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posted by on Das sechste Jahr, Von Geburt an

Das Schulministerium NRW hat für dieses Jahr einen ganze Woche Pfingstferien verordnet. Dieser seit knapp 50 Jahren einmalige Umstand rührt aus den „günstig“ gelegenen Feiertagen des gesamten aktuellen Schuljahres her. Fallen diese in Schulferien bzw. z.B. Weihnachts-/ Neujahrstage auf reguläre Wochentage müssen sie sozusagen hinten angehangen werden. Das muss man erstmal wissen als relative Neulinge im Schulkindbereich.

Jedenfalls sind mit den beiden anhängenden Wochenenden neun ganze Tage frei und das bedeutet bei uns praktisch per Definition: Klamotten zusammenpacken und ab.

In diesen Tagen haben wir uns vor allem einer anstehenden Notwendigkeit gewidmet: Leos Windelei – oder besser gesagt der Entsagung von dergleichen zumindest tagsüber. Aus eigener Erfahrung wissen wir, daß sich Campingplätze für derlei Projekte ideal eignen. Insbesondere diese mit Hundeerlaubnis, da hier ständig jemand mit kleinen Tütchen zum Mülleimer rennt. Oder anders ausgedrückt: Hier ist die Toleranzschwelle für absichtslos Abgegangenes hoch genug um das Thema entspannt anzugehen. Bei Sarah Sophie war das in einem zweiwöchigen Sommerurlaub seinerzeit komplett erfolgreich erledigt – ich weiß aber um den Umstand, daß Jungs hier durchaus etwas träger reagieren, jedoch ein sprichwörtlicher Grundstein sollte in über einer Woche doch zu legen sein. Soweit die Theorie.

In der Praxis sammeln wir Leo im Kindergarten ein, holen Sarah Sophie Freitagmittag direkt von der Schule ab und starten Richtung Sérignan in Südfrankreich. Vor solch einem langen Wochenende sind wir erwartungsgemäß nicht die einzigen unterwegs – aber fünf Stunden habe ich bis dato noch nie bis Luxemburg und zwei weitere Stunden hindurch gebraucht. Ab Metz ist das Stop-and-Go dann endlich erledigt und die gesammelte Familienlaune immer noch erstaunlich gut. OK, ich gebe zu, das Sitzverhalten von Euch beiden im Stau war nicht zu jeder Zeit vollständig mit der deutschen Straßenverkehrsordnung in Einklang zu bringen, aber wir waren ja auch viel im angrenzenden Herzogtum unterwegs. Im Familienrat erfolgte Ausrede und standesgemäß ordentlich jüdisch seitens Mutter und Kinder aus-, geh-, und verhandelt. Als Tipp für verkehrsstockend, verordnungsflexible Eltern: Auch damit bekommt man schon so manche Staustunde rum. Irgendwann um vier Uhr Nachts sind wir endlich da und ich komme sogar noch zu Ankunftsbier und drei Stunden Schlaf. Alles ist gut.

Nach dem Stau ist vor dem Strand, Mai 2018, Nähe Metz, F

Nach dem Stau ist vor dem Strand, Mai 2018, Nähe Metz, F

Am nächsten Morgen scheint die Sonne und wir campieren unmittelbar am Meer. Seit einiger Zeit hat sich Leo angewöhnt, seine Windel einfach mal selbst auszuziehen und artig in den Abfallbehälter zu werfen. Dies ist mit ein Grund warum wir der Meinung sind, es ist einfach an der Zeit. So auch aktuell. Deine Schwester wird nicht müde Dir immer wieder hingebungsvoll zu erklären, was nun zu tun ist, wenn ein Bedürfnis ansteht. Dazu muss man allerdings dasselbige erstmal als solches erkennen – und zwar bevor es zu unabänderlichen Folgen führt. Und daran hapert es derzeit gehörig. In den kommenden Tagen gibt es so ziemlich keinen Ort an dem ich nicht Verständnis einfordernd umher blicke und hinter Dir herwische, aufnehme oder dezent beiseite schiebe.

Sehr sympathisch ist der freundliche Herr aus dem kleinen Supermarkt, der gemütvoll auf den Eimer und Wischmob hinter dem Vorhang verweist und dabei so wunderbar weitherzig lächeln kann, daß ich ein weiteres Mal in der Überzeugung bestärkt werde, Frankreich ist einfach kinderfreundlicher als sein östlicher Nachbar. Es fällt mir schwer eine vergleichbare Szene ohne bestürzt-belehrende und garantiert genüg entrüstet beisammen stehende Korrektbürger – von denen mindestens die Hälfte wahrscheinlich gar keine eigenen Kinder hat – in einen heimischen Supermarkt zu übertragen. Das ist aber nur eine Vermutung, da ich zugebe während ortsansässiger Einkäufe, bei Dir bisher eher nicht ohne Hose unterwegs gewesen zu sein.

Der Hinweis auf den Vorhang erfolgt im Übrigen von nun an täglich – pro aktiv – seitens des freundlichen Herrn, was uns beide stets zum schmunzeln bringt. Zur Ehrenrettung meines Sohnes möchte ich vermerken, daß wir den Supermarkt-Wischmob nur ein einziges Mal gebraucht haben, dafür dann aber auch mit Kehrblech. Was Du machst, machst Du formvollendet – da gibt es nix.

Vom Hund der Nachbarschaft dürftest Du Dir wahrscheinlich abgeguckt haben, welcher Ort zu gegebener Zeit aufzusuchen ist. Jedenfalls wanderst Du nach ein paar Tagen in Richtung Gebüsch um Dich stolz vor das Gehölz zu positionieren und dem zwingendsten aller Bedürfnisse zu entsprechen. Soweit sind wir also bereits. Nicht zu vergessen ist Deine ausgesprochene Dankbarkeit dem Hund gegenüber, der für seinen uneigennützigen, vorbildlichen Charakter mit einem Lolli belohnt wird den Du abwechselnd ihm und Dir in den Mund, respektive Maul steckst. Es sind eben die kleinen Gesten die im Leben zählen.

Einen Tag vor der Rückfahrt erreichen wir dann doch noch das anvisierte Minimalziel und Du verkündest Bedürfnis, gefolgt von unmittelbar erfolgreichem Eintreffen an der entsprechenden Örtlichkeit, nebst Verrichtung. Selbstverständlich verwirklicht sich das Geschehene nicht ohne eine gebührende Belobigung seitens Deiner Schwester, die sich postwendend in – eines Zirkusdirektor würdigen Mentalität – emporschwingt und das Erlebte kommentiert.

So jetzt habe ich eine ganze Geschichte zur Miktion formuliert ohne einmal das Wort „Pipi“ zu verwenden. Das kann ich mir für später aufheben, da es mittlerweile August ist während ich dies schreibe und sich das Projekt immer noch im Prozess befindet.

Ja, es stimmt: Jungs brauchen einfach länger!

Geschrieben in San-Giovanni-di-Moriani, Corsica, France.

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Seit zwei Monaten können Eure Großeltern, aus keinem freudigen Grund, leider nicht mehr an der Kinderbetreuung partizipieren. Eure mütterliche Großmutter muss sich mehreren Chemotherapien im Krankenhaus unterziehen und ist in der Folge sehr geschwächt. Das hat zwar in einer fröhlichen Kindergeschichte nichts zu suchen, gehört aber nunmal derzeit zu unserem Leben dazu. Wir machen das Beste daraus und der Dienstag hat sich – soweit möglich – als Besuchstag etabliert. Das führt zwangsläufig zu dem Umstand, daß ich zuhause bin, wenn Sarah Sophie aus der Schule kommt und Eure Nachmittags-Bespassung alleine übernehme. Neuerdings stelle ich mir einen Wecker wenn ich bei einem Kunden vor Ort arbeite um pünktlich zuhause zu sein. Auch eine interessante Erfahrung, funktioniert aber soweit ganz gut.

Morgens nachdem der Schulbus Sarah Sophie abgeholt hat, fahren Leo und ich euren mütterlichen Großvater ins Krankenhaus zu seiner Frau. Das Krankenhaus liegt praktischerweise in der Nähe von Deinem Kindergarten. Da wir Eure Großeltern in Oma und Opa (väterlich) sowie Babuschka und Dedoschka (mütterlich, da schlicht und einfach die russische Bezeichnung für Oma und Opa) unterteilt haben, hat Leo diesen Umstand pragmatisch in einen Satz gepackt: „Baba aua! Opa nein!“ Du kommst da manchmal mit den Sprachen noch etwas durcheinander. Steigen wir morgens ins Auto kommt als erstes die Info vom Rücksitz: „Baba aua! Opa nein!“ Dabei legst du den Kopf etwas beiseite und nickst mit theatralisch hinnehmenden Geste.“ Das ganze wiederholt sich, wenn Dedoschka ins Auto steigt, was zwangsweise zur allgemeinen Erheiterung beiträgt. Und zwei Wochen später wird aus „Opa“ dann auch „Deda“, was vor allem denselben freut. Zum Ritual gehören noch die lustigen Tierkekse, die „Deda“ allmorgendlich mitbringt und Leo sofort ein freudiges Grinsen auf die breiten Backen zaubert. Sind dann auch noch genügend „I-As“ in der Tüte juckeln wir fröhlich futternd los. Ich glaube ja, das Euer Großvater hier heimlich vorsortiert. Wenn ich die gleiche Sorte im russischen Supermarkt kaufe, sind da wesentlich weniger Esel im Sortiment. Außerdem scheinen die Kekse von mir auch bei weitem nicht so gut zu schmecken. Na ja, man kann nicht alles haben. Wir haben uns aktuell übrigens ebenfalls damit arrangiert, daß Du morgens praktisch nichts mehr ißt. Wozu auch wenn es Picknick im Auto gibt. Wie war das nochmal, beim zweiten Kind ist man entspannter. Das hätte ich bei Sarah Sophie in dem Alter niemals mitgemacht.

Ansonsten verläuft der aktuelle Monat ungewöhnlich unaufgeregt für unsere Verhältnisse. Wahrscheinlich hängt das mit dem Umstand zusammen, daß wir in diesen Wochen erstaunlich immobil sind und häufig einfach mal zuhause hocken. Leo entdeckt noch das Tanzen für sich. In Deinem Kindergarten finde ich eines Tages einen Werbeflyer der Tatzentanz-Truppe und denke mir, das passt für Dich. Der Kurs Deiner Altersgruppe findet Samstags statt und somit ist klar, wer da tänzelnd mit Dir die umherschwingt. Das lässt sich natürlich Eure Mutter nicht nehmen. Du bist im Übrigen hier der einzige Junge. Tanzen scheint wohl so ein Mutter-Tochter-Ding zu sein. Das stört Dich aber nicht wirklich. Zum ersten Termin tauchen wir da noch in gesammelter Familienstärke auf, Sarah Sophie wird das „Babyhopsen“ wie sie es nennt, verständlicherweise recht zügig zu fad und die nächsten Termine sind somit für Eure Mutter und Leo reserviert. Die beiden sind jedenfalls nicht zu bremsen und wedeln mit bunten Tüchern zu Schubidubidu umher. Leo bringt das Erlernte auch artig mit nach Hause und schwoft beinahe täglich mindestens einmal durch Eure Zimmer. Als praktisch gestaltet sich da, daß Du verstanden hast wie der schwesterliche CD-Player in Gang zu bringen ist.

Hast Du genug getanzt, wird gerne mal die große Schwester beklettert, sich auf ihrem Rücken positioniert und munter durch die ganze Wohnung „geritten“. Das ganze habt ihr „Copa Copa“ getauft, keiner weiß warum und macht euch beiden offenbar einen Riesenspaß. Jedenfalls könnt ihr damit ganze Nachmittage verbringen und neuerdings wird Leo bereits im Auto auf den Rücken geschultert und zur Haustüre getragen. Wenn es nach Euch ginge müsste Leo auch nicht eigenständig im Treppenhaus die Stiegen erklimmen, aber das ist mir dann doch zu gefährlich und wir haben hier einen Verzicht ausgehandelt.

Dieser Monat steht also ganz im Zeichen Eurer Interaktion untereinander und da kommt Euch natürlich der Umstand zu Gute, daß Leo sich nun doch endlich mal bequemt zaghaft sprechen zu wollen. Ins Bett gehen wir nicht mehr ohne das „Mäh“, einem kleinen abgenutzten Holzbär; Durst avisieren wir mit „Pis, Pis“ und alles was groß ist und über vier Beine verfügt ist ein „La“. Mit „Langsam und mühselig ernährt sich das Eichhörnchen“ beschreibt sich Deine Sprachentwicklung wohl ganz trefflich, aber immerhin passiert überhaupt etwas in dieser Richtung.

Zum Ende des Monats müssen wir dann doch nochmal raus. Da der 1. Mai auf einen Dienstag fällt, Sarah Sophie Montags schulfrei ausgestattet ist wollen wir das lange Wochenende nach Holland zu Sarah Sophies heiß geliebtem Kletterturm fahren. Das überlegen wir uns dann am Freitagmittag kurzfristig anders, da irgendwie das Wetter in Berlin wesentlich besser vorhergesagt ist und juckeln kurzfristig lieber gen Osten. Da warten dann neben Angelina – was schon alleine bei Euch beiden wahre Begeisterungsstürme auslöst – auch noch vier Hunde auf Euch und Leo wähnt sich wieder unter zwei großen Schwestern.

Leo und seine "beiden" großen Schwestern, April 2018, Berlin, D

Leo und seine „beiden“ großen Schwestern, April 2018, Berlin, D

Es kommt also endlich wieder Leben in die Bude – und das wird auch langsam Zeit. Sonst gewöhnt ihr Euch noch an zuhause und wer will das schon?

Geschrieben in San-Giovanni-di-Moriani, Corsica, France.

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Die Frühlingsferien stehen an und wir beschließen in mehren Etappen gemütlich gen Nizza zu fahren um uns dort mit Freunden aus Berlin zu treffen. Zunächst nach Straßburg ins Vaisseau, einem spannendem Wissenschaftsmuseum für Kinder und von dort weiter nach Avignon. Hier folgt der obligatorische Besuch des Papstpalastes, wobei Sarah Sophie wahrscheinlich eher von der – zugegeben eindrucksvollen – multimedialen Präsentation des hiesigen Weltkulturerbe als dem Bauwerk als solchem begeistert ist. Jedenfalls rennst Du mit umgehängten iPad durch die Gewölbe und bekommst auf diesem photorealistische Darstellungen der historischen, prunkvollen Räume angezeigt, wenn Du die nackten, kahlen Wände photographierst. Ich hoffe das Kind und Gerät diverse Stolperfallen halbwegs unbeschadet überstehen. Pfiffig finde ich diese Idee der geschichtlichen Wissensvermittlung allemal und linse Dir des Öfteren über die Schulter.

Nach Genug an Papst- und Gegenpapsttum gehen wir essen und der folgende Stadtbummel wird völlig überraschend zur Shoppingtour der Damen umfunktioniert. Was für eine unvorhersehbare Überraschung. Ich rate an dieser Stelle modisch unaffinen Zeitgenossen dringend vom Besuch französischer Fußgängerzonen ab. Die alternative Umschreibung für: Ich hoffe Leo wird bald wach, damit wir das sich anbahnende Ensemble an Boutiquetüten in seinem Kinderwagen abtransportieren können. Mutter und Tochter in ihrem Element. Ich bin fasziniert wie selbstverständlich eine Sechsjährige mit mehreren Outfits in Umkleidekabinen verschwindet und geschwind umgestylt wieder herauskommt. Das sind Gene, da kann man nichts machen; davon bin ich ab sofort überzeugt und gebe jede Gegenwehr auf. Versprochen!

Ohne französische Boutiquen geht es einfach nicht, März 2018, Avignon, F

Ohne französische Boutiquen geht es einfach nicht, März 2018, Avignon, F

Meine Lieblingsgeschichte zu diesem Thema haben wir übrigens ein paar Tage später in Nizza erlebt: Leo und ich haben uns – Croissant-essend – in eine Bar verkrümelt, während die Damen in der benachbarten Kinderboutique zugange sind. Nach einer halben Stunde schauen wir nebenan mal kurz nach dem Rechten und vernehmen hinter einem Kleiderständer eine rigide, mütterliche Aussage: „Nein, das Kleid kaufen wir auf gar keinen Fall. Das ist viel zu teuer, …“ u.s.w. Ich glaube auch noch ein „Genau so eins hast Du schon im Schrank hängen.“ zu vernehmen während Leo und ich wieder die Bar ansteuern. Pastis beruhigt, da bin ich mir sicher. Jedenfalls spaziert Sarah Sophie eine weitere halbe Stunde mit genau diesem Kleid aus dem Laden gefolgt von Eurer Mutter mit dem Satz: „Ich will nichts dazu hören.“ Muss sie auch nicht, ich kann genussvoll genug grinsen, das reicht.

Doch zurück nach Avignon. Hier ist Leo mittlerweile erwacht und ab sofort schiebe ich bunte Tragetaschen durch die Stadt. Wir dürften für die nächsten Sommer eingedeckt sein.

Ab jetzt in Richtung Côte d’Azur. Irgendwo bei Aix-en-Provence platzt uns auf der Autobahn der linke Hinterreifen und wir hoppeln auf den Standstreifen. Ich wußte, daß ich irgendwann dankbar für den Umstand bin, das optionale Reserverad damals dazu gekauft zu haben. Die Aussage meiner Tochter zu ihrem Bruder: „Schau Leo, der Papa baut ein neues Rad an das Wohnauto damit wir nicht auf der Autobahn wohnen müssen.“ entschädigt mich für das aufschlussreiche Gefühl auf einer Straße zu sitzen während ein, zwei Meter nebenan gerne mal ein 30-Tonner an einem vorbei rauscht. Wie gesagt, es war die linke Seite. Nach einer guten Viertelstunde ist aber ungerufen ein Wagen der Straßenmeisterei zur Stelle und blockiert mal eben die rechte Fahrspur. Mein Sicherheitsempfinden steigt und das ganze ist recht zügig erledigt.

Reifenwechseln direkt auf der Autobahn, März 2018, Aix-en-Provence, F

Reifenwechseln direkt auf der Autobahn, März 2018, Aix-en-Provence, F

Am Nachmittag trudeln wir in der Nähe von Nizza ein und Sarah Sophie umarmt überschwänglich Angelina und Sasha, die neun- und dreizehnjährigen Töchter von Katja und Slava aus Berlin, die bereits angekommen sind und ihren Bungalow auf dem gleichen Campingplatz wie wir bezogen haben.

Angelina – in ihrer Familie die „Kleine“ – entwickelt in den kommenden Tagen ein derart possierliches „Große-Ersatzschwester-Betragen“, daß sich Leo langsam fragen muß wer hier eigentlich noch zu wem gehört. Sarah Sophie und Angelina beschließen selbstverständlich in „Bester-Freundinnen-Manier“ zusammen zu übernachten und somit ist das große Bett über dem Fahrerhaus sofort geblockt indem sämtliche Kuscheltiere, Malutensilien und Nagelacke nach oben bugsiert werden. Gefühlt zwanzig mal pro Tag werde ich ab sofort von Angelina gefragt, wann Leos Windel zu wechseln ist, wann Leo essen muss und wann Leo was weiß ich nicht nicht noch was braucht. Angelina beschließt die „Große Schwester“ zu sein und übernimmt tatsächlich nahezu alle anfallenden Aufgaben im Kleinkindbereich. Erstaunlich entspannt lässt Sarah Sophie sie gewähren – wahrscheinlich wissend, daß es sich hier um ein endliches Projekt handelt und Du beschränkst Dich Deinerseits darauf schlaue Ratschläge in Richtung der neuen „Großen Schwester“ zu geben. Aber nur am ersten Tag.

Danach werden Leos Windeln ungefähr doppelt so oft gewechselt wie nötig und Essen darfst Du auch nicht mehr alleine, denn nun sind ja zwei Mädels im Wettstreit wer hier was besser kann. Stören scheint Dich das hingegen überhaupt nicht. Ich glaube Du isst in diesen Tagen einfach doppelt so viel.

Gerade gerückt wird der interne Familienfrieden übrigens am letzten Tag mit einer einfachen Aussage meines Sohnes: Auf die schier unendlich wiederholte Frage der jungen Damen an Dich „Leo, wen magst Du mehr? kommt stets die gleiche Antwort: „Diss!“ Gefolgt von einer herzlichen Umarmung Deiner Schwester. Warum die nun neuerdings „Diss“ heißt, verrätst Du uns sicherlich irgendwann einmal.

Hinreißend bist Du gleichwohl auf Deine ganz eigene Art. Fragt Angelina Dich dasselbe alleine ohne Deine Schwester in der Nähe, wird sie sogleich umarmt. Hierbei hingegen aber völlig schweigsam – so kann man Dir nicht nachsagen gelogen zu haben.

Charmant mein kleiner Kerl – von wem Du daß wohl hast?

Geschrieben in San-Giovanni-di-Moriani, Corsica, France.

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Wie in jeder anderen Schule auch, herrschen die Verantwortlichen von Sarah Sophies Grundschule ebenfalls über verschiedene bewegliche Ferientage, deren Einsatz einem manchmal nicht so direkt einsichtig ist – zumindest mir. Als ich im vergangenen Jahr einen Brief mit den diversen Terminen der Schule in Händen hielt, habe ich diesen bereits kopfschüttelnd beiseite gelegt, aber in diesem Monat laufen die ersten von besagten Tagen bei uns auf und zwar um Karneval herum.

Die Jüdische Gemeinde zu Düsseldorf beteiligt sich im aktuellen Jahr erstmals mit einem eigenen Wagen am Rosenmontagszug und vermutet wahrscheinlich soviel Aufregung für die Mitglieder, daß sie ihren Grundschülern erstmal drei Tage frei gibt; möglicherweise um einer ordentlichen, brauchtumspflegenden Assimilation erst gar nicht im Wege zu stehen. Soviel rheinisch-jüdischem Weitblick hängt unsere Schule noch einen – ebenfalls schulfreien – Konzeptionstag am Aschermittwoch an und somit hat Sarah Sophie von Freitag bis einschließlich Mittwoch keinen Unterricht und wir somit viel Zeit. In wundersam unspektakulären Verhandlungen verschieben wir Sarah Sophies karnevalsübliche Verkleidungsorgien auf Purim ein paar Wochen später unter Zuhilfenahme des Wissen, daß Ihr dann einen ganzen Tag in der Schule alle verkleidet herumtobt und der Unterricht an diesem Tag ebenfalls ausfällt.

Oder anders ausgedrückt: Natürlich fahren wir weg und zwar nach Marseille. Da ist zwar kein Karneval aber dafür scheint schonmal die Sonne ein bisschen und es ist etwas wärmer. Donnerstag-Abend geht es los und am nächsten Morgen nach ein paar Stunden Schlaf in einem – sagen wir mal interessanten – Hotel bummeln wir durch die Altstadt von Orange kurz vor dem eigentlichen Ziel. Und da ist er das erste Mal – der Satz, der die nächsten Tage bestimmen soll: „Ich auch!“

Rein zufällig finden wir uns alle zusammen in einer Kinderboutique ein, in welcher Eure Mutter mal wieder allerlei Kleidchen, Mäntelchen und Mützchen an Euch ausprobiert und die dringlich benötigten Kleidungsstücke über den Kassentresen schiebt. Leo bemerkt das hier ein Ungleichgewicht in Richtung Schwester vorherrscht und fordert ebenfalls ein neues Hütchen für sich ein, indem er sich einen Sommerhut in zartem Rosa erst auf den Kopf und anschließend jovial neben die Kasse legt. Das „ch“ will noch nicht so richtig über Deine Lippen und so folgt auf der Tonspur zur Handlung ein „Iss auch!“

Weiter gehts nach Marseille. Die Schlüsselübergabe unserer Wohnung am alten Hafen gestaltet sich sehr „französisch“. Ans Telefon bekommen wir unseren Vermieter nicht, aber ein freundlicher Nachbar kennt die Telefonnummer seiner Frau und die Sache läuft. Jedenfalls sind wir gegen Mittag irgendwie angekommen.

Die traditionelle Ausflugsfahrt mit dem Boot zum Château d’If sparen wir uns angesichts einer schier endlosen Schlange am Ticketschalter und verschieben Euren Ausflug auf die literarische Gefängnisinsel auf spätere Jahre. Marseille gehört für Eure Mutter und mich zweifellos zu den Städten, in denen man immer mal wieder absichtlich strandet.

Aber eine Bouillabaisse darf – vor allem für Eure Mutter – natürlich nicht fehlen und so quetschen wir uns am nächsten Mittag in ein hübsches Fischrestaurant vor dem nicht ein freundlich-bestimmender Herr in einem Duzend Sprachen umherkobert und die Speisekarte anpreist.

Dafür nimmt sich der Patron persönlich Deiner an, da Sarah Sophie offenbar vergessen hat, daß sie die vergangenen Jahre durchaus Fisch in allerlei Variationen gegessen hat, aber eben jetzt überhaupt nicht, auf gar keinen Fall, niemals nie auch nur ein Grätentier zu sich nehmen im Stande ist. Ihr einigt Euch auf Spagetti Napoli und alles ist gut.

Wir beschließen für Leo keine gesonderte Portion zu bestellen und wissen bald, daß dies keine direkt gute Idee ist. Das Essen kommt und Leo möchte probieren: Und zwar gleichzeitig, jetzt und hier und vor allem sofort. Da gibt es nichts zu diskutieren und mein Steinbutt reduziert sich zusehends in gleichem Maße wie die Bouillabaisse Eurer Mutter. Leo hat Appetit und fordert die Verantwortlichkeit Eurer Eltern hierfür lautstark ein. Sobald wir Eltern die Gabel heben kommt der immergleiche Weckruf: „Iss auch!“ und Leo stopft sich die Backen voll. Und das meine ich wirklich wörtlich.

Ein aufmerksamer Patron fragt unauffällig, ob hier noch Nachholbedarf besteht, was ich situationsbedingt natürlich bejahe. Zum nächsten Gang meldet sich auch Deine Schwester mal wieder nachdem sie gemütlich in ihrer Pasta umhergedreht hat: „Ich auch!“ ertönt es von der Seite während ich Leo ein Stück gegrillten Fisch in den Mund bugsieren.

Machen wir es kurz: Dreimal Nachschlag, zwei Flaschen Rosé und von beiden Kinderseiten ein synchrones „Ich (Iss) auch!“ während mir die Dessertkarte ausgehändigt wird runden unser Mittagessen stilecht ab.

Zum Abendessen brate ich Leo Fischstäbchen und Sarah Sophie schnappt sich direkt das erste vorweg. „Ich auch!“ bedeutet wohl, daß hier weiteres gefordert wird.

Fischstäbchen mochtest Du übrigens bis dato noch nie – aber bisher hat ja auch noch nie ein kleiner Bruder mir seiner Gabel vor Deinem Gesicht herumgefuchtelt. Bevor noch etwas passiert lege ich nach – und da kommt es auch schon von Euch beiden: „Iss auch!“

Abends, als ihr bereits schlaft, bereite ich das Essen für Eure Mutter und mich. Dem Entkorken einer Flasche folgt sogleich ein wohlbekannte Satz: „Ich auch!“

Helau alle Zusammen aus Südfrankreich.

Geschrieben in San-Giovanni-di-Moriani, Corsica, France.

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Es klingelt das Telefon und ich höre immer den gleichen Satz: „Hier ist die Yitzhak-Rabin-Schule. Sarah Sophie hat Bauchschmerzen und möchte abgeholt werden.“ So, oder so ähnlich geschieht es in diesem Monat mindestens einmal pro Woche. Mal sind es Bauchschmerzen, dann tut der Kopf weh oder Dir ist einfach nur schlecht. Das kann sicherlich mal einfach so sein, aber es häuft sich ordentlich. Nicht selten kommt so ein Anruf mehrfach die Woche.

Wir haben ein Problem. Nur wie sich das lösen lässt ist mir derzeit schleierhaft. Diverse Arztbesuche ergeben stets das gleiche Bild verbunden mit der Kinderarzt-Aussage die wahrscheinlich alle Eltern viel zu oft hören und so ziemlich gar nichts aussagt: „Wir müssen das beobachten!“ Diese Beobachtung verläuft dann in etwas so: Ich danke der verehrten Kundschaft für ihr fulminantes Verständnis während ich meine Tasche packe und mache mich, wie man so schön sagt, „vom Acker“. Dann trudel ich in Deiner Schule ein um Dich meist auf dem Sofa in Eurer Klasse in Empfang zu nehmen. Jawohl in Deinem Klassenraum steht wahrhaftig ein Sofa, damit die kränkelnde Schülerschaft nicht auf ihren Stühlen hocken muss. Eigentlich ganz sinnvoll, sieht aber irgendwie ulkig aus. Deine Klassenlehrerin, Frau Winterbach, informiert mich kurz über den Verlauf und dann trage ich Dich für gewöhnlich zum Auto. Sind wir zuhause, wird es manchmal besser, nicht selten rufe ich aber am folgenden Morgen Deine Schule und den Schulbusfahrer an um dich für den jeweiligen Tag zu entschuldigen.

Mir schwand übles. Absichtliches Vortäuschen körperlicher Gebrechen um dem Schulbesuch zu entgehen traue ich Dir aber nicht wirklich zu und Deine Verlautbarungen klingen auch durchaus glaubhaft. Doch was ist zu tun? Wenn Du nicht einen riesigen Berg nachzuholender Seiten in Umi-Fibel und Co anhäufen und ich meine Kundschaft nicht in Mitbewerber-Hände treiben möchte braucht es eine Lösung – und zwar zeitig. Zum Thema Bauchweh schleppt Dich Eure Mutter zum Ernährungsguru Nummer eins, der sich unter anderem dafür verantwortlich zeichnet, daß Eure Mutter einen derart individuellen Speiseplan befolgt, daß sogar ich überrascht bin, was es so alles für spannende Produkte zu kaufen gibt.

Der diagnostiziert nach einem vollständigen Stoffwechselscreening allerdings lediglich eine leichte Lactose-Intoleranz und gibt aus Speisezettel-Sicht grünes Licht. In der nächsten Woche hast Du Rückenschmerzen und wir fahren von der Schule direkt zum Kinderarzt. Der wiederum diagnostiziert eine sogenannte „Blockade“, welche sich aber mit osteopathischer Behandlung beheben lässt. Unpraktischerweise hat die dazugehörige Fachfrau erst in sechs Wochen einen Termin frei und ich telefoniere mit Eurer Mutter um Alternativen zu erörtern. Die wiederum erklärt ihren Kunden nun wiederum, daß es an der Zeit ist sich gerade mal zwei Stunden alleine zu beschäftigen und hängt sich ans Telefon.

Am Nachmittag kommt die Info, daß Du um 17 Uhr einen Termin bei Svetlana hast, die sei zwar keine Ärztin sondern Physiotherapeutin, genieße aber das volle Vertrauen Eurer Mutter – die sie überhaupt nicht kennt – denn ihre Kenntnisse seien sehr fundiert und überhaupt hat sie schon vielen Bekannten von Bekannten geholfen. Diese doch gewiss mehr als beruhigende Aussage, gepaart mit dem pragmatischen Lösungsansatz: „Es gibt heute noch einen Termin!“ überzeugen mich selbstverständlich in größtmöglichen Umfang.

Svetlana ist Anfang/ Mitte fünfzig und schließt Dich vollends in Ihr Herz und an die Sprossenwand. Nach einer Viertelstunde wird mir eine seitliche Verkrümmung Deiner Wirbelsäule, eine sogenannte Skoliose, diagnostiziert und weitere zehn Minuten später bin ich über die klinischen Möglichkeiten hierzu vollends informiert. Die hierfür in Frage kommenden Fachklinik zur endgültigen Diagnose und dem darauf folgenden Behandlungsplan liegt in einer thüringischen Kurstadt 350km entfernt und zwei Wochen später hast Du dort einen Termin.

In der Zwischenzeit vernehme ich noch zwei oder dreimal den vertrauten Satz „Hier ist die Yitzhak-Rabin-Schule, usw.“ und verbringe den Tag mit Dir zuhause. Optimale Sportarten sind hier übrigens Klettern, Reiten und Schwimmen. Klettern gehst Du ohnehin jeden Mittwoch, im Schwimmbad sind wir regelmäßig und das Thema Reiten, hast Du jetzt mit Deiner so ganz eigenen Art charmant besetzt:

„Papa, wenn das jetzt so gut für meinen Rücken ist, dann bekomme ich doch ein eigenes Pferd, oder? Das ist doch jetzt wichtig!“ Wir verhandeln zunächst einen regelmäßigen Besuch Deiner geliebten Ponyfarm und das Thema ist erstmal vom Tisch. Bemerkenswert finde ich die Schlussfolgerung aber allemal.

Die thüringische Medizinalfahrt absolvierst Du mit Eurer Mutter um dort zu erfahren, daß es eben doch keine Skoliose ist sondern Du über einen unzureichenden Muskelaufbau verfügst, dem mittels gymnastischer Sportaktivität aber beizukommen ist. Wie das allerdings nach drei Jahren Waldkindergarten und Deinem ausgeprägten Bewegungsdrang überhaupt sein kann wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

Ein paar Tage zuvor, wurde ich übrigens auf dem Schulhof von einer burschikosen Dame angesprochen, die mir eröffnet Sarah Sophie müsse unbedingt in ihren Gymnastikkurs am Montag-Nachmittag nach der Schule angemeldet werden. Auf meine Nachfragen, warum, weshalb, wieso blickt mich die Dame irritiert an, zeigt auf Dich und antwortet kopfschüttelnd „Ja, sehen sie denn nicht, daß Gymnastik für sie perfekt ist – so sportlich wie sie ist. Schicken sie sie zu mir! Bis nächsten Montag, 15:45 Uhr hier in der Turnhalle.“ Das nenne ich aktive Kundengewinnung und fühle mich etwas überfahren.

Über dieses Gespräch informiere ich Eure Mutter wiederum auf der Rückfahrt von der thüringischen Klinik und sie schafft es doch tatsächlich innerhalb der vierstündigen Rückfahrt besagte Dame ans Telefon zu bekommen. Was auf dieses Telefonat folgt bedarf wohl keiner gesonderten Erwähnung. Am kommenden Montag sind wir folglich zum Schnupper-Turnen bei Ludmilla, die sowohl von Alter als auch Tonfall her bereits sowjetische Kunstturner zu Olympiareife gepeitscht haben dürfte. Aber ich muss zugeben, das Ganze sieht recht effektiv aus und scheint für unser Problem perfekt geeignet. Sarah Sophie braucht noch einen zweiten Anlauf um sich mit Schwester Rabiater zu arrangieren, aber dann ist alles gut und wir sind überraschend auch noch Mitglied in einem jüdischen Sportverein.

Sarah Sophies und Leos erster gemeinsamer Sportverein, Januar 2018

Sarah Sophies und Leos erster gemeinsamer Sportverein, Januar 2018

Ja, und zwischendurch hat mich auch mal jemand anderes angerufen – klang aber ähnlich: „Hier ist der Kücken und Co.-Kindergarten. Der Leo fühlt sich nicht gut und möchte abgeholt werden.“

Aber jetzt gebt schon zu, ihr habt Euch abgesprochen – die Anrufe kommen nie zeitgleich. Ist auch praktischer; wer braucht denn schon zusätzlich noch ein kränkelndes Geschwisterchen zuhause. Neuerdings tauche ich übrigens Dienstags mit Leo hier zum Eltern-/ Kind-Turnen auf. Vielleicht nur prophylaktisch, aber ich fühle mich irgendwie vorgewarnt. Und da ist die große Schwester natürlich in der ersten Reihe ebenfalls mit dabei.

Angerufen hat mich seither übrigens keiner mehr. Die Sache scheint zu laufen

Geschrieben in Sérignan, Occitanie, France.

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Es wiederholen sich Dinge auch in unserer Familie. Eure Mutter hat die vergangenen Jahre artig – wenn auch unter missmutigem Protest – die Winterferien in Österreich ertragen um der notwendigen sprachlichen Verständigung von Sarah Sophie und ihrem jeweiligen Skilehrer nicht im Wege zu stehen. Nach vier Skikursen in drei Jahren hast Du verständlicherweise aber auch mal genug von Skischulen und bereits im Sommer verkündet, ab jetzt nur noch mit mir zusammen auf den Berg zu ziehen.

Somit geht es also mal wieder nach Samoëns in die französischen Alpen. So schön Tiroler Pisten auch sind, ich muss Eurer Mutter uneingeschränkt Recht geben, daß das kleine Örtchen am Grand Massif doch irgendwie charmanter ist als beispielsweise der Söldener Apré-Skizirkus. Zumindest für frankophile Familien mit Kindern. Also packen wir unseren Campingbus voll und juckeln zu Beginn der Winterferien einfach mal los.

Die ersten Tage komme ich allerdings nicht auf der Piste ins schwitzen sondern von den täglich etwa vier Stunden die ich damit verbringe unseren Bus und die direkte Umgebung von gefühlten Tonnen an Schnee zu befreien. Oder anders ausgedrückt: Es schneit nonstop und zwar Tag und Nacht. Am dritten Tag wird es schlagartig wärmer und es gesellt sich Regen dazu damit das ganze dann rundum matschig werden kann. Kurzum: es könnte optimaler laufen. Wenn wir (mit unserem Campingbus) zum Einkaufen müssen, kommen wir nicht mehr aus eigener Kraft vom Fleck, da der Boden derart aufgeweicht ist, daß hier die Hilfe des lokalen Traktors vom Campingplatz von Nöten ist. Der fährt im Prinzip den ganzen Tag durch die Gegend um Irgendwo jemanden zu befreien. Solche Geschichten kann wahrscheinlich jeder erzählen, der auch im Winter auf einen Campingplatz fährt. Abgehakt, kennen wir jetzt auch.

Nach fünf Tagen scheint endlich die Sonne und es geht natürlich auf den Berg. Das wir hier nicht die einzigen sind ist klar und die tagelange Warterei macht die Pisten nicht leerer. Sarah Sophie und ich stehen aber tapfer am Lift an um dann bereits ab 2.000 Höhenmetern vollständig vereiste Abfahrten vorzufinden und Du dich – wie man so schön sagt – mehrfach „lang“ machst und langsam die Begeisterung an der ganzen Geschichte verlierst. Also schlittern wir wieder zurück auf das Plateau auf dem Eure Mutter mit Leo Ihr Basislager im Liegestuhl vor der Hütte bezogen hat. Ich fahre noch ein paarmal alleine – aber Spaß machen ist anders. Zumindest scheint die Sonne und wir beide fahren dann eben unaufhörlich die hier umliegenden „Babyhügel“ herunter. Winterliche Schadensbegrenzung könnte man sagen.

Aber ich wollte ja über Wiederholungen berichten: Eure Mutter konnte es damals nicht abwarten bis Sarah Sophie das erste Mal auf Skiern steht und kam, als Du zwei Jahre alt warst, mit diesen lustigen Gerätschaften, welche man unter normale Winterschuhe schnallen kann, hier aus einem Geschäft anspaziert. Die haben die vergangenen Jahre in der Garage verbracht und werden aktuell wieder am zweiten Kind reaktiviert. Und genau das findet Leo großartig. Wie man sich mit untergeschnalltem Wintersportgerät so fortbewegt wird Dir ja sozusagen direkt vor der Nase vorgemacht, also heißt es ab sofort „Papa komm“ und wir schieben uns gemeinsam im Zeitlupentempo über den Schnee. Sarah Sophie entdeckt unterdessen eine kleinen Hang und testet diesen derweil auf „Leo-Tauglichkeit“ wie mir berichtet wird. Nachdem Du genau das bestätigst muss der kleine Bruder mit seinen „Rutscheskiern“ also mit da runter was auch nach einigen Umfallern ganz manierlich gelingt. Den meisten Spaß scheinst Du allerdings daran zu haben sich immer wieder ein paar Meter von links nach rechts an uns alleine vorbeizuschieben, dann fachgerecht umzudrehen und das ganze wieder von der anderen Seite in Angriff zu nehmen.

Leos erster "Skitag", Dezember 2017 - Sarah Sophie, Dezember 2013, Samoëns, F

Leos erster „Skitag“, Dezember 2017 – Sarah Sophie, Dezember 2013, Samoëns, F

Wie sich doch die Bilder gleichen. Eure Mutter steht unterdessen mit der umherstehenden Nachbarschaft im Dialog um wahrscheinlich rein zufällig hoch erhobenen Hauptes zu betonen, daß Du zum einen gerade erst zwei geworden bist und zum anderen heute Dein allererster Tag auf den lustigen roten „Bretteln“ ist. Auch dieses Bild kommt mir sehr bekannt vor.

Mutterstolz scheint im übrigen recht ansteckend zu sein. Am kommenden Tag kommen uns im Dorf die Interessierten vom Berg mit entsprechendem neugekauftem Gerät entgegen.

Den nächsten Tag regnet es mal wieder und am daran anschließenden Sylvestertag ist es zwar trocken aber auf dem Berg derart nebelig das die Abfahrt ein kompletter Blindflug wird und Sarah Sophie endgültig keine Lust mehr hat die Skischuhe anzuziehen. Und das heißt bei Dir schon wirklich etwas. Gefühlt besteht der diesjährige Winterurlaub aus dem einen beschrieben Sonnentag an den Anfängernhügeln. Ein Hauch von Sauerland-Feeling macht sich da breit. Eure Mutter und ich haben ebenfalls die Nase gestrichen voll und überlegen nach Alternativen.

Vorzeitig nach Hause fahren kommt bei uns per Definition schon nicht in die sprichwörtliche Tüte und ein Blick auf Wetterbericht und Landkarte eröffnet allen Ernstes knapp 20 Grad bei Sonnenschein in 500 km Entfernung. Da muss nicht mehr überlegt werden, Eure Mutter räumt auf und ich hole den Traktor.

Am nächsten Tag sitzen wir in Nizza am Strand, machen Picknick und prosten uns mit einem Rosé zu. Der hat dann so ungefähr die gleiche Temperatur wie der Schneematsch der letzen Tage, fühlt sich aber um Längen besser dabei an.

Winterurlaub - Plan B, Januar 2018, Nizza, F

Winterurlaub – Plan B, Januar 2018, Nizza, F

Und auch diess Bild kommt mir schon wieder sehr bekannt vor.

Frohes neues Jahr!

Geschrieben in Roggel, Limburg, Netherlands.

posted by on Das sechste Jahr, Von Geburt an

Es war klar, daß es kommt, aber die Geschwindigkeit wundert mich dann doch. Sarah Sophie ist bis jetzt völlig religionsfrei aufgewachsen und erzogen worden und auch sonst frei von institutionellen Religionsdogmen sozialisiert. Aber eben nur bis jetzt. Vier Wochenstunden Religionsunterricht und eine neunjährige beste Freundin in der Schule, die mir persönlich einmal gesagt hat wir müssen aufpassen was wir sagen, hier seien überall Christen in der Nähe, tragen einfach mal Früchte. Und das für gewöhnlich – wann auch sonst – am Freitag Nachmittag.

Die ersten Shabbat-Kerzen hast Du noch aus der Schule mitgebracht und dich damit zufrieden gegeben diese eben einfach mal anzuzünden. Aber dann haben wir eigene gekauft und da wir derzeit Winter haben, wiederholt sich jeden Freitag irgendwann um kurz vor fünf das gleiche Ritual. Eure Mutter ist zu dieser Zeit für gewöhnlich noch nicht zuhause sondern lungert ganz unorthodox in irgendeiner Airport-Lounge umher, tippt verbotenerweise meist noch emails an die Kundschaft und schert sich auch sonst recht wenig um irgendwelche mosaiche Verbote – was wiederum Sarah Sophie zur Überzeugung verhilft, daß sie ja nun die Frau im Haus ist und es somit ihr zusteht die Shabbat-Kerzen zu entzünden. Soweit so gut. Eine etwas freie Interpretation des Alters aber irgendwie schlüssig.

Leo holen wir also Freitag früher aus dem Kindergarten ab, nicht das er noch mitansehen muss, wie sein Vater zu Beginn des Shabbat ein Auto lenkt oder ähnlichen Gebotemissbrauch betreibt und Sarah Sophie nordet ab dann die versammelte Familie religiös ein. Aber eben mit Deiner ganz eigenen Interpretation. Ich habe Dir diese riesigen, langen Streichhölzer gekauft um erstens zu verhindern das Du dich schlicht verbrennst und zweitens sieht das ganze damit irgendwie noch gehaltvoller aus als mit den mickrigen kleinen Zündhölzchen.

Und es kann schonmal passieren, daß Du das Entzündungsritual ein halbes Duzend mal wiederholst, da irgendetwas nicht so ist wie es zu sein hat. Wir wünschen uns allen „Shabbat shalom“ und essen meist Challa was bei Leo wiederum wahre Begeisterungsstürme auslöst, da ich für gewöhnlich die Version mit den dicken Zuckerkugeln oben drauf kaufe. Aber so ein Feiertagsbeginn soll ja auch Spaß machen.

Sarah Sophie und "Ihr" Davidstern, November 2017, Düsseldorf

Sarah Sophie und „Ihr“ Davidstern, November 2017, Düsseldorf

Deine Kette mit dem Davidstern trägst Du übrigens neuerdings fast täglich und vermutlich werde ich nicht zuletzt deswegen ständig nach den bevorstehenden Feiertagen befragt. Da es bekanntlich im Judentum davon mehr als genug gibt und es in der Schule dann auch immer etwas zu feiern gibt sind aktuell noch alle Beteiligten mit dem Umstand hochzufrieden. Allen interreligiösen Vätern mit jüdischem Nachwuchs empfehle ich an dieser Stelle die „Local-Candle-Times“-Funktion auf chabad.org. Hilft – vor allem unterwegs – ungemein.

Wenn wir uns dann alle ein paar Minuten besinnlich genug gefunden haben, schleppen wir die brennenden Kerzen noch möglichst vor Sonnenuntergang in Dein Kinderzimmer, da sie – aus Gründen säkularer Brandprävention – nicht unbeobachtet im Wohnzimmer alleine vor sich hin kokeln sollten und aus religiösen Gründen eben nicht mehr bewegt oder ausgelöscht werden dürfen und schon nimmt allerlei diverses weltliches Spielzeug wieder den gebührenden Raum für Euch beide ein. Selbstverständlich möchte auch Leo mit den Zündhölzern hantieren und hier brauche ich überraschend überhaupt nicht tätig zu werden, denn Deine große Schwester erklärt Dir mit hingebungsvoller Ruhe in immer gleicher Rhythmik das gebotene weibliche Vorrecht auf eben diese Tätigkeit. Hierbei klingt schon Deine Stimme irgendwie sakraler als sonst. Den Teil mit den anderen Haushaltsvorbereitungen die traditionell ebenfalls von der Frau des Hauses an diesem Tag erledigt werden hast Du sicherlich rein zufällig außer Acht gelassen, denn das scheint Deiner Meinung nach nicht weiter notwendig zu sein wie Du mir erklärst, denn schließlich kommt bereits am Donnerstag ja Larissa zu uns und feudelt die Wohnung standesgemäß sauber. Erklärt wird mir das dann so: „Papa, Larissa ist ja auch eine Frau – damit ist doch alles wieder gut.“ Ich gehe davon aus, das Du dir das rabbinisch in der Schule hast absegnen lassen und zweifle das hiermit nicht mehr an.

Zum Abend hin erscheint für gewöhnlich Eure Mutter auf der Freitag-abendlichen Bildfläche und bei Familie Reichmann zieht mit Ihrem Klingeln (!) wieder eine gehörige Portion Laizismus ein. Vermutlich deswegen haben wir bei uns irgendwie das Gebot etwas an Bedürftige zu spenden familienintern individuell-optimiert uminterpretiert.

Jedenfalls zaubert jeden Freitag-Abend – also zu Shabbat-Beginn – Eure Mutter aus ihrem Koffer einige Geschenke für Euch beide. Wahrscheinlich seit Ihr die Bedürftigen und Eure Mutter befolgt so Ihre Mizwa.

Sitzen wir dann alle zusammen zum Abendessen am Tisch kann es schonmal passieren, daß sich Sarah Sophie wie selbstverständlich etwas ihrer Lieblingssalami auf die Challa legt. Dann schmunzeln wir alle ein bisschen ob des gebotenen Schlamassel aber so ist das bei soviel Cross-religiösen-Input. Da muss sich eben jeder etwas bewegen.

Shabbat Shalom Euch allen!

Geschrieben in Marseille, Provence-Alpes-Côte d'Azur, France.