Der 31. Monat – Nein, du nicht – Heute ist doch Mama-Tag

Ich hätte es natürlich wissen können, vielmehr wissen müssen, da aber Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, bin ich bis ultimo davon ausgegangen, daß der Gleichheitsgedanke für Dich unangefochten gilt. Tut er absolut auch, aber nur bis zum Wochenende. Bin ich verständlicherweise im intrafamiliären Elternranking werktäglich die Nummer 1, erlischt derlei Kompetenz meinerseits schlagartig am Freitagabend.

Du hast schnell verstanden, das eines der bunten Icons auf Papas iPhone dazu erdacht ist Fluginformationen zu transportieren. Pünktlich zur „Flug XYZ ist gelandet-Melodie“ schauen mich zwei glücklich strahlende Kinderaugen an und Du stellst immer wieder die gleiche Frage, verbunden mit immer der gleichen Antwort: „Kommt Die Mama jetzt“ – „Ja, die Mama kommt gleich – sie ist gerade gelandet“. Weiter geht es mit „Ist die Mama gelandet?“ „Fährt die Mama jetzt mit dem Taxi?“ Gebetsmühlenartig bejahe ich beide Fragen und entfessele einen Schlüsselreiz. Sogleich willst Du unbedingt und sofort auf die Fensterbank meines Arbeitszimmers klettern und der spannenden Anfahrt eines gelben Autos mit schwarzem Schild auf dem Dach beiwohnen. Nach der gefühlten dreihundertsten Erklärung, daß zwischen Landung und Vorfahrt mindestens eine halbe Stunde liegt, es aber auch mal gerne eine ganze werden kann, haben wir gemeinsam gelernt die Zeit zu nutzen und stellen nun fest, welche Farben die Autos haben die unter unserem Fenster vorbeifahren. Manchmal erkennst Du sogar die Marke korrekt, was ich aus zwei Gründen erstaunlich finde. Erstens wohnen wir in der dritten Etage und zweitens habe ich Dir nie Automarken erklärt. Ein nicht unbegründeter Anfangsverdacht in dieser Sache geht in Richtung Deiner mütterlichen Großeltern. Das aber nur nebenbei.

Steigt Deine Mutter dann irgendwann in persona aus der vorgefahrenen Droschke, wird erst munter gewunken und dann, selbstverständlich Deinerseits selbständig, die Tür geöffnet damit sich meine beiden Damen standesgemäß begrüßen können. Ab jetzt könnte ich ausziehen, es würde niemand merken. Gerne sitzt Ihr beide eine Viertelstunde auf dem Boden im Flur und tauscht Euch über die wesentlichen Ereignisse der vergangenen Tage aus. Eine gute Gelegenheit das Gepäck Deiner Mutter zu verstauen und mit Deinem Abendessen zu beginnen, da wir natürlich zumeist über eine Uhrzeit sprechen, in der Du eigentlich bereits gegessen haben solltest. Der Konjunktiv hat an dieser Stelle reinen Richtcharakter. Alle Beteiligten haben sich irgendwie daran gewöhnt, das es Freitags etwas länger dauert – was soll’s. Das wir die Eltern sind, denen es wichtig ist, das Du verstehst was Konsequenz bedeutet, versteht sich von selbst. Den letzten Satz Deiner Mutter zu diesem Thema den ich mir gemerkt habe endete ungefähr mit dem Worten: „Natürlich Du hast völlig recht, ich bin Deiner Meinung, Sie muss verstehen das um acht Uhr abends Schluss ist – ich lande um halb acht, ihr wartet doch mit dem Essen, oder?“

Bewundernswert finde ich dann aber doch die Geschwindigkeit mit der Deine Mutter die anstehenden Dinge mit Dir erledigt. Ihr esst, vertreibt die Zahnteufelchen und schon werde ich zum Gute-Nacht-Defilee gerufen nach dessen Abarbeitung mir Deine Mutter noch flugs das benutzte Geschirr und die nebenbei aussortierte, schmutzige Wäsche von Dir in die Hand drückt. Für das alles brauchen wir beide länger, das gebe ich zu.

Am Samstag werde ich zu aufregenden Hilfstätigkeiten wie Wasserflaschen besorgen, Papiermüll runtertragen und – nicht zu vergessen – dem Auffüllen Deiner Wochenration kleinkindlicher Verbrauchsartikel herangezogen. Die Frage „Sind noch Feuchttücher oben?“ ist längst zum Geflügelten Wort hierfür mutiert. Keine Frage am Wochenende werde ich einfach nicht gebraucht. Daran muss man sich erstmal gewöhnen – was Du allerdings meisterhaft beherrschst. Dein offenkundig bereits ausgeprägtes Gespür für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens knallst Du einem schonmal vollmundig vor den Latz. Ich glaube es war mein Versuch Dir beim Einsteigen in eine Strumpfhose behilflich zu sein. Da hier aber nicht jeder machen kann was er will – am Wochenende schon gleich gar nicht – rupfst Du Dein Beinkleid aus meiner Hand machst eine elegante Drehung um 180 Grad und wirfst mir eine mehr als nur vorwurfsvolle Geste mit den Worten „Nein, Du nicht – Heute ist doch Mama-Tag. Du darfst morgen wieder.“ entgegen. Strumpfhose und Kind stolzieren in Richtung Mama und mir fällt gerade noch rechtzeitig eine wenig marginale Frage ein: „Ist noch Sprudelwasser oben?“

Ich schaue besser mal nach.

Geschrieben aus Gibraltar.