Porto – Stehende Ovationen

Seit einigen Tagen hast Du eine neue Lieblingsposition: Du stehst. Zugegeben etwas wacklig und nicht ohne Dich – allerdings selbständig – irgendwo festzuhalten, aber Du stehst auf Deinen eigenen Beinchen. Und zwar meist nicht irgendwo sondern am Fenster.

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Das ist unsere neue Attraktion. Und zu dieser haben wir gar nichts eigenes dazu getan. Sobald Du morgens das Fenster entdeckst, wird zielstrebig darauf zu gekrabbelt und mittels possierlicher Akrobatik über einen Elternteil hinweg eine aufrechte Position auf ganzen 72 cm Lebensgröße erreicht. Von innen sieht die ganze Szenerie schon herzallerliebst aus – von außen gleicht das ganze aber einem Puppentheater und wird von unserer Umgebung genau so wahrgenommen.

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Man stelle sich das in etwa so vor: In einer absoluten Herrgottsfrühe öffnen Deine Mutter oder ich im Halbschlaf mit lässiger Einarmtechnik das Springrollo am besagten Fenster und die Show beginnt. Sobald Du Dich auf Deiner neuen Lieblingsbühne emporgearbeitet hast beginnst Du freudig mit den Armen zu rudern und in irgendeinem Takt umherzutanzen. Wir nehmen zur Kenntnis: Dem Kind geht es gut und entschlummern mit der Gewissheit, wie schön es doch ist, daß Du Dich selbst beschäftigen kannst, zumindest früh morgens gegen kurz nach sechs. Dummerweise weigert sich Deine innere Uhr die portugiesische Zeitrechnung zu akzeptieren und somit erwachst Du eben eine Stunde vor den elternseits gelernten sieben Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit. Egal, schlafen wird überbewertet.

Ich wollte es zunächst nicht glauben, aber es gibt tatsächlich Menschen welche ernsthaft zu dieser Zeit unterwegs sind. Und zwar nicht auf dem Weg nach Hause sondern von Zuhause was weiß ich wohin. Erblickst Du einen dieser frühmorgendlicher Nachtwanderer beginnst Du ihn anzulächeln und freust Dich derart, daß dich das schon mal aus den nicht vorhandene Latschen hauen kann – sprich Du rücklings auf den Popo plumpst und somit von der Puppentheatermattscheibe verschwindest. Hans-Henrik aus Holland und Eva aus Frankreich sind geschockt und eilen zum Fenster um nachzusehen wo das nette Kind geblieben ist. Höflich wie sie sind geben sie sich noch nicht zu erkennen sondern spähen lediglich lautlos zu uns herein. Das fordert Dich natürlich. Gleich zwei Zuschauer und Du sitzt nur herum. Also alles auf Anfang und das ganze nochmal. Schwung holen, Oberkörper nach vorn bugsiert und mit den kleinen aber tatkräftigen Händen am Fensterrahmen hochgezogen. Die Nachbarn sind zufrieden und spenden beträchtlichen Beifall.

Das kann Deinerseits nicht unbeantwortet bleiben und ein Trommelwirbel gegen die Scheibe beginnt. Draußen ist man verzückt, drinnen voller Freude begriffen. Im zweiten Akt der Aufführung wanderst Du nun den Fensterrahmen entlang was wiederum die Außenstehenden in rasende Verzückung katapultiert und ihresteils zu lärmendem Fensterklopfen animiert.

Wir sind endgültig wach, begrüßen die fidelen Fenstergucker mit knapper Miene und reichen Dir die elterlichen Hände. Doch wozu brauchst Du diese, wenn jenseits der Scheibe rüstige Best Ager in Gestik und Mimik Deiner Alterskategorie derart Konkurrenz machen, daß ich mich nicht direkt entscheiden kann wen ich gleich zu wickeln habe. Holland legt vor, Frankreich zieht nach und belgische Verstärkung an. Mittlerweile trollen sich knapp 200 Jahre europäische Einigung vor unserem Schlafzimmerfenster und können eine persönliche Bekanntname mit Ihrem kleinen Star kaum noch abwarten. Wir lassen uns Zeit, Du sorgst für artgerechte Unterhaltung der infantile Seniorenclique und alle scheinen mit der Situation recht zufrieden.

Aus den unendlichen Weiten der Wagenburgen nähert sich eine einzelne dahin schlurfende Gestalt und würdigt weder Dich noch die Infantilen eines Blickes obwohl – wie ich fest vermute – von Dir höchstpersönlich besonders begrinst. Das ist Dir zuviel am frühen Morgen. Erst schart sich ein Häuflein beigeisterungswilliger Aufrechter vor Dein Fenster und dann spaziert so ein wildfremder Individualist schnurstracks an Dir vorbei. Huldigungslos, keinerlei Notiz nehmend. Jetzt ist es vorbei mit dem fröhlichen Fenstertheater und Du schaust ernsthaft irritiert auf den dahinziehenden Fremdling. Die Infantilen bemerken Deine Irritation und drehen sich zeitgleich zum Individualisten um. Fassungslosigkeit liegt förmlich in der Luft. Sekunden geraten zu gefühlten Stunden. Die Infantilen wenden sich wieder Dir zu aber Du hast Deinen Fensterplatz bereits verlassen um Deinem Stoffesel in einem kurzen Prozeß die grauen Ohren lang zuziehen. Um das Weltbild der reisenden Rentner nicht vollends zum Einsturz zu bringen greife ich beherzt ein und lege Dich samt Esel auf die Schulter und verlasse das kleine Fenstertheater.

Nun hast Du drei Bewunderer ganz für Dich alleine was Dir sichtlich gefällt und dafür sorgt das der Esel seine Ohren behalten darf. Das ist von Vorteil, da ich überlege ihn neben einen Hut auf den Tisch vor das Fenster zu stellen. Er könnte dann ein Schild festhalten: „Vorstellungsbeginn 7 Uhr – Zutritt: 3 Brötchen, 1 Croissant“.

Oder aber ich lasse einfach mal das Rollo unten.