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posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Eure Mutter und die Ukraine – das entwickelt sich allmählich zu einer Art Dauerzustand. Jedenfalls ist zu dem eifrigen Stahlverarbeiter dort noch ein weiterer Kunde im Westen, unweit der polnischen Grenze hinzugekommen und die beruflichen Zeitfenster im Osten werden größer. Im aktuellen Monat konkret gesagt drei Wochen inklusive einmaligem Inner-Ukrainischem Umzug mit Sack und Pack. Glücklicherweise juckelt Lena (Leos ukrainisches Kindermädchen) dem kleinen Familientross munter hinterher und somit steht der bereits vielfach geprobten temporären Familienteilung nix mehr im Wege: Leo mit Mama im Osten, Sarah Sophie mit mir im Westen.

Und wer sich nun schon wieder ganz alleine mit seinem Kindermädchen herumtreiben darf, muss bei Mama eben auch schon mal mithelfen. Jedenfalls vermeldet der Osten freudig folgendes tägliches Szenario: Wird Leo gewickelt und ist dann frisch “gepampert” hüpft er vom Hotelbett herunter, schnappt sich sein Exkrementenpäckchen und flitzt damit in Richtung Mülleimer, schmeißt es hinein und wartet sogleich Freude strahlend neben eben diesem auf die mütterliche Belobigung. Erfolgt diese, stampft er mit stolz geschwellter Brust zurück und widmet sich sogleich wieder seinen Bauklötzen und dem anvisierten Turmbau, seiner derzeitigen Lieblingsbeschäftigung, neben dem Entsorgungsritual.

Selbst ist der Mann, Nikopol, UA, März 2017

Selbst ist der Mann, Nikopol, UA, März 2017

Aber nun wieder in den Westen!

Sarah Sophie und ich beschließen die mütterliche Enthaltsamkeit dahingehend zu nutzen, um uns Dingen zu widmen, die Eure Mutter derzeit – Leo-bedingt – eher nicht ausüben kann und fahren einfach mal eine Woche in die Berge zum Skifahren. An einem Freitag Mitte März hole ich Dich aus dem Wald ab und wir starten direkt Richtung Sölden in Tirol. Wir haben verhandelt, daß Du hier nochmals in die Skischule gehst, um danach vollends gerüstet, im kommenden Winter, mit mir alleine gen Tal zu schwingen.

Sarah Sophies vierter Skikurs, Sölden, AT, März 2017

Sarah Sophies vierter Skikurs, Sölden, AT, März 2017

An dieses handwerklich ordentlich ausgehandelte Ergebnis schummelst Du zwar noch ein kleines Zusatzprotokoll dem ich allerdings auch argumentativ nicht wirklich etwas entgegen zu setzen habe nachdem wir feststellen konnten, daß sich zwischen Campingplatz und Talstation ein Schwimmbad befindet, womit die nachmittägliche Beschäftigungen wohl klar sein dürften.

Söldener Skischulen scheinen etwas weniger spielerisch im Vergleich zu Ihren Mitbewerbern im Lungau zu sein, jedenfalls hopst ihr kein überdimensionales, singendes Schokobonbon namens Smarty zum täglichen Abschluss umher. Dafür bekomme ich morgens um zehn kurz und knapp von einer burschikosen Jenny mitgeteilt zu welcher Hütte ich Mittags zu kommen habe, wenn ich mit Dir zusammen essen möchte, oder wie Du es neuerdings ausdrückst: “Wo wir mittagen!”.

Wie in Skischulen allgemein üblich, kann den Kindern entweder das Geld für das Mittagessen mitgegeben werden oder man kommt jeweils dorthin, wo die Gruppe eben gerade ist. In einem zweiten, offenbar geheimen Zusatzprotokoll scheinen wir letzteres festgeschrieben zu haben. Du erklärst mir jedenfalls das dem genau so ist. Und die ganze Sache ist so geheim, daß sogar ich – bestimmt aus nachrichtentechnischen Sicherheitsgründen – davon nichts weiß. Macht aber gar nix, erklärst Du mir unmissverständlich und schiebst zur Manifestation auch noch ein zentrales Erziehungsmerkmal nach: Eingeforderte Ehrlichkeit mittels: “Papa, daß hast Du versprochen. Sonst hast Du gelogen. Und das darf man ja nicht. Das hast Du ja auch gesagt!”

Nun denn, jetzt kenne ich dafür alle Hütten mit Kindermenüs und Jennys halbe Lebensgeschichte, denn selbstverständlich sitzt Du beim Mittag lieber bei Deinen neuen Skifreundinnen als bei mir. Die anderen Väter Deiner Skigruppe scheinen übrigens keine geheimen Zusatzprotokolle vorgefunden zu haben, jedenfalls bin ich stets der einzige vor Ort.

Am Ende der Woche präsentierst Du mir jedenfalls stolz Dein fahrerisches Können und mußt Dich im obligatorischen Abschlussrennen lediglich einem zwei Jahre älterem Jungem mit sehr ambitionierten Eltern geschlagen geben, was nun wiederum mir sichtbare Freude bereitet. Kurzum, unser kleiner Bergausflug hat Dich in zweifacher Hinsicht bereichert:

Du bist alpin und Verhandlungskompetenzmäßig eindeutig den sprichwörtlichen Schritt nach vorne gegangen und wer hätte das schon gedacht nur weil man mal eben an bekannten Tiroler Gletschern vorbeischaut.

Irgendwie doch ganz gut unser Ost-West-Konzept. Also, zumindest im Westen. Im Osten, sonst übrigens nichts Neues, höre ich gerade.

Ab ins Tal, Prinzessin.

Geschrieben in San-Giovanni-di-Moriani, Corsica, France.

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Wie selbständig laufen funktioniert hat Leo nun endgültig verstanden und macht rege Gebrauch davon. Aus und vorbei die Zeit wo ich Dich einfach mal eben irgendwo hinsetzen kann. Denn wer schon laufen kann, sollte das auch tun, denkst Du Dir wahrscheinlich. In der Wohnung oder im Hotel ist das noch ganz lustig, draußen auf einer Straße eher weniger. Aber wer eine große Schwester hat, hat eben auch eine Leibwache. Sarah Sophie wird nicht müde hinter, neben oder vor Dir her zu flitzen und gehörig auf den kleinen Bruder aufzupassen. Zwischendurch kann das ganze von einer spontanen Knuddelattacke Seitens der Großen unterbrochen werden was uns nicht selten ein Schmunzeln entlockt.

Nebenbei sind in diesem Monat Leos nuscheligem Kinderquderwelsch zwei elementare Worte mehr oder weniger deutlich zu entnehmen: Mama und Papa! Elterliche Verzückung inklusive. Das wesentliche Ereignis diesen Monats ist aber eindeutig und unangefochten Deine neu erklärte Lieblingsspeise – und das sind Bananen. Je mehr, je größer desto besser.

Bananen

Bananen, Bananen und nochmals Bananen, Februar 2017

So ein neuerlicher Bananentag sieht exemplarisch so aus:

Wenn Du in den frühen Morgestunden die familiäre Nachruhe kollektiv für beendet erklärst, kletterst Du rückwärts aus dem Bett (und zwar exakt gleich wie Deine Schwester im gleichen Alter) um forschen Schrittes Richtung Küche zu stolpern damit nun eine Art brumpftiger Urschrei die Wohnung erschüttert. Spätestens jetzt sollte auch die Nachbarschaft im Nebenhaus erwacht sein. Folge ich Dir nun schlaftrunken in die Küche steht mein Sohn auf Zehenspitzen vor dem kindersicher platzierten Bananenvorrat um wild gestikulierend seinen nicht verhandelbaren Wunsch nach dem tropischen Staudengewächs Ausdruck zu verleihen. Unter bis zu zwei Bananen ernährunstechnischer Vorleistung treten wir zum Frühstück gar nicht erst an. Wer weiß schon was man da sonst so bekommt. Die obligatorischen Frühstücksflocken zählen da im Prinzip schon als Dessert. Aus verbriefter Quelle weiß ich, daß Du beim zweiten Frühstück im Kindergarten derart gestärkt keineswegs an Appetitlosigkeit leidest, was mir wiederum schlagartig die quälenden Versuche Deiner Schwester Essen anzubieten ins Gedächtnis ruft. Leo isst gefühlt den ganzen Tag und hier scheint die elterliche Aufgabe lediglich die kontinuierliche Bereitstellung eines dauerhaften Nahrungsstroms zu sein.

Aber zurück zu den Bananen!

Hole ich Dich vom Kindergarten ab – ganz gleich welche Uhrzeit – bekletterst Du Deinen Autositz nicht ohne Dich vom Inhalt meiner Tasche zu überzeugen und verfällst nach erfolgreichem Bananenanblick in eine Art freudiger Hysterie ob der bevorstehender Zwischenmahlzeit. Die Fahrt nach Hause oder alternativ zum benachbarten Spielplatz dauert glücklicherweise genau eine Bananenlänge. Dort angekommen spielst Du ein bisschen um spätestens in einer Stunde mal wieder vorbeizuschauen und die Bananenbevorratung um mindestens ein Exemplar zu reduzieren.

Spätestens kurz vor dem Abendessen zeigt sich dann Leo erneut in ultimativer Bananenlaune und pocht nicht gerade leise auf sein erlerntes Bananenrecht. Aber klar, einmal Chitas Lieblingsspeise als erster Gang vorab, geht immer. Die Portion Buchweizen verdrücken wir dann so nebenbei. Wahrscheinlich wohl wissend, daß da möglicherweise noch etwas krummes gelbes wartet. Der Fall tritt dann auch mit ziemlicher Sicherheit ein.

Schläfst Du dann, ertappen sich Deine Eltern nicht selten dabei in der Küche die entsprechende Vorratsmenge zu kontrollieren um abschätzen zu können, in wie weit wir damit den folgenden Tag überstehen könnten. Wohlgemerkt “könnten”. Gerne wirst Du des Nächstens auch mal wach um dann nicht selten einen kleinen Imbiss einzunehmen, selbstverständlich in Form einer Banane.

So, bevor mich jetzt alle gestandenen Übereltern zur Kinder-Ernährungsberatung schleppen: Ja, mir ist durchaus bekannt, daß Kinder ausreichend Milch zu sich nehmen sollen und eben diese in Kombination mit Bananen zu verdaulichen Problemen führen können. Darüber denke ich auch manchmal ganz fest nach, wenn Du – um noch einen draufzulegen – den zweiten Becher fettester, selbstverständlich nicht homogenisierter Heumilch auf ex zwischen zwei Bananen in Dich hineinstürzt. Mäßigung ist eher nicht so Dein Ding.

Ach übrigens wurde mir letztlich aus Deinem Kindergarten bestätigt, daß Du offenkundig keine Probleme beim Essen hast, auch Obst isst Du ja ganz gerne. Wenn ich mal nicht weiter wüßte, solle ich Bananen versuchen, die scheinst Du besonders gerne zu mögen.

Da hätte ich aber auch selbst drauf kommen können. Eine Banane gefällig, mein kleiner Kerl?

Geschrieben in San-Giovanni-di-Moriani, Corsica, France.

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Es sind zwar bis zur Einschulung noch ein paar Monate, aber derzeit dreht sich alles ausschließlich um dieses Thema. Bereit im Herbst vergangenen Jahres habe ich mir zwei Schulen, von denen wir meinen die könnten passen, angeschaut, dies aber unglücklicherweise stets ohne Sarah Sophie, weil Du entweder nicht da warst oder die jeweiligen Infoveranstaltung höchstsinnigerweise auf die Abendstunden gelegt wurde und somit Kinder offenbar unerwünscht waren. Eine Logik, welche sich mir gänzlich nicht wirklich erschließen will – schließlich mußt Du ja in die jeweilige Schule gehen und nicht etwa ich.

Die Grundschule in der ich meine i-Dötzchen-Karriere begonnen habe liegt zwar immer noch praktisch direkt hinter unserem Haus, deren pussierlichen Infoabend habe ich allerdings sogar vorzeitig verlassen, da man meine Frage nach einem Gespräch mit einem Vertreter der Nachmittagsbetreuung – mir widerstrebt die Vokabel “Offene Ganztagsschule” in diesem Zusammenhang – überhaupt nicht verstanden wurde und ich viel lieber kurz und knapp abkanzelnd darüber informiert werde, daß dies heute Abend nicht vorgesehen ist. Ich könne mich ja fakultativ an die jeweilige Institution wenden, aber von denen ist heute sowieso niemand da. Aha, die Betreuung wird also gar nicht von der Schule durchgeführt. Wie ich mittlerweile gelernt habe ist das aber gar nicht so ungewöhnlich. Ich oute mich hiermit als schulpädagogischer Naivling, denn das war mir wirklich nicht bewusst. Damit haben wir die städtische katholische Grundschule ums Eck abgehakt.

Elterlich ausgeguckte Variante zwei veranstaltet einen Tag der offenen Tür an eine normalen Schultag und ich gebe zu mir schlicht derart blöd vorzukommen, da ich dort ohne Kind auftauchen muss. Sarah Sophie weilt zu der Zeit mal wieder in der Ukraine. Ich packe mir also Katja, eine Freundin Eurer Mutter, deren Tochter hier in die dritte Klasse geht, unter den sprichwörtlichen Arm und starte meinen Schulausflug. Kurz und gut, Katja und ich werde argusäugig bestaunt und die Fragestellung nach der sich hier abbildenden Familienverhältnissen schwebt sozusagen schweigend über uns. Die Schule und ihr Konzept, die maximalen Klassenstärken, frisch vor Ort gekochtes Mittagessen in der eigenen Schulküche und so einiges mehr überzeugen mich vollends und ich informiere Eure Mutter über die gelungene Schulwahl. Jetzt müssen die Dich nur noch aufnehmen. Zur Anmeldung erscheinst Du dann mit Eurer Mutter und Leo vor Ort und alles nimmt seinen Lauf.

Soweit zur Vorgeschichte. Das ganze gerät in Vergessenheit und ploppt skurrilerweise in diesem Monat wieder auf. Auslösender Schlüsselmoment könnte Deine Freundin Helene sein, die seit einigen Tagen bereits einen eigenen Schreibtisch besitzt und somit hier Schule wohl ebenfalls ein beginnendes Thema ist. Natürlich möchtest Du jetzt ebenfalls einen “Schulkindschreibtisch” wie das Möbelstück ab sofort nur noch genannt wird. Rosa muss er ein und einen Schrank – ausschließlich für Deine Schulsachen – gehört daneben. Klare kindliche Vorstellungen, da gibt es mal nix zu mäckeln. Mitte des Monats kommt der Brief mit der finalen Zusage der Yitzhak-Rabin-Schule und ganz überraschend muss ich denselben auch nur rund zehnmal in Deiner Anwesenheit vorlesen, bis Du mir endgültig glaubst, in dieselbe Schule wie Lisa zu gehen. Gänzlich aus dem Häuschen bist Du nachdem ich Dir erkläre, daß es dort sogenannte Patenschaften der Viert- für die Erstklässler gibt und Deine Freundin Lisa da wohl in Frage kommt.

Sofort fängst Du an zu zählen, ob das Patenprinzip später für Dich in Bezug auf Leo altersmäßig hinkommt. Das ihr beide dafür möglicherweise ein knappes Jahr zu weit auseinander liegt missfällt Dir deutlich und kann erst durch den beherzten Hinweis Eurer Mutter egalisiert werden, daß “Leo ja vielleicht ein Jahr früher zur Schule kann.” Warum, wieso, weshalb spielt überhaupt keine Rolle. Die Aussage als solche reicht Dir völlig. Mir an der Stelle dann auch erstmal. Zurück zum “Schulkindschreibtisch”: Das Projekt lässt Dir keine Ruhe und somit uns auch nicht. Pädagogisch wahrscheinlich unkorrekt verständigen Eure Mutter und ich uns darauf, daß wir ja irgendwann ohnehin einen kaufen müssen und völlig überraschend gibt es bald einen neuen Tisch nebst Trolley in Deinem Zimmer. Rein zufällig in zartem rosa. Deinen Maltisch mit den zwei Hockern hast Du bereits vor Wochen eigenhändig in Leos Zimmer geschoben. Der ist übrigens glücklicherweise weiß.

Der Schulkindschreibtisch muss natürlich rosa sein, Januar 2017

Der Schulkindschreibtisch muss natürlich rosa sein, Januar 2017

Nachdem in Deinen Augen somit die Vorbereitung Deiner Schulzeit erfolgreich abgeschlossen ist, verschwindet das Thema genauso flott von der Tagesordnung wie es aus dem Nichts aufgetaucht ist.

Hoffentlich verpassen wir die Einschulung nicht. Aber wir bekommen bestimmt noch einen Brief. Darauf vertraue ich jetzt mal.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Nun ist es also soweit: Die Elternzeit Eurer Mutter ist vorbei und somit geht gefühlt irgendwie alles wieder von vorn los – nur eben jetzt mit zwei Kindern. Eure Mutter deklariert alle Projekte im Umkreis von 300 km zu machbaren Möglichkeiten zuhause zu übernachten und organisiert bei der verehrten Kundschaft die Tage derartig, daß sie zu kinderkompatiblen Zeiten wieder zurück ist, oder anders ausgedrückt wir stehen meist irgendwo zwischen vier und fünf Uhr auf. Momentan gibt es eigentlich nur die Ukraine-Jobs oder die Frühaufsteher-Variante zuhause.

Da wir somit endgültig wieder im Alltag angekommen sind, folgen gewisse Automatismen. Weihnachten steht vor der Tür, folglich gibt es zwei fixe Termine: Skifahren und die Weihnachtsfeier in der Firma Eurer Mutter auf dem Weg dorthin. Unter Einreichung der zu erwartenden mütterlichen Protestnote haben wir uns entschieden die Weihnachtstage und den Jahreswechsel in Österreich zu verbringen damit Sarah Sophie in der Skischule auch etwas versteht. Drei Tage vor Heiligabend geht es somit zunächst in die Nähe von Stuttgart um auch den zweiten Nachwuchs mit stolz geschwellter Mutterbrust im Kollegenkreis präsentieren zu können. Ein Schelm wer dabei Absicht unterstellt, daß Leo in den vergangenen Tagen und Wochen vertiefend, aktivierend auf die eigenen Beine gestellt wird und auch am 18. Dezember, ein paar Tage nach seinem ersten Geburstag, seine ersten eigenen Schritte vollführt hat. Das Rüstzeug für eine erfolgreiche Weihnachtsfeier ist somit da und es ist auch gar nicht aufgefallen das Leo eigentlich die ganze Feier wie selbstverständlich auf dem mütterlichen Arm verbringt wenn Du nicht gerade stolz von Deiner Schwester umhergetragen wirst. Das ist aktuell Sarah Sophies Lieblingshobby, vielleicht ob den daraus resultierenden Reaktionen. Es wird jedenfalls, sichtlich nicht ungern, zur Kenntnis genommen was für eine tolle, große Schwester Sarah Sophie doch ist. Praktisch, daß hier gerade um die zweihundert potentielle Bestauner und Belobiger zur Verfügung stehen. Gegen kurz nach acht, gehe ich mit Euch ins Hotel zurück und Eure Mutter hat sich Ausgang bis Mitternacht ausgehandelt.

Und hier brüllt mir die omnipräsente Maternität der vergangenen Monate im wahrsten Sinne des Wortes lautstark entgegen. Sarah Sophie möchte doch noch etwas essen und wir veranstalten unser beliebtes Hotelbettpicknick. Hier geht es mit Leo noch gerade so, aber spätestens beim Zähneputzen ist endgültig Schluss mit lustig. Leo schreit in einer Tour. Nun weiß auch ich: Es stimmt – Jungs sind einfach ein paar Phon lauter. Es klappt keiner der üblichen Tricks. Schaukeln, singen, hopsen – alles doof. Zwei Umstände lassen mich zumindest etwas hoffnungsvoll den nächsten Stunden entgegen blicken. Das Hotel wird derzeit nahezu ausschließlich von Kollegen Eurer Mutter bewohnt und die sind ja bekanntlich derzeit alle nicht da. Ich werde also folglich nur allein taub. Vor allem aber besteht unser derzeitiges “Hotelzuhause”, wie Sarah Sophie neuerdings dergleiche Herbergen bezeichnet, aus zwei zusammenhängenden Zimmern und somit steigen die Chancen wenigstens ein Kind ins Bett zubekommen. Und hier werde ich vonseiten meiner Tochter wieder überrascht. Es scheint Dich überhaupt nicht weiter zu irritieren, das Leo gerade eine Geräuschwelle produziert die ihresgleichen sucht. Gute-Nacht-Kuß für Leo und mich und Du bemerkst noch “Papa, Du ließt mir dann morgen zwei oder besser drei Geschichten vor. Heute geht das ja mit Leo nicht so gut. Ich schlafe heute mal alleine ein. Gute Nacht, Papi. Tschüss Süßer.” Nein, ich lese Dir mindestens vier oder fünf Geschichten vor, denke ich mir während ich das Licht lösche und das Zimmer wechsele.

Leo braucht von nun an auch nur noch zwei Stunden um sich ebenfalls ins Bett legen zu lassen. Am Fenster stehen und schauen was unten geschieht hilft temporär ganz gut, aber das ist nunmal in einer schwäbischen Kleinstadt nicht allzu viel. Aber gegen halb zwölf nachts ist es dann endlich soweit: Du schläfst und ich hole mir ein Bier aus der Minibar. Das muss jetzt einfach sein. Prost und gute Nacht, mein Sohn. Eure Mutter folgt kurz drauf überraschend pünktlich mit der Aussage “Ich habe Dir eben noch eine Nachricht geschrieben, ob ich noch etwas länger bleiben kann, wenn alles ruhig ist.” Oh, die habe ich doch glatt nicht gelesen. Wahrscheinlich war das Telefon auf lautlos gestellt, sonst wären die Kinder noch wach geworden vom klingeln. Das ist ja immer so laut.

Am nächsten Vormittag fahren Eure Mutter und ein Kollege noch zu einem Akquisetermin hier in der weiteren Gegend und ich mit Euch in eine örtliche Tobehalle dort in der Nähe. Leo hat offenbar begriffen, das Mama – wenn überhaupt – nur temporär aushäusig ist und läßt sich kommentarlos von mir vor einer manchmal etwas zu übermütigen Schwester beschützen.

Leo lernt rutschen, Nähe Stuttgart, Dezember 2016

Leo lernt rutschen, Nähe Stuttgart, Dezember 2016

Am Nachmittag erscheint Eure Mutter mit bester Laune und zugesagtem Projekt seitens des Kunden auf der Bildfläche und wir starten in Richtung Österreichischer Alpen.

Die kommende Woche verläuft derart unspektakulär das es mich schon etwas wundert. Sarah Sophie fährt täglich begeistert mit der örtlichen Skischule von Mauterndorf über die Pisten, findet in Raja eine Freundin und Eure Mutter pusselt mit Leo entweder auf der Hütte am Berg oder im Tal umher.

Leos erster Ausflug auf 2.000m über N.N., Grosseck, AT, Dezember 2016

Leos erster Ausflug auf 2.000m über N.N., Grosseck, AT, Dezember 2016

Zwischendurch fahre ich nicht zu wenig Ski und überraschend braucht es doch zwei ganze Tage, bis Eurer Mutter das alles viel zu langweilig wird: “Nächstes Jahr fahren wir wieder nach Frankreich im Winter, da kann man mit kleinen Kindern viel mehr anfangen. Hier gibt es ja noch nichtmal einen Spielplatz neben der Hütte.” Ein nicht zu gering forderndes “Kann sie dann endlich richtig parallel fahren, oder wieviele Skikurse brauche wir noch?” verleihen hier Wunsch und Begierde den entsprechenden Nachdruck. Wir sprechen übrigens derzeit vom dritten Skikurs, nur mal so zur Info. Geduld ist in unserer Familie eher rudimentär ausgeprägt.

“Selbstverständlich braucht Sarah Sophie nächstes Jahr keinen Kurs mehr sondern fährt mit mir zusammen.” entgegne ich lässig und werde von meiner Tochter vehement bejahend unterstützt. Was die beide nicht wissen, daß ich die Ukraine-Termine im Kopf habe und für März in Sölden da mal etwas klar gemacht habe. Also so ganz “unverbindlich”, natürlich.

Daher gilt: Parallel passt schon – gute Fahrt Prinzessin.

Sarah Sophies dritter Skikurs, Mauterndorf, AT, Dezember 2016

Sarah Sophies dritter Skikurs, Mauterndorf, AT, Dezember 2016



Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Unser fröhliches WG-Leben hat sich eingependelt und wir schaffen es sogar noch zusätzlich Besuch aus Berlin hier unterzubringen. Geht alles, wenn man will. Die ukrainischen Betriebsausflüge Eurer Mutter halten wohl auch in den nächsten Monaten an und somit stellt sich die Frage, wie Leo in dieses Konstrukt unterzubringen ist. Er soll stets mit, soviel steht mal fest. Meine anfänglichen Bedenken muss ich schnell über Bord werfen, nachdem ich im vergangenen Monat feststellen durfte, daß mein Sohn alles andere als unglücklich aussieht wenn er auf Lena (dem Kindermädchen in der Ukraine) umher krabbelt. Zwischenzeitlich überlegen wir schon wie wir sie zu uns nach Hause bekommen – wenn das Wohnzimmer wieder frei wird, haben wir ja schlagartig unermesslich viel Platz. Aber die Idee bleibt ein Gedankenspiel.

Viel konkreter wird da nun das Projekt Kindergarteneingewöhnung für Leo. Wie wahrscheinlich jede Stadt, glänzt auch Düsseldorf mit zu wenigen Kita-Plätzen, vor allem für unter Dreijährige, der magischen Altersgrenze. Bereits vor Leos Geburt waren sich Eure Eltern einig, daß die Pleite mit der städtischen Kinderverwahrstelle von Sarah Sophie damals auf keinen Fall zu wiederholen ist und so ist Leo bereits, bevor wir wussten ob es überhaupt ein Leo wird, in einem privaten Kindergarten angemeldet und genau der erwartet nun Deine Eingewöhnung.

Eurer Mutter geht das natürlich alles überhaupt nicht schnell genug – sie reißt sich aber für Ihre Verhältnisse erstaunlich kraftvoll am berühmten Riemen und regt sich auch fast gar nicht auf, als sie Marianne vom Kindergarten am ersten Tag verwundert mit den Worten begrüßt: “Ach, wir dachten der Papa macht die Eingewöhnung. Der war ja auch bei der Anmeldung dabei.” Dies fürs Protokoll.

Alles läuft nach Plan, die Eingewöhnung dauert rund zwei Wochen und Leo findet von Anbeginn an sein neues Teilzeitzuhause offenbar großartig, jedenfalls krabbelst Du nicht gerade unglücklich vom mütterlichen Arm in den Kreis der anderen kleinen Menschen um Dich sogleich tatkräftigen Aufgaben zu widmen.

Leos Start bei den Kücken, November 2016

Leos Start bei den Kücken, November 2016

An dieser Stelle fällt mir ein, wie unendlich entspannter man mit dem zweiten Kind umgeht. Hatte ich bei Sarah Sophie im gleichen Alter noch wirklich ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie morgens im Kindergarten abgeliefert habe, so freue ich mich jetzt einfach wie es Leo hier gefällt. Du machst es einem aber auch wirklich leicht. Ein normaler Wochentag sieht so aus:

Nach dem Frühstück fahren wir erst zu dritt in den Wald um Sarah Sophie bei sympathischem November-Schmuddelwetter ihrer Waldkindergartenbrigade zu übergeben, dann anschließend, nur noch zu zweit bei etwas höher gedrehter Heizung, Richtung Innenstadt. Hier angekommen, beschleichen mich machmal doch leichte Zweifel, ob der gerechten Verteilung der Kindergartenressourcen für Euch beide. Das mag damit zusammenhängen, daß sich Deine Schwester derzeit morgens bereits drei Schichten Klamotten unter ihre Waldjacke anzieht, ich Dir hier aber sogar die Söckchen wieder ausziehe, da in der – ich will es wenigstens einmal sagen dürfen – Pempelforter Luxus-Kinder-Pamper-Bude natürlich mittels Fußbodenheizung für ein wohliges Raumklima gesorgt wird. Dies und die warmherzige, unschlagbar angenehme Atmosphäre die einem hier entgegen strömt wenn Du von Marina, Trudi, Jan und Co. in Empfang genommen wirst, lassen mich aber schnell wieder an eine richtige Entscheidung von uns Eltern glauben.

Derlei geartete Zweifel in Richtung auf Sarah Sophie zerstreuen sich spätestens an den Tagen, wo ich nachmittags wieder in den Wald fahre und mir ein, mit allen Farben des Waldbodens verschmiertes Mädchen, mit offenen Armen entgegenläuft. Soviel Matsch macht offensichtlich glücklich.

Aber zurück zu Leo: Du kannst nicht schnell genug von mir weg krabbeln, bzw. unter Hilfestellung auf Deinen eigenen Beinchen zu Deiner Gruppe kommen um dann auf irgendeinem Arm sitzend mir fröhlich entgegen zu winken, während der ganze Kindergarten “Paka, Paka” (Tschüss auf russisch) trällert. Ein Ritual aus der der Eingewöhnung mit Deiner Mutter, auf originelle Weise, teamseitig vollständig assimiliert, übernommen. Väterlich versöhnt werde ich übrigens dadurch, daß Du mir, mit dem gleichen, fröhlichen Grinsen entgegen krabbelst, wenn ich Dich wieder abhole. Das beruhigt dann doch.

Hilft aber alles nix, auch der neue Kindergarten ist natürlich nur von begrenzter Dauer. Die Ukraine ruft und der familiäre Wanderzirkus zieht weiter. Diesmal aber nur für eine Woche und ohne große Schwester. Ich glaube mein Sohn hat unser Familienkonstrukt verstanden und mal ganz unter uns Jungs: So ein Kindermädchen ganz für sich allein ist auch nicht schlecht, oder? .

Viel Spaß bei Kücken und Co. und allseits guten Flug.

Übrigens, auch wenn gerade Ostern ist während ich diese Geschichte schreibe und ihr schon wieder in der Ukraine seit: Die Hasenmütze geht gar nicht, meine Damen.

Wenn mütterlicher Geschmack sinnlos waltet, Kiew, November 2016

Wenn mütterlicher Geschmack sinnlos waltet, Kiew, November 2016



Geschrieben in Sankt Goar, Rhineland-Palatinate, Germany.

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Unsere gemeinsame Elternzeit ist vorbei und damit Eurer Mutter nicht zu langweilig wird, hat sie sich gedacht so ein hübsches Projekt in Nikopol, Ukraine kann nicht schaden. Damit das halbwegs familienkompatibel abläuft gibt es vor Ort das Kindermädchen Lena für Leo und einen lokalen Kindergarten für Sarah Sophie. Leo wird da gar nicht gefragt, er muss einfach mit und hat auch bereits vor der Elternzeit genügend Meilen auf seinem Frequent-Traveller-Baby-Konto angesammelt. Und Sarah Sophie hat sich unmissverständlich in den Kopf gesetzt ebenfalls mit Mama zu fliegen.

Damit ich zuhause nicht vor Einsamkeit eingehe, wohnen derzeit zwei Studentinnen der Medizin aus Armenien und der Mongolei in unserem Wohnzimmer. Das hat sich so ergeben, jedenfalls bei uns, da Eurer Mutter und mir nicht wirklich etwas anderes eingefallen ist als die beiden temporär zu adoptieren, nachdem auf unserer Rückreise am Strand von Ancona an einem Donnerstag das Telefon klingelt und uns Freunde aus Yerevan nach einer Wohnung für die Tochter eines guten Freundes, nebst deren Freundin in Düsseldorf fragen. Kein Problem, antworten wir, wir kümmern uns darum, wenn wir wieder zuhause sind. Das ist dann aber daran gescheitert, das die Damen bereits am kommenden Montag bei uns auf der sprichwörtlichen Matte stehen und der Düsseldorfer Wohnungsmarkt mit bezahlbarem Wohnraum eher übersichtlich sortiert ist. Wir kommen also am Samstag in Düsseldorf an, Eure Mutter packt alles direkt vom Campingbus in die Koffer und am Sonntag fliegen Dreiviertel meiner Familie via Wien nach Dnetopetrovsk. Amina und Saten folgen dann Montag früh bevor ich mich nach über zwei Monaten auch mal wieder zur Arbeit aufmache.

So geht ankommen bei Familie Reichmann.

Unsere neue muntere Multikulti-WG funktioniert unaufgeregt prima, anfangs nur mit den Mädels und mir alleine, dann noch mit Sarah Sophie dabei, da Du Dir überlegt hast, daß der ukrainische Kindergarten doch Deinem geliebten Waldkindergarten an Wertstellung eher unterlegen ist und Du somit nach zwei Wochen (allerdings vorab verabredet) wieder nach Hause, also nach Düsseldorf möchtest. Ein paar Wochen später folgen dann auch Eure Mutter und Leo. Spätestens dann wird es auch ein bisschen voll in der Hütte. Aber läuft!

Austrian Airlines nimmt zwar bereits Fünfjährige alleine mit auf die Reise und hängt Ihnen diese putzigen UM-Täschchen um den Hals und an die Hand eine Stewardess. Aber das ist dann selbst uns Berufsvagabunden etwas unheimlich. Außerdem muss man in Wien umsteigen, das auserkorene Abholwochenende ist ein “langes”, da der 3. Oktober diesmal auf einen Montag fällt. Das schreit förmlich nach einem Wiener Kurztrip. Ich fliege also am Freitag früh nach Dnetopetrovsk, muss abends mit den beiden Kollegen Eurer Mutter durch ukrainische Nachtclubs tingeln um dann am Samstag mit Sarah Sophie vodkageschwächt in Wien zu landen. Wir schaffen es auch beide im öffentlichen Nahverkehr Wiens zu bestehen und klopfen gegen 18 Uhr an der Rezeption unseres Hotels um von einem besorgten Portier mitgeteilt zu bekommen, das da wohl etwas schief gelaufen ist. Gut, die Buchungsbestätigung habe ich dann weggeworfen, alle Zimmer voll. In der Zwischenzeit bekommst Du Hunger und ich nutzte das schlechte Gewissen des Herbergsvater um die Wahl einer geeigneten Übernachtungsalternative an eben ihn zu übertragen. Wir verabreden uns in eineinhalb Stunden wieder zu sehen, deponieren unsere Koffer und folgen Deiner Aussage: “Papa, wenn es Abend ist, geht man entweder ins Bett oder ins Restaurant.” Bett haben wir keines, bleibt also nur das Restaurant. Das ist schnell gefunden, da wir mitten im MuseumsQuartier im siebten Bezirk sind und somit ordentlich zentral. Nach ein paar Gabeln Nudeln möchtest Du doch lieber schlafen und beschließt das auf dem Schoß Deines Vaters zu machen. Verständlich, wenn der Dir schon kein Hotel organisieren kann. Wenn Du schläfst, schläfst Du, da passiert selten etwas, was Dich davon abhält. Ich zahle die Rechnung und trage Dich zu unserem Gepäck zurück. Zwischenzeitlich hat der immer noch sehr peinlich berührte Portier ein anderes Hotel ein paar Straßen weiter gefunden und nach der dritten Entschuldigung seinerseits in wunderschönstem Wiener Charme bekommen wir ein Taxi. Dort lege ich Dich ins Bett und das war es dann auch schon für heute.

Die nächsten beiden Tage folgen leider meiner bisherigen Wien-Tradition: Es regnet meist – macht aber nix, denn Schloss Schönbrunn wartet mit einem Kindermuseum auf in dem man sich nebenbei anschauen kann wie seine k. und k. apostolische Majestät die Kindertage so verbracht hat (was mich offenkundig mehr interessiert als Dich), aber vor allem mit einen opulenten Verkleidungsfundus für große und kleine Besucher aufwartet. Man mag es nicht glauben, aber wir verbringen geschlagene vier Stunden in der kaiserlichen Umkleide. Kind glücklich, Regen egal.

Schloss Schönbrunn, Kindermuseum, Wien, Oktober 2016

Schloss Schönbrunn, Kindermuseum, Wien, Oktober 2016

Nach dem Nachmittagseis in irgendeiner kaiserlichen Hofkonditorei gehen wir noch Fische streicheln in einem ehemaligen Flakturm um dann am kommenden Tag im Prater die standesgemäße Riesenradfahrt gegen mehrfaches Ponyreiten und Karussellfahren zu tauschen. Verhandeln kannst Du wirklich, das muss man Dir lassen.

Nach dem Rückflug und der Ankunft in unserer Wohnung beäugst Du unsere beiden neuen Mitbewohnerinnen eingehend, läßt Dich von ihnen beschenken und verkündest stolz, das Du auch schon in Armenien warst und wir demnächst in die Mongolei reisen werden. Das wußte ich zwar zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber die Idee klingt ganz gut – finde ich.

Herzlich Willkommen Zuhause, Prinzessin.

Geschrieben in Sankt Goar, Rhineland-Palatinate, Germany.

posted by on Das fünfte Jahr, Elternzeit I + II, Von Geburt an

Unsere zweite Elternzeit neigt sich langsam dem Ende entgegen und es geht kontinuierlich in Richtung Norden. Über die Straße von Messina wieder aufs italienische Festland und nun etwas unorthodox kreuz und quer durch Kalabrien und Apulien. Sarah Sophie hat sich irgendwann mit der deutschsprachigen Kinderlosigkeit unserer jeweiligen Campingnachbarn abgefunden und mit einem gewissen Pragmatismus einem neuen Interessengebiet gewidmet: Es geht um Arbeit im weitesten Sinne. Derzeit dreht sich alles und jedes um dieses Thema und meist ziehst Du Schlussfolgerungen aus Deinen eigenen Aussagen. Die schönsten Stilblüten begleiten unsere weitere Reise und lassen uns alle so manche – sagen wir mal höflich – etwas schwierig-spezielle Situation mit Dir verzeihlich vergessen.

Eines schönen Tages entdeckt Sarah Sophie in einem Spielzeuggeschäft einen Besen samt Kehrblech in den Farben pink und blau. Selbstverständlich möchtest Du direkt beide Farbsets erwerben, da Du uns unmissverständlich das Blaue für Jungs und das Pinke für Mädchen zugehörig erklärst. “Papa, das Blaue schenke ich dann Leo. Dann kann er auch fegen.” Einwände in Richtung auf Leos altersbedingte, etwas eingeschränkte Motorik prallen natürlich an Dir ab und nach geschicktem Verhandeln kaufen wir überraschend doch nur den Mädchenbesen nebst Blech (und ein großes Eis um den Nicht-Schenken-Können-Schmerz erträglich zu gestalten). Am nächsten Morgen fegst Du munter mit dem neuen Besen durch unsern Campingbus. Als ich Nachfrage, woher der plötzliche raumpflegerische Bedarf erwachsen ist, erklärst Du mir mit diesem bekannten selbstüberzeugten Blick: “Papa, hier ist ja keine Larissa, also muss ich hier saubermachen.” Es beruhigt mich kolossal, daß in den vergangenen zwei Monaten nicht aufgefallen ist wer hier für eine gewisse Grundhygiene gesorgt hat. Dieser Jemand hat seine Aufgabe offenbar stehst im Verborgenem ausgeführt. Löblich so ein unsichtbarer Hausgeist. Und um diesem seine Arbeit nicht einfach wegzunehmen verlierst Du auch pünktlich nach dem dritten Reinigungsvorgang schon wieder das Interesse daran. Das ganze gipfelt dann in der Feststellung wer hier für was zuständig ist und dem ist auch absolut nichts mehr hinzuzufügen:

“Papa, Du hast jetzt immer Spüldienst und Putzdienst, Mama hat Wasch- und Leodienst und ich habe Spieldienst und Leodienst. Jeder hat zwei Sachen. Das ist gerecht!”

Überraschendes Objekt der Begierde. Apulien, September 2016

Überraschendes Objekt der Begierde. Apulien, I, September 2016

Unterdessen entdeckt Leo das Hinderniskrabbeln und purzelt gemütlich von so ziemlich allem was sich ihm gerade in den Weg stellt. Mittlerweile haben wir von den unentwegt vorbeiziehenden Händlern zwei Strandtücher und eine Trommel erworben, da Sarah Sophie nicht müde wird uns klarzumachen, daß Leo unbedingt eben eine solche Trommel benötigt. Eine Einschätzung die ich übrigens teile und somit war der Kauf nur eine Frage der Zeit und des Verhandlungsgeschick Eurer Mutter mit Strandverkäufer Nummer Siebenhundertdreiundzwanzig, oder so ähnlich.

An der Stelle bemerkt Sarah Sophie übrigens, daß der Warenverkauf der vorbeiziehenden Strandhändler eben deren Arbeit ist und dies ja eine schöne Arbeit sei, da man ja den ganzen Tag am Strand sein kann. Um jetzt den sich anbahnenden disputierenden Exkurs in die eventuell, möglicherweise doch vorhanden sein könnende Ungerechtigkeit der Chancenverteilung innerhalb der europäischen Gesellschaftsordnung vorzugreifen, deklariert Eure Mutter dies kurzerhand auf einen, genauso simplen wie rigiden Umstand: Da wurde eben nicht genug gelernt in der Schule und somit bliebt dann nur noch Strandverkäufer zur Auswahl, weil die Herren im Berufsranking eben qualifikationsbedingt eher im hinteren Bereich angesiedelt sind. Und dann verdient man gar nicht genug Geld, bzw. hat als Alternative vielleicht auch gar keine Arbeit und das wäre ja auch nicht gut. Diese Erklärung ist zwar nicht ganz neu, muss aber wieder herhalten. Meinen wahrscheinlich zu dilettantischen Versuch Dir zu erklären, daß soziale Herkunft, Schulbildung und daraus resultierende Chancengleichheit eben von so vielen Faktoren abhängen, hörst Du aufmerksam zu und Du beendest mit einer einzigen plakativen Aussage Deinerseits das Dilemma der elterlichen fundamental-diametralen Überzeugung zu diesem Thema:

“Papa, die Leute die zu wenig Geld haben, wissen vielleicht nicht wo es die Arbeit gibt. Dafür gibt es dann die Mama, deren Arbeit es ist denen zu helfen und ihre Arbeit besser zu finden.” So, damit haben wir dann auch das Unternehmensberatertum aus Sicht einer Fünfjährigen verstanden.

Die Sache beschäftigt Dich dann aber offensichtlich doch noch, denn am nächsten Tag bist Du eifrig beschäftigt mir am Strand Dein Sandeis zu verkaufen: “Papa, das Eis ist sehr lecker. Deswegen ist es sehr teuer. Und was lecker ist, ist immer gut und teuer, oder?” Zu einer Antwort komme ich gar nicht bevor Du mir die nächste Weisheit um die Ohren haust: “Papa, Du buddelst jetzt und ich passe auf, dass du nichts falsch machst. Dann mache ich die gleiche Arbeit wie die Mama.”

Wahrscheinlich hat Eure Mutter da heimlich argumentativ noch einen draufgesattelt. Vermutlich habe ich – Spüldienst bedingt – zu wenig Zeit für Dich, aber das ist nur eine Vermutung.

Am nächsten Tag gewittert es und die ökonomische Früherziehung macht mal Pause. Sarah Sophie beschwert sich jedenfalls: “Können wir endlich mal woanders hinfahren. Ich sitze hier ja nur in Donner und Regen.” Wir sprechen übrigens über den ersten Tag Regen nach 9 Wochen Sonne und 35 Grad.

Machen wir, wir fahren jetzt nämlich nach Hause, dort muss weniger von Hand gespült werden und die Chancen Dich vom Neoliberalismus wegzuüberzeugen steigen an.

Geschrieben in Sankt Goar, Rhineland-Palatinate, Germany.