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posted by on Das zweite Jahr, Von Geburt an

Dein 24. Lebensmonat fällt logischerweise auf den Hochsommer und somit jährt sich eine Veranstaltung die mit Dir überhaupt nichts zu tun hat: Die gemütliche Verrücktentruppe meines Lieblingskunden unternimmt Ihr jährliches Teambuilding an dem Dein Vater natürlich nicht fehlen darf. Als ich in Deinem Alter war nannte man das noch Betriebsausflug und belegte im Firmenkalendarium einen freien Nachmittag sowie in der ortsansässigen griechischen Spezialitätengaststätte die Kegelbahn. So erzählt es zumindest Dein Opa.

Heute koppelt man an den Nachmittag noch ein Wochenende an und fährt ans Meer. Jedenfalls entfällt somit ein Wochenende väterlicher Verfügbarkeit für Dich. Ich bin mir sicher das geht klar mit uns beiden. Nachdem Deine Mutter diese Offerte unterbreitet bekommt überlegt sie nicht lange und entscheidet kurzerhand mit Dir einen Mädelsausflug nach Berlin zu unternehmen. Dort wohnt bekanntlich Deine Nicht-Patentante und beste Freundin Deiner Mutter.

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In den nächsten Tagen höre ich gefühlte tausendmal den gleichen Satz aus Deinem Mund: “Baby fährt tu Mimi”. Z und T sind derzeit noch nicht zu unterscheidende Konsonanten für Dich. Jedenfalls ignorierst Du beharrlich jeden Verbesserungsversuch meinerseits; was ich aber auch schnell aufgegeben habe, da ich das einfach zu putzig finde. Auch frage ich stets interessiert nach was den in Berlin machen möchtest, bekomme aber kontinuierlich die gleicht Antwort: “Tu Mimi”. Aber vielleicht hat das ja auch einfach zu genügen. Irgendwann erlaube ich mir auf die Idee zu kommen, Dich begleiten zu wollen und blicke nach Verbaläußerung desselbigen Umstandes in ein völlig irritiertes Kindergesicht.

“Papa nicht tu Mimi.” ist die noch weichgespülte Variante Deiner Missbilligung einer eventuelle väterlichen Partizipation am hauptstädtischen Ausflug der mir nahestehenden Damenwelt. Je näher der Termin rückt umso rigider formulierst Du Deinen Wunsch endlich mal mit Deiner Mutter alleine sein zu wollen. Ich darf nicht mit und werde somit förmlich genötigt das Land zu verlassen und ein Wochenende am Strand zu verbringen. Bitte Prinzessin, wenn es Dein Wunsch ist – wer kann da schon nein sagen.

Die Damen reisen selbstverständlich zeitoptimiert und Deine Mutter koordiniert Ihre freitägliche Ankunft aus Irgendwo mit Eurem gemeinsamen Weiterflug nach Berlin. Freudestrahlend präsentiert sie mir ihr Zeitkonzept, in der sie noch nicht einmal den Flughafen von Düsseldorf verlassen muß, sondern lediglich Dich dort in Empfang zunehmen gedenkt. Wer nicht mit darf, fährt auch nicht zum Flughafen, heißt: Ich scheide als Shuttle-Service aus. Ich gestehe allerdings wahrscheinlich um diese Uhrzeit auch schon die niederländische Küste erreicht zu haben. Also werden Deine mütterlichen Großeltern, an diesem Nachmittag ohnehin mit Deiner Bespaßung betraut, von Ihrem erweiterten Aufgabenbereich in Kenntnis gesetzt. Zumindest in der Wahrnehmung Deiner Mutter, denn als ich Dich den Abend zuvor von ihnen abhole und mehr beiläufig erwähne, an welchem Gate Deine Mutter auf Dich wartet, schaue ich in zwei völlig ahnungslose Augenpaare.

Deine Mutter kann ganze Industriekomplexe optimieren, Fabriken reorganisieren, aber in Kommunikationsangelegenheiten könnte ihr manchmal durchaus jemand hilfreich zur Seite gestellt werden. Kurz gesagt, sie hat – mal wieder – vergessen ihre Umwelt von der Einzigartigkeit Ihrer Planung in Kenntnis zu setzen. Also wandele ich den unverständlichen Gesichtsausdruck Deiner Oma in ein mitleidvolles Nicken um und entschwinde mit Dir auf dem Arm.

Am nächsten Morgen magst Du schon zu früher Stunde nicht mehr schlafen und schleppst stattdessen ganze Heerscharen von Kuscheltieren zu Deinem Koffer verbunden mit der resolut formulierten Feststellung “Das muß mit!” Einen Schrankkoffer bräuchten wir schon aber das interessiert Dich selbstverständlich nicht. Du beschließt alle Kleidungsstücke durch Hasen, Eisbären, Zebras und sonstiges Getier zu ersetzten. Meinen gutgemeinten Hinweis doch wenigsten den Schlafanzug im Koffer zu belassen konterkarierst Du mit dem Verweis auf den selbigen den Du am Körper trägst. Gegen soviel kleinkindliche Logik kommt keiner an und ich hole einen größeren Koffer.

Wir fahren zum Kindergarten und auf dem Weg frage ich zur Sicherheit noch einmal nach ob Du nicht lieber mit Deiner Mutter und mir nach Berlin fliegen möchtest. Was soll ich sagen: Aussichtslos. “Baby tu Mimi, mit Mama, nicht mit Papa.” Etwa wegrationalisiert fühle ich mich schon als ich Dich an Anna, Deine Kindergärtnerin, übergebe und mich von Dir verabschieden will.

Fast dachte ich es mir schon und dann kommt er auch – der meist gehörte Satz der letzten Tage: “Papa muß weg!” Na dann guten Flug und schönes Wochenende, Prinzessin.

Geschrieben in Lazise, Veneto, Italy.

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Es hat noch nicht einmal zwei Jahre gedauert und das erste unumstößliche Dogma Deines Vaters ist wie das berühmte Kartenhaus zusammengebrochen: Dein Essen im Kindergarten. Im Zuge der Suche nach einem geeigneten Tagesaufenthalt für Dich habe ich kategorisch diejenigen Einrichtungen ausgeschlossen, in denen Mittags nicht frisch gekocht wird. Erfahrungen mit Mensa, Kantine und Co sollst Du alleine machen und zwar idealerweise zu einem Zeitpunkt wo Du selbstbestimmt mit leeren Tablett an der Kasse vorbeiziehst und die feilgebotenen Schnitzelsurrogate – die wahrscheinlich inoffizielle deutsche Leibspeise – verschmähst.

Selbstverständlich bist Du dennoch in einem Kindergarten mit Cateringservice – der neudeutsche Version der klassischen Kantine. Bis dato allerdings nur bis Mittags und ein fleißiges Familienmitglied erscheint pünktlich um zwölf Uhr mit Deinem Mittagessen meist aus großväterlicher Produktion. Dieses Prozedere birgt allerdings verschiedene Nachteile. Zum einen wird es Dir allmählich schwer vermittelbar, warum alle anderen Kinder – wir sind selbstverständlich die einzigen mit der Halbtagsvariante – zusammen am Mittagstisch sitzen und Du an eben dieser Tafel nicht Platz nehmen darfst und ferner schläfst Du grundsätzlich auf der anschließenden Rückfahrt im Auto ein. Zuhause bzw. bei Deinen mütterlichen Großeltern angekommen, also nach etwa zehn bis fünfzehn Minuten, musst Du folglich schlafend aus Deinem Autositz genommen werden und erwachst spätestens im Treppenhaus. Bis Du dann endlich in Deinem Bett angekommen, magst Du manchmal – wie wundersam – nicht direkt wieder einschlafen und es bedarf der üblichen Tricks. Eine funktionale Abhilfe ist es, Dich vom Kindergarten aus in Deinem Kinderwagen durch die Gegend zu schieben. Dieses Unterfangen scheitert allerdings an nicht wenigen Tagen auf Grund der mitteleuropäischen Großwetterlage. An dieser Stelle sei den Erfindern dieser Welt ein atmungsaktiver Regenschutz für solche Gefährte dringend ans Herz gelegt. Ich danke vorab und sichere eine mannigfache Abnahme zu.

Kurz und gut die Halbtagsbetreuung ist mehr als suboptimal und bedarf einer Korrektur. Ob nun Zufall oder nicht, jedenfalls trägt man uns seitens Deines Kindergartens in diesen Tagen die Option einer vollzeitlichen Betreuung anheim. Für Deine Mutter ist selbstverständlich sofort alles klar und ich wehre mich soviel es geht. Es geht allerdings nicht so gut, weil mir schlichtweg die Alternative fehlt. Die russische Familienseite – ohnehin mit dem Kindergarten wenig glücklich – rät zum sofortigen Betreuungsausstieg und bietet die Übernahme an. Deine Mutter und ich sind uns bekanntlich selten einig, in diesem Punkt finden wir aber beide die Kindergartenvariante überzeugender.

An die Stelle von Faina und Semen gerichtet möchte ich mich für das Angebot von ganzem Herzen bedanken, bitte aber ebenfalls um Verständnis, das wir in Kindergartenfragen schlicht und ergreifend anderer Meinung sind, was eben von nun an Deinen werktäglichen Aufenthalt in Unterrath bis etwa drei Uhr ausdehnt.

Du siehst Dich in der Folge dieser Entscheidung zwangsweise mit zwei Änderungen konfrontiert: Gegessen wird mit allen anderen Kindern zusammen und anschließend geschlafen ebenfalls in der Gute-Nacht-Höhle mit Deinen kleinkindlichen Mitstreitern des Kindergarten. Von einer Kreidetafel neben dem Eingang entnehme ich täglich das Mittagsangebot des Hauses und erreiche eine Trefferquote von annähernd einhundert Prozent ob Du etwas isst oder eben nicht. Beim Thema Einschlafen reizt Du Dein Prinzessinnen-Püppchen-Image bis an die Schmerzgrenze aus und so darf sich wahrscheinlich jede Deiner Betreuerinnen rühmen, Dich auf der Schulter liegen gehabt zu haben. Das beruhigt und amüsiert mich wiederum gleichermaßen.

Gefühlte Ewigkeiten vergehen bis sich auch bei Deinem Vater nach einer guten Woche die Einsicht breitmacht Deiner kleinkindlichen Seele keine irreparablen Schaden zuzufügen, nur weil Du mittags keine Hausmannskost mehr dargereicht bekommst. An dem ein oder anderen Tag probierst Du etwas, lehnst jedoch das Essen dann vollständig ab.

Dein Großvater hat aber hierfür stets vorgesorgt und Deinen Nachmittagsfrüchtebrei still und heimlich gegen sein Selbstgekochtes ausgetauscht. Das weiß ich natürlich überhaupt nicht, möchte mich an dieser Stelle aber einfach mal dafür bedanken.

Ich glaube, so ein klein bisschen jüdisch sind wir eben doch alle. Und das ist auch gut so.

Geschrieben in Vendres, Occitanie, France.

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Dein 22. Lebensmonat fällt auf den Mai, was wiederum bedeutet, daß wir mit der Frage konfrontiert sind wo der Geburtstag Deiner Mutter zu begehen ist. Wenig überraschend steht Tarifa auf der Auswahlliste recht weit oben und wird von der Aussage begleitet, “es werde auch mal wieder Zeit zu kiten und überhaupt seien wir in diesem Jahr schon so viel Skifahren gewesen – jetzt könne man sich ja mal wieder um sie kümmern.” Für das Protokoll: Wir waren zweimal in den Bergen.

In diesem Zusammenhang werde ich sogleich nochmals darauf hingewiesen, daß Tarifa nicht zum Urlaub zähle sondern so eine Art Grundrecht Deiner Mutter mindestens einmal jährlich darstellt. Jedwede Diskussion zum diesjährigen Nichturlaub im Mai ist ab dem jetzigen Zeitpunkt obsolet und wir buchen Flüge, Mietwagen und Haus noch am gleichen Tag der Debatte. Aus Kostengründen entscheiden wir uns für die puristisch-originelle Flugvariante und besteigen mal wieder einen irischen Lowcost-Carrier. Die ganze Fahrt zum Flughafen freue ich mich insgeheim wie Deine Mutter mit Dir auf dem Arm ihr selbstgewähltes Recht auf privilegierte Behandlung am Gate einfordert. “Man lässt ja wohl kleine Kinder zuerst einsteigen.” vernehme ich im Satzverlauf leiser werdend, denn ich bin im Menschenmengen beiseite schieben mit zwei Kabinenkoffern selbstverständlich langsamer als Du mit Deiner Mutter gepäcklos. Es hilft nichts da müssen wir jetzt durch. In der Maschine blockiert Deine Mutter erfolgreich eine Dreiersitzreihe und so reisen wir doch recht komfortabel. Mein schlechtes Gewissen zwingt mich förmlich dem Bordpersonal zwei Bier abzukaufen und die zweieinhalb Stunden Flug sind flott vorbei.

Eine gute Autostunde Fahrt noch und wir sind am Ziel. Ich weis nicht mehr genau wie oft wir schon in Tarifa waren, jedenfalls haben wir es noch nie geschafft den Namen unseres letzten Vermieters zu notieren und so beziehen wir auch dieses Mal wieder ein neues Haus nicht weit vom Strand von Punta Paloma etwas außerhalb der Stadt, dafür mit Dachterrasse auf der ich genau zweimal stehe: bei der Schlüsselübergabe und am letzten Abend eine Woche später – wahrscheinlich weil der Grill im Garten steht. Unsere Vermieterin wohnt im Haus gleich nebenan und hat an unserem Anreisetag Besuch von Ihren Enkelkindern die zwar etwas älter sind als Du, das kleine Mädchen mit dem hübschen roten Hut (soweit mich meine ordentlich rudimentären spanischen Sprachkenntnisse nicht täuschen) aber so putzig finden, das Du sofort neue Spielkameraden gefunden hast. Deine Mutter und ich beglückwünschen uns gegenseitig zur gelungenen Hauswahl und öffnen eine Flasche Wein zur Begrüßung. Das Haus war übrigens die dritte oder vierte Alternative, nachdem die zunächst in Auge gefassten Objekte bereits ausgebucht waren – aber das interessiert uns gegenwärtig nicht besonders.

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Am nächsten Tag verschlägt es uns recht früh zum Strand und Deine Mutter organisiert sogleich bei der zufällig ebenfalls anwesenden Kitertruppe um Thilo – unserem Lehrer von vor ein paar Jahren – ihre Termine und Spots für die nächsten Tage. Alles bestens – noch keine 24 Stunden vor Ort und schon ist alles rund. Das Optimierungsherz Deiner Mutter ist glücklich.

Die nächsten Tage unterscheiden sich lediglich dahingehend welchen Beachclub wir in der Zeit in der sich Deine Mutter von 9 Quadratmeter Segeltuch durch die Straße von Gibralter ziehen läßt besuchen. Egal wo, es macht einfach unglaublich viel Spaß mit Dir dort aufzutauchen und zu sehen wie Du mit mittlerweile professionellem Selbstverständnis eine Gruppe von verzückten Bestaunern um Dich scharst und die Zeit zwischen Strand, Bar und Lounge eigentlich nur so verfliegt. Ab Mittags kommt mir manchmal rein zufällig ein Mojito entgegen, dem ich einfach nicht ausweichen kann.

An irgendeinem der folgenden Tage magst Du allerdings überhaupt nicht ins Auto steigen, willst alle fünf Sekunden etwas anderes und ich entscheide Kraft väterlicher Willkür mit Dir zu Hause zu bleiben, überzeuge Deine Mutter dennoch aufs Wasser zu gehen und bringe es sogar fertig Dir ganze drei Löffel Mittagessen zu verabreichen. Dann brauchen wir nur noch eine knappe Stunde bis Du Dich zum Mittagsschlaf überzeugen lässt und Du liegst in Deinem Bett. Ich glaube Dir fehlte mal wieder der erbrachte Beweis wer hier in Wahrheit das Sagen hat und mit so einem gehaltvollem Gezicke sind die Fronten wieder gerade gerückt.

Kurz bevor Du erwachst rumpelt ein Auto die Schotterpiste zum Nachbarhaus empor und ich erkenne Anna, die Kellnerin einer Strandbar vom letzten Frühjahr wieder. Ihr folgen die bereits bekannten Vermieterenkelkinder und die Familienfolge ist unschwer auszumachen. Freundlicherweise brichst Du wie auf Bestellung Deine Ruhephase abrupt ab und forderst in die Freiheit entlassen zu werden. Die tobenden Kinder hast Du wahrscheinlich längst wahrgenommen und stapfst zügig in deren Richtung. Alle Beteiligten erkennen sich wieder und unsere Vermieteroma wird von Ihrer Schwiegertochter aufgeklärt warum sich hier alle so freudig begrüßen. Wie von Zauberhand bist Du wieder das zuckersüße kleine Kind der letzten Tage und nicht nur eine Flasche Wein begleiten den Nachmittag.

Anna ist bereits entschwunden als Deine Mutter wiederkommt und begeistert bemerkt wie ich Deinen Stimmungswandel bewerkstelligt habe. Ich schweige lauthals und schlage vor diesmal die Adresse unserer Vermieterin zu behalten.

“Der Kleinen gefällt es hier so gut.” sind meine Worte während ich in der Küche nach dem Korkenzieher suche. Deine Mutter hat übrigens völlig Recht damit mindestens einmal im Jahr hierher zu wollen. Das sollten wir ihr zugestehen – Nicht wahr, Prinzessin.


Kite & Kinderzeit
Sarah Sophie Mai 2013 – Tarifa
Musik – Amy Macdonald – The days of being young and free & Jhonny Cash – Asi Como Eres

Geschrieben in Valras-Plage, Languedoc-Roussillon, France.

Samoëns @ Super 8

Mai
2013
24

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Samoëns, Frankreich 2012/2013 in der Super 8 / Single 8 – Version.
Après-Ski – noch ohne Après und Ski.


Sarah Sophie Winter 2013 – Part 2/2 – Dezember 2012/Januar 2013
Musik – The Supremes – My world is empty without you


Geschrieben in Dusseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

Samoëns @ Super 8

Mai
2013
17

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Samoëns, Frankreich 2012/2013 in der Super 8, bzw. hier Single 8 – Version.
Auch Berge und Schnee stellen selbstverständlich kein Hindernis mehr da.


Sarah Sophie Winter 2013 – Part 1/2 – Dezember 2012/Januar 2013
Musik – Ensemble Mescherina – It’s frosty outside


Geschrieben in Dusseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.

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Unsere werktägliche Tochter-Vater Zweisamkeit wird in Deinem 21. Lebensmonat jäh unterbrochen. Deine Mutter hat nämlich beschlossen Dich zu einem Kunden einfach mal mitzunehmen und zu Deiner Betreuung ihre Eltern auch noch einzupacken. Da Dein mütterlicher Opa nun auch dem Pensionärswesen frönen darf, lassen sich solche Konstellationen recht problemlos realisieren. Also wird eine Ferienwohnung in der thüringischen Provinz angemietet und ich bin eine Woche kinderlos.

An einem Wochenende besucht uns noch Deine nicht vorhandene Patentante Mimi aus Berlin und am Sonntag Mittag verlässt Du nebst großem Reisegepäck und entsprechender Entourage das Rheinland. Mit einem Schlag herrscht eine beunruhigende Stille in unserer Wohnung. Um nicht direkt in tiefe Depression zu verfallen beschließe ich eine unweit gelegene Kneipe aufzusuchen um zu überprüfen ob hier vielleicht noch andere alleinstehende Herren die Zeit totschlagen und mir möglicherweise Ratschläge für die folgenden Tage geben können. Völliger Unfug wie ich feststellen muß, die hier verwahrten Probanden haben nur tagsüber Ausgang bekommen und dürfen am Abend wieder in dem heimeligen Schoß ihrer Familien zurück. Um mich von ihnen deutlich abzugrenzen bleibe ich einfach länger sitzen und schaue sogar noch in einer anderen solchen Lokalität nach ob dort Geistesverwandte gestrandet sind, aber das ist ebenfalls nicht der Fall.

Wieder Zuhause angekommen liege ich mal wieder in meinen eigenen Bett und nicht auf der Gästeliege im Zimmer neben Deinem Bett – ja, es ist wahr Du schläfst immer noch keine Nacht durch und ich neben Dir.

Das ist schon ein sonderbares Gefühl. Genauso wie das fehlende Babyphon was ich für gewöhnlich allabendlich mit mir herumtrage bevor ich mich zu Dir lege. Die Aussicht am kommenden Morgen aber selbstbestimmt aufstehen zu können hat eine gewisse Verlockung wie ich unumwunden zugeben muß. Während der Nacht passieren dann aber doch sonderliche Dinge. Unser Haus toppt alles mir bekannte in Hinblick auf Hellhörigkeit was wiederum bei einigen Kleinkindern verteilt auf mehrere Familien im Gebäude zu einem illustren Klangteppich führt. Das fällt – solange Du da bist – lediglich rudimentär auf, jetzt aber stehe ich mehrfach in der Nacht sprichwörtlich senkrecht im Bett wenn einer unserer kleinen Nachbarn akustischen Unmut verkündet. Das passiert mir nicht, wenn Du Zuhause bist. Komisch – entwickeln Eltern etwa ein selektives Gehör für den eigenen Nachwuchs? Wie auch immer dieses Prozedere wiederholt sich in den nächsten Nächten einige Male.

Unsere Versuche miteinander zu telefonieren scheitern meist nach wenigen Sekunden, da Du zwar mittlerweile verstanden hast was man mit dem kleinen weissen Kasten Deiner Mutter machen kann, die vielen bunten Apps darauf durcheinander zu schieben ist aber viel spannender als immer wieder “Papa doma” (zu deutsch Papa ist Zuhause) zu brabbeln. Und etwas anderes sagst Du lustigerweise selten wenn Mama Dir das iPhone ans Ohr hält. Kurz und gut ich vermisse Dich ganz schrecklich und genieße es gleichzeitig wieder mal Abends aus dem Haus gehen zu können. Böse Zungen unterstellen mir, genau das jeden Abend getan zu haben, aber darüber hüllen ich hiermit offiziell den Mantel des Schweigens. Punkt!

In der Zwischenzeit konntest Du so großartige Dinge wie das Zwergenland erkunden. Gartenzwergfreunde irgendwo im Nirgendwo des Thüringer Waldes haben den wohl deutschesten aller kleinbürgerlichen Wunschträume wahr werden lassen und rund 1.700 der bunten Vorgartengesellen zusammengetragen damit sich die Volksseele daran erfreuen kann. Was unweigerlich die Frage aufwirft, ob man Ost- von Westdeutschen Zwergen unterscheiden kann. Das wird Dir aber ganz gewiss und völlig zu Recht total gleichgültig sein. Ich schätze viel spannender ist es, den bunten Knollennasenmännern nahezu auf Augenhöhe begegnen zu können.

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Und wer so viel Zwerge haben kann, der kann seinen Papa schon mal ein paar Tage vergessen. Mächtig gefreut hast Du Dich aber schon als wir uns am Freitag wiedergesehen haben. Und um den Trennungsschmerz zu mildern müssen wir erstmal eine Woche Urlaub machen. Am nächsten Tag fliegen wir nach Tarifa, da geht Deine Mutter kiten und wir haben wieder den ganzen Tag Zeit miteinander.

Buenas noches, Princesa.

Geschrieben in .

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In Deinem zwanzigsten Lebensmonat haben wir unseren neuen Campingbus in der Nähe des Bodensees abgeholt und konnten folglich nicht umhin, denselbigen auf eventuelle Untauglichkeiten zu überprüfen. Schon zwangsweise so weit im Süden starten zu können, nimmt selbstverständlich gehörigen Einfluß auf die Wahl des Reiseziels und so entscheiden wir uns für die Côte Azur. Es mutet fast schon etwas sonderbar an, aber seit Du auf der Welt bist, machen wir gefühlt ausschließlich Ausflüge nach Frankreich. Da mir allerdings eine frankophile Grundeinstellung nicht abzusprechen ist, nehme ich diesen Umstand zu gerne als gegeben hin. Außerdem will hier ja niemand auf hohem Niveau jammern.

Der Optimierungskompetenz Deiner Mutter huldigend, fahren wir zunächst mit ihr nach München wo sie einem lokalen Autobauer zu effizienteren Produktionswegen und kompetenterer Kommunikation verhilft und wir in einem 70er Jahre Flashback im ehemaligen Olympischen Dorf untergebracht sind. Das ist mittlerweile, zumindest partiell, ein Hotel und ich bin der festen Überzeugung in einem der Zimmer unterbracht zu sein, in denen die Münchener Attentatsszenen der Olympischen Sommerspiele von 1972 ständig durch mein Kopfkino geistern. Auf jeden Fall sieht die Fassadenansicht genau so aus wie die Fernsehbilder der zahlreichen Reportagen und Dokumentationen über diesen Wahnsinn. An die Liveberichterstattung kann auch ich mich natürlich nicht erinnern, aber als braver Sekundaner eines humanistischen Gymnasiums ist mir dieses Ereignis – unter anderen – als eines der prägnantesten der deutschen Nachkriegsgeschichte in Erinnerung geblieben. Nach drei Tagen gelebter Geschichtsretrospektive fahren wir alle zusammen zu dem mittlerweile bestens bekannten Flugzeugklapptischproduzenten dessen Fabrikationsstätte nur wenige Kilometer unweit des Campingbushändler unseres Vertrauens liegt um dann an einem Freitag unser neues mobiles Heim in Empfang nehmen zu können. Die Abholung erledigen wir zwei ganz alleine, da Deine Mutter selbstverständlich keine sinnlose Zeit vertrödeln will und lieber arbeiten geht, als sich Gasflaschenwechsel und Navigationsgerät erklären zu lassen. Ich scheine auf eine Vielzahl an Mitarbeitern dieses Ladens den Eindruck eines alleinerziehenden Vaters zu erwecken; jedenfalls wird uns mehr als einmal zum Kauf gratuliert und Dir in fürsorglicher Weise über den Kopf gestreichelt, untermauert mit den Worten “Na, da hast Du ja jetzt viel Platz mit dem Papa.” Ich gebe aber zu auch mit Deiner Mutter dabei haben wir immer noch gehörig viel Platz, gerade im Vergleich mit unserem bisherigen Gefährt. Nachdem ich über etwa einhundert Knöpfe, Regler und Schalterstellungen informiert bin, füttere ich Dich und noch während wir vom Hof rollen, schläfst Du bereits tief und fest Deinen Mittagsschlaf.

Im Dorf des Flugzeugklapptischproduzenten angekommen, vergnügen wir uns noch etwas auf dem Spielplatz bevor wir am späten Nachmittag Deine Mutter abholen und gen Mittelmeer aufbrechen. Während der Fahrt wiederholst Du etwa 500 mal die Worte “Baby Auto” was uns zu der Annahme verleitet, Du fühlst Dich hier pudelwohl. Das finde ich großartig.

Der erste Weg während solcher Ausflüge führt uns traditionell zunächst auf den lokalen Markt und beim Anblick der feilgebotenen Fischauswahl geht Deiner Mutter das Herz auf. Ich muss zugeben ebenfalls ganz gerne Fisch zu essen, ziehe aber ein gegrilltes Entrecote allem Meeresgetier eindeutig vor. Jean-Louis sieht imposant aus zwischen seinen Doraden, Seezungen und den lustigen flachen Fischen, deren Namen ich mir nie merken kann so auch jetzt nicht. Jedenfalls hat er einen neuen Stammkunden für die kommende Woche gefunden. Nachdem er erfährt, daß das nette kleine Kind nicht nur permanent frech grinsen kann, sondern nebenbei auch noch leidenschaftlich Fisch verspeist – selbst in so zartem Alter, wie er fachmännisch bemerkt – stehen wir kurz vor der Einbürgerung. Wir kaufen viel zu viel ehemals Schwimmendes und ziehen mit zwei großen Tüten von dannen.

Es ist kurz nach zehn Uhr morgens und ich beschließe Dein Mittagessen auf dem Grill zuzubereiten. Feuer frei und nach einer halben Stunde sind Grill und Fisch bereit. Nach dreißig weiteren Minuten steht Dein Essen auf dem Tisch und ich bin gespannt wie Du reagierst – schließlich findest Du erstmals ein ganzes Tier auf Deinem Teller. Erste Reaktion ist die Einforderung eines eigenen Essbesteck für Dich. Die angedachten Beilagen in Form von schnöden Möhren und ordinären Kartoffeln beachtest Du erst gar nicht. Viel mehr bekommt der platte Fisch Deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Im Sinne eines halbwegs zivilisierten Umgang mit dem Meerestier nimmt Deine Mutter Abstand von Deinem dringenden Wunsch das Objekt lukullischer Begierde ganz alleine auseinander nehmen zu wollen. Auf Deinem eigenen Teller bestehst Du allerdings. So friemelt Deine Mutter mit bewundernswerter und vor allem für sie völlig untypischer Ruhe und Hingabe den Fisch in kindgerechte Häppchen, befreit diese von den letzten Gräten und legt die kleinen Stückchen auf einen kleinen Teller direkt vor Dir. Von diesem bugsierst Du die Häppchen mit einer kleinen Kindergabel dann an ihrem Bestimmungsort. Nur ganz selten darf Deine Mutter Dir direkt eine Portion verabreichen. Heute sind wir erwachsen und essen lieber ganz alleine.

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Bis so ein Fisch verspeist ist vergeht eine gute Stunde und zum Ende wirkst Du nicht nur ziemlich müde, sondern bist es auch tatsächlich. Aber so einen Triumph will schließlich ausgekostet werden. Ich halte also fest: Du bist noch einige Monate von Deinem zweiten Geburtstag entfernt, aber ganze Fische stellen kein Problem mehr dar.

Wir sind eine Woche in Nizza – Jean-Louis haben wir natürlich jeden Tag besucht. Aber manchmal habe ich mir abends, nachdem Du eingeschlafen bist, einfach so ein Steak gegrillt. Ganz für mich allein.

Vive la France, Mademoiselle Sarah Sophie.

Geschrieben in Tarifa, Andalucía, Spain.