sei ja gar kein richtiges Meer, da könne man ja schließlich nicht hinein, also nütze es auch nichts. Nur gucken ohne anfassen zählt eben nicht. Damit dürfte die familiäre Kurve rund sein.

Du gehst bei Flut ins Bett und erwachst ebenfalls bei steigenden Wasser: alles ist gut – wobei ich nicht sagen kann, daß Du die Zeit dazwischen mit kontinuierlichem Schlaf verbringst. Und noch während des Frühstück erlaubt sich das Meer einfach so die ersten Bötchen aufs natürliche Trockendock zu legen, was Dir nun wiederum überhaupt nicht gefällt. Sobald erkannt, springst Du auf, manövrierst Dich krabbelnd zum Fenster, setzt besagte Warntöne ab und trommelst zur Unterstützung noch gegen sie Scheibe bis ich Dich endlich erhöre.

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Da mir die stoische Gelassenheit Deiner Mutter etwas fehlt, ist das meist kurz nach dem ersten Kaffee und raus geht es mit uns beiden. Wir zappeln gemeinschaftlich dem Meer entgegen oder besser gesagt hinterher. Das Wasser ist hier zwar recht warm, der Wind pfeift einem dafür aber ordentlich und frisch um die Ohren. Meine maritime Begeisterung sinkt in dieser Zeit rapide, aber das macht nix, Deine steigt dafür reziprok dazu. Wenn wir Pech haben und Du das wundersame Meeresversiegen etwas zu spät bemerkst, müssen wir eben etwas weiter wandern. Irgendwann beginnt man allerdings für meinen Geschmack etwas zu tief in Schlick und Matsch zu versinken und mein väterliches Gewissen befielt den geordneten Rückzug. Meine Fürsorge stößt bei Dir allerdings nur auf mäßige Begeisterung und überhaupt kein Verständnis. Ritualisiert verabschieden wir uns vom Meer und stapfen artig protestierend zurück.

Einen solchen Einschnitt in Dein persönliches kleinkindliches Selbstbestimmungsrecht ahndest Du selbstverständlich mit der Einforderung väterlicher Bespaßung nicht unter einer Stunde. Erfreulicherweise entdeckst Du gegenwärtig unsere Frühstücksutensilien als probates Spielzeug wodurch eine weitere Heiterkeit des Tages bereitsteht: Wer am schnellsten ist bekommt das Marmeladenbrötchen, heißt konkret: entweder esse ich das besagte oder Du verteilst den Brotaufstrich hübsch gleichmäßig auf unserer Bettdecke (ja wir frühstücken ernsthaft mit einem Kleinkind gemeinsam im Bett). Man kann eben nicht immer gewinnen.

Wir wollten eigentlich von hier aus in die Bretagne, aber dort soll es die nächste Woche durchgängig regnen. Das nehme ich mal als Zeichen und wir starten gleich in Richtung Süden an den Golfe du Lion. Am Mittelmeer sind die Gezeiten kinderkompatibler und es ist so warm, das wir draußen frühstücken können: das schont die Bettwäsche.

Jetzt schlaf gut kleine Prinzessin, morgen früh gucken wir auf ein Meer das nicht ständig abhaut – Versprochen.