Der 44. Monat – Andauernd Karneval

Karneval fällt in diesem Jahr zwar in den Februar, aber für Dich irgendwie auch in Deinen 44. Lebensmonat, also in den März. Deiner Mutter kommt ein Auftrag im karnevalsbefreiten Preußen dazwischen und sie fliegt am bereits abends am Karnevalssonntag nach Berlin. Allerdings nur bis Aschermittwoch und von dort an nutzen wir den diesjährigen glücklichen Umstand, daß der Karneval in Nizza rund eine Woche länger dauert als sein rheinisches Gegenstück – will heißen wir starten am Aschermittwoch in Richtung Côte d‘ Azur. Bis dorthin bleibt Dir aber selbstverständlich der Düsseldorfer Karneval nicht verborgen. An irgendeinem Tag stürzt sich deine Mutter mit Dir selbstlos ins Getümmel der üblichen Verkaufsstellen um Dich in standesgemäßen Ornat zu stecken, wenn Du am Freitag zum Kinderkarneval im Wald erscheinst und Sonntags zum Veedelszoch in Gerresheim, der wie finde schönsten Version für Deine Altersklasse.

Nachdem Du das gesamte Tierreich hindurch überlegt hast, bist Du schließlich zur festen Überzeugung gelangt als Drache die fünfte Jahreszeit zu bestehen. Mit auf den Weg gegeben, habe ich deiner Mutter noch den Hinweis, das doch eine Familie in gleichen Kostümen vielleicht eine nette Idee ist. Unkommentiert verlasst Ihr beide das Haus. Aus der freundlichen, gemütlichen Drachenfamilie wurden allerdings drei Cowboy- oder besser gesagt zwei Cowgirlkostüme (gibt das überhaupt?) und eben eine Old Shatterhand-Verschnitt für mich.

Am Freitag geht es also in Wild-West-Montur in den Wald und nachdem Du dort allen Drachen, Löwen und Tigern erzählt hast, eigentlich auch ein Tier werden zu wollen Du aber jetzt etwas bist was es gar nicht gibt ist der Tag gerettet. Ich habe jedenfalls keine Klagen gehört, als ich Dich abhole. Sonntags zieht unsere Karl-May-Familie nach Gerresheim und ich werde Zeuge wie Du einmal wieder wildfremde Menschen für Deine Zwecke einspannst. Während des Zuges stehen wir neben eine Gruppe vielleicht 16 – 18-jährigem Partyvolkes und Du brauchst Dich nur zweimal lautstark zu beschweren, daß bei Dir viel zu wenig geworfene Süßigkeiten ankommen und ab sofort fühlt sich der deutlich als solcher gekennzeichnete König der Truppe dazu berufen seine Entourage anzuweisen, jedwedes Wurfmaterial uneingeschränkt bei Dir abzuliefern. Kind glücklich, Tasche nach einer halben Stunde voll.

Das war es dann soweit für den rheinischen Frohsinn und wir fahren Aschermittwoch nach Südfrankreich. Wie ausgewechselt erklärst Du mir hier aber nun unmöglich erneut Deine Westernmontur anlegen zu können und zwar in einer Art und Weise, die mich an Deine Mutter erinnert für die es eine selbstverständliche Unmöglichkeit darstellt an zwei Tagen im selben Outfit irgendwo zu erscheinen. Stimmungslage: „Ich habe nichts anzuziehen!“ Wir befinden uns folglich mitten in einem Drama. Zu allem Überfluss kommen uns in der Stadt ständig Prinzessinnen, Kängurus, Elefanten und – offensichtlich sehr beliebt in der französischen Kleine-Mädchen-Fraktion – verkleidete Ponys entgegen. Von Winnetou und Old Shatterhand ist aber weit und breit nichts zu sehen. Klarer Fall von elterlichem Missmanagement – gegensteuern ist also angesagt. Die Rettung finden wir in Form eines hübschen kleinen Geschäftes mitten in der Altstadt, welches freundlicherweise Bienenkostüme offeriert und die Welt scheint weit weniger misslungen, wenn man als Biene Maja umherlaufen darf. Alle glücklich – Urlaub gelungen.

Nizza 2015

So entsprechend ausstaffiert begeben wir uns also zum Blumenumzug welcher sich über die gesamte Strandpromenade erstreckt und Millionen von Blumen in die Mengen geworfen werden. Nachdem wir Dir das erzählt haben sprichst Du von nichts anderem mehr. Es gibt nur noch Blumen, Blumen und nochmals Blumen. Aber als Biene macht das ja auch durchaus Sinn. „Wann kommen die Blumen, Papa?“ wiederholst Du gebetsmühlenartig immer und immer wieder. Ich richte mich mental auf ganze Wagenladungen ein, die ich nach Hause tragen darf. Doch dann: nichts von alledem. Der Umzug geht los und vorneweg schießt eine übergroße Kanone hunderte Meter von Papierschlangen in die Menge in die Du Dich vollständig einwickelst. Wer braucht da den noch Blumen. Die Papierkanonenautos gibt es glücklicherweise mehrfach und Du kannst es gar nicht erwarten bist die nächste Papierladung auf Dich niederprasselt. Völlig verblüffst Du mich allerdings mit der Aussage, daß die Blumen doch lieber im Wald wachsen sollen, weil hier auf der Straße kann man sie ja gar nicht so gut gießen. „Und das ist ja nicht gut für die Blümchen, Papa. Weißt Du die lassen wir lieber alle hier.“

Nach Hause getragen haben ich dann eben einige Kilometer Papierschlangen – die durften wir nämlich nicht liegen lassen – sonst können die Leute die Blumen ja nicht richtig gießen.

Sagst zumindest Du – Logisch, oder?

Geschrieben in Wangerland, Niedersachsen, Deutschland.

Der 43. Monat – Zentralkomitee Staatsballett

In diesen Tagen kam irgendwann einmal nicht die Frage auf „ob“ sondern nur „wann“ Du denn zum Ballettunterricht gehen wirst. Und wenn sich sowohl Mutter, als auch Großmutter ausnahmsweise einmal einig sind, dann ist Widerstand gegen dieses Bollwerk in etwa so sinnvoll wie den Kalten Krieg zu Lagerfeuerromantik verklären zu wollen. Erstens wenig aussichtsreich und zweitens sowohl genauso unnötig wie widersinnig.

Manchmal erstaunt mich meine naive Art in Hinblick auf unsere Migrationshintergrund geplagte Familie selbst noch etwas. „Woher erfahren wir denn, welche Ballettschule die geeignetste ist?“ war in etwa meine Fragestellung. Sowohl Groß-, als auch Mutteraugen machen sich auf, auf das äußerste unverständlich zu mir herüber zu schauen.

Ich glaube es war Dein mütterlicher Opa der mich entschuldigt anblickt und etwas von „Haben sie nicht mit Dir gesprochen?“ murmelt. Nein, haben sie nicht – aber wozu auch Entscheidungen des Zentralkomitee werden bekanntgegeben und nicht zu Diskussion gestellt. Das was schon immer so. Punkt! Aus!

Genosse, abtreten!

Du gehst also ab sofort zum Ballettunterricht und der wird selbstverständlich standesgemäß abgehalten. Mitten in Düsseldorf bietet Frau Nadeschda, eine spindeldürre tanzende Absolventin renommierter Moskauer Balettinstitutionen, in ihrer eigenen Schule die beliebte rhythmische Bewegungsfreizeit an. Die jüngste Gruppe ist die der Dreijährigen und genau in dieser finden wir beiden uns von nun an jeden Freitagnachmittag ein. Selbstverständlich bin ich der einzige männliche Part in der überwiegend russischen Mama-/Töchterriege und bekomme freundlich von allen Seiten Hilfe angeboten, nachdem Du in Deiner ersten Stunde schon im verkehrtherum angelegten Tutu umherhopsen musstes. Das passiert aber wirklich schnell. Inzwischen weiß ich jedoch selbstverständlich wo vorne und hinten ist.

Passiert nicht mehr – Versprochen.

image

Zurück zur Tanzstunde. Nachdem nun alle angehenden Primaballerinen entsprechend ausstaffiert den Spiegelsaal betreten, bietet sich dem geneigten Vaterauge schnell ein verzücktes Bild: Hüpfender Frosch, Spagetti Makkaroni und schreitende Prinzessin sind einige der darzubietenden Figuren. Das macht Dir offensichtlich so viel Spaß, daß Du mich bereits Montags fragst, wie oft wir noch schlafen müssen, bis es endlich wieder zum Ballett geht. Ich sehe Dich glücklich und das ist schön.

Das geht nun eine Weile gut; die ganze Woche dreht sich nur noch um Ballett und den ersehnten Unterricht. Alles scheint bestens. Doch dann kommt unser persönlich schwarzer Freitag. Und damit der auch Wirkung zeigt, laden wir Oma und Opa auch gleich noch zum Ballett ein. Lasst die Spiele beginnen, scheint heute die Devise zu sein. Zum Prolog des Dramas läßt Du Dich noch anstandslos umziehen doch nachdem wir damit fertig sind verfällst Du in eine Blockadehaltung der Kategorie Eins: Es geht nichts mehr – zumindest nicht in Richtung Tanzsaal. Keine guten Worte, nicht die Einforderung Deines Mittun seitens Deiner Freundin Mira. Auf meinem Arm gerade noch in die Höhle der Tanztruppe, aber das war es dann bereits.

Verständlicherweise verstehe ich aktuell nun überhaupt nichts mehr uns sitze ziemlich planlos umher. Wir schauen uns das übliche Spektakel einige Minuten an und da Du alle Nachfragen konsequent verneinst, beschließe ich, das Projekt Tanzeinlage für heute zu beenden. Also alles wieder auf Anfang, ich ziehe Dich um und versuche zu verstehen was nun eigentlich los ist während Deine Großeltern ebenfalls recht ratlos in der Gegend herumstehen. Während Dein Opa etwas in der Richtung von „Es gibt halt so Tage.“ äußert, fliegt die Tür auf und Deine Mutter steht im Raum. Einen Flieger früher erwischt, will sie es sich nicht nehmen lassen ebenfalls Zeuge des hüpfenden Froschs zu werden. Das kann mal wohl als Volltreffer bezeichnen: Mama da – Kind schmollt. Mit mütterlich-entsetzten Blick fordert Sie eine Erklärung was den hier los sei. Achselzuckend antworte ich schlicht und einfach „Sie will nicht – keine Ahnung warum.“ Mit den Worten „Was will sie nicht?“ wechselst Du den Arm und Deine Mutter beginnt eine Diskussion mit Dir ob unserer flexiblen Auslegung Deiner Willensbildung im rhythmischen Tanzbereich. Mich entbinden, zusätzlich zur maternen Präsenz, konsequent nachfragende Großeltern was den Deine Mutter auf einmal hier macht, von weiteren Aktivitäten in Deine Richtung. Folglich kümmert sich Deine Mutter um Dich und ich erkläre meinen Eltern, daß die Ballerinen-Bestaunen-Stunde kurzfristig um eine Woche verschoben ist. Pragmatisch wie meine Familie nunmal ist, sehen wir gemeinschaftlich keine Sinn darin hier auf noch auf eine weitere Verweildauer seitens Deiner Großeltern zu bestehen und verabschieden uns voneinander. Nachdem dies geschehen ist, drehe ich mich um und sehe Dich beschwingt mit allen andern Kindern durch den Tanzsaal sausen. Die verbleibende Viertelstunde Unterricht absolvierst Du, zwar in vollständiger Straßenkleidung, aber nicht weniger motiviert mit der sonst üblichen Begeisterung. Ich bin sprachlos, aber zufrieden.

Ein gut gehütetes Geheimnis wird wohl die Nachfrage nach Deinem Sinneswandel bleiben. Aber ein gestandenes Zentralkomitee gibt ja auch nicht alles bekannt. Und wahrscheinlich sitzen wir auch rein zufällig direkt nach dem Ballett in der Eisiele bei Schokoladeneins.

Geschrieben in Tarifa, Andalusien, Spanien.

Der 42. Monat – Weihnachten im Januar: Mittwoch 18 Uhr

Die Beraterbranche ruht gerne zu Beginn eines neuen Kalenderjahres was eine rigorose Unterbeschäftigung Deiner Mutter mit sich bringt. Und wenn schon nix zu tun ist, was soll man da zu Hause. Deine Mutter hat in diesem Januar also eine Woche längeren Winterurlaub als ich und somit bietet sich ein trauter Mädchenausflug im Anschluß an Deinen zweiwöchigen Skikurs förmlich an. Ich setze Euch daher auf dem Rückweg vom Skifahren in Basel am Flughafen ab, damit mein Damenduo erstmal Sonne auf Fuerteventura tanken kann. Aber Vitamin D ist ja bekanntlich wichtig, vor allem in den Wintermonaten. Legitimation somit erhalten und ab geht es.

Wir sind bereits einige Tage vor Weihnachten in Richtung Alpen aufgebrochen – die betrieblichen Weihnachtsfeierlichkeiten Deiner Mutter nehmen wir bekanntermaßen seit Deiner Geburt zum Anlass nach diesen nicht mehr ins Rheinland zurück zu fahren – sondern aus der schwäbischen Provinz unmittelbar in die Berge zu starten. Die Folge dieser selbstverständlich uneingeschränkt rein pragmatischen Entscheidung; nämlich der, daß Du nicht unnötig lange im Auto sitzt, ist eine terminlich flexible Auslegung der Weihnachtstage im Kreise der trauten Familie. Theoretisch religionsgeschuldet nur einseitig zur Rücksichtnahme verpflichtet, meldet allerdings auch der nichtchristliche Teil Deiner Familie hier genügenden Anwesenheitsanspruch an. Ich habe etwas in der Art „In Russland gibt es immer zu Sylvester die Geschenke.“ vernommen. Heißt in der Praxis: einmal Weihnachten und einmal Sylvester, aber eben im Januar.

Die vergangenen Jahre haben wir beides unmittelbar am Wochenende nach unserer Urlaubsrückkehr abgearbeitet. Der kleine Sonnenausflug Deiner Mutter und Dir schiebt das Ganze zwangsweise auf mindestens Mitte Januar und hier stehen wir vor einem weiteren Dilemma: die Wochenenden sind verplant. Bis dahin wusste ich noch gar nicht welch unaufschiebbaren Termine wir alle haben, aber wenn das feierliche Gedenken an die bekannte Stallgeburt Betlehems nicht drohend in den Februar abrutschen soll, bedarf es einer Konsolidierung.

Während irgendeines Telefonats mit Deiner Mutter eröffnet sie mir freudestrahlend die Lösung unserer marginalen Terminineffizienz: „Am Montag, den soundsovielten Januar bin ich in Düsseldorf. Ich gehe mit Sarah Sophie dann schon vorher zu meinen Eltern und Du kommst von der Arbeit direkt dort hin. Den Mittwoch danach lande ich um 17:45 Uhr, dann kommen Deine Eltern zu uns. Toll, oder? Paßt doch perfekt!“ war sinngemäß der Nachsatz, der mich dazu auffordern sollte, neben wahren Begeisterungsstürmen, mindestens ein lobendes Wort in Richtung der uneingeschränkt großartigen Organisationsfähigkeit Deiner Mutter walten zu lassen.

Mein Einwand ob nicht eventuell zumindest die Mittwoch-18-Uhr-Weihnachtsidee ein bisschen knapp bemessen sein könnte treibt Deiner Mutter lediglich ein fernmündliches Stirnrunzeln ein. „Was ist denn daran knapp? Wenn wir um 18 Uhr essen, gibt es eine Stunde später Geschenke und wieder eine Stunde später geht Sarah Sophie ins Bett.“ Ich frage nach einer schriftlichen Agenda – werde aber überhört. Dann erkundige ich mich, wie Deine Mutter eine Anwesenheit um 18 Uhr mit einer Landung nur eine Viertelstunde vorher in Einklang zu bringen gedenkt, werde aber fröhlich darauf hingewiesen, daß Ihre Anwesenheit beim Essen ja nun nicht so unbedingt direkt zwingend von Nöten ist, sie aber zur Bescherung auf jeden Fall zugegen sein wird. Diese Aussage beruhigt mich selbstverständlich vollständig und Weihnachten ist gerettet.

Der Montag-18-Uhr-Sylvestertermin funktioniert problemlos: Ihr sitzt zwar seit Stunden am Tisch, aber Dein mütterlicher Opa läßt es sich nicht nehmen mir jeden Gang des Essens in chronologischer Reihenfolge zu servieren und zwar in der Art, daß wir alle zum Dessert und Tee wieder gleichauf sind. Chapeau! Mercie! Und zu meiner großen Überraschung sind wir, nach noch nicht einmal einstündiger Verabschiedung, auch noch zeitlich passabel zu Hause. Es geht also wirklich wenn man will.

Zwei Tage später findet folglich Weihnachten statt. Und wer es bis jetzt noch nicht wusste, daß Du die Tochter Deiner Mutter bist, der kann es hier erleben.

Unsere Geschenke für Deine Großeltern liegen auf dem Tisch im Wohnzimmer und unmittelbar nachdem Oma und Opa den Raum betreten haben, spazierst Du los um jedem von ihnen ihr Geschenk zu überreichen. „Das ist für Euch, daß müsst Ihr aber schnell auspacken, weil Ihr müsst ja auch bald wieder nach Hause. Es ist ja schon spät.“ Ich überlege kurz ob ich Wein durch Schnaps ersetzen soll, da folgt mir mein Vater in die Küche, bedankt sich wirklich herzhaft für das Geschenk und bemerkt wie vernünftig Du doch schon bist und wie gut es doch sei, daß wir uns alle gegen ein langwieriges Abendessen entschieden haben.

Es dauert keine Stunde und nachdem Du zweimal ausgiebig gegähnt hast, fragen Deine Großeltern nach, ob es nicht zu unhöflich sei, wenn sie jetzt nach Hause fahren würden – Du seihst ja offensichtlich doch sehr müde. Ich glaube Deine – inzwischen eingetroffene – Mutter sagen zu hören: „Es ist ja auch schon spät, wir holen das nach.“

Eine prima Idee finde ich. Vielleicht im Dezember, da ist ja Weihnachten.

Geschrieben in Genua, Ligurien, Italien.

Der 41. Monat – Ski Français

Völlig wenig überraschend zieht der kleine Familienzirkus zum Jahreswechsel mal wieder in die französischen Alpen. Und in diesem Jahr hast Du die magische Jahreszahl erreicht, die für eine Anmeldung in einer Skischule Bedingung ist. Du bist über drei. Meine kurzzeitige Überlegung in diesem Jahr zum Skifahren nach Österreich zu fahren, ob etwaiger Sprachbarrieren für Dich auszuweichen, konterkariert Deine Mutter genauso geschickt wie effektiv: „Lisa hat auch in Samoëns Skifahren gelernt, also gibt es dort deutsch- oder russischsprechende Skilehrer. Ich habe mit Katja telefoniert.“ Also hängt Deine alpine Skikarriere an der mehrjährig überalterteren Aussage einer Freundin Deiner Mutter die erstens überhaupt kein Ski fährt, und zweitens mit Gucci Handtaschen auf Bergstationen anzutreffen ist. Kurzum grandiose Grundvorraussetzungen, wie ich finde.

Wir beschließen daher, daß dem nun so ist um dann wiederum kurz vor Weihnachten festzustellen eine klitzekleine Zufälligkeit unberücksichtigt gelassen zu haben. Die deutschsprachigen Skilehrer sind ausgebucht und die Frage nach Russisch lassen wir belächelt unkommentiert. Also alles wie vermutet. Deine Mutter irritiert das allerdings weit wenig und sie meldet Dich kurzerhand einfach mal zur Schnupperstunde an. Die verbringst Du mit acht anderen Kindern der Dreijahres-Klasse fröhlich auf dem Bereich der örtlichen Skischule bei strahlendem Sonnenschein und rutschst munter auf Deinen kleinen Skiern umher. Wohlwissend Dich mit Deiner Mutter behütet zu wissen erlaube ich mir selbst meine Ski unterzuschnallen und lasse Euch allein. Als ich wiederkomme bist Du für die nächsten zwei Wochen fest angemeldet – wen wundert es!

In der ersten Woche im Kurs der Dreijährigen und „Dann schauen wir mal … „ waren in etwa die Worte Deiner Mutter. Die Skidebütanten dürfen neben Skilehrenden auch noch auf pädagogischen Beistand zurückgreifen und eine mollige Mitfünfzigerin ebendieser Abteilung spricht deutsch. Nun erlebe ich Deine Mutter in absoluter Hochform. Der opulenten Dame wird in schon fast peinlich ausartender Weise die Kompetenzgratifikation für aktuell sprachlich benachteiligte Kursteilnehmerinnen zugesprochen, daß ich mich frage, wie hier jemals auch nur ein Kind ohne sie Berge herunterfahren konnte. Tatsache ist die neu geschmiedete Damenallianz funktioniert und Du hast ab sofort eine persönliche Fürsprecherin.

Die folgenden Tage schiebst Du Dich erfolgreich mit den anderen Skibefohlenden über Zauberteppich und atemberaubende Hügelhänge um pünktlich gegen 16 Uhr zum kollektiven Apfelmus-Essen auf der Hütte einzutreffen. Alles bestens und am dritten Tag bemerkst Du wahrscheinlich noch nichtmal, daß das stramme Fräulein nicht mehr da ist, sondern folgst einfach den anderen Kindern. Deine Mutter und ich sind begeistert und verwundert gleichermaßen. „Wozu wolltest Du nach Österreich?“ vernehme ich aus der mütterlichen Ecke.

IMG_0511-1.JPG

Nach ganzen vier Tagen wird Dir das gesamte Prozedere eindeutig zu langweilig und Du bestehst darauf mit mir gemeinsam fahren zu wollen. Also juckeln wir die nächsten Tage vor dem Skiunterricht gemeinsam den Kinderhügel hinunter und den Zauberteppich wieder rauf. Alles prima, aber unaufhaltsam nähert sich der kommenden Samstag: jenem Tag der Entscheidung in welche Gruppe Du in der kommenden Woche anzusiedeln bist. Für Deine Mutter ist wie immer alles klar. Die Vierjährigen gehen sogar schon außerhalb der schützenden Schule auf die Piste und was sollst du auch noch länger im gefühlten Skikindergarten. Folglich verklickert Deine Mutter der Dame an der Anmeldung das hier zwingende Gründe vorliegen, Dich von nun an etwas älter zu machen. Es zweifelt wohl niemand am Gelingen dieses Unterfangens.

Und da Du ab jetzt bei den großen Kindern mitfährst bist Du eben von nun an linguistisch vollständig außen vor. Das stört Dich aber bekanntermaßen nun wiederum überhaupt nicht und Du findest bereits am ersten Tag eine Freundin, die nach Deinen eigenen Angaben russisch spricht. Du erklärst uns Eltern mit freudestrahlender Miene jeden Tag aufs neue, was Du mit Marta alles gelernt hast und was Sie Dir erzählt hat. Wir haben unterdessen beschlossen Dich in der Skischule alleine zu lassen, da Du ansonsten eine Befolgung des Lehrpersonals ignorierst. Das glauben wir zumindest mal Richard, Deinem Lehrer. Somit sind wir auf Deine subjektiven Schilderungen angewiesen und die drehen sich jeden Tag um Marta. Fakt ist aber, daß sprachliche Übereinkunft zwischen Lehrer und Schüler – zumindest im Alpinbereich – gänzlich überbewertet wird, da ich täglich – nicht ohne größtmögliche väterliche Begeisterung feststelle – welche Fortschritte Du machst. Mein persönlicher Hang zum Skisport mag hier vielleicht andeutungsweise etwas überdeutlich zum Ausdruck kommen. Einmal frage ich bei Dir nach, ob Marta denn den Skilehrer versteht und Dir das dann ins russische übersetzt. Mit inbrünstiger Überzeugung bejahst Du meine Frage während wir zusammen am Schlepplift hängen.

Kurz und gut: nach zwei Wochen sind Deine Skibasics gelegt und ich habe unseren Osterurlaub schonmal vorsorglich in die Alpen verlegt. Die Begeisterung Deiner Mutter hierfür liegt im eher verhaltenen Bereich; aber ich arbeite daran.

Das Thema Sprachbarriere läßt sich bei Dir hiermit übrigens endgültig abschließend verneinen. Marta kommt aus Belgien und spricht ausschließlich flämisch – aber eben nicht für Dich.

Hals und Beinruch auf der Piste, Prinzessin.

Geschrieben in Nizza, Provence-Alpes-Côte d'Azur, Frankreich.

Fahrrad fahren @ Super 8

Das erklärte große Ziel des vergangenen Jahres war es auf zwei Rädern umherradeln zu können. Das Projekt Fahrrad fahren lernen in der Super 8 – Version.


Vier Länder Rundfahrt und ein Esel
Sarah Sophie August – Oktober 2014 – St. Pierre sur Mer, Lazise, Niederrhein, Roggel
Musik – Coralie Clément – De Paris a St. Petersbourg

Das ganze Jahr 2014 als Schmalfilmversion ist in der Cinemathek verfügbar.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 40. Monat – St. Martin im Wald

Dein Waldkindergarten ist nicht nur konfessionslos, sondern auch säkular – das ist mir wichtig – aber eine gewisse christliche Grundhaltung bleibt zwangsweise nicht verborgen. Das hat Deine Mutter erstaunlich gut verkraftet, was ich auf ihre globale Begeisterung für diese Institution an sich schiebe. In Deinem 40. Lebensmonat hat sie einige mehrwöchige Projekte bei einem Kunden in Wuppertal, was zur zwangsläufigen Folge hat sie zuhause zu haben. Das finden wir beide gut, ist aber auch irgendwie ungewohnt. Und wer viel zu Hause ist muss eben auch manchmal in den Wald. Die Waldwandertruppe Deines Kindergarten verlässt sich nämlich nicht auf städtischen Hobbyrömer die in jedem November ständig an einem anderen Tag durch irgendwelche Stadtviertel reiten und rote Mäntel zerteilen.

Nein, das machen sie schon selbst und das ziemlich imposant wie ich bemerken möchte. Wenig wundersam treffen wir uns alle im Wald. Und das höchstprofessionell: Ich habe mich für Glühwein und heißen Apfelsaft in die ausgehängte Liste eingetragen und liefere meine zehn Liter brav beim organisierten Shuttleservice ab. Deine Freundin Helene nebst Ihres Vaters sind ebenfalls mit von der Partie. Da offensichtlich jede Familie ein paar Bekannte und Freunde im Gepäck hat sammelt sich an einem Freitag gegen fünf Uhr nachmittags eine rund 150 Personen starke Truppe zur kollektiven Nachtwanderung. Eine eigens organisierte Kapelle spielt auf und dann führt der Weg im stockdunkel quer durch den Wald einzig beleuchtet von Euren selbstgebastelten Laternen und einer Unmenge an Kerzenbefüllten Marmeladengläsern. Vorneweg ganz stilecht auf einem Schimmel der Herr im roten Mantel.

Viel mehr Mystik geht glaube ich nicht. Du bist begeistert und stapfst fröhlich neben uns her. Irgendwann kommen wir auf einer Lichtung an und bilden einen riesengroßen Kreis um der brauchtumsüblichen Mantelteilung beizuwohnen. Unterdessen wird immer wieder munter gesungen und ich muß gestehen nicht besonders textsicher zu sein, summe aber fleißig mit. Nach einer Weile geht es erneut in tiefdunkler Nacht als Lichterzug durch das Gehölz. Nun zum ortsansässigen Förster, der sein Areal für ein nicht gerade bescheidenes Lagerfeuer zur Verfügung stellt. Selbstverständlich gibt es hier Weckmänner, allerlei Fingerfood und ich stelle fest nicht der einzige Glühweinlieferant zu sein. Was sich allerdings innerhalb der nächsten Stunde nicht als Nachteil herausstellt. Kurzum eine genauso imposante wie gelungene Veranstaltung.

Verständlicherweise ist Deine Begeisterung diesen Ort zu verlassen nicht sonderlich ausgeprägt zumal Du mir unaufhörlich unbedingt nochmal das große weiße Pferd zeigen musst, nicht ohne zu bemerken, daß Du auch schon auf einem so super, super, super (…) großem Pony gesessen hast und genau das doch gerade jetzt für eine adäquate Freizeitgestaltung hältst.

Auf dem Rückweg – diesmal nicht durch den Wald, sondern ganz profan mit der Straßenbahn – erkundigst Du Dich noch mal sicherheitshalber danach warum der Mann auf dem großen weißen Pferd denn nun seinen Umhang mit den armen Mann im Wald geteilt hat? Bevor ich Dir nun die gesamte Lebens- und Legendengeschichte des Herrn von Tours zwischen zwei Haltestellen erkläre, begnüge ich mich mit der wahrscheinlich gebräuchlichsten Kurzfassung: Da der Heilige Martin eben nur seinen Umhang dabei hatte und dem armen Bettler so bitterkalt war hat er eben diesen geteilt und so mussten beide nicht frieren. Das leuchtet Dir ein und Du strahlst mich an: „Der Marley aus dem Kindergarten hatte einmal keine Butterbrotdose dabei, da habe ich ihm meine gegeben.“ „Genau“ entgegne ich „das ist im Prinzip das gleiche, und da man eine Brotdose ja nicht auseinander teilen kann wie einen Umhang, hast Du ihm eben die ganze Dose gegeben“. Dann wieder Du: „Da haben wir getauscht.“

Das ist zuviel christliche Nächstenliebe für Deine Mutter und sie funkt dazwischen: „Und was hast Du dafür bekommen?“ Grinsend kommt von Dir ein melodisches „Nichts!“. „Dann ist das aber nicht tauschen.“ widerfährt es Deiner Mutter. Wenn Du etwas abgibst, musst Du auch etwas dafür bekommen. Nun kommst Du in den Geschichten etwas durcheinander und fragst nach, was der Bettler im Wald denn dem Martin gegeben hat? „Nichts!“ antworte ich schnell, dann wieder Deine Mutter: „Siehst Du, deshalb hat er auch nur einen halben Umhang bekommen.“ Glücklicherweise kommt uns vor der völligen Umdeutung des christlichen Brauchtums eine Straßenbahnhaltestelle dazwischen und wir steigen aus. Nachdem wir zuhause angekommen sind, Du bereits in Deinem Bett entschlummert bist, habe ich bei Deiner Mutter nachgefragt, ob sie bei der Martinsgeschichte nicht eventuell irgendetwas mit Teilen und Verhandeln durcheinander gebracht hat?

Mit unverständlichem Blick antwortet Sie nur: „Wer hat denn mit diesem christlichen Blödsinn angefangen? – Was hat Ihre Brotdose mit Eurem komischen Heiligen zu tun?“

Mit einer jüdischen Mutter kann man einfach nicht verhandeln. Amen!


Lichterwald
Sarah Sophie November 2014 – Düsseldorf
Musik – St. Martin ritt durch Schnee und Wind – Kinder des Waldkindergarten Düsseldorf

Geschrieben in Samoëns, Auvergne-Rhône-Alpes, Frankreich.

Der 39. Monat – Carla, oder wer ?

Zu Beginn Deines 39. Lebensmonats, einem Oktober, sind wir ein verlängertes Wochenende auf einem holländischen Campingplatz irgendwo in der Provinz Limburg gelandet. Deine Mutter begeht das zwanzigjährige Bestehen Ihres Arbeitgeber ordentlich standesgemäß irgendwo an der portugiesischen Atlantikküste, hat aber einen passenden Rückflug nach Maastricht gefunden und kommt am Samstag zu uns. Wir beide reisen bereits am Freitag morgen an und ich stelle fest, daß wir im Kinderparadies eingetroffen sind. Es wimmelt nur so von kleinen Menschen jeden Alters und Du schließt schnell Freundschaften auf dem Spielplatz. Ich bin mit der Wahl des Ausflugsziel zufrieden. Gegen Nachmittag treffen wir auf unsere Nachbarin Carla, zwei Jahre älter und Du bemerkst zu meinem großen Erstaunen, das Deine neue Spielkameradin den gleichen Namen trägt wie Deine Sommerfreundin aus Südfrankreich vom vergangenen August. Von nun an seit ihr beide nicht mehr auseinander zu bekommen. Mittagessen ohne Carla ist unmöglich, der Nachmittagssnack ebenso.

Carla scheint es nicht weiter zu stören, daß Sie zwei Jahre älter ist und kümmert sich rührend um Dich. „Carla ist meine Freundin“ höre ich mehr als nur einmal. Wenn Dich etwas interessiert, sei es ein Spielzeug, ein Tier oder eine bestimmte Person, dann gibt es für den Moment nichts anderes. Und Carla ist jetzt im wahrsten Sinn das Objekt Deiner Begierde. Carlas Vater und ich bilden von nun an den Club der Abgemeldeten. Um unsere Trauer zu kompensieren werden wir förmlich genötigt ein Bier zu trinken, während ihr beide das Kletterhäuschen des Spielplatz mit Beschlag belegt. So vertrödeln wir den ganzen Tag und abends schläfst Du mir fast beim Abendessen ein. Ein schöner Tag, wenngleich ich mir etwas mehr väterliche Beteiligung gewünscht habe. Aber Du bist glücklich und man kann halt nicht alles haben.

Der folgende Samstag läuft genauso ab und zum Nachmittag hin erscheint Deine Mutter auf der Bildfläche, etwas mitgenommen von drei Tagen Feierei, aber zumindest körperlich anwesend. Auch das erweckt jetzt nicht so ganz großes Interesse bei Dir, es gibt ja Carla und wer braucht da schon seine Eltern. Irgendjemand hat mal gesagt, Kinder können grausam sein – ein weiser Spruch wie wir bestätigt werden.

Am Sonntagmorgen kletterst Du aus unserem Campingbus um mit Deiner Mutter zum Bäcker zu spazieren und der Platz neben uns ist leer. Carla ist weg. Meine Befürchtung zumindest für heute ein todtrauriges Kind ob der plötzlichen Abwesenheit Deiner neuen besten Freundin vorzufinden zerstreust Du in Windeseile. Es passiert rein gar nichts. Keine Frage, kein Unverständnis, absolut keine Reaktion Deinerseits. Ich glaube Du hast noch nicht einmal bemerkt, daß Familie Carla nicht mehr da ist. Soviel selektiver Egoismus erstaunt mich dann doch etwas, das gebe ich zu. Für Deine Mutter ist das alles hingegen völlig normal. Ich vernehme so etwas wie „Ihre Mutter ist doch wieder da – wer braucht da noch irgendeine Carla.“ Ich glaube ich habe an dieser Stelle bereits einmal bemerkt für wie unwiderstehlich unersetzbar sich Deine Mutter in jeder Hinsicht hält.

Jedenfalls beschließe ich einfach mal nicht nachzufragen ob da eine Carla vermisst wird. Der Spielplatz ist jetzt interessanter und nachdem Du mitbekommen hast, das es hier auch noch ein Schwimmbad gibt ist klar wie wir den Tag verbringen. Holland zu verlassen ohne zumindest einmal die lokalen Frittierkünste in Anspruch zu nehmen halte ich für gänzlich unhöflich dem Gastland gegenüber und so legen wir an einer passenden Frikandelbude auf dem Heimweg einen Stop ein.

Hier überraschst Du mich heute ein weiteres Mal in dem Du Deiner Mutter von Deiner neuen Freundin Carla erzählst: Das Du mit Ihr zusammen auf dem Spielplatz warst und im Kletterhäuschen Sandkuchen gebacken hast. „Die Carla war schon fünf und geht bald in die Schule.“ rapportierst Du gestenreich. Ich wende ein, daß „Carla ja immer noch fünf ist“ und man dann eben nicht „war“ sondern „ist“ sagt. Deine Reaktion kommt postwendend: „Aber Papa, die Carla ist ja dann weggefahren, also war sie nicht mehr da. Aber jetzt ist sie ja nicht mehr meine Freundin, sie ist ja schon groß und zur Schule gefahren – jetzt suche ich mir eine neue Freundin wenn wir nächste Woche wieder hierherfahren.“

„Wir fahren also nächste Woche wieder hierhin?“ frage ich zurück. „Ja, das hast Du doch der Mama gesagt.“ In der Tat habe ich irgendwann Deiner Mutter entgegnet „Das ist doch sehr nett hier, da können wir ja noch einmal herkommen.“ Die daraus resultierende Schlussfolgerung stammt allerdings exklusiv von Dir.

Wahrscheinlich ist es purer Zufall, aber die kommenden Wochenenden sind wir wirklich immer hierhin gefahren. Und wenig überraschend gab es jede Woche eine neue Carla. Und wenn sie zufällig nur holländisch spricht interessiert Dich das auch nicht sonderlich. Wozu auch, für zwei Tage.

Ist Oberflächlichkeit eigentlich erblich?