Der 36. Monat – Die Tiere wollen doch jetzt essen!

Gefühlt und wahrscheinlich auch real haben wir in Deinem 36. Lebensmonat die meiste Zeit in verschiedenen Freizeit- und Erlebnisparks verbracht. Zieht man um Düsseldorf einen Radius von einer Autostunde ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten. Pädagogisch korrekt und altersentsprechend beschränken wir uns auf die Einrichtungen, in welchen man nicht durch Kirmesattraktionen geschleift wird, sondern Dein Mittun gefordert wird. Ob nun eine Tierpark mit freilaufenden Affen oder Riesentrampolin: Du verblüffst mich immer wieder. Betreten wir einen Park findest Du schnell eine Dich begeisternde Attraktion und erklärst uns Eltern wohin des Weges es nun geht. Kein Problem, wir sind schließlich wegen Dir hier. In jedem Park – ich bin mir da sehr sicher – gibt es irgendwo einen Ziegenbereich. Haben wir den erreicht bist Du glücklich. Hunde sind für Dich nett, Katzen niedlich, Kaninchen und andere Langohren putzig aber an einer Ziegenwiese kommen wir nicht unter mindestens einer Stunde vorbei.

IMG_0487.JPG

In den meisten dieser Einrichtungen kauft man, als passables Futter, gepresstes Gras welches Du dann hingebungsvoll verfütterst. Irgendwann und irgendwo war der Futterautomat leergekauft, nicht vorhanden oder sonst wie nicht verfügbar und mich blicken zwei erschütterte Kinderaugen an: „Papa, wir haben gar kein Futter.“ vernehme ich mit bestürzter Stimme. „Das macht nichts.“ antworte ich, „dann pflückst Du eben einfach Gras von der Wiese und gibst das den Ziegen.“ Du vergewisserst Dich kurz bei Deiner Mutter ob ich auch keine Blödsinn erzähle und ziehst von dannen. Da es um die Mittagszeit ist entzünde ich den Grill und Deine Mutter bereitet Dein mitgebrachtes Essen vor.

Nach einer halben Stunde frage ich nach ob Du nicht zum Mittagessen kommen möchtest und vernehme die schon so oft gehörte Floskel „Gleich, Papa nur noch kurz hier …“ Du hast Dir angewöhnt diesen Satz meist nicht final auszuformulieren, da Du dies vermutlich für Zeitverschwendung hältst, denn in dieser Zeit kann man sich ja lieber seinen selbstgesteckten Aufgaben und Zielen widmen. Worin ich übrigens in Dir eindeutig Deine Mutter wiedererkenne. Wenn eh schon alle wissen was passiert muss man ja nicht lange herumreden. Ein effizientes Kind. Jedenfalls verschwindet Dein eigener Appetit hinter dem der Ziegenfamilie frappierend. Wir sehen Dir zu und beobachten ein kleines Mädchen, welches mit stoischer Hingabe zwischen der, einige Meter entfernt liegenden, Wiese und dem Ziegengehege hin- und herläuft um immer wieder frische Gräser an die versammelte Ziegenschar zu verfüttern. Die ist übrigens auf ein stattliches gutes Duzend Paarhufer angewachsen und streitet sich mitunter um das jeweilige Vorrecht. Aber nicht mit Dir. Erst die Kleinen dann die Großen scheint die Devise. Wenn sich ein störrisches Tier nicht an Deine Anweisungen hält wird es auch schonmal von Dir zur Seite geschoben – Berührungsängste unbekannt.

Inzwischen bist Du rund eine Stunde zugange und weit über Deiner üblichen Zeit zum Mittagessen. Also versucht Deine Mutter ihr Glück Dich zum Familienlunch zu bekehren. Deine Reaktion kommt genauso postwendend wie umwerfend: „Nur noch das da.“ verkündest Du und zeigst in Richtung eines Hügels mit hochgewachsenen Gräsern bevor Du dorthin läufst und eine genaues Areal absteckst das Du zu verfüttern gedenkst. Unverzüglich nimmst du Deine Grassammlung auf. Jedwede Intervention erscheint mir an dieser Stelle sinnlos und wir lassen Dich einfach gewähren. In der Zwischenzeit haben Deine Mutter und ich bereits gegrillt, gegessen und uns final damit arrangiert Dir Dein Mittagessen heute am Nachmittag zu verabreichen.

Auf einmal erscheinst Du wie aus heiterem Himmel bei uns, setzt Dich auf einen Stuhl und grinst mich an: „Die Tiere wollten ja essen.“ Einwände in Richtung einer möglichen Fehlinterpretation Deinerseits zu diesem Thema strafst Du lediglich mit einem verächtlichen Blick in meine Richtung. „Ich kann ja nicht kommen, die Tiere wollten ja essen.“ wiederholst Du Deine Intention in Richtung Deiner Mutter. „Aber Du musst doch auch etwas essen.“ versuche ich logisch zu argumentieren. „Ich kann ja immer essen.“ bekomme ich retourniert, während Du Dich wieder auf den Weg Richtung Gatter machst „aber die Tiere nicht, denn dann bin ich ja nicht mehr hier.“ vernehme ich noch aus der Ferne. Ich kapituliere vor so viel kleinkindlichem Überzeugungsgeist, bin aber schweigend so dermaßen stolz auf Dich das ich platzen könnte. Alles in allem verbringst Du geschlagene zwei Stunden damit die versammelten Hornträger zu versorgen und auch Hinweise auf Rutschbahnen, Trampoline und Sommerrodelbahnen verpuffen im Nichts. Gegen eine Ziege kommt nichts an.

Irgendwann ereilt Dich die Überzeugung alle Tiere versorgt zu haben und Du bequemst Dich doch noch zum Mittagstisch zu erscheinen. Deinem Appetit hat das ganze Spektakel nicht geschadet und so isst Du zwar spät aber dafür für drei. Auch nicht schlecht beschließen Deine Mutter und ich. Während des Schokoladeneisnachtisch verkündest Du uns freudig, daß wir nun weiterziehen können.

Der entscheidenden Satz klingt in etwa so aus Deinem Mund: „Ihr habt jetzt so lange hier gesessen, jetzt müssen wir aber zur Rutsche, sonst wird es zu spät.“

Es muss schwierig sein so trödelnde Eltern zu haben.

Geschrieben aus Berlin, Berlin, Deutschland.