Lissabon – Laufend Besuch

Eine der Dinge die ich wirklich etwas mehr als nur bedauerlich finde ist der Umstand Dir einer der großartigsten Ereignisse der katholischen Weltsicht nicht angedeihen lassen zu können, respektive zu wollen: Deine Taufe. Weniger des Rituals wegen – es muss schöneres für eine Kleinkind geben als unter einer – meinetwegen auch geweihten Wasserbeträufelung – christliche Idiome eingetrichtert zu bekommen, sondern vielmehr des Fehlen einer Patentante oder eines Onkel. Mütterlicherseits bist Du nun einmal Jüdin, was ich politisch korrekt an dieser Stelle ausdrücklich nicht problematisch finde, aber ich habe mich mit Deiner Mutter verständigt Dir die Deine Religionsfreiheit vollständig angedeihen zu lassen – kurzum keine Taufe, keine Tante. Oder jüdisch korrekt: Also eigentlich keine Tante…

Deine Fast-keine Tante in der vorliegenden jüdisch-katholischen Interpretation heißt Mimi, ist die beste Freundin Deiner Mutter, nebenbei Anfang 30, stammt natürlich aus Berlin mit peruanischem Vater und ist wahrscheinlich katholisch. Das weiß ich ehrlich gesagt nicht genau, aber dafür hat sie gegenwärtig eine katholischen Freund. Der ist zehn Jahre jünger als sie und zählt damit doppelt. Damit ist die religiöse Kurve rund. Mimi kommt Dich regelmäßig besuchen und läßt sich selbstverständlich nicht von diesem Vorhaben abhalten nur weil Deine Eltern meinen derzeit keinen festen Aufenthaltsort angeben zu können. Samstag Abend ist es soweit. Zwei Berliner landen in Lissabon und machen sich auf den Weg zu uns. Wir brechen ebenfalls auf in Richtung Portugal und am Sonntagmorgen trifft man sich.

Es ist keine Zeit zu vertun – ich habe in den vergangenen rund zwei Wochen die wir unterwegs sind fast vergessen, das wir Städter – und Hauptstädter im Besonderen – überhaupt keine Zeit haben. Begrüßungskuß, Frühstück und ab an den Strand. Na Bravo, kurz nach elf und ich finde mich mit Florian (dem katholischen Jungfreund) in der ersten Strandbar wieder. Auf die Diskussion über die Biersorte lasse ich mich nicht ein – das lokale kennt der Hauptstädter nicht, also trinken wir Corona. Geht auch, solange man die Limette nicht im Flaschenhals versenkt – finde ich, aber das ist vermutlich meine persönliche Meinung. Währenddessen hat Dir Deine Mutter längst die neue Sonnenbrille übergestülpt damit Du im Coolnessrennen mit den konkurrierenden Strandkindern die eindeutige Oberhand behältst. Das gelingt Dir mühelos, aber wer hätte das bei einer russischen Mutter nicht erwartet.

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Es ist Zeit laufen zu lernen, dahingehend sind sich alle beteiligten einig. Seit einigen Tagen entdeckst Du, daß man die äußersten Extremitäten am Ende Deiner Beine nicht nur in den Mund stecken kann, sondern so phantastische Dinge wie sich auf sie zu stellen ebenfalls damit erledigen kann. Die Damen sind völlig verzückt und Deine Mutter wird nicht müde Dich an Ärmchen und Schulter stützend durch die Gegend stapfen zu lassen. Das sieht zugegebenermaßen äußerst putzig aus und macht – vor allem – Dir mächtig viel Spaß.

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Unterdessen wird es der Berliner Twengeneration langweilig wir fragen uns was zu tun ist. Der beginnende Strandpromenadenspaziergang endet nach wenigen Minuten. Du gibst uns mit der vertrauten Phonstärke zu verstehen: Bis hierhin und nicht weiter. Wenig zufällig findet sich in Laufweite eine durch Baldachin und Palmwedel sonnengeschützte Strandbar die nach einem Aufenthalt geradezu schreit: wir passen also wunderbar zusammen. Hier gibt es nur lokales Bier was ich gut und die Berliner Fraktion erträglich findet. Oberhalb der Baldachine gibt es eine Sonnenterrasse, die uns beiden konveniert. Der Nachmittag ist gerettet.

Am kommenden Abend erweitern wir unseren munteren Besucherkreis um eine weitere Freundin Deiner Mutter die mittlerweile ebenfalls aus Deutschland mit Mann und Kind an Europas Westspitze eingetroffen ist. Ein neues Experiment beginnt. Aus Mangel an Sitzmöglichkeiten für die vergrößerte Runde verlegen wir das abendliche Grillen auf die Terrasse des gemieteten Bungalow unseres Berliner Ensembles. Das wiederum bedeutet, das Du nun in fremden Betten zu nächtigen hast, zumindest für den ersten Teil der Nacht bevor ich Dich später in Dein eigenes Nachtrefugium umbette. Keine Frage ich bin skeptisch – Deine Mutter nicht. Wen wundert es.

Bevor die erste Flasche Tinto gelehrt scheint, bringt Dich Deine Mutter zu Bett und ich stehe klischeehaft mit den Jungs am Grill. Von nun an sieht man Deine Mutter leider nicht mehr, da Du fremdschlummern offensichtlich weniger unproblematisch siehst als von Deiner Mutter angenommen. Nach knapp einer Stunde fragen Ihre Freundinnen bei mir nach ob sie möglicherweise nebst Dir eingeschlafen sein könnte. Das verneine ich natürlich aber die Damenriege läßt nicht locker so daß ich mich genötigt sehe im Schlafzimmer nachzusehen. Wen wundert es: Ein vertrautes Bild: Deine Mutter wandelt durch das mehr als übersichtliche Zimmer gekonnt um ein viel zu großes Bett herum, während Du wenige Anzeichen zum Beginn der kindlichen Schlafphase aussendest. Mit einer ausladenden Handbewegung werde ich heraus kompromittiert. „Nein, beide wach“ vermelde ich und entferne mich wieder Richtung Terrasse. Es dauert noch einige Zeit bis Du dich doch schlussendlich zur Nachtruhe entschließen kannst und somit Deine Mutter zu uns entlassen wird.

Pflichtbewusst befrage ich Deine Mutter nach Wünschen bezüglich für sie zu grillender Objekte und entfache erneut das Feuer. Unterdessen trägt die sechsjährige Mia, Tochter der zuletzt angereisten mütterlichen Freundin, unsere Gaslaterne auf der Suche nach Irgendetwas munter durch die Gegend. Viki, ihrer Mutter fragt mich nach eventuellen Risiken die ich eloquent mit dem Hinweis auf das Schutzglas abweise. Damit geht die Suche weiter. Nachdem Glut und Grill bereit sind, vermeldest Du Deinen ausdrücklichen Willen nicht auch nur eine weitere Minute hier nächtigen zu wollen und Deine Mutter beordert den strategischen Rückzug.

Auf diesem sind das Lampenschutzglas und ich aneinander geraten und ich verleugne hiermit ein für alle mal dessen Schutzwirkung. Die Frage warum das wohl so ist habe ich mir dann die kommenden zwei Stunden auch nicht beantwortet, die ich ich Dich auf meiner Schulter durch die Nacht getragen habe. Währenddessen schläft Deine Mutter bereits tief und fest.

Eigentlich ungerecht: Sie war doch fast den ganzen Abend mit Dir in Mimis Schlafzimmer und ich mußte die ganze Zeit am Grill stehen.