Yerevan – Kaukasische Kinderküche

In den vergangenen Monaten war es immer mal wieder ein mittleres Drama Dich zu Tisch zu bitten. Zeitweise magst Du nur unter Zuhilfenahme allerlei Tricks Deine diversen Breikreationen zu Dir zu nehmen. Die letzte Finte dieser Art sind handelsübliche Salzstangen, die Du mit Freude Zentimeter für Zentimeter hingebungsvoll in Dich hinein futterst und Dich in den sich dadurch ergebenden kleinen Pausen (zwischen zwei dieser Laugengebäcke) vermehrt durchaus in Stimmung wähnst Deine eigentlichen Mahlzeiten vom fütternden Löffel aufzunehmen. Die daraus wiederum resultierenden Geschmacksmanigfalltigkeiten scheinen Dich in kleinster Weise zu irritieren und so gibt es Obst, Milchbrei oder auch Gekochtes mit Salzstangen. Alles egal, solange Salzstangen dabei sind ist alles gut.

Irgendwo steht geschrieben – sagt jedenfalls Deine Mutter, und ich glaube ihr natürlich – das Kinder ab einem Alter von etwa einem Jahr prinzipiell alles essen dürfen was ihnen schmeckt, vorausgesetzt es ist nicht zu stark gewürzt, bzw. besticht nicht durch zuviel Zucker. Und das nimmst Du hier wahrhaft wörtlich. Zaghaft angefangen hat alles mit Gurken und Tomaten die Du etwa zur Hälfte auf Deine Kleidchen und Hemdchen verteilst, aber eben auch die andere Hälfte vollständig aufisst. Das finde ich durchaus normal. Direkt gefolgt von Chatschapuri, einer eigentlich georgischen Spezialität, die jedoch zu allen Tages- und Nachtzeiten in der kleinen Bäckerei im Hinterhof unseres armenischen Wohnhauses verkauft wird. Dieser mit Käse gebackene Hefeteig erfreut sich bei Deiner Mutter ebenfalls großer Beliebtheit und so werden wir regelmäßig am Verkaufsfenster besagter Bäckerei vorstellig. Die dort backenden und verkaufenden Damen sind derart von dem kleinen Kind mit dem großem Appetit hingerissen, daß wir ständig etwas geschenkt bekommen, was wiederum mein Gewicht nicht eben verkleinert. Aber Dir geht es gut dabei.

Haben wir dann Haus und Hof verlassen sitzt Du fröhlich futternd in Deinem Kinderwagen und läßt Dich durch die Stadt kutschieren. Alternativ nimmst Du auch kommentarlos im Autokindersitz Platz und akzeptierst murrenlos die Fahrkünste hiesiger Taxifahrer.

Gegen frühen Mittag steht dann Selbstgekochtes für Dich auf dem Speiseplan und auch hier scheint Dein Appetit durch den georgischen Imbiss nicht geschmälert zu sein. Die Salzstangen kommen nur noch vermindert zum Einsatz. Nach Deinem Mittagsschlaf verspüren Deine Mutter und ich meist auch etwas Appetit und wir steuern für gewöhnlich eines der zahlreichen rustikalen Restaurants an, die sich alle – Kraft autoritärerer väterlicher Willkür – in einem Punkt zwingend ähneln: Sie verfügen über einen Grill. Oder vereinfacht ausgedrückt es gibt Schaschlik in jedweder Form. Die, wie ich finde, größte Errungenschaft im postsowjetischen Raum. Schaschlik ist hier so eine Art Glaubensfrage und jeder kennt unzählige Rezepte von den aber immer nur genau eins das wirklich wahre ist.

Siehst Du den typischen Teller mit Fleisch und frischen Kräutern eingewickelt in Lawasch, einem dünnen Fladenbrot, ist die Freude groß. Ich überprüfe den Schärfegehalt, reguliere ihn gegebenenfalls und schon hältst Du ein Stück in Händen. Und wer jetzt glaubt die Freude ist von kurzer Dauer, der irrt gewaltig. Nicht übermäßig schnell – sechs kleine Zähnchen brauchen eben etwas länger – aber meist nahezu vollständig mummelst Du das kaukasische Grillgut auf. Daß das ein oder andere kleine Teilstück auch überall anders landen kann möchte ich hier nicht weiter breittreten.

Von nun an soll es niemanden mehr weiter verwundern, daß Du auch anderen hiesigen Lokalköstlichkeiten wenig abgeneigt bist. Herausragend hierbei ist im besonderen Sudschuk, eine stark gewürzte Rindfleischwurst die ich nun wahrlich nicht als kinderkompatibel angesehen habe. Da Deine Wesenszüge in Hinblick auf das Prinzip wenn Du etwas unbedingt haben möchtest, denen Deiner Mutter gleichen und somit eher das bekannte Kamel durch das ebenfalls bestens bekannte Nadelöhr geht, als Du Deinen Wunsch zurücksteckst, habe ich Dir irgendwann ein Stück zum probieren gegeben – fest in dem Glauben verankert, dasselbige gleich im hohen Bogen gen Tapete fliegen zu sehen. Aber nichts da Du knabberst genüsslich und ohne Anzeichen irgendeiner Reue am extravaganten Wurstprodukt.

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Ich stelle also fest: Ausflüge in den „wilden“ Osten bekommen Deiner Appetitvielfalt in herausragender Art und Weise. Und übrigens mit Deinen Salzstangen fütterst Du neuerdings lieber mich mit bewundernswerter Hingabe. Das erscheint selbst mir völlig logisch, denn zuviel Beilagen schmälern sonst womöglich noch die Lust auf all die feinen Hauptgerichte.

Guten Appetit, Prinzessin.


Sarah Sophie 2012 – Part 4/6 – September 2012 – Kaukasus

Geschrieben in Jerewan, Eriwan, Armenien.