Gagra – Ein Tag am Meer

Wir bewohnen das kleine Gartenhaus unserer Gastgeber die Dich sofort in Ihr Herz geschlossen haben und zwar alle über alle drei Generationen hinweg. Zum Strand sind es nur etwa zehn Minuten und somit steht einem Tag am Meer nichts im Wege. Ich gebe zu die Infrastruktur der zweitgrößten Stadt Abchasiens könnte geringfügig verbessert werden aber mit etwas sportlichem Willen und den richtigen Rädern an Deinem Kinderwagen kommt der auch überall hin.

Eine Bahnlinie inklusive Wall ist zu überwinden und die sicherlich tüchtige Gemeindeverwaltung hat gewiss einfach nur vergessen ein paar Hinweisschilder aufzustellen. Auf einem Gerölltrampelpfad umkurven wir ein paar seeähnliche Pfützen denn unpraktischerweise hat es die ersten zwei Tage unser Ankunft nahezu ununterbrochen geregnet. Dann aber sind wir am Strand angekommen und Du schaust auch nur ein ganz klein wenig irritiert, denn Meer mit Horizont kennst Du – davor hat aber gefälligst Sand in rauen Mengen vorzuherrschen. Das ist hier leider nicht der Fall und so finden wir uns schließlich am Kieselstrand von Gagra wieder. Babuschkas schleppen dicke Tüten mit allerlei selbst gebackenem umher und das Bier von der Bretterbude ist eiskalt. Kurzgesagt unsere Familie fühlt sich wohl.

An einem ordentlichen Strand im postsowjetischen Raum dürfen natürlich Maiskolben nicht fehlen und die stellen Deine neuste Herausforderung dar. Deine Mutter hat sich erlaubt eine solchen ganz für sich alleine zu kaufen und muß mit dem augenblicklichem kleinkindlichen Protest Deinerseits leben. Mütterlich vorsorglich klaubt sie Dir einzelne Maiskörner heraus und findet reißenden Absatz. Auf Dein Selbstverwirklichungsrecht pochend machst Du uns allerdings unmissverständlich klar einen eigenen Maiskolben haben zu wollen um einen weiteren Schritt in Autarkie von der elterlichen Nahrungsvorsortierung zu erlangen. Zu meiner Überraschung verlierst Du an dem nicht nach wenigen Minuten das Interesse (ich habe wahrscheinlich bereits erwähnt, daß Du in Geduldsdingen wahrhaftig die Tochter Deiner Mutter bist), sondern knabberst ihn hingebungsvoll und mit gründlicher Leidenschaft ab. Wir sind dermaßen begeistert, daß wir gar nicht bemerken wie einige Strandbesucher vor Dir stehen geblieben sind um dem Schauspiel beizuwohnen. Das wiederum gefällt Dir und das mittlerweile bekannte Schauspiel vom kleinen Kind und staunenden Passanten nimmt seinen Lauf. Aber ein zu putziges Bild gibt die Szene wirklich ab.

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Und mir gefallen die mächtig anerkennende Gesten unserer Umwelt zu meiner Tochter. Man glaubt es nicht aber es dauert nicht allzu lange bis jemand mit einer Flasche Vodka auftaucht um mit mir auf meine außergewöhnliche Tochter anzustoßen. Es ist zwar erst früher Mittag aber es wäre unhöflich den Mann zurückzuweisen. Also trinken wir auf Dich, Deine Mutter und seine Frau, Völkerfreundschaften und die Tatsache uns getroffen zu haben. Das ist nun wirklich praktisch, denn Sergej ist unter anderem Taxifahrer und wir brauchen ohnehin jemanden der uns morgen durch die Schlucht zum Ritsasee fährt. Und wer so tapfer trinken kann scheint mir bestens geeignet für den Job. Wir verabreden uns für den morgigen Tag neun Uhr.

Unser Gastgeber ist Jäger und der dazugehörige Hund namens Bona Dein neuer Freund obwohl er Dich in Größe etwas überragt. Da Du Dich weigerst ohne Bona das Haus zu verlassen haben wir uns entschlossen ihn hierhin mit zum Strand zu nehmen was ich anfänglich für völligen Unfug gehalten habe, nun aber recht passend finde, da er praktischerweise wasserscheu ist und als Wachhund nicht von unseren Sachen weicht während wir mit Dir im Meer sind. Zu Vodka gehört schließlich Wasser – ob nun von außen oder innen. Denn ganz nebenbei hast Du heute Deine letzte Angst vor Wellen abgelegt und bist nur schwer davon zu überzeugen das Meer wieder zu verlassen. Da das ganze fast Badewannentemperatur hat ist Deine neue Freizeitbeschäftigung auch ausgiebig zu genießen.

Und übrigens, die zweite Schaschlikbude vom Strand aus ist die beste. Das haben Sergej und ich genauestens überprüft. Wirklich schön so ein Tag am Meer.


Sarah Sophie 2012 – Part 3/6 – September 2012 – Kaukasus

Geschrieben in Chimki, Oblast Moskau, Russland.