Der 21. Monat – Papa allein zu Haus

Mai
2013
10

posted by on Das zweite Jahr, Von Geburt an

Unsere werktägliche Tochter-Vater Zweisamkeit wird in Deinem 21. Lebensmonat jäh unterbrochen. Deine Mutter hat nämlich beschlossen Dich zu einem Kunden einfach mal mitzunehmen und zu Deiner Betreuung ihre Eltern auch noch einzupacken. Da Dein mütterlicher Opa nun auch dem Pensionärswesen frönen darf, lassen sich solche Konstellationen recht problemlos realisieren. Also wird eine Ferienwohnung in der thüringischen Provinz angemietet und ich bin eine Woche kinderlos.

An einem Wochenende besucht uns noch Deine nicht vorhandene Patentante Mimi aus Berlin und am Sonntag Mittag verlässt Du nebst großem Reisegepäck und entsprechender Entourage das Rheinland. Mit einem Schlag herrscht eine beunruhigende Stille in unserer Wohnung. Um nicht direkt in tiefe Depression zu verfallen beschließe ich eine unweit gelegene Kneipe aufzusuchen um zu überprüfen ob hier vielleicht noch andere alleinstehende Herren die Zeit totschlagen und mir möglicherweise Ratschläge für die folgenden Tage geben können. Völliger Unfug wie ich feststellen muß, die hier verwahrten Probanden haben nur tagsüber Ausgang bekommen und dürfen am Abend wieder in dem heimeligen Schoß ihrer Familien zurück. Um mich von ihnen deutlich abzugrenzen bleibe ich einfach länger sitzen und schaue sogar noch in einer anderen solchen Lokalität nach ob dort Geistesverwandte gestrandet sind, aber das ist ebenfalls nicht der Fall.

Wieder Zuhause angekommen liege ich mal wieder in meinen eigenen Bett und nicht auf der Gästeliege im Zimmer neben Deinem Bett – ja, es ist wahr Du schläfst immer noch keine Nacht durch und ich neben Dir.

Das ist schon ein sonderbares Gefühl. Genauso wie das fehlende Babyphon was ich für gewöhnlich allabendlich mit mir herumtrage bevor ich mich zu Dir lege. Die Aussicht am kommenden Morgen aber selbstbestimmt aufstehen zu können hat eine gewisse Verlockung wie ich unumwunden zugeben muß. Während der Nacht passieren dann aber doch sonderliche Dinge. Unser Haus toppt alles mir bekannte in Hinblick auf Hellhörigkeit was wiederum bei einigen Kleinkindern verteilt auf mehrere Familien im Gebäude zu einem illustren Klangteppich führt. Das fällt – solange Du da bist – lediglich rudimentär auf, jetzt aber stehe ich mehrfach in der Nacht sprichwörtlich senkrecht im Bett wenn einer unserer kleinen Nachbarn akustischen Unmut verkündet. Das passiert mir nicht, wenn Du Zuhause bist. Komisch – entwickeln Eltern etwa ein selektives Gehör für den eigenen Nachwuchs? Wie auch immer dieses Prozedere wiederholt sich in den nächsten Nächten einige Male.

Unsere Versuche miteinander zu telefonieren scheitern meist nach wenigen Sekunden, da Du zwar mittlerweile verstanden hast was man mit dem kleinen weissen Kasten Deiner Mutter machen kann, die vielen bunten Apps darauf durcheinander zu schieben ist aber viel spannender als immer wieder “Papa doma” (zu deutsch Papa ist Zuhause) zu brabbeln. Und etwas anderes sagst Du lustigerweise selten wenn Mama Dir das iPhone ans Ohr hält. Kurz und gut ich vermisse Dich ganz schrecklich und genieße es gleichzeitig wieder mal Abends aus dem Haus gehen zu können. Böse Zungen unterstellen mir, genau das jeden Abend getan zu haben, aber darüber hüllen ich hiermit offiziell den Mantel des Schweigens. Punkt!

In der Zwischenzeit konntest Du so großartige Dinge wie das Zwergenland erkunden. Gartenzwergfreunde irgendwo im Nirgendwo des Thüringer Waldes haben den wohl deutschesten aller kleinbürgerlichen Wunschträume wahr werden lassen und rund 1.700 der bunten Vorgartengesellen zusammengetragen damit sich die Volksseele daran erfreuen kann. Was unweigerlich die Frage aufwirft, ob man Ost- von Westdeutschen Zwergen unterscheiden kann. Das wird Dir aber ganz gewiss und völlig zu Recht total gleichgültig sein. Ich schätze viel spannender ist es, den bunten Knollennasenmännern nahezu auf Augenhöhe begegnen zu können.

20130510-175324.jpg

Und wer so viel Zwerge haben kann, der kann seinen Papa schon mal ein paar Tage vergessen. Mächtig gefreut hast Du Dich aber schon als wir uns am Freitag wiedergesehen haben. Und um den Trennungsschmerz zu mildern müssen wir erstmal eine Woche Urlaub machen. Am nächsten Tag fliegen wir nach Tarifa, da geht Deine Mutter kiten und wir haben wieder den ganzen Tag Zeit miteinander.

Buenas noches, Princesa.

Geschrieben in Tarifa, Andalucía, Spain.