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posted by on Das erste Jahr, Von Geburt an

Da Deine Mutter von Berufswesen ein aktives Normadendasein führt und ich ihre Leidenschaft für das relative Nichtvorhandensein von Heimat zumindest in geografischen Sinne durchaus teile, läßt dar erste Ausflug naturgemäß nicht lange auf sich warten. Es geht zwar nur ins Nachbarland aber immerhin. Inzwischen bist Du ganze drei Wochen und ich finde durchaus ausflugstauglich. Im Mamas „Bauch“ hast Du 25.000 Autobahnkilometer hinter Dich gebracht – da ist es an der Zeit die erste nautische aufs Konto zu hieven.

Glücklich ist wer Großeltern mit Bootsleidenschaft hat – Du gehörst dazu. Dein Opa kann sein Glück nicht fassen: Du bist auf den Tag genau drei Wochen alt und schon auf dem Wasser. Genau genommen in Deinem Kinderwagen im Boot meines Vaters – für ihn stehst Du damit allerdings unmittelbar vor Erlangung des Kapitänspatents. Stolz ist gar kein Ausdruck. Wir schippern die Maas einmal rauf und wieder runter, legen an, finden uns in einer Kneipe gegenüber eines Kieswerkes wieder. Das spielt aber alles gar keine Rolle mehr: die Sonne scheint, Du hast eine gefühlte Äquatortaufe hinter Dir und Dein versammeltes Großelternpaar väterlicherseits schwebt im siebten Himmel.

Abends grillen wir noch Schaschlik, Du schlummerst seelenruhig neben dem Funkenflug und spätestens nach der zweiten Schnaps weiß ich das Dein Opa rundum glücklich ist. Auch wenn er jetzt mit einer Oma verheiratet ist.

Geschrieben in Dusseldorf, Nordrhein-Westfalen, Germany.

posted by on Das erste Jahr, Von Geburt an

Genug irritierende Blick erntet jeder ohnehin, schleppt man ein gerade erst einige Woche altes Baby überall mit hin. Das ist normal, trotzdem unverständlich aber eben erträglich. Die deutsche Kleinfamilie hat sich bitte im verborgenen zu entwickeln. Beschließen zwei Elternteile durch die Niederkunft eines Dritten nicht zur ausschließlichen Milchbar auf zwei Beinen und einem für alles und jeden Verständnis habenden Diplompapi zu mutieren, wird man doch Zeuge der ein oder anderen Wunderlichkeit. Deine Mutter und ich haben uns jedenfalls fest versprochen und eben nicht zu dieser Familiendegenerationsstufe zu entwickeln. du bist eine wundervolle Bereicherung unseres Lebens aber beendest nicht unser selbiges. Bin ich mit Deiner Mutter vor Deiner Geburt spazieren gegangen – was selten genug vorkam – sind wir wie von Geisterhand geführt stets auf der Ratinger Straße gelandet, genauer gesagt im Füchschen. Meist haben wir uns selbst optimiert und sind spaziergangslos im Fuchs gelandet. Deine Mutter kann eben nicht anders, ohne kontinuierlichen Verbesserungsprozess läuft bei ihr nix.

Du bist der Grund das wir jetzt spazieren gehen und da wir Dir eine gepflegte urbane Sozialisation angedeihen lassen wollen betrachten wir zuviel Grün in Form von Bäumen und Wiesen als kontraproduktiv wodurch Du gerne an Samstagnachmittagen durch die Düsseldorfer Altstadt geschoben wirst. Vermutlich wird der benachbarte Graphik- und Künstlerbedarfladen – in dem man noch ein paar Erledigungen tätigen muß – der wahre Grund sein; jedenfalls landen wir irgendwann während Deiner ersten Lebenswochen zu Deinem ersten Besuch in der traditionsreichsten aller Düsseldorfer gastronomischen Institutionen.

Ich rangiere gekonnt und nicht eben ohne Stolz Deinen knallorangenen Kinderwagen durch die schmalen Gänge bis wir einen Platz finden um Dein Gefährt köbesfreundlich einzuparken. Die partizipierenden Passanten der umliegenden Tische schauen zwar ein wenig konstatiert als Dich Deine Mutter aus der Schlafstellung in Richtung Präsentationsmodus umstellt, geben aber irgendwann mittels verzweifeltem, voll Unverständnis triefendem Kopfschütteln ihr Unverständnis zur Gleichzeitigkeit von Kind und Kneipe zu verstehen. Diese Blicke genieße ich sichtlich und als der Köbes fragt: Zwei oder schon Drei Alt bist Du auch hier standesgemäß angekommen.

Prost allerseits.

Geschrieben in Dusseldorf, Nordrhein-Westfalen, Germany.

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„Jungs geben die Schönheit, Mädels nehmen die Schönheit“ Dieses geburtsvorbereitende Vorurteil scheint Russen, Juden und Deutschen zu einen. Jedenfalls waren sich in Deinem Fall alle beteiligten Volksgruppen genau darüber hundertprozentig der gleichen Meinung. Mutti hat ein verhältnismäßig kleines Bäuchlein also wird es ein Junge. Der Junge heißt Sarah Sophie ist am 30.07.2011 geboren und wiegt 2.710 Gramm. Gut, die volkstümliche Geschlechtsbestimmung ging schon mal daneben, aber sonst gab es schon einiges zu berichten. Genau kann ich mich nicht wirklich erinnern, aber der fehlende freitägliche Gin-Tonic setzte Deiner Mutter derart zu, daß Sie Deiner Geburt entgegenfieberte wie ein ausgetrockneter Alkoholiker dem Ende seiner Therapie. Aber Du hast Dir Zeit gelassen. Genau genommen 3 Tage. Irgendwann waren sich die beteiligten Damen am Mutterprojekt: Fr. Enzel, die Gynäkologin; Anette, die Hebhamme; eine namenlose Ärztin im Krankenhaus und Deine Mutter einig, dass es nun doch langsam losgehen könnte und verfrachteten Euch an einem Mittwoch in die Kaiserswerther Diakonie. Kein Glück hatte, wer Schwester auf der Station Deiner Mama war: Es passierte nämlich exakt das, was nach einer sogenannten Geburtseinleitung meistens passiert: Rein gar nichts. Deiner Mutter, ausgezeichnet mit einer eher mangelhaften Geduld, beginnt also Ihre Umgebung wahnsinnig zu machen. Am zweiten Tag wird gar Anette zu Hilfe gerufen, aber auch sie weiß natürlich keine Abhilfe zu schaffen. „Das wird schon“, „das braucht seine Zeit“ sind Aussagen die wahrscheinlich jede werdende Mutter nicht hören möchte, Deine aber schongleich gar nicht. Du aber hast Dir Zeit gelassen und es passierte bis zu Freitag erstmals gar nichts. Am selbigen bin ich dann mit leichtem Übernachtungsgepäck in Richtung Krankenhaus umgezogen. Einmal mit Deiner Mutter im strömendem Regen durch den Park spaziert, das rechtsgedrehte homöopathisches Geburtswässer in eben diese Richtung gedreht und schon lief alles nach Plan. Freitagabend, 23:00 begann etwas was meine Wahrnehmung der Dinge nachhaltig verändert hat.

Dein Vater konnte erst am Freitag in die Klinik kommen, also hast Du artig auf ihn gewartet. Ein Kind sollte in eine Familie geboren werden, und die hat gefälligst vollständig anwesend zu sein. Samstag 4:45 Uhr warst Du da. Die längste Nacht meines Lebens endet mit dem Beginn Deines Lebens und das pünktlich zum Wochenende. Meine Tochter ist einfach großartig. Wir verbringen zwei Tage zu dritt in einem ein Meter breitem Bett, das sollte schon mal zusammenschweißen. Am dritten Tag sind wir als kleine Familie aus dem Krankenhaus aus- und zuhause wieder eingezogen. Deine Mutter und ich waren natürlich verzückt, dass Du da warst, aber eigentlich hast Du gefühlte 23 von 24 Stunden geschlafen. Meine Jungs, obwohl in den meisten Fällen selbst bereits gestandene Väter hielten sich erstaunlich zurück und so gab es kaum gute Ratschläge.

Was ein anständiger deutsche Sommer ist, so regnet es selbstredend im August gehörig und die ersten Tage verbrachten wir fast nur zu Hause zumal ich Dich gar nicht soviel anziehen konnte wie ich Dich vor Witterungseinflüssen, hustenden Passanten oder anderweitigen Bakterienkolonien schützen möchte. Die frühere Vater-Kind-Beziehungsphase erleben wir daher indoor, genau genommen Du auf meine Bauch liegend wobei ich mich ständig frage wie ein unmittelbar geborener Säugling diese Hügelregion als Schlafplatz auch nur annähend akzeptieren kann. Du jedenfalls findest ihn offenkundig wunderbar und bist regelmäßig nach Ablage in Solidaritätsschwanger-Gebirge friedvoll entschlummert. Ich konnte zu dieser Zeit folglich gar nicht abnehmen, wollte ich das Wohlsein meiner Tochter nicht unnötig aufs Spiel setzen.

Auch ein pessimistischer Hochsommer hat seine sonnige Tage und so ziehen wir mit Dir im Alter von zwei Wochen auf die Düsseldorfer Rheinwiesen um Deiner Mutter eine zweifache Freude zu bereiten: Es gibt wieder Sushi. Einer sekundär mitteleuropäisch sozialisierten Russin rohen Fisch vorzuenthalten und das nicht über Tage, sondern monatelang kann beinahe eine Überstellung an das UN-Tribunal in Den Haag rechtfertigen. Ist die Leidensphase dann aber vorbei, gibt es kein Halten mehr. Wie Japanerinnen Kinder bekommen, weiß ich nicht, hierzulande gilt Sushi schlichtweg als Schwangerschaftsinkompatibel. Folglich setzt nach erfolgter Niederkunft ein derart großes Verlangen ein, dass wir drei mittelgroße Tabletts an einem sonnigen Augustnachmittag auf die Rheinwiesen wuchten, und somit Deine Mutter in siebten Himmel wähnen. Das ich mir eher wenig aus Sushi mache ist an dieser Stelle zu vernachlässigen. Deine Mutter sitzt auf der Decke und freut sich über all die kleine Röllchen, die sie um sich verteilt hat. Ich sitze Ihr gegenüber, freue mich mit ihr und verteidige unserer kleines Territorium gegen so manche umfliegende Fußball.

Es ist schön sich als Held zu fühlen. Natürlich war das Sushi-Picknick meine Idee.

Geschrieben in Staufen, Baden-Wurttemberg, Germany.