Der 135./ 83. Monat – Kein Fußball an Bord

Ihr habt es fast geschafft. Also Eure Mutter und Sarah Sophie. Nach gefühlten Jahren hartnäckigstem Belatschern stehe ich unmittelbar vor Aufgabe meiner strikten Ablehnung gegen das Bohren von Löchern in irgendwelchen Körperteilen. Da bin ich vielleicht etwas anachronistisch oder wie es Eure Mutter so schön ausdrückt „so furchtbar deutsch“, aber mir will es nunmal nicht einleuchten wozu man sich Löcher in Ohren schiessen läßt um anschließend irgendwelchen Nippes daran zu hängen. Vornehmlich überhört wird selbstverständlich ebenfalls mein zartes Argument, dieses gemeine Ohrloch dürfte hiernach als Blaupause für irgendwelche Piercing-Unwesen herhalten. „Alles Quatsch natürlich!“ beschwören mich die größten Vollzeit-Prinzessinnen-Kulleraugen die es gibt. Und natürlich habt ihr irgendwann Euren Willen bekommen und zwar genau jetzt. Kurz vor den Herbstferien haben wir einen Termin bei der Ohrenärztin mütterlichen Vertrauens und die Sache ist vom Tisch bzw. ein Loch in jedem Ohr. Praktisch der Zeitpunkt, so lässt sich in den anstehenden Herbstferien jeweils vor Ort nach geeignetem Füllmaterial Ausschau halten um eben jene Löcher hübsch dekorieren zu können. Ein Schelm, wer Böses denkt.

Womit ich beim eigentlichen Thema ankomme: Der Wahl des Ferienziels für die Herbstferien. Sarah Sophie möchte gerne mindestens eine weitere Hauptstadt „sammeln“, Eure Mutter auf keinen Fall zwei Wochen am gleichen Ort hocken, ganz gleich wo der sich auch befindet und Leo ausnahmslos Fussball spielen, gleichermaßen völlig egal wo. Ach ja und Emma muss natürlich ebenfalls mit.

Wir entscheiden uns für einen italienischen Roadtrip unter maritimer Zuhilfenahme zweier Fähren. Die sind das ausgehandelte Zugeständnis an Leo nachdem er von mehr als drei Städten hören durfte, was bei Dir neuralgisch eine vollständige Aufgabe jedweden Interesses mit einhergehendem Partizipationsstop bedeutet. Schiffe gehen aber immer. Das hast Du wahrscheinlich von mir.

Erste Station ist Pisa. Natürlich muß der arme schiefe Turm auch im Hause Reichmann für die üblichen Kitschbilder herhalten, will heissen Sarah Sophie und Eure Mutter geben sich mächtig Mühe besonders albern auszusehen. Es sei gesagt: Hundertprozentig gelungen. In der Zwischenzeit klettert Leo über den Zaun um auf die freie Rasenfläche zu gelangen und beginnt mit seinem Ball umher zu kicken. Und das scheint ansteckend zu sein. Jedenfalls bist Du nicht lange alleine und zwei italienische Jungs, deren Eltern sich in ähnliche Schnappschusspositionen bugsieren, stehen plötzlich ebenfalls auf dem Platz. Denn das ist ab sofort nicht mehr irgendeine Wiese sondern ein weihevoller Fussballtempel. Jedenfalls spielt hier gerade Italien gegen Deutschland. Leo ist in seinem Element und auf einmal ist so ein Städtetrip überhaupt nicht mehr so furchtbar wie angenommen. Die patrouillierende Polizia Locale interessiert sich freundlicherweise überhaupt nicht für das laufende Länderspiel, was wahrscheinlich daran liegt, daß der Pfosten welcher das ausgewiesene Verbotsschild trägt, aktuell eben den linken Torpfosten und nicht mehr nur ein schnödes Verkehrsschild markiert. Das haben die Beamten sicherlich direkt erkannt und entsprechend gehandelt, also eben nicht. Sympathisches Land.

Wir fahren weiter nach Rom. Das Colosseum arbeitet Sarah Sophie in Rekordgeschwindigkeit ab. Einmal davor posieren, Foto gemacht und weiter gehts. Auf meine Frage, ob Du da denn nicht hinein möchtest um dir das Ganze von innen anzusehen bekomme ich nur eine knappe Antwort: „Papa, ich nehme in der siebten Klasse doch sowieso Latein, da fahren wir dann doch eh mit der Schule hierhin.“ Das Du Latein als nächste Fremdsprache wählen möchtest ist mit bewusst, daß der Latein-Kurs gleich einen Ausflug an den Tiber macht ist mir allerdings neu. Nicht schlecht, ich bin damals nur bis Xanten gekommen. „Suum cuique.“

Auf dem Platz vorm Vatikan wiederholt sich das Pisa-Prinzip nur ohne Rasen und während Leo fröhlich umherkickt stolpern wir über einen Pilger aus Hamburg der uns hier mal kurz die gesamte Architektur im Schnelldurchgang erläutert inklusive Hinweis hinter welchem der hunderten Fenster für gewöhnlich der Papst residiert. Das wollten wir zwar gar nicht wissen, aber jetzt sind wir dafür extrem sachkundig. Warum auch immer. Hier begnügt sich Sarah Sophie ebenfalls mit einem kurzen Schnappschuss. Auf meine Frage, ob der Lateinkurs in Zukunft hier ebenfalls vorstellig wird erwiderst Du nur „Nö, ich glaube nicht. Aber das ist doch alles christlich hier, oder?“ und lieferst die Ursache für dein überschaubares Interesse gleich mit: „Dann muss ich das ja alles gar nicht wissen.“ Das ist dann wohl pragmatisch-jüdischer Subjektivismus, oder so was Ähnliches. Thema, jedenfalls durch.

Die nächste Stationen heißen Neapel und Pompeji. Und ja, es ist genau das gleiche. Leo kickt so ziemlich überall herum und der Rest widmet sich einer fröhlichen Mischung aus Kultur und Konsum. Alles ziemlich unaufgeregt.

Hauptsache Fußball – egal wo, Oktober 2022, Cefalù, I

Auf der Fähre von Neapel nach Palermo haut Leo aber dann doch noch einen raus: „Endlich sind wir wieder auf einem Schiff. Und ganz ohne Fußball, cool.“

„Alles ok bei Dir, kleiner Mann?“

Wieder Du: „Keine Angst Papa, morgen geht es weiter. Aber heute ruhe ich mich mal aus. Das machen Fußballer so.“

Man bin ich froh, daß wir zurück nach Genua ebenfalls mit der Fähre fahren. Aber ich glaube auf dem Schiff gibt es einen Fußballplatz.

Was Du wohl damit anfängst? An- oder Abpfiff kleiner Mann? Ganz klar, deine Entscheidung.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 134./ 82. Monat – Bruchrechnen

Sarah Sophies Geburtstagspartys nehmen allmählich gästemäßig überhand. Also zahlenmäßig, und organisatorisch. Ein Schelm wer ernsthaft denkt wir hätten im vergangenen Jahr bereits die Spitze des Eisberges erreicht. Da hast Du bedingt durch den Wechsel von Grundschule zum Gymnasium erst im Oktober gefeiert, da Du verständlicherweise erst mal gucken wolltest, wen Du aus der neuen Schule denn so einladen möchtest. Jedenfalls hatten wir im Endeffekt knapp 30 Kinder auf einer Indoorkartbahn um gemeinschaftlich den „Kartführerschein“ zu erlangen. Trotz einiger Blessuren war das Ganze damals ein voller Erfolg, zumindest bin ich mehrfach während irgendwelcher Schulveranstaltungen mit dem Satz begrüßt worden: „Ach ihr wart daß mit dem imposanten Geburtstag.“ Nun aber genug des „Selbst-auf-die-Schulter-Klopfens“ und zurück zum geburtstäglichen Tagesgeschäft im laufenden Familienjahr.

Du hast Dir in den Kopf gesetzt im Prinzip die selbstorganisierte Abschlussklassenfahrt der Grundschule mit Camper und Zelten zu wiederholen, allerdings mit geringfügig erhöhter Gästezahl. Nämlich fast mehr als doppelt so viele, sprich zelten, Bananenbootfahren, Discoschwimmen und was man noch so alles am Leukermeer anstellen kann. Zu Erinnerung, hier in der Marina liegt unser Boot mit angeschlossenem Campingplatz. Ich versichere Dir, daß es weder organisatorisch machbar, noch logistisch sinnvoll ist mit knapp 50 Kindern zelten zu gehen, möchte man nicht noch ein eigenes Animationsteam dazu bitten. Auf die Idee mir das auch noch aus der Tasche zu leiern kommst Du aber freundlicherweise nicht, wofür ich Dir hier ausdrücklich Respekt zolle und auch noch sehe wie Du dich in Demut und Bescheidenheit übst.

Das geht dann übrigens so: Einsichtig ob der Unvereinbarkeit von Quantität zu Qualität des Geburtstagsprojektes biete ich Dir an entweder die Gäste zu reduzieren oder nach irgendeinem Plan B Ausschau zu halten, in der felsenfesten Überzeugung das es nichts realistisches gibt, was man mit einer solchen Menge Kindern anstellen kann.

Das stellt sich bereits am nächsten Morgen als folgenschwerer Irrtum heraus: „Papa, guck mal, wenn wir an einem Tag 48 Kinder haben und das natürlich zu viel ist, du aber sagst 20 Kinder sind OK, dann stell dir das mal als Bruchrechnung vor. Ich erkläre es Dir!“ Ich bin gespannt auf die folgende Modelrechnung:

Nun wieder Du: „48 Kinder sind 48:1, also Achtundvierzig-Eintel.“ „Soweit korrekt?“ fragst Du vorsichtshalber nach um sicherzugehen, daß ich mathematisch auf Quinta-Niveau folgen kann. Ich bestätige kopfnickend. „So, dann erweitern wir den Bruch mit 3 und bekommen 16/3 (Sechzehn-Drittel).“ „Wieder korrekt?“ Wieder bestätige ich nickend. Dann wieder Du, sichtlich sicher dein gestecktes Ziel zu erreichen: „Die 48 also 16 sind ja die Kinder und die 1 bzw. 3 die Tage? Da 16 unter 20 liegt brauchen wir also nur 3 Tage vor Ort zu sein und daß wiederum passt doch perfekt, weil Du ja gesagt hast man muss auf dem Campingplatz immer mindestens 4 Tage reservieren. Damit bleibt ja sogar noch jeweils ½ Tag um auf- und abzubauen. Ist das nicht toll, dann müssen wir niemandem absagen.“

Das ist es selbstverständlich ohne jeden Zweifel zumal Du ganz zufällig die groben Eckdaten der Gästeumverteilung mitlieferst: „Am Freitag fahren wir nach der Schule mit meinen Freuden vom Gymnasium nach Holland, bauen die Zelte auf, wir übernachten von Freitag auf Samstag und so weiter. Samstag morgen kommen dann meine Freunde aus der Grundschule, wir feiern alle zusammen, „das Gymnasium“ fährt Samstagabend wieder nachhause, die „Grundschule“ übernachtet von Samstag auf Sonntag und am Sonntagmorgen kommen dann unsere anderen Freunde, die nicht aus den Schulen sind und bleiben bis abends. Also die, die Du immer „Bestandskunden“ nennst.

„Ist das nicht großartig?!“

Zweifelsfrei Prinzessin und rein rechnerisch absolut korrekt. Schön finde ich ja, daß zu meiner Schulzeit solche Rechnungen mit Kindern und Äpfeln oder Kuchen textlich konkretisiert worden sind, aber das ist dann wohl heutzutage eben anders. Das muss man akzeptieren. Und apropos akzeptieren: Wer schon derart eloquent mit Brüchen jongliert bekommt natürlich was er möchte. Zur großen Überraschung aller, veranstalten wir tatsächlich diesen dreitägigen Geburtstag. Das ausschlaggebende Argument war wahrscheinlich die Überlegung Eurer Mutter nicht zu wissen wer sonst auszuladen wäre und dem kann ich natürlich nur zustimmen.

Hell-Dunkel, Hell-Dunkel, Hell-Dunkel: Geburtstag geschafft, September 2022, Leukermeer, NL

Für den gymnasialen Teil sind übrigens ausschließlich Mädchen zugegen und wir dürfen schonmal einen Ausblick darauf bekommen was noch kommt wenn aus prä-pubertierenden irgendwann real existierend pubertierende Teenager werden. Oder anders ausgedrückt, ich bin nicht unglücklich als nur noch die Grundschule zur anstehenden Übernachtung bleibt. Das sind nämlich ganz und gar ausnahmslos nur Jungs.

Bedeutet übersetzt: Du wirst hofiert und es ist Ruhe an Bord.

Also, nächste Jahr garantiert wieder nur einen Tag. Und da ist mir fast egal was das dann kostet.

Achtung Vollzeitprinzessin: Ich betone fast(!).

Herzlichen Glückwunsch.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 133./ 81. Monat – Kühlen hilft

Der „richtige“ Sommerurlaub findet mal wieder auf Korsika statt. Das hat elementar mit dem Hund zu tun. Die ersten Sommerferien mit Emma führen uns zwangsläufig wieder auf die Insel, da ihr beide völlig irritiert seid, daß in der Hauptsaison Hunde zwar auf vielen Campingplätzen erlaubt sind, nicht aber an den dazugehörigen Stränden. Eine Logik die sich zugegebenermaßen auch mir nur schwer erschließt, aber nunmal so Bestand hat. Wer von uns dann im Zweifelsfall nicht mit an den Strand kommt dürfte klar sein und ich kann ja nicht drei Wochen lang mit dem Hund an der Bar Urlaub machen. Das bekommt wahrscheinlich weder Hund noch Herrchen auf Dauer. Also lässt uns die korsische Entspanntheit mit der Hunde-Strand-Problematik wieder die Insel anlaufen. Denn hier gibt es schlicht keine derselbige und Emma tobt täglich mit Euch im Meer.

Am vierten Tag kapiert dann auch ein Labrador das es Wasser gibt was man nicht trinken kann. Sagen wir mal so, bei unseren Spaziergängen brauche ich keine Tütchen mehr sondern eine Schaufel. Ich glaube es gibt schlauere Hunde.

Wir vertrödeln mit gekonntem Nichtstun die folgenden Tage und man kann schon sagen es passiert gefühlt gar nichts. Das kommt erst nachdem wir wieder zu Hause sind und geht so:

Ich meine mich zu Erinnern: Es war auf der Rückfahrt aus den Frühlingsferien. Da kam Eure Mutter auf die Idee, daß Sarah Sophie unbedingt ein Wakeboard braucht. Die Begründung bestand darin, daß das Projekt „Wasserskilaufen“ bei Dir nicht so ganz erfolgreich verlaufen ist. Du hast es versucht, es hat geklappt und seitdem liegen deine Wasserski in der Garage und warten darauf das Leo in das entsprechende Alter kommt. Du findest Wasserski irgendwie langweilig und das bedeutet in die Sprache Eurer Mutter übersetzt: „Das ist doch viel zu uncool. Das war vielleicht zu deiner Zeit hipp, heute fährt man Wakeboard!“ Alles klar – also genau wie im Winter. Wer fährt denn schon Ski, man boardet selbstverständlich. Das väterliche Auslaufmodell kann natürlich beides nicht und hat seine Jugend stets auf Skiern verbracht. Im Winter auf Zweien, im Sommer auf einem hinterm Boot. Aber das war natürlich in den 80er, also nicht nur gefühlt in einem anderen Jahrhundert.

Ich gehe natürlich davon aus, hier werden wir jetzt an den kommenden Wochenenden in Holland mittels unseres Bootes tätig. Aber weit gefehlt. Aus der ganzen Nummer wird ein „Mutter-Tochter-Happening“ und Eure Mutter bucht ein Wochenende an „der“ Wakeboardanlage irgendwo zwischen Weserbergland und dem Teutoburger Wald. Da Eure Mutter unseren Camper nicht fahren mag reisen die Damen mit leichtem Gepäck und Zelt auf den dazugehörigen Campingplatz. Leo und ich verfolgen das Ganze via WhatsApp-Bilderfunk an Bord in Holland. Meine Hinweise, daß so eine Anlage für Anfänger verletzungsanfällig sei, da man ja auf einem Steg sitzt und es dann irgendwann einen großen Ruck gibt der dich aufs Wasser katapultiert, wo hingegen dich ein Boot etwas sanfter aus dem Wasser zieht, ist natürlich völliges papperlapapp.

Wakeboarden: Das neue Mutter-Tochter-Ding, August 2022, Kalletal, D

Der Kurs beginnt, Eure Mutter macht den Anfang und die Sache läuft. Nur bei Sarah Sophie kommt es zu einer kleinen Unstimmigkeit im Bewegungsablauf und Du knallst irgendwann mit Wucht aufs Wasser, bekommst die Kante des Board auf die Schulter und schwimmst schmerzverzerrt an Land. Mit profundem Blick erkennt Eure Mutter das hier mit Kühlung weiterzukommen ist und staffiert Dich entsprechend aus. Die folgenden Stunden darfst Du dann vom Strand das Geschehen verfolgen. Laune auf Tiefpunkt, Schulter schmerzt, gelungenes Wochenende passé. Zwischendurch folgen aufbauende Worte wie „Weiter kühlen.“, „Stell Dich nicht so an!“, „Morgen ist alles vorbei.“ in der gewohnt sanftmütigen, verständnisvollen Art Eurer Mutter die Dir sicherlich weiterhelfen.

Dummerweise stellt sich die prognostizierte Diagnose doch nicht ein und am frühen Abend fahrt ihr in ein Krankenhaus. Nach dem Röntgen steht es dann fest:

Der Klassiker unter den Sportverletzungen: Fraktur des Schlüsselbein. Projekt Wakeboarden beendet.

Sarah Sophie bekommt eine schicke Konstruktion um den Arm ruhig zu stellen und ich verkneife mir sogar jeglichen besserwisserischen Kommentar und gestehe das ein solcher Unfall natürlich auch hinter einem Boot passieren kann.

Und ich weiß auch wirklich nicht warum mir gerade jetzt der Spruch unserer damaligen Hebamme zu Zeiten von Sarah Sophie wieder in den Kopf kommt.

„Ja, sie hätte schon gehört, die russischen Mütter haben ihre Kinder anders lieb.“

Passt irgendwie zum Wochenende, oder? Gute Besserung Prinzessin.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 132./ 80. Monat – Quarantäne 2.0

Sommerferien: Vorweg geht es für Euch in der ersten Ferienwoche in verschiedene Camps; dann zwei Wochen auf dem Boot in Holland, bevor es uns zum Abschluss drei Wochen nach Korsika verschlägt. Oder wie Eure Mutter das so schön formuliert: „Richtig in Urlaub!“ Holland zählt bei ihr bekanntlich immer noch nicht, weswegen sie auch in diesem Jahr wieder diverse Jobs auf genau dieses Zeitfenster legt. Diesmal sogar noch professioneller, nämlich ganze zwei von zwei Wochen, bedeutet konkret sie nur an den Wochenende an Bord zu haben. Eure mütterlichen Großeltern haben sich hier wieder ein Ferienhaus gemietet und alles fängt ganz planvoll an. Fast kann man sagen, alles wie immer. Aber der Reihe nach.

Leo ist jeden Tag im iCamp der Gemeinde und offenbar froh wenn die Woche rum ist. Deine Begeisterung pendelt sich auf „ist schon ok“-Niveau ein. Ganz im Gegenteil zu Sarah Sophie im gleichen Alter – Du fandest das Camp damals schlicht großartig. Aber es soll ja vorkommen, daß sich die Reichmanns durchaus uneins sein können. Zur gleichen Zeit vertreibt sich Sarah Sophie die Zeit auf dem Rücken eines Pferdes im Reitercamp irgendwo im Münsterland. Das allerdings gefühlt offenbar zu wenig am Tag – jedenfalls höre ich ebenfalls mäßige Begeisterung aus Westfalen. Am vorletzten Tag darf die gesammelte Reitermädchenriege dann zum kollektiven Corona-Test ausrücken, da ein Kind der Gruppe vorzeitig abgeholt und positiv getestet ist.

Dein Schnelltest fällt zwar negativ aus, aber Deine Mutter und ich sind ausnahmsweise mal einer Meinung hier lieber gesicherte Gewissheit haben zu wollen, da Du ja die kommenden zwei Wochen mit deinen Großeltern verbringen wirst. Also PCR-Test am Düsseldorfer Flughafen zum Schnäppchenpreis und nach sechs Stunden steht fest, daß genau das nicht passieren wird. Du bist positiv, wenn auch aktuell noch symptomfrei. Es ist Samstagmittag und wir brauchen Plan B.

Eure Mutter arbeitet die nächste Woche im oberfränkischen Pegnitz irgendwo zwischen Nürnberg und Bayreuth gefolgt von Wetzlar in Hessen. Leo und Dich in der gleichen Wohnung, auf dem gleichen Boot oder was auch immer räumlich zusammengehört zu trennen ist natürlich absolute Theorie, folglich gibt es daher folgende Optionen:

1. Du bleibst alleine an Bord, der Rest im Ferienhaus, oder andersherum.

2. Eure Großeltern bleiben zu Hause, wir haben ein Ferienhaus zuviel, was aber zu derselben räumlichen Trennung führt, nur das sie dann eben auch noch zu Hause hocken.

3. Wir erfinden Quarantäne ein bisschen neu.

Was nun folgt, deckt sich wahrscheinlich nicht ganz mit den Vorstellungen des Gesundheitsministeriums und wird vielleicht bei dem ein oder anderen Unverständnis hervorrufen, weswegen wir es erstmal einfach niemanden erzählen und ich diese Geschichte erst so spät aufschreibe. Ich kalkuliere mit verjährten Verfehlungen.

Steht eigentlich irgendwo geschrieben wo man in Quarantäne geht? Du jetzt jedenfalls erstmal in der bayerischen Provinz und fährst kurzerhand mit Eurer Mutter mit zur Arbeit. Wir interpretieren Quarantäne ein bisschen neu und beschließen, daß das auch in einem Hotel funktioniert. Begeisterung sieht natürlich anders aus, aber Du handelst zumindest heraus, daß der Hund mitkommt, dem ich zu leichtfertig zugestimmt habe.

In Bayern angekommen setzt auch pünktlich am folgenden Tag Dein Fieber ein und Du pendelst die nächsten Tage zwischen Bad und Bett. Was das konkret heißt dürfte klar sein und ich spare hier an den Details. So; das Hotelzimmer ist also dein Zuhause für die kommenden Tage. Emma weicht nicht von Deiner Seite und ihr reduziert Gassi gehen auf das absolut Notwendige. Aus dem verwöhntesten wird nun auch noch der faulste Labrador. Man geht mir Corona auf die Nerven. Seitens des Hoteliers bekommt Eure Mutter Vorhaltungen das Kind mit dem Hund doch nicht so lange alleine zu lassen, in Holland fragen Babuschka und Dedoschka im Stundenrhythmus nach wie die Sachlage in Bayern ist und sogar Deinem Bruder ist langweilig ohne das gewohnte, geschwisterliche Gezänk.

Ich sag mal so – Ferien gehen anders.

Wahrscheinlich nur um den Hotelbesserwisser zufrieden zu stellen organisiert Eure Mutter jemanden der mit Emma tagsüber spazieren geht – zu einem Preis bei dem ich über eine Umschulung nachdenke – damit Sarah Sophie einsam mit 40° C vor sich hinfiebern kann. Eine Woche kann so lange sein. Ab Donnerstag geht es dann aber deutlich besser, und die gefunkten Bilder sehen fröhlicher aus. Der Hundesitter wird arbeitslos und Sarah Sophie nimmt wieder feste Nahrung zu sich. Freitag Nachmittag wird sich wieder glücklich geshoppt und anschließend fahrt ihr nach Düsseldorf. Das übliche Prozedere: Erst zum Flughafen, PCR-Test, um am Samstag zum Frühstück das falsche Ergebnis übermittelt zu bekommen. Immer noch positiv. Sarah Sophie ist topfit aber ohne den erlösenden Freifahrtschein in Richtung Niederlande. Eine weitere Woche im Hotel eingepfercht zu sein sind wahrscheinlich keine optimalen Aussichten in den Sommerferien, selbst dann nicht wenn eine fulminante Abwechslung droht: Das Hotel liegt diesmal nicht im hessischen sondern wieder im bayerischen Hinterland verborgen. Also sagt ein anderer Fuchs einem anderen Hasen „Gute Nacht“. Eurer Mutter fehlt es eindeutig an Projekten im urbanen Raum. Zumindest wenn ein „krankes“ Kind dabei ist.

Da die Hoffnung bekanntlich als letztes stirbt also Sonntagmorgen alles auf Anfang und zu unseren freundlichen Rachenpinselern vom Flughafen. Ich finde spätestens jetzt hätten wir Mengenrabatt verdient. Um genau 12:33 Uhr kommt endlich das ersehnte Ergebnis: NEGATIV.

„Wieder-gesund-glücklich-Shopping“, Juli 2022, Gießen, D

So schnell hat Eure Mutter wahrscheinlich noch nie gepackt, jedenfalls seit Ihr um 15 Uhr bereits am Leukermeer. Familie Reichmann wieder komplett und glücklich.

Und Sarah Sophies Sommerferien starten eben mit zweiwöchiger Verspätung. Aber eine Woche Holland reicht ja auch wirklich. Fragt mal Eure Mutter. Die ist bereits Montag in aller Frühe schon wieder weg und tauscht Boot gegen Bayern.

Möglicherweise haben wir eventuell nicht alles so ganz Coronakonform angestellt – aber ich habe schonmal von Quarantänehotels gehört – oder war das was anderes?

Egal. Jetzt aber endlich: Schöne Ferien.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 131./ 79. Monat – Laut, aber gut!

Es hat lange gedauert, aber es hat doch noch geklappt: Leo hat einen Fußballverein gefunden. Und es war wie so oft. Irgendwann taucht jemand auf, der von jemandem gehört hat, das er jemanden kennt der weiß wo ein Vereinsplatz frei ist. Irgendwie so ist es dann auch passiert. Völlig egal wie, das Ergebnis ist es was zählt. Du bist überglücklich und seit diesem Monat Vereinsmitglied im TUS Nord. Ich habe die Hoffnung schon fast aufgegeben sehe dich aber tatsächlich an irgendeinem Freitag über den Platz der „Bambini 1“ flitzen.

Dein Trainer ist so ziemlich haargenau das was ich mir unter einem Fußballlehrer vorstelle – also zumindest für die Alterskategorie. Groß, breit und auf dem Platz genauso laut wie engagiert. Vorletzteres derart, daß es beim ersten Elternabend – ja sowas gibt es wirklich in Fußballvereinen, also jedenfalls bei unserem – seitens einiger besorgter Eltern die Bitte geäußert wird, die Stimmgewaltigkeit zumindest knapp unter Megaphon-Niveau zu senken. Ein hehres Ziel, welches auch genau das bleibt. Aber Besserung hat er gelobt, ich finde das reicht auch irgendwie. Du bist jedenfalls schwer begeistert von „Pudding“, wie dein Trainer gerufen wird. Wie und warum er zu dem Namen gekommen ist habe ich noch nicht herausgekriegt.

Auf dem Platz, ganz gleich ob Training oder Spiel, herrscht ein – sagen wir mal – rustikaler Umgangston. Das führt zu so absurden Situationen, daß mir ein Mitspieler-Vater allen Ernstes erklärt, sein Sohn habe gar Angst vor Pudding, weil es immer so laut ist. Zur Verdeutlichung: Da steht ein gefühlt genauso breit wie hohes rheinisches Urgewächs, ordentlich tätowiert, bei egal welchem Wetter in kurzen Hosen auf dem Platz und dirigiert derart hingebungsvoll eine Bande von 15 völlig Fußballverrückten Jungs und einem Mädchen hin- und her, daß mir ehrlich gesagt das Herz aufgeht. Was fußballerische Trainingskonzepte angeht kann ich nicht wirklich mitreden, aber wahre Leidenschaft für eine Sache sieht genau so aus. Der Mann hat meinen vollen Respekt. Zur Sicherheit frage ich mal nach, wie es sich bei Dir verhält. Also so zum Thema „Angst“?

Die Antwort ist bezeichnend: „Papa, Pudding ist wie Mama: Laut und gut!“ Ich bin beruhigt und der Mitspielerpapa noch irritierter als vorher. Der Vergleich gefällt mir und wenn er stimmt stehen hier einige zukünftige Nationalspieler auf dem Platz.

Leo als echter Neuner, Juni 2022, Düsseldorf, D

Training ist Mittwoch und Freitag, Samstags Ligaspiele. Das kollidiert leider mit deinem Klettertraining am Mittwoch. Anfänglich bekomme ich den Trainer noch erduldet Mittwochs auf seinen echten Neuner zu verzichten. Das geht allerdings nicht besonders lange gut, da mir baldigst bekräftigend attestiert wird wie wichtig du für die Mannschaft bist und das einmal Training die Woche nicht ausreicht. Da Pudding das unglücklicherweise auch Dir verkündet hat beginnen diskussionsreiche Tage bei uns. Da Fußball derzeit das neue Schach ist, also es unbeirrt überhaupt nichts wichtigeres für Dich gibt, steht das Ergebnis fest und Klettern ist vorerst Geschichte. Aber vielleicht nicht lange, da der nächsthöhere Jahrgang nämlich Dienstags und Donnerstags trainiert. Und genau damit fängt unser neues Dilemma an.

Nach nur wenigen Wochen werden wir, nebst einigen anderen Eltern vom Trainer in die Kabine einbestellt. Der Kader sei viel zu groß und die F-Jugend eröffnet eine neue Mannschaft, wodurch die Kinder die altersmäßig dort schon unterkommen können bitte wechseln möchten. Das das keine wirkliche Bitte war, versteht sich von selbst. Du nimmst das mit dem gesammelten Pragmatismus eines Sechsjährigen zur Kenntnis und lässt dir lediglich von mir bestätigen, daß einiger deiner Lieblingsmannschaftskollegen ebenfalls von der Wechselei betroffen sind.

Problem ist leider der neue Trainier. Der ist so ziemlich das genaue Gegenteil seines Vorgängers. Stets auf Ausgleich bemüht, wenig einfordernd und vor allem eins: Leise!

Dummerweise bekommt das auch Deine Mutter mit und ist völlig irritiert das hier auf einmal keine durchdringende Stimme mehr auf dem Platz ertönt und auch niemand mehr wild gestikulierend von Eckfahne zu Eckfahne sprintet. Kurz gesagt der Trainings-Gau.

Das schaut sie sich für Ihre Verhältnisse sogar recht lange an, glaubt aber auch nicht an mein aufgebautes Luftschloss „das sich das noch findet“. Es findet sich nicht, dafür findest Du das Training neuerdings doof, weil Du nach eigenem Bekunden hier nichts lernst. Na Bravo, wir haben also verschwendete Lebenszeit zu betrauern oder anders ausgedrückt einen schier unerträglichen Zustand für Deine Mutter. Das hat ausnahmsweise mal nix mit Fußball zu tun, aber Zeit in etwas zu investieren was keinen Output hervorbringt, ist für Sie irrwitziger Nonsens und findet schlicht nicht statt. Oder wie mein ältester Freund Andy Eure Mutter so treffend beschreibt: „Es ist doch nicht die Frage ob etwas funktioniert, sondern wie!“

Selbstverständlich möchte sie den Verein wechseln oder gleich den ganzen Fußballwahn beenden. Letzteres scheitert an grundlegenden kindlichen Protestnoten und väterlichem Beistand. Eine Rückkehr in die alte Mannschaft scheidet altersmäßig aus und wieder auf Vereinssuche zu gehen scheint mir wenig zielführend. Zwischendurch bist sogar Du der Überzeugung hier deinen aktuellen Berufswunsch als Profikicker aufgeben zu müssen. Es scheint wirklich schlimm zu sein.

Die Lösung kommt ulkigerweise von deinem Ex-Trainer. Dem klagt Eure Mutter derart ihr Leid und den möglichen Vereinswechsel, den der wiederum unbedingt verhindern möchte. Du scheinst einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen zu haben. Lange Rede, kurzer Sinn nach einer Stunde steht fest, daß Du ab sofort einer andere Mannschaft verordnet wirst.

Tja, was soll ich sagen, am besten das was Du nach dem ersten Training verkündet hast.

„Papa, der ist wieder wie Mama. Laut, aber gut,“

Aber Du gehst niemals zu den Bayern. Versprochen?

Geschrieben in Bergen, Limburg, Niederlande.

Der 130./ 78. Monat – Mit stiller Post von Bord

Anfang Mai: Das Boot ist erfolgreich zu Wasser gelassen und am Liegeplatz vertäut. Und damit auch ja nicht der Eindruck entstehen könnte im Hause Reichmann dreht sich im Freizeitbereich fortan alles um „Papas neues Spielzeug“ wie es ab sofort nur noch heißt, hat Eure Mutter entsprechend vorgesorgt. Klar Schiff machen durfte ich noch alleine und habe es immerhin noch auf ein ganzes Wochenende mit Leo an Bord gebracht, bevor das erste lange Wochenende des Frühjahres ansteht. Und das ist bezeichnenderweise auch noch Vatertag. Den Freitag als Brückentag habt ihr auf beiden Schulen durch bewegliche Ferientage schulfrei abgedeckt und somit ist das eigentlich doch ein gutes Datum für das erste Wochenende auf dem Wasser.

Uneigentlich finden wir uns aber in Dunkerque an der französischen Kanalküste wieder und das ist erst mit drei individuellen Anreisen erreichbar. Zuvor muss nämlich noch geklärt werden wer überhaupt wo hinfährt und das geht dann so:

Eure Mutter lässt in einen kleinen aber feinem Nebensatz fallen, wie lange wir doch schon nicht mehr in Frankreich waren. Der örtliche Campingplatz offeriert noch ein passendes Plätzchen und sie verkündet Sarah Sophie, das lange Wochenende in Frankreichs nördlichster Stadt. Die Assoziationskette läuft ab (Ausflug -> Stadt -> Shopping -> Kind glücklich) und alles ist in bester Ordnung. Natürlich nicht lange, denn Du hast natürlich nichts besseres zu tun als Leo eben diesem Ausflugsumstand blumig zu schildern. Auch hier rattern die Assoziationen nur mit konträrer Schlussfolgerung, denn hier folgt auf Shopping -> Kind unglücklich. Das hatten wir ja bereits in den Frühlingsferien vergangenen Monat.

Leo protestiert selbstverständlich lautstark und lässt sich nur beschwichtigen nachdem ich verspreche, daß wir beide nicht zwingend jede Shoppingtour mitmachen müssen. Das glaubst Du mir wohl auch, gehst aber am nächsten Tag in der Schule lieber auf Nummer sicher und erklärst deinen Freund Lev aus der Parallelklasse vorsichtshalber die geplante Misere und schiebst die Patentlösung gleich hintenan. Er soll doch einfach mitkommen und das Fiasko ist abgewendet. Das findet Lev so gut, daß er das wiederum seiner Mutter berichtet, die bekanntlich wiederum mit Eurer Mutter befreundet ist und somit abends die Details mit mir am Telefon bespricht. Offenbar fällt die Idee auf derart fruchtbaren Boden, das Familie Lev auf dem Campingplatz ein Häuschen anmietet und wir somit zu siebt gen Frankreich juckeln.

Und wenn man sich schon seinen Kumpel selbst aussuchen muss, mit dem man in den Kurzurlaub fährt, dann kann man sich auch fahrtechnisch direkt dort einquartieren. Heißt im konkreten Fall: Leo sagt Lev, daß er mit ihm fährt, Lev sagt es seiner Mutter, die es Eurer Mutter mitteilt, welche dann wiederum mich unterrichtet, daß ich mit nur einem Kind losfahren darf, da sie von irgendwo nach Paris einfliegt und mit dem Leihwagen zu uns stößt. Passend zu der ganzen Stille-Post-Konversation eröffnet mir Sarah Sophie, daß sie am Mittwoch einen Studientag absolviert und somit gar nicht in die Schule muss. Praktisch ist es allemal und wir beide starten daher bereits am Vormittag.

Folglich sind wir auch die ersten die da oben ankommen und frieren erst mal gehörig, da der Wind gehörig pfeift und von Sonne keine Spur zu sehen ist. Und Sarah Sophie fragt bestimmt nur ganz zufällig wie denn das Wetter in Holland am Boot so ist. Der Wetterbericht irrt aber sicher gewaltig und zeigt nur aus reiner Bosheit strahlenden Sonnenschein bei Temperaturen deutlich jenseits der 20° C Marke. Also so ziemlich das Gegenteil von dem was wir hier vorfinden. Wir gucken uns beide einmal ganz dumm an und hadern nicht weiter mir unserem Schicksal. Ein paar Stunden später trudelt Familie Lev mit Leo ein und spät am Abend gesellt sich dann auch Eure Mutter zu uns. Wir beschließen die missliche Wettersituation auszusitzen, vor allem aber nicht mehr Wetterberichtsmäßig auf alternative Orte zu schielen, schon gar nicht wenn da irgendwelche Boote vor Ort liegen. Ja, OK ich gebe ja schon Ruhe.

Mit stiller Post von Bord, Mai 2022, Dunkerque, F

Am nächsten Morgen ist alles vergessen, die Sonne scheint und ab nachmittags finden sich Levs Vater, Frank und ich uns dort ein, wo wahrscheinlich ganz viele Väter an diesem Tag stehen: Am befeuerten Grill mit einem Bier in der Hand. Es geht wohl schlechter und ich bin auch wirklich gar nicht irritiert nachdem ich innerhalb von nur einer Stunde von Levs Mutter mit der gleichen Frage wie auch von Levs Papa konfrontiert werde: „Warum haben wir uns eigentlich nicht auf eurem neuen Boot getroffen? Das wäre doch auch viel näher gewesen!“ Stimmt absolut, aber irgendwer muss da wohl auf irgendeine andere Idee gekommen sein und nun sind wir hier.

Schön zu sehen, wie mehrere Augenpaare gleichzeitig zielgerichtet auf Eurer Mutter landen. Die ist allerdings außer Hörweite und bespricht gerade die für morgen angekündigte Shoppingtour mit Sarah Sophie. Das ist vielleicht aber auch besser so.

Schon schön so ein Vatertag mal ganz woanders. Eure Mutter wurde übrigens auch nachher nie von Ihrer Freundin gefragt, warum wir eigentlich hier sind. Aber das ist bestimmt reiner Zufall.

Ich muss jetzt raus zum Grill. Ahoi – ach ne: Prost

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

Der 129./ 77. Monat – Ungerechte Gerechtigkeit

Die letzten Tage der Frühlingsferien muss Eure Mutter zu einem Kongress irgendwo in der Nähe von Wien oder anderes ausgedrückt: gefühlt verkürzen sich für Euch die Ferien. Das ist neu, da ihr traditionell beide diese Art von „Wir fahren mit Mama zur Arbeit“ als unterhaltsam empfindet und stets begeistert fragt wo es hingeht. Diesmal nicht – und zwar überhaupt nicht.

Wir beschließen eine kleine Rundfahrt zu veranstalten die uns zunächst über die Lagune von Grado nach Triest und dann weiter via Budapest nach Wien führt. Der blanke Horror für Leo. Gefühlt nur Städte verheißen für Dich derzeit den unmissverständlichen Urlaubs-Super-Gau. Damit kannst Du überhaupt nichts anfangen, ganz im Gegensatz zu Deiner Schwester da hier Stadt mit Shopping gleichgesetzt wird. Ich frage bei Leo nach ob denn dann – auf Grund dieses Umstandes – die gefürchtet-gefühlte Verkürzung der Ferien nicht als positiv tendenziert wird? Allerdings ganz im Gegenteil, jetzt haben wir zwei Argumente warum das alles ganz fürchterlich ist: Stadt und zu kurz. Ich glaube wir haben ein Luxusproblem. Des lieben Frieden Willens vertauschen wir Lagune und Triest, was zwar streckenmäßig absoluter Blödsinn ist, aber somit reihen wir nicht Stadt an Stadt und Leo guckt wieder glücklich(er).

Die Hinfahrt gestaltet sich interessant, da wir weite Teile Österreichs in gehörigem Schneefall durchfahren und uns das 300 km vor der Adria am prognostizierten Sonnenschein am Golf von Triest zweifeln lassen. Stimmt aber trotzdem und bereits in Slowenien scheint dann auch wirklich die Sonne. Knurrig verlässt Leo unseren Camper auf dem Stellplatz mitten in der Stadt und trottet missbilligend hinter uns her. Ich vernehme dezente Kritik an der elterlichen Gewichtung der kindlichen Interessen. „Immer machen wir nur was sie will, …“ usw. ist noch die freundlichste Ausformulierung des neuzeitlichen Ungemach. Diese geschwisterliche Schuldzuweisung ob der Freizeitgestaltung ereignen sich derzeit bei Euch beiden kurioserweise, Leo ist wie immer nur minimal lauter. In Eurem Gedankenkonstrukt ist fortwährend der jeweils andere „Schuld“, was zwangsläufig zu dem
ein oder anderen Geschwisterzwist führt, der bedingungslos mit eruptiver Emotionalität ausgetragen wird. Weder Eurer Mutter noch mir lastet ihr die Ursächlichkeit am unaufhörlich völlig verkehrten Freizeitverhalten an. Das ist spannend für uns festzustellen macht es aber nicht einfacher dabei auch noch wirklich ernst zu bleiben und Eure Mutter stichelt natürlich gerne einmal leidenschaftlich wenn sie dem Eindruck erliegt einer von Euch suhlt sich gerade in seiner Opferrolle. Mit Opfern kann sie bekanntlich nicht, das hatten wir ja bereits an anderer Stelle. Das Euch genau das dann noch mehr auf die sprichwörtlich Palme bringt müssen wir wohl als Kollateralschaden akzeptieren.

Zurück zu Triest. Da ist dann doch alles gar nicht so schrecklich. Die ein oder andere Eisdiele wirkt da wahre Wunder. Und am Hafen angekommen lassen sich auch noch unzählige Quallen im Wasser bestaunen. Ihr entspinnt wahre Horrorgeschichten was passiert, wenn jemand ins Wasser fallen würde. Zwei vollständige Schokoladeneis-Zyklen erstreckt sich der maritime Albtraum. Das es sich hier um sogenannte Lungenquallen handelt, die völlig harmlos sind, erfahrt ihr erst jetzt in dieser Geschichte. Ich bitte mir das nachzusehen, Eure Gespinnste waren einfach zu schön.

Medusenfestival, April 2022, Triest, I

Mit qualligen Phantasiegeschichten geht es zurück zum Camper und hier haben sich Nachbarn mit fußballspielendem Jungen eingefunden und die Beschäftigung der nächsten Stunden ist geklärt. Und die vermeintliche Ursache für den ganzen ungerechten Triestbesuch – Sarah Sophie – musste auch nur einmal an einer Hauswand hochklettern um den Ball von fremden Balkonen zu befreien. Hierüber informierst Du Deinen neuen Freund mit absoluter Selbstverständlichkeit: „Das macht meine große Schwester. Die kann das. Die hilft mir immer!“ Ich bin schwer beeindruck. Es herrscht Eintracht unter den Reichmann-Kindern. Der Tag ist im Kalender zu vermerken.

Selten so vereint, April 2022, Triest, I

Am übernächsten Tag fahren wir nach Grado, zum einzig bereits geöffneten Campingplatz direkt an der Lagune und beschließen einige Tage zu bleiben, da ihr beide in Rekordzeit Anschluß gefunden habt und mit einer ganzen Gruppe Kinder täglich umherzieht. Und ein kleines Städtchen gibt es auch noch welches mit dem Fahrrad zu erreichen ist, also die andere Form von Glückseligkeit für alle.

Auch schon mit einem deutlich gemilderten Unwillen nimmt Leo die Widrigkeit der nächsten Etappe in Kauf. In Budapest treffen wir Freunde aus Düsseldorf die zufällig ebenfalls zur gleichen Zeit dort sind . Und mit vier Kindern ist so eine Stadt schon gar nicht mehr ganz so furchtbar. Selbst dann nicht, wenn man auch noch die größte Synagoge Europas besuchen muss, weil Babuschka schrecklich gerne ein Foto von Euch vor dem Baum des Lebens haben möchte. Artig erledigt, genauso wie der Besuch der Schuhe am Donauufer, ohne derer eine jüdische Familie wohl nicht die Stadt besuchen kann. Einen Moment fühlen sich Eure Mutter und ich sogar pädagogisch total korrekt. Das gibt sich allerdings wieder recht schnell, nachdem wir am kommenden Tag in Wien eintreffen, Eure Mutter auf den besagten Kongress schicken und wir einen ganzen Tag im Prater viel zu viele Fahrschäfte ausprobieren.

Am folgenden Morgen beim Frühstück im Hotel seit ihr jedenfalls beide nachhaltig empört, das der Arbeitseinsatz Eurer Mutter bereits passé ist und das Ende der Frühlingsferien nun wirklich unmittelbar bevorsteht.

Ihr seit Euch beide einig, zukünftig ausschließlich auf mehrtägige Arbeitseinsätze Eurer Mutter mitzukommen – sonst lohne sich das ja gar nicht.

War das zu Beginn der Ferien nicht noch komplett anders? Vielleicht habe ich das aber auch einfach nur falsch verstanden. Eltern machen ja ständig alles verkehrt. Aber macht Euch nichts draus: Das geht vorbei, das ist nur eine Phase. Ganz bestimmt.

Geschrieben in Santa-Maria-Poggio, Korsika, Frankreich.