Der 97./ 45. Monat – Die Ostsee im Wald

Am 31. Juli verabschiedet sich Leo aus seinem „kleinen Kindergarten“ um gegen Ende August – etwas widerwillig – seine Karriere im „großen Kindergarten“ zu starten. Das sollte selbstverständlich, ebenso wie bei Sarah Sophie, der Waldkindergarten sein. Anmeldung und Platzzusage haben wir erfolgreich hinter uns gebracht, als dann irgendwann über Umwege die skurrilsten Nachrichten aus dem Wald bei uns eintreffen. Das Ganze ist eine Elterninitiative, deren maßgebliche Ausrichtung und Funktionsweise von dem jeweils gewählten Vorstand aus der Elternschaft bestimmt wird. Das weiß ich noch aus eigener Erfahrung, da ich zu Sarah Sophies Zeiten zwei Jahre daran beteiligt war und fleißig mitgewerkelt habe. Das macht viel Spaß, aber zugegeben auch etwas Arbeit, die sich lohnt, da ich zu einhundert Prozent von der Idee Waldkindergarten überzeugt war und bin. Und genau das tut der aktuelle Vorstand auch, allerdings in äußerst interpretativ-pädagogischer Auslegung. Als erstes bekommt die langjährige Kindergartenleitung sozusagen den Stuhl vor die Tür – beziehungsweise vor den Wald – gesetzt und wird fristlos gekündigt, dann werden mal eben elementare Grundregeln und Rituale außer Kraft gesetzt damit sich die Kleinen nach einer wie auch immer zu verstehenden „Bedürfnisorientierten Pädagogik“ frei entfalten können. Was in den 1970er Jahren als „Antiautoritäre Erziehung“ maßlos gescheitert ist, muss man – meines Erachtens – nicht zwingend anders benennen und erneut versagen lassen. Wenn Du drei Jahre nicht nur auf Bäumen sondern auch noch auf den sprichwörtlichen Nasen der Erzieherinnen herumtanzen darfst, möchte ich mir nicht vorstellen was bei uns zuhause los ist, von Deinem anschließenden Schulstart ganz zu schweigen. Damit ist das Ganze vom Tisch, ich melde Leo ab und wir stehen ohne Kindergarten da. Jeder sucht sich eben seine eigene Herausforderung.

Und hier erleben wir Eure Mutter in diesen Tagen in absoluter Hochform. Ich weiß nicht ob sie bei der Terminanfrage schon erwähnt hat, daß wir den Kindergartenplatz noch für dieses Jahr benötigen, jedenfalls kommt nach ein paar Tage ernsthaft die schriftliche Zusage, daß Leo ab Ende August den Kindergarten der Gemeinde besucht, der sich praktischerweise direkt neben Sarah Sophies Schule befindet und nebenbei erfahre ich auch noch, daß die Dame die bei Leos Turnen öfter neben mir auf der Bank sitzt, zufällig die Kindergartenleitung inne hat und sich selbstverständlich während der Verhandlungen mit Eurer Mutter an uns beide erinnert. Ganz klar: Masel Tov!

Damit sind die administrativen Dinge abgearbeitet und wir wissen nun, daß nach den noch ausstehenden drei Wochen Sommerferien Deine „Große Kindergartenzeit“ beginnt und Sarah Sophie sucht bereits jetzt schon Deine Kipa aus, damit Du auch korrekt ausstaffiert vorstellig werden kannst.

Sarah Sophie geht zum Sommercamp der Gemeinde wo wieder ihre halbe Klasse anzutreffen ist und wir beide vertrödeln nicht selten ganze Tage am See oder im Zoo. Damit die Ausflugsdichte aber nicht unter Normalmaß sinkt, hat Eure Mutter diejenige Kundschaft mit den abstechertauglichen Zielen jeweils an ein Wochenende geheftet und wir fahren mal wieder einfach mit.

Es geht zunächst in die Nähe von Hannover und später nach Hamburg. Bekanntlich beides im Norden gelegen, wodurch ich auf die aberwitzige Idee komme, die Wochenenden jeweils an die Ostsee zu verlagern.

Soweit die Theorie!

Die erste Tour führt uns nach Aerzen wo wir direkt auf dem Parkplatz des Kunden campieren, entlassen Eure Mutter morgens zur Arbeit und trollen uns auf die benachbarte Sommerrodelbahn auf der Ihr beide nicht müde werdet immer wieder in den Bob zu klettern. Nachdem wir Eure Mutter abends wieder eingesammelt haben, starten wir Richtung Grube an der Ostsee. Da kommen wir auch gegen zehn Uhr abends an, ihr schlaft bereits und Eure Mutter bettet Euch wie immer um. Alles wie üblich, nichts besonders – das folgt erst am nächsten Morgen. Es ist bewölkt und entgegen der Temperaturen der vergangenen Tage recht kühl. Ihr beide lugt bei mäßiger Begeisterung aus dem Fenster. Warum ich nun ernsthaft auf den Wetterbericht von Berlin schaue ist mir nicht wirklich erklärlich, jedenfalls halte ich Euch selbstverständlich die sonnigere Wetterlage der Hauptstadt nicht vor und Leo vergewissert sich lediglich noch ob dort auch Cami, die bereits bekannte Cockerspaniel-Dame, anzutreffen ist. Nachdem ich das mit einem einfachen „Ja“ beantworte hüpfst Du von Deinem Platz, räumst Deinen Teller in die Spüle und guckst mich erwartungsvoll an: „Komm, mach den Tisch runter, wir fahren doch nach Berlin!“ ist die genauso knappe wie einfordernde Antwort meines Sohnes. (Zur Erklärung: In unserem Camper muß man den Tisch absenken um die beiden Kindersitze platzieren zu können.) „Ja, aber wir wollten doch ans Meer!“ entgegne ich noch hilfesuchend während Sarah Sophie ebenfalls alles zusammenpackt. „Papa, Du kannst uns doch nichts von Berlin erzählen und dann passiert nichts!“ bekomme ich als Antwort. Mein Anmerkung, daß wir dann doch auch gestern Abend direkt nach Berlin hätten fahren können, das wäre sogar näher gewesen, geht fast im Umbau unter. Lediglich Eure Mutter kann sich natürlich nicht das letzte Wort nehmen lassen: „Ja, selbstverständlich! Wer wollte denn hierhin?“ Weiter kommt sie nicht, da sie bereits ihre Freundin Katja telefonisch von unserer bevorstehen Ankunft in Berlin unterrichtet. Ostsee Part I gilt wohl als gescheitert.

Zwei Wochen später folgt der zweite Versuch. Diesmal versuche ich Scharbeutz an den Mann oder besser gesagt die Familie zu bringen. Diesmal muss Eure Mutter ein paar Tage in Ahrensburg tätig werden und wir planen, sie die knapp 60km mit dem Mietwagen morgens und abends hin- und herfahren zu lassen, damit Ihr die Tage am Strand verbringen könnt. Bleibt aber ebenfalls Theorie – wir haben uns jedoch weiterentwickelt und fahren keine sinnfreien Umwege mehr. Diesmal fragt mich Sarah Sophie vor dem Trip ob es Quallen in der Ostsee gibt, was ich selbstverständlich ordnungsgemäß mit „Ja“ beantworte und Du schleppst Dein „Buch der Tiere“ heran in dem natürlich auch giftige Vertreter der bekannten Nesseltiere dargestellt sind. Das wars, Eure Mutter schaut einmal in das Buch und ich suche einen Campingplatz in der Nähe von Hamburg.

Elbe statt Ostsee, August 2019, Hamburg, D

Ostsee Part II ebenfalls kläglich gescheitert – ich gebe hiermit offiziell auf, Euch an die deutschen Küsten zu bekommen. Aussichtslose Unterfangen liegen mir nicht.

Dom statt Rheinkirmes, August 2019, Hamburg, D

Wie Sarah Sophie nun herausgekriegt hat, daß zu der Zeit der Hamburger Sommerdom geöffnet hat und ihr beide sozusagen einen automatischen Anspruch auf einen dortigen Besuch habt, habe ich verdrängt. Eveuntuell habe ich mich wieder verquatscht und bestimmt nur ganz am Rande erwähnt, das ihr ja die Düsseldorfer Rheinkirmes urlaubsbedingt verpasst habt.

Ich stelle fest mit Lauterkeit kommt man ganz schön weit – nur nicht an die Ostsee!

Geschrieben aus Tel Aviv-Jaffa, Bezirk Tel Aviv, Israel.

Der 96./ 44. Monat – Der 100. Geburtstag

In den vergangenen Wochen gab es oft nur ein Thema: „Die große Party“ wie Sarah Sophie unseren „100. Geburtstag“ umgedeutet hat. Da wir alle zusammen in diesem Jahr einhundert Jahre alt sind (Leo 3, Sarah Sophie 7, Eure Mutter 40 und ich 50) haben wir beschlossen nahezu die identische Truppe unserer Hochzeitsparty von vor zwei Jahren wieder einzuladen und mit ihnen eine Woche zu feiern. Auch diesmal sind wir in Italien gelandet, obwohl ich alles dafür getan habe in Frankreich unterzukommen, aber wer kann schon Eurer Mutter widerstehen wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Also Badia Tedalda in der Toskana, wieder irgendwo im Nirgendwo, denn Häuser für mehr als 40 Personen sind entweder unbezahlbar oder verdammt rar gesät.

Da wir Kinder so ziemlich jeder Altersklasse unterbringen müssen, haben wir uns – zur großen Freude von Sarah Sophie – entschlossen je ein großes Zimmer für die Mädchen und eins für die Jungs einzurichten. Sozusagen Elternfreie-Zonen und die sehen nach noch nichtmal einem Tag auch genau so aus. Aber es soll ja jeder glücklich werden. Da wir die Sommerferien verschiedener Nationen und Bundesländer unter einen Hut bringen müssen, bleiben lediglich zwei vakante Wochen übrig und wir starten an Sarah Sophies letztem Schultag unmittelbar von der Schule Richtung Italien. Die Idee sozusagen vor der ersten großen Urlauberwelle vorneweg zu fahren geht glücklicherweise auf und wir kommen fast staulos am Gardasee an. Den habe ich uns, in der irrigen Annahme ihr beide findet es ganz gut am Vormittag noch ein paar Stunden am See zu verbringen, als Zwischenübernachtungsziel ausgeguckt, bevor wir die letzten 360km hinter uns bringen. Das Projekt ist dann allerdings kläglich gescheitert und wird von Leo in nur einem Satz vom Tisch gewischt. „Und wo bitte ist der Sand?“ erfragst Du sichtlich irritiert, nachdem wir morgens vom Campingplatz zum Strand spazieren. Im Anschluss an meine Erklärung, daß es hier keinen Sand gibt verdrehst Du die Augen und setzt noch einen drauf: Mit den Worten „Komm Sarah Sophie wir können weiterfahren – hier ist ja nix für uns!“ nimmst Du Deine Schwester an die Hand und machst auf dem Absatz kehrt. Eure Mutter und ich gucken uns ein wenig verdutzt an, zahlen die Übernachtung und fahren mit Euch eben weiter. Die Suche nach einem Campingplatz hier in der Gegend, welchen man auch mitten in der Nacht anfahren kann hat etwa zehnmal solange gedauert wie Euer Strandbesuch. Wieder etwas gelernt. Dafür sind wir bereits mittags vor Ort und stellen fest, daß sich direkt neben unserem Haus ein kleines Restaurant befindet welches sich mittags als Trattoria und abends als Pizzeria entpuppt und uns in den folgenden Tagen noch sehr gute Dienste leisten wird. Jetzt gibt es erstmal Pasta und Aranciata für Euch und Birra Moretti für Eure Mutter und mich. Wir sind sozusagen im doppelten Sinne angekommen.

Und genau das tun im Laufe der nächsten 24 Stunden auch alle unsere Freunde. Also fast alle. Denn in unseren Geschichten trifft es immer einen, bei dem es schiefläuft. Beim letzten Mal sind die Armenier am falschen Bahnhof gestrandet und diesmal meint Austrian Airlines das vier Länder an einem Tag doch eine gute Idee sind. Zunächst startet der erste Flug der Hamburger Fraktion um meinen Filmerkumpel Friedemann so spät, daß der Anschlussflug in Wien weg ist, geleitet sie dann deswegen nach Amsterdam, um am Ende in Florenz die Losung auszugeben: Alle da, Gepäck kommt morgen! Immerhin das stimmt dann auch und Hamburg trifft somit „leicht“ verspätet ein.

Der 100. Geburtstag, Juli 2019, Badia Tedalda, I

Zurück zur Pizzeria: Nachdem der versammelten Kinderschar deren Existenz bewusst wird, bedarf es wohl keiner Erklärung was es zum Abendessen zu geben hat. Und die Bestellung gestaltet sich ziemlich simpel. Nachdem ich anfangs noch ernsthaft versucht habe herauszufinden, wer was auf seiner Pizza mag, bin ich nach der Hälfte der Befragung zum Globalprinzip übergegangen: will meinen ich habe einfach die ganze Karte einmal von oben nach unten bestellt. Übrig geblieben ist, nebenbei bemerkt, nichts. Am nächsten Tag haben wir das ganze noch weiter professionalisiert, da nun auch die Erwachsenen partizipieren wollen. Das geht dann noch einfacher: Einmal Karte runter und wieder rauf – alle satt. Ab diesem Tag haben wir dann auch den Wein kistenweise über die Theke geschoben bekommen inklusive Naturalrabatt in gleicher „Währung“. Ich glaube der Wirt mag uns.

In diesen Tagen erwäge ich übrigens Euch beide nur noch in großen Gruppen zu verköstigen, da ich während der gesamten Woche nicht einmal die Verschmähung des Essen Eurerseits erlebt habe. Eine Vielzahl Kinder gleichzeitig zu Tisch zu bitten entfesselt eine undefinierbare Gruppendynamik die lediglich mit der Raubtierfütterung eines Zoo vergleichbar sein dürfte. Da der Pizzaofen mittags kalt bleibt sind wir Eltern somit gefordert. Und es macht zugegeben herrlich Spaß zu sehen wie 21 Kinder einen Riesentopf Pasta förmlich inhalieren.

„Raubtierfütterung“, Juli 2019, Badia Tedalda, I

Da fällt es fast gar nicht mehr ins Gewicht, daß wir irgendwann auf die Idee gekommen sind die Fritteuse in der Küche anwerfen zu wollen. In einer großangelegte Schnippelaktion schneidet ihr Kinder einen Berg von Kartoffeln in die bekannte Stäbchenform um dann damit konfrontiert zu werden, daß die Fritteuse überhaupt nicht funktioniert.

Pommes statt Pizza – oder auch nicht, Juli 2019, Badia Tedalda, I

Macht ja nix denken sich die neunmalklugen Eltern und erhitzen mal eben 40 Liter Sonnenblumenöl in zwei ordentlich dimensionierten Töpfen. Und damit nimmt das Elend auch schon seinen Lauf. Das einzige was bei der Aktion frittiert wird ist ein Teil meiner rechten Hand als ich versuche in gekonnter Manier die Pommes frites in den Topf zu beordern. Erwachsene können so dermaßen dämlich sein, daß es im wahrsten Sinne des Wortes weh tun muss. Ähnlich experimentierfreudigen Genossen empfehle ich dringend russische Hausmittel gegen Verbrennungen bereitzuhalten. Fritten gab es übrigens nicht, wir haben nur kartoffelige Pampe aus dem Topf gehoben. Ich weiß bis heute nicht warum das nicht geklappt hat, jedenfalls sieht kindliche Begeisterung anders aus.

Nach drei Versuchen geben wir auf und gucken in tieftraurige Gesichter. Aber nicht lange, denn da war doch noch was:

Einmal die Karte rauf und runter bitte, es gibt Pizza und das Problem ist gelöst. Von misslungenen Pommes frites habe ich übrigens nie wieder etwas gehört.

Ich glaube es ist eine gute Idee hundertste Geburtstage grundsätzlich in Italien zu feiern.

Geschrieben aus Eilat, Südbezirk, Israel.