Der 7. Monat – Bewegungsdrang

In Deinen siebten Lebensmonat fällt eine entscheidende Jahreszeit. Zumindest für Rheinländer. Das, als Brauchtumspflege getarnte Freiluftbetrinken mit optionaler Zwischenmenschkonsolidierung wiederholt sich in mehren deutschen Städten an dafür fest vorgemerkten Tagen einmal jährlich und zwar rund sechs Wochen vor Ostern. Düsseldorf, eine – eigentlich DIE – dieser Zunftstätten verfällt dann in eine Art Schockstarre und wie selbstverständlich erwartet niemand eine vollwertige Arbeitsleistung der Lokalprobanden in der Zeit zwischen Altweiber und Aschermittwoch. Es ist Karneval.

Ganz Verwegene nehmen sich in dieser Zeit frei um mit ihren Gesinnungsgenossen tagelang die Altstadt zu belagern und im gewichtigen Ornat von einem Brauhaus zum nächsten zu pilgern. Es ist müßig diesen Umstand Zugereisten oder Zufallsrheinländern zu erklären, halbwegs plausibel zu machen oder gar Verständnis hierfür einzufordern. Gänzlich unmöglich wie ich in jahrelangen Feldversuchen festgestellt habe.

Rein zufällig fällt eine weitere Arbeitswoche Deiner wundervollen Mutter just in diese fünfte Jahreszeit. Kein Problem bekenne ich gönnerhaft, wer braucht schon Karneval. Über die nicht mehr zu zählenden Mitleidsbekundungen meines Umfeldes hülle ich bewusst den Mantel des Schweigens. Wir sind bis einschließlich Freitag in die badische Provinz verkauft um die Fortschritte in der Effizientssteigerung des bereits bekannten mittelständischen Schäumungsbetriebes miterleben zu können. Du und ich natürlich nur mit dem gebührenden Abstand unseres dreimal täglichen Erscheinen dort um Dich an die labende mütterliche Brust anzudocken. Deine Mutter jedenfalls ist wieder in Ihrem Element. Es wird optimiert was das Zeug hält.

In der Zwischenzeit fragen wir uns allerdings, wann Du wohl die Fähigkeit der Fortbewegung in welcher Form auch immer für Dich entdeckst. Bis dato reckst Du zwar Dein Köpfchen völlig selbstbestimmt gen Himmel, was bei mir stets mittelschwere Begeisterungsströme hervorruft, aber an eigenständiges Fortkommen denkst Du überhaupt nicht. Meine Einwände „das kommt schon noch“ finden natürlich bei Deiner Mutter keinerlei Gehör. „Das kann Sie bereits seit vergangenen November“ schallt es mir entgegen. Alle Kinder ihrer Bekannten in Stillcafe, Pekipkurs und sonst wo robben oder krabbeln munter umher, Du grinst uns lieber fröhlich an und verkennst völlig die Wichtigkeit dieses evolutionären Schrittes. Meine These ist ja, daß Mütter bei Verkündigung der bereits erworbenen Fähigkeiten ihrer Kinder gnadenlos übertreiben um bloß nicht in den Verdacht zu geraten, irgendetwas Elementares an frühkindlicher Entwicklung behindert zu haben. So nicht Deine Mutter. Sie beruft lieber gleich ein motorisches Beobachtungswochenende ein um zu ergründen, was nicht zu ergründen ist. So zumindest meine väterliche Meinung. Freundlicherweise scheint Schnee und Bergluft solche Projekte zu befördern und das ganze Spektakel findet in einem hübschen Skiort statt. Wir beschliessen die genaue Analyse Deines Bewegugnsundrangs auf die Stunden außerhalb der Pistenzeiten zu legen und so verbringen wir den Samstag auf der Sonnenterrasse einer bewirtschafteten Hütte bei bestem Kaiserwetter, zwischenzeitliches Alpin- und Après-Ski inbegriffen.

Am Abend ist es nun soweit, die Bewegungsstudie beginnt und in der Tat es tut sich was. Wir animieren Dich durch allerlei Kuschelgetier, Raschelspielzeug und Klappergeräusche sich auf den Weg zu machen. Anfänglich schaust Du zwar noch etwas zweifelnd, aber dann entwickelst Du Deinen ganz eigenen Bewegungsdrang. Mittels umdrehen, gerne auch mal durch umfallen, entsteht eine schraubende Bewegung die Dich, wenn auch im Zeitlupentempo, nach vorne bringt. Wir sind verblüfft wie das überhaupt funktioniert. Detailliert erfassen lässt sich das alles nicht, aber Zentimeter für Zentimeter eroberst Du das Bett. Landest Du bei den gekonnten Umfallern auf dem Rücken wird solange mit den Armen in der Luft gerudert bis genug Schwung geholt ist um den ganzen Oberkörper erneut eine halbe Schraubbewegung weiter voran zu bringen. Unsere Begeisterung kennt keine Grenzen mehr und wir verbringen den ganzen Abend Dir zuzuschauen wie Du Dich, zwar gemütlich aber konsequent, voranschraubst.

Der sonntägliche Himmel ist leider wolkenverhangen und so beschließen wir bereits nach dem Frühstück gen Heimat aufzubrechen. Außerdem wer motorisch schon so weit ist, der ist auch alt genug für rheinische Brauchtumspflege. Und morgen zieht der Rosenmontagszug durch Düsseldorf. Aber da trage ich Dich dann doch lieber hin. Helau.

6. Monat – Das erste Sylvester

Beim Thema Sylvester gehen die Meinungen Deiner Mutter und mir radikal auseinander. Je weiter das Jahr fortschreitet desto wichtiger wird die Frage wo wir den Sylvester verbringen. Die letzten Jahre vor Deiner Geburt stellte sich diese Frage zwar auch, aber die Antwort lag auf der Hand. Wir waren stets in einem Skiort der Tiroler Alpen und verbrachten Sylvester mit den Menschen die wir am meisten schätzen. Das waren zwar meistens nur wir beide aber alles war gut. Nicht so in diesem Jahr. „Ihr erstes Sylvester und dann nichts besonderes?“ war für gewöhnlich die erste Reaktion Deiner Mutter auf meinen Vorschlag mit einem so kleinen Baby doch einfach Zuhause zu bleiben. Unvorstellbar! In gebetsmühlenartiger Wiederholung wurde ich über den russischen Traditionstag informiert um mir die Unvereinbarkeit möglicher Passivität meinerseits mit dem Familienfrieden zu demonstrieren.

Kurz gesagt: „Es musste etwas passieren“. Deine Mutter wäre nicht die Frau die ich uneingeschränkt liebe hätte sie für diese Situation nicht die passende Lösung. Und die kommt in Gestalt von Katja, ihrer neuen Freundin daher. Katja ist 26 hat eine dreijährige Tochter, sieht ausnahmslos gut aus und kann so herrlich jüdisch betroffen schauen das es des brillierten Davidstern um ihren Hals nicht mehr bedarf. Ursprünglich stammt sie aus Kamtschatka mit mehrjähriger Moskauer Lebenserfahrung. Zu Katja gibt es Gera, einen usbekischen Stahlhändler der in der ersten Emigrantenwelle Anfang der neunziger Jahre in Deutschland eintraf. Gera ist Mitte 40 von überschaubarer Statur und erwähnt in jedem zweiten Satz wie wichtig Familie und Freunde sind. Also rundum verdächtig! Aber ich versuche objektiv zu sein. Kennengelernt haben wir die beiden bei einem Abendessen mit dem ehemaligen Mitarbeiter einer Firma für die Deine Mutter einmal beratend tätig war. Das Ganze in der tiefsten russischen Provinz; der vollständigkeitshalber. Das Essen fand in einem Düsseldorfer Nobelrestaurant statt, dessen Lammrücken ich ausnahmslos empfehlen kann. Auch dies nur vollständigkeitshalber.

Dieser beiden kamen nun also auf die Idee besagten Jahreswechsel mit uns zusammen feiern zu wollen. Es gibt natürlich einen geschäftlichen Kompagnon mit großzügiger Ferienwohnung in den französischen Alben. Damit setzt Deiner Mutter an: „Die Kleine das erste Mal im Schnee. Du kannst Skifahren und wir feiern richtiges russisches Sylvester“ höre ich sie nicht nur einmal sagen. Heißt so viel wie: „ Ich bin begeistert, warum freust Du Dich nicht mit mir?“ Meine Einwände gegen das das ganze Vorhaben verpuffen im Moment ihrer Aussprache. Irgendwann sage ich ja zu der Geschichte und von da an ist Deine Mutter nicht mehr zu bremsen. Schnell ist klar ich koche Sylvester. Koscher muss nicht sein, aber schaden würde es auch nicht. Das ist nicht schwer, das bekomme ich hin. Was schenken wir Ihnen? Das wiederum bekommt Deine Mutter hin. Sie weiß natürlich rein zufällig bereits was wem zu schenken ist.

Die Ferienwohnung liegt in Samoens am Grand Massif in der Nähe des Mont Blanc. 1.000 Meter das Dorf, 1.600 die Talstation, 2.400 der Gipfel. Bestens geeignet für den Saisoneinstieg. Im Jahr Deiner Geburt habe ich vom Gletscherauftakt im Oktober/ November Abstand genommen.
3 Schlafzimmer, 140 qm, eigenes Hamam. Was der bescheidene Russe eben so braucht. Wir verabreden zwei Tage vor Sylvester einzutreffen. Die Fahrt verläuft problemlos, zumal wir uns mit eine Zwischenübernachtung in Basel etwas Zeit lassen. Gegen Mittag am 30. Dezember treffen wir ein und das Begrüßungskomitee ist vollständig erschienen. Wenig überraschend gesellt sich noch ein Freund von Gera zu dem ganzen Spektakel und am frühen Nachmittag eröffnen mir die beiden, daß sie die letzten Tage überhaupt keine Wodka getrunken haben und alle Vorräte auf dem Balkon bereitstehen würden. Die folgenden Stunden gestalten sich recht klassisch. Deine Mutter erkundet, selbstverständlich nebst Dir und ihrer neuen Freundin, ebenfalls mit Kind, die lokale Shoppingszene und ich muß mit den Herren auf den Balkon.

Warum um alles in der Welt Gera irgendwann auf die Idee kommt den übergroßen Flachbildfernseher im Wohnzimmer in Betrieb nehmen zu wollen, weiß ich nicht wirklich, jedenfalls scheint es irgendwann von elementarer Dringlichkeit zu sein. Technisch versiert ist der Mann allerdings überhaupt nicht und so wird der örtlicher Hausmeister gerufen um das Problem zu beseitigen. Der kommt auch alsbald vorbeigeeilt und nestelt fleißig an Kabel und Gerät herum. Meine sprachlichen Fähigkeiten im Französischen sind, wie bei den beiden anderen nicht wirklich auf Konversationsniveau aber recht zeitig wird klar: hier ist nichts zu machen. „Jetzt nicht“ scheint allerdings im Wahrnehmungsverständnis usbekischer Stahlhändler wenig verankert zu sein und ein 100,- EURO –Schein wechselt gleichzeitig gönnerhaft aber auch flehend den Besitzer. Das Gestikulieren des Hausmeister steigert sich merklich. Mittels modellhafter Beschreibung wird uns eine fehlende Leitung bebildert und überraschenderweise findet sich Gera dann doch recht schnell damit ab; zumindest nachdem der wackere Handwerker eine Erledigung für den folgenden Tag avisiert hat. Dieser wird dann – da ja mittlerweile zu Unrecht mit dem 100,- EURO-Schein ausgestattet – kurzerhand mit demselbigen in den benachbarten Supermarkt beordert um ein Versiegen der Vodkavorräte auf dem Balkon zu verhindern. Eine halbe Stunde später stellen sich somit Befürchtungen in dieser Hinsicht glücklicherweise als unbegründet heraus. Der usbekische Stahlhändler ist erleichtert und spült eigenhändig die Gläser. Nach der Rückkehr Deiner Mutter und ihrer neuen Freundin dirigieren uns die Damen in weiser weibliche Umsicht zum Essen in ein ortsansässiges Lokal. Auf dem Weg dorthin entdecken wir noch dieses wundervolle Retrokinderauto welches Dein Bobbycar ersetzen wird. Der Restaurantbesuch gestaltet sich ordentlich lustig und mit vorzüglicher Küche verwöhnt man eine nicht ganz dezent auftretende Deutsch-Russische Touristengruppe.

Irgendwann später sind wir wieder in der Wohnung, liegen friedvoll im Bett, Du wie üblich in den Armen Deiner Mutter schlummernd und ein brachiales Getöse aus Richtung Wohnzimmer beendet jedwede Schlafabsichten. Worüber sich der usbekische Stahlhändler mit der Mutter seiner Tochter streitet lässt sich nicht näher definieren, wohl aber das es unsagbar laut ist. Einigen Minuten lauschen wir zwangsweise dem Spektakel, dann schreitet Deine Mutter zu Tat. Von nun an eskaliert die ganze Szenerie. Deine Mutter und Katja verschanzen sich in einem Zimmer während ich den wildgewordenen Wüterich zu beruhigen suche. Ein sinnloses Unterfangen wie ich feststellen muß und nicht nur gute Worte versagen hier ihren Dienst. Dich interessiert das alles in Gänze überhaupt nicht, Du schläfst tief und fest. Irgendwann gibt der Tobsüchtige in Unterhosen auf und bleibt auf seinem Stuhl unter nicht minder lautstarken Protest endlich sitzen. Zeit sich einen Überblick über die Kollateralschäden zu machen. Diese sind unüberbrückbar und manifestieren sich in einem defektem Türschloß bei verschlossener dazugehöriger Türe. Soweit nicht weiter bedeutsam, wären nicht Deine Mutter und Du durch ebensolche Türe räumlich voneinander getrennt. Ein Blick auf die Uhr läßt uns etwa eine Stunde Zeit bevor Du Deine Augen öffnen wirst und das Recht auf Nahrung mittels der bekannten akustischen Signale einforderst. Während ich versuche das Schloß mit allerlei Küchengeräten zur Freigabe des Schließmechanismus zu bewegen geht Deine Mutter anderweitig ans Werk. Zwischen dem Fenster des verschlossenen Zimmer und dem Balkon in unserem Zimmer liegt nur ein Küchefenster dessen Rahmen sich ideal für eine nächtliche Klettertour anbietet. Keine zehn Minuten später erreicht Deine Mutter den befreiten Teil der Wohnung und dem kindlichen Mitternachtmahl steht nichts mehr im Wege.

Gar nicht so schlecht für so einen „Der Tag vor ihrem ersten Sylvester-Abend“ finde ich und erliege der aberwitzigen Annahme, daß sich selbiges Spektakel nicht mehr wiederholt. Das hat es auch nicht. In den folgende Nächten blieben alle Türen geöffnet und unversehrt, der Rest aber genau gleich.

Wir sind dann etwas früher wieder nach Hause gefahren, aber ich lasse mir nicht nachsagen ich hätte Dein erstes Sylvester in irgendeiner Form blockiert. Prosit Neujahr.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

5. Monat – Was Frau Reichmann für eine hübsche Tochter hat

Ein Fest wiederholt sich alljährlich und kommt doch stets überraschend: Weihnachten und damit einhergehend eine Tradition die in nahezu jedem Betrieb Einzug gehalten hat: Weihnachtsfeiern. Meist wenig unterhaltsame Pflichtveranstaltungen, alkoholdurchtränkt und eben darum hin und wieder, obwohl traditionell eher unlustig, doch recht amüsant. Ich habe mit Deiner Mutter bereits eine solche Firmenveranstaltung ihrer schwäbischen Beratungsbude hinter uns gebracht, nämlich ein gutes halbes Jahr vor Deiner Geburt um die ebensolche feierlich bekannt zu geben. Jede Menge Händeschütteln und anerkennendes Schulterklopfen ist mir in guter Erinnerung. Und nun läßt sich Deine wundervolle Mutter eben überhaupt nicht ausreden Dich trophäengleich voll stolzer Inbrunst Live und in Farbe dem Kollegenkreis zu präsentieren. Es hilft nichts, wir müssen da hin.

Kulissen dieses Unternehmenskulturgeschichtlichen Großereignis ist die, in einem ehemaligen Schlösschen untergebrachte Betriebsstätte besagter Wir-erklären-die-Welt-neu-Aktiengesellschaft. Auf dem Rückweg einer weiteren Arbeitswoche beim Flugzeug-Klapptisch-Produzent trudeln wir standesgemäß verspätet zum zweiten Hauptgang ein und erleben Deine Mutter in Höchstform. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nie aufgefallen, daß Dich Deine Mutter auf zwei verschiedene Arten trägt. Die eine – nennen wir es mal alltäglich – wiegt Dich in Ihren Armen, umschließt sanft das Köpfchen und demonstriert nach außen nur einen Aggregatzustand: Meins!

Die andere ist die „Was ich für eine hübsche Tochter habe“ Trageweise. Mittels dieser wirst Du, Kopf selbsttragend, in erhöhte Position mit Blick über die mütterliche Schulter gerichtet durch eine Armada an Kolleginnen und Kollegen balanciert. In solchen Fällen verfügt Deine Mutter über eine Art 360 Grad Rundumblick um auch ja nicht eine einzige anerkennende Geste zu verpassen. Nachdem die versammelte Geschäftsführung artig vorbei defiliert ist, brav salutiert hat und wir vom Buffet ein Tellerchen gepickt haben durfte Dich sogar irgendjemand fremdes höchstselbst auf den Arm heben. Ein seltener Anblick, ich gebe zu nicht ganz behaglich aber eben gerade noch erträglich. Im anschließenden Smalltalk bei parallelem Austausch des neusten Buschfunks gibt Deine Mutter die vollends Eloquente. Von Tisch zu Tisch huscht Sie um ja nichts zu verpassen. Während dieses Spektakels ruhst Du genüsslich auf meinem Arm und ich grinse wahrscheinlich nicht ein Jota weniger als Deine Mutter kurz zuvor beim Einmarsch der Triumviraten. Das ganze Prozedere geht von nun an noch eine Stunde die allerdings äußerst zügig verfliegt da Väter mit geschulterten Kleinstkindern eine Art kommunikative Sogwirkung entfalten und ich mich überhaupt nicht bewegen muß um neue Gesprächspartner aufzutun. Sie ziehen einfach so an mir vorbei, lassen hier und da ein Kompliment über Dich an mich ergehen und manch einer klopft mit auf die noch freie Schulter.

Kurz vor neun hat Dein Mutter ihre gewünschten Termine an entsprechenden Stellen eingenordet und wir verlassen familienkonform die Veranstaltung. Das Hotel liegt direkt um die Ecke und nachdem ich Mutter und Kind zu Bett gebracht habe genehmige ich mir noch einen Viertel Roten. Natürlich nehme ich den von der Bar mit auf unser Zimmer und stoße mit Deiner Mutter darauf an, daß es gar nicht so schade ist eine passende Ausrede zu haben das intraunternehmerische Weihnachtsfest frühzeitig zu verlassen. Währenddessen ist die Ausrede bereits an der mütterliche Brust während des Abendmals entschlummert.

Prost!

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

4. Monat – Mama 2.0

Frauen sind multitaskingfähig, das weiß man und richtet sich danach. Deine Mutter kann beispielsweise Fernsehserien schauen und zeitgleich mit mir elementare Grundlagendiskussionen führen. Ein Umstand den ich erstens grauenhaft und zweitens ungerecht finde.

Grundlagendiskussionen – eine per se weibliche Erfindung – sind schon garstig grauenvoll genug, in Kombination mit deutschem Serienfernsehprogramm schier unerträglich. Während genau einer solchen Situation eröffnete mir Deine Mutter die höchsteigene Planung ihrer Elternzeit, also der zwölf Monate die sie theoretisch eigentlich arbeitslos im Sinne des Bruttoinlandsprodukt zuhause verharrt, gesellschaftlich isoliert, wirtschaftlich zurückgesetzt und intellektuell unterfordert ausschließlich einer Tätigkeit nachgehen wollte: nämlich sich um Dich zu kümmern. An dieser Stelle lege ich gesteigerten Wert meine absolute Zufriedenheit mit dem Erfüllen dieses Arbeitspensums auszudrücken.

Das deutsche Gesetz bestimmt, daß eine bundesdeutsche Mutter spätestens einen Monat vor verplanter Niederkunft aufhört der Solidargesellschaft geldwerte Vorteile zu übereignen und stattdessen beginnt eben diese zu erhalten. Im vorliegenden Fall ist natürlich auch dieser Umstand optimiert worden und der letzte Arbeitstag Deiner Mutter war der 1. Juli. Klassenziel also um einen Tag unterboten. Zurück zur Diskussion: Da wir es im gesamtgesellschaftlichen Interesse für unverantwortbar halten das die internationale Luftfahrt zum Erliegen kommt weil eine ausreichende Zulieferung an Armlehnen, Klapptischen und sonstigem Kabineninterior nicht mehr gewährleistet werden kann, nur weil eine Russisch-Deutsche Familiengründung ansteht und in deren Folge ein badischer Schäumungsbetrieb von seiner Lieblingsunternehmensberaterin Abstand nehmen muß, habe wir – in solchen Fällen spricht Deine Mutter ausnahmslos im Plural – die Entscheidung getroffen besagten Schäumungsbetrieb auch während des einjährigen beruflichen Zwangsausstieges weiterhin zu betreuen und beraten. Im vierten Lebensmonat steht der erste derer Termine an. Konkret bedeutet dies von nun an in jedem folgenden Kalendermonat eine Woche Anwesenheitspflicht vor Ort.

Dieser Ort liegt irgendwo im Nirgendwo zwischen Freiburg und Zürich ziemlich genau in der Mitte und hört auf den Namen Albruck. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht gewusst, daß diese kleine Klapptische mit der Vertiefung für den Getränkebecher nicht aus einer fernöstlichen Industrieproduktion stammen sondern von einem feinen mittelständischen Unternehmen am Füße des Schwarzwaldes. Da vor jedem Wochenbeginn ein Wochenende liegt und Deine Mutter im Läufe der Zeit es wohlwissend verstanden hat mir alles was sie für unabdingbar hält blumigst zu verkaufen – in dieser Fähigkeit ist sie sehr jüdisch – haben wir ein gemeinschaftliches Einstimmungswochenende in München vor unseren ersten interfamiliären Arbeitseinsatz gebastelt. Zugegeben München liegt nicht unmittelbar auf dem Weg vom Rheinland in die badische Provinz, aber auf solche kleinlichen Befindlichkeiten kann in diesen Zeiten keine Rücksicht genommen werden. München bietet das was zum modernen Familienentspannungsleben dazugehört: Biergärten, Brauhäuser und Schuhgeschäfte. Der äußerst milde und sonnige November Deines Geburtsjahres läßt die Sinnbildhaftigkeit bayerischer Gastronomiekultur glücklicherweise zu dieser späten Jahreszeit noch geöffnet und somit hast Du im Alter von vier Monaten Deine ersten Nachmittage in der Glückseligkeit der ältesten Münchener Brauereien und deren Biergärten erlebt.

Am Sonntag fahren wir rund 300 km zum Einsatzort um ab Montag in einen fest gefügten zu verfallen. Alle drei Stunden tauche ich mit Dir im Schlepptau bei der temporären, mütterlichen Arbeitsstelle auf und ein Automatismus spult sich ab: Tür auf, Brust raus, Kind satt.

Zurück nach Düsseldorf bist Du dann das erste Mal geflogen. Wenig spektakulär hast Du entweder gegessen oder geschlafen und ich hatte Zeit mir einmal so einen Klapptisch ganz genau anzusehen.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

3. Monat – Der Klassiker

Als Dein Opa jung war gab es für eine ganze Generation nur ein erklärtes Reiseziel. Und das liegt sehnsuchtsvoll verklärt jenseits der Alpen: Italien. Da hat Opa gelernt das die Pfannkuchen dort Pizza heißen und alles andere als süß schmecken, Kaffee nicht aus einer Militta-Filtertüte kommt und es Eisdielen mit mehr als Vanille, Schokolade und in selten Fällen noch Erdbeereis gibt. Kurz und gut ein gutes Fleckchen Erde. Und wenn mein Vater etwas macht, dann macht er es richtig. Ich war in meiner Kindheit gefühlt dutzende Male an dem norditalienischen Bergsee schlechthin: dem Lago di Garda in der Nähe von Verona. Auch wenn Spüdtirol nur eine von insgesamt drei Provinzen ist, die sich die Verwaltung des Sees teilen, man spricht deutsch! Das dürfte mithin der Grund dafür sein, daß ich den See nie wirklich zu Italien gezählt habe, da ich zeitlebens das Gefühl hatte ehe am Starnberger See zu sein. Der hat zwar nichts mit Südtirol zu tun, aber muss jetzt hier als Vergleich einfach mal herhalten. Nichtsdestotrotz ist das Seeufer beiderseits schick und auf den Bötchen wehen italienische Fähnchen, sozusagen Italien für Anfänger – womit wir beim Thema wären.

Die geringe Entfernung von knapp 1.000 km laden zusätzlich zu einem verlängerten Wochenende ein. Im Jahr Deiner Geburt fiel der deutsche Nationalfeiertag auf einen Montag. Was liegt also näher als das Feiertagsland zu verlassen und die letzten warmen Sonnenstrahlen des Herbstes unter südlicherer Sonne zu verbringen. Außerdem ist es der Klassiker aller deutscher Urlaubsreisen: Mit Kind und Kegel nach Italien. Wenn es um Ausflüge geht dürften sich Deine Mutter und ich uns schon als recht professionell bezeichnen. Donnerstag wird flugs gepackt und Freitag chauffiert Deine Mutter weit vor dem eigentlichen Feierabend unser Auto auf den Agenturhof. Erwähnte ich bereits, daß ich das Freiberuflerleben manchmal besonders passend finde? Jedenfalls rollen wir gegen 16 Uhr gen Autobahn. Schön ist selbstverständlich das so viele Zeitgenossen ebenfalls freiberuflich unterwegs zu sein scheinen; jedenfalls sind wir nicht die einzigen mit der bravourösen Idee kurz vor Feierabend bereits ins lange Wochenende zu starten – aber wer möchte schon alleine auf der A 3 sein. Egal – Hauptsache unterwegs! So schön ich das Rheinland finde, strategisch für Ausflüge jenseits der Alpen liegt es nunmal nicht. Es folgen einige Stunden der üblichen Autobahnkilometer die durch nette kleine Abwechslungen in Form dieser hübschen Sandwiches aus höchstpersönlicher Fertigung Deiner Mutter erträglich werden. Bereits in der Schweiz unmittelbar hinter dem Gotthard-Massiv legen wir die Nachtruhe ein oder besser gesagt ich lege mich zu auch, da sowohl Deine Mutter wie auch Du seit Stunden friedvoll entschlummert seit. Von hieraus ist es nicht mehr weit.

Am nächsten Morgen fahren wir weiter und erreichen am vormittag das hübsche Örtchen Lazise mit einem ebensolchen Campingplatz direkt am See. Zu diesem Zeitpunkt bist Du gerade zwei Monate aber für einen waschechten lokalen Campingplatzfachwirtsanwärter spielt das selbstredend keine Rolle. Mit wird eine Platzkarte auf den Namen Sarah Sophie ausgehändigt – eigentlich praktisch, denn mit ihr kannst Du jetzt ganz alleine kommen und gehen. Vielleicht probieren wir da morgen mal aus und Du gehst alleine einkaufen. Die Idee verwerfen wir aber doch wieder und okkupieren stattdessen lieber unverzüglich den Bootssteg mit Wolldecke und Kinderwagen. Gegen Nachmittag öffnet die Strandbude und jetzt hat Dein Vater richtig Urlaub. Ja ich gestehe: ich trinke schrecklich gerne Bier an Strandbuden. Genau genommen sammle ich Strandbude und ihre verbreitenden Urlaubsgefühle weltweit. Das Wetter ist herrlich und wir haben Dich unter eine kleinen Sonnenschirm verfrachtet. Zu gerne würde ich Dich endlich mal nackig in die Sonne legen aber dafür bist Du doch noch etwas zu klein.

Auf der obligatorischen Bootsfahrt über den See bekommen wir mehrfach gesagt wie hübsch doch das kleine Bambini ist. Diese Aussagen halten Dich allerdings in keiner Weise davon ab kurz vor dem Aussteigen – wo Du mit mir brav und artig anstehst aus heiterem Himmel unvermittelt und ohne irgendeinen erkennbaren Grund lauthals loszubrüllen. „Großartig“ sage ich mir, eine Elternprüfung vor versammelter Ausflugsriege. Ich beabsichtige die Situation eloquent zu parlieren, scheitere mit meinen Beruhigungsversuchen allerdings auf der ganzen Linie. Meine Tochter setzt mich völlig schutzlos den vorwurfsvollen, Kinderkompetenz absprechenden Blicken eines kompletten Ausflugsdampfer aus. Die Damen jenseits der 50 schauen in einer Solchen Situation besonders überheblich, jene um die 40 meist mitleidsvoll und alles um die 30 schüttelt ausnahmslos den Kopf. Selbstverständlich beruhigst Du sobald Dein brutaler Vater Dich nach mehreren erfolglosen Versuchen endlich in die rettenden Arme der Mutter freigibt, augenblicklich und umfassend. Im gleichen Moment legt der Dampfer an und die eingeschworene wortlose Vorwurfsgemeinde sucht lieber das Weite bevor der gewaltbereite Kinderquäler auch noch zum Amokläufer mutiert und nach neuen Opfern Ausschau hält. Ja, eine Schifffahrt ist schon schön.

Am letzten Tag Deiner italienischen Primarimpression outen sich Deine Eltern dann endgültig. Wir steuern einer dieser riesigen Supermärkte an und kaufen das vollständige Regal einer beliebten Limonadensorte leer. Aus unerfindlichen Gründen versagt die italienische-deutsche Globalisierungswelle im Limonadenbereich vollständig und Deine Mutter trinkt keine andere Limonade als eben diese. So waren wir uns vor dem Wochenende recht schnell einig: Das Kind muss doch mal Italien sehen.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

3. Monat: Sophie und Paul

Sophie und Paul – so könnte eine Liebesgeschichte beginnen oder eben der erste Irrtum im jungen Elterndasein. Deine Mutter hört nur recht leidlich Musik – ich hingegen traktiere meine Umwelt tagtäglich mit einem recht illustren Musikgeschmack der irgendwo im Balkan anfängt und in düsteren Elektroklängen noch lange nicht aufhört. Führt man beides zusammen – ich meine jetzt nicht die stilistische Ausrichtungen sondern die musikalische Gleichgültigkeit Deiner Mutter und die Elementarheit für Musikdinge meinerseits kommt für gewöhnlich ein Konzertbesuch dabei heraus. Dreierlei Veranstaltungen bette ich gerne in wunderbare Ausflüge ein und somit stellte sich irgendwann vor Deiner Geburt die Frage warum Herr Paul Kalkbrenner in Oberhausen zu besuchen sein sollte, wenn das auch in Hamburg geht. Wir fahren also an die Alster.

Zum Konzerttermin – spricht man hier eigentlich von Konzerten oder wie heißt das? – bist Du gerade zwei Monate alt und ich war – wenn auch nur kurzfristig dem Gedanken erlegen, Du würdest das Wochenende bei den Großeltern verbringen und wir führen nur zu zweit nach Hamburg. Wie gesagt diese Überlegung stammt aus der vorgeburtlichen Zeitrechnung. Welch ein Unfug. Oma und Opa kommen also mit. Die Vorstellung, Dich nicht permanent bei uns zu haben erscheint dann doch mehrere Nummern zu abstrus, obwohl wir uns vorgenommen haben nicht zu Übereltern zu mutieren und in unserem gesamten Freundes- und Bekanntenkreis mit ebensolchen Vorschusslorbeeren gesegnet sind. An einem Samstag morgens viel zu früh ist Aufbruch. Drei Generationen rollen recht dicht gedrängt nach Norden. die Fahrt klappt Wunderbar, Paul wummert – etwas zu sanft – aus den Boxen, aber immerhin stimmen wir uns ein. Zu einem vollständigen Familienausflug gehört bei uns natürlich auch noch ein Hund, der trefflich platziert auf dem großmütterlichen Schoß zu thronen geruht. Meine Mutter ist der festen Überzeugung die Sensibilität des Hundes ist mit einer Platznahme im Fußraum unvereinbar. In Hamburg angekommen verweigert wenig wundersam unsere Haus- und Hoffischbude den tierischen Zutritt weswegen wir auf ein benachbartes Restaurant in norddeutschem Rustikalambiente ausweichen. Kein Problem Familien haben flexibel zu sein. Anschließend zum Check-In im Hotel. Warum sich jeder der artigen Unterkunftsmitarbeiter dazu berufen fühlt uns drauf hinzuweisen, daß wir kein gesondertes Kinderbett geordert haben, bleibt ein Rätsel. Wahrscheinlich meinen Sie es alle nur allzu gut und gehen davon aus, das junge Eltern solch banale Beiläufigkeiten schon einmal vergessen könnten. Man bemüht sich um uns: Wie nett!

Es ist früher Nachmittag und wir treffen die Vorbereitungen Dich in die abendliche Obhut Deiner Großeltern geben zu können – heißt das Grund- oder besser gesagt das derzeit einzige Nahrungsmittel muss aus Brust in Flasche umgepumpt werden. Mir waren solche Gerätschaften bis vor wenigen Wochen noch völlig unbekannt, aber es gibt Dinge die gehören nun zu unseren unabdingbaren Reiseutensilien dazu. Die kleine gelbe surrend-pumpende Maschine ist ein solches Vehikel. Es ist langwierig aber zuverlässig. Es ist eine sonderbare Vorstellung Dich, wenn auch nur für ein paar Stunde nicht direkt bei uns zu haben (Etwas in der Richtung erwähnte ich bereits, glaube ich). Ich selbst bin wohl der lebende Beweis der eindeutigen Kompetenz Deiner Großmutter für ein solches Vorhaben, aber es bleibt eben dieses befremdliche Gefühl, was einen überkommt, tut man Dinge gegen die man sich im Inneren wehrt, der Kopf aber ja sagt. Selbstverständlich will ich die Abendveranstaltung mehrfach absagen, erfinde immer neue Symptome an Dir um eben diese Entscheidung herbeizuführen. Nach dem Vortäuschen einer plötzlichen Darmgrippe ist endgültig Schluss und Deine Mutter zu keinerlei Zugeständnissen bereit. Wenn der oberste Sowjet etwas beschließt dann bleibt das auch so. Punkt! Einen Fünfjahresplan hat man in der Sowjetunion auch nicht mal eben wieder umgestossen. Die Verhandlungen darüber sind endgültig gescheitert und ich hole das Auto. Kurz vor acht parken wir direkt vor der Alsterdorfer Sporthalle, der Stätte des Event. Die meissten Einlassbegierigen sind halb so alt wie ich – ein Umstand an den man sich bei derlei Veranstaltungen im Läufe der Zeit gewöhnt, will man nicht sein musikalisches Kulturinteresse auf Rockformationen im gesetzten Alter beschränken. Eine halbe Stunde später stehe ich eine ebensolche lang in einer Schlange um zwei Getränke erwerben zu können. Ich mag Hamburg aber in Sachen Bierkultur können sie von den Rheinländern wirklich noch einiges lernen.

Währenddessen gibt sich der Supporteinpeitscher alle Mühe ein paar tausend Partygänger auf Musikkurs zu trimmen. Nicht gesondert erwähnenswert ist der Umstand, daß Deine Mutter das iPhone nicht aus den Augen läßt, aber die Großeltern melden keinen Mutter-vor-Ort-Bedarf an. Es schön zu wissen, beruhigend zu sehen, nicht der einzige zu sein, welcher gegenwärtig vielleicht einen Hauch zu fürsorglich wegen Dir ist. Während eines weiteren Warteschlangenmanövers am Bierstand erfahre ich das sich Herr Paul gerne ein paar Stündchen Zeit läßt auf der Bühne zu erscheinen um dann allerdings mehrere Stunden an Reglern und Files herumzudrehen. Das tut er hier auch: Er kommt um elf, wir gehen um halb zwölf. So lange wollen wir Dich eben doch noch nicht alleine lassen. Wir fahren zum Hotel zurück und erhalten ein friedvoll schlummerndes Kind ausgehändigt. Gut, wir hätten also bleiben können. Dein Opa bemerkt noch wie lange doch heutzutage solche Veranstaltungen dauern. Da gebe ich ihm Recht und nächste Woche schaue ich mal bei YouTube vorbei um ein paar Highlights von Paul zu hören. Am Sonntag machen wir alle zusammen noch eine Hafenrundfahrt. So gehört sich das für einen Familienausflug. Ahoi!

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.