Tarifa – Kiten, Kinder, Kellnerinnen

Wir sind längst von unserer geplanten Route abgewichen. Nach Barcelona haben wir beschlossen nicht in die nächste Großstadt zu fahren um Dich dann auch dort im Kinderwagen durch die Gegend zu schieben sondern Dir frische Luft und Meer angedeihen zu lassen. Deine Mutter vermerkt mehr als nur einmal, daß der in den letzten Jahren übliche Ausflug an die südwestliche Spitze Spaniens in ein kleines Dorf voller wunderlicher Eingeborener und deren Geistesverwandten im vergangene Jahr ausgefallen ist und sie von daher mit der ihr zustehenden Lieblingsfreizeitbeschäftigung im Rückstand sei. Keine Frage wir müssen nach Tarifa. Es gibt schlimmeres. Das Lebensgefühl von Tarifa kann man nicht erklären, aber wer mit Campingbussen an Stränden und Windfenstern etwas anfangen kann dürfte begreifen um welchen schweren Virus es sich hier handelt. Wer hier vom Wetterbericht quasselt lugt auf Windvorhersagen und die besten Spots und ansonsten dreht sich alles ums Surfen, Kiten und die passende Bekleidung dazu. Hübsch angereichert wird das ganze durch unendlich entspannten Bars und Beachlounges in denen man sich fremd vorkommt, wenn das Servicepersonal nicht den ganzen Tag breit grinsend zu keinerlei Hektik neigt. Woran das liegt weiß ich selbstverständlich nicht, kann mich aber wunderbar mit ihnen solidarisieren.

Zwei Nachtfahrten, ein Tag am Strand irgendwo im Nirgendwo namens „Vera“ mit perfekt gegrillten Fisch am Mittag in der einzigen geöffneten Strandbude und wir sind im Dorf der Wunderlinge eingetroffen. Zum Frühstückseinkauf im Supermarkt läuft uns Thilo über den Weg, der Mann der auch mir das Kiten beigebracht hat. Eine Leistung, wie ich finde da mir zu Beginn die Gleichzeitigkeit in der Koordination von Board, Bar und Kite schier unmöglich erschien. Er bemerkt sogleich unsere personelle Verstärkung und läßt Dich als Ursache eines fehlenden Besuches im vergangenen Jahr hier vor Ort gelten. Du wirst bewundert und alles ist gut.

Der übliche Bummel über die Hauptstraße artet nur in den Kauf der absoluten Notwendigkeiten aus, also vertretbar, aber Deine Mutter kann unmöglich im Bikini vom letzten Jahr in den Neoprenanzug und aufs Board steigen, das sehe auch ich verständnisvoll ein. Kind und Kiten läßt sich allerdings nur kombinieren, wenn Du mehrere Stunden in verantwortungsvolle Hände übergehen werden könntest und genau da fängt ein kleines Problem an. Ich traue den Mädels und Jungs hier zwar alles zu, Dich abgeben kommt aber schlicht nicht in Frage, also schicken wir Deine Mutter ins Wasser und uns beide an den Strand.

Ein so kleines Kind kann ich verantwortungsbewusst selbstredend nicht allzu lange Sonne und Wind aussetzen und so bleibt der Weg in die Strandbar unausweichlicher väterlicher Fürsorgesinn. Mann mit Kind alleine: Ein Traum, zumindest hier. Erntet man in heimatlichen Gefilden recht häufig eher Mitleid in den Blicken der umherstehenden partizipierenden Passanten – hier ist man der Star. Also, Du bist der Star und ich Deine Ein-Mann-Entourage, aber das macht nichts. Mir nicht und Dir schon gleich gar nicht.

Unsere Kellnerin ist Mitte Zwanzig, klein, zierlich und mit allen Latina-Attributen ausgestattet die Phantasien beflügeln und dieses Land so bereisenswert machen. Zierlich, tiefschwarze lange Haare gepaart mit einem um seine Wirkung wissenden Gesichtsausdruck und Hüftschwung beim umherhuschen zwischen den kleine Tischen. Es dauert nur ein paar Augenblicke die ich durchaus abwarten kann, dann aber sitzt sie neben mir und Du auf Ihrem Schoß. Widerstand zwecklos. Die anderen Gäste müssen eben etwas geduldig sein. Eilig scheint es hier aber ohnehin niemand zu haben. Für gewöhnlich bist Du Fremden gegenüber zwar sehr aufgeschlossen, lachst alles und jeden an; auf den Arm nehmen dürfen Dich allerdings die wenigsten ohne das Du – meist mittels energischer Phonetik – Deinem Unmut Ausdruck verleihst. Nicht so Anna – Wer Deinen Namen wissen möchte rückt freiwillig seinen eigenen heraus. Das finde ich gerecht. Wir scheinen kurz vor der Adoption zu stehen. Sie fragt gar nicht erst nach einer, möglicherweise vorhanden, Mutter Deinerseits sondern gibt mir zu verstehen wie überaus verrückt Sie nach Kindern sei. Zumindest interpretiere ich Ihr Verhalten in Gestik und Mimik dahingehend, da wir mangels sprachlicher Übereinstimmung auf non-verbale Kommunikation ausweichen müssen. Jetzt lasse ich nichts aus. Eine Deiner unglaublichen Fähigkeiten unter Berücksichtigung des Alters ist es, aus einer handelsüblichen kleine Wasserflasche wie man sie in Bars und Restaurants bekommt, trinken zu können. Das sieht, nebenbei bemerkt, nicht nur großartig aus sondern sorgt zudem für eine einfache Möglichkeit Dich mit ausreichend Flüssigkeit zu versorgen. Erklärend muss ich dazu sagen, daß ich für gewöhnlich ein Handtuch unter Deinem Hals platziere da der ein oder andere Wasserschluck dann doch gerne nicht in Deinem Mund landen will. Manchmal klappt es aber auch ohne und wir müssen im Anschluß nicht Body und Sweatshirt wechseln.

Ich bestelle Vino Tinto und ein Aqua Natural. Scheinbar widerwillig übergibt Sie mir Dich und entschwindet tänzelnd Richtung Bar. Den Hüftschwung hatte ich je bereits erwähnt. Nach Ihrer Rückkehr hat sie sich einen Kaffee mitgebracht und fordert Ihr Recht nach einem auf Ihrem Schoß sitzenden Kind sogleich ein. Nichts da denke ich, jetzt möchte ich auch mit Dir ein wenig angeben. Ein Handtuch habe ich zwar in Deinem Kinderwagen dabei aber wer braucht schon heute solche Hilfsmittel und öffne die kleine Wasserflasche. Freudig strampelst Du sofort los und ruderst mit Deinen Ärmchen gen Wasser. Ich grinse zuversichtlich. Deine kleinen Händchen umschließen den Flaschenhals und Du ziehst selbstständig das Behältnis an Deinen Mund. Nun wird es spannend oder einfach nur pitschnass. Ich hebe die Flasche lediglich in den richtigen Winkel damit nicht zu viel herausläuft und Du trinkst mit großen Schlücken ohne das auch nur ein Tropfen daneben geht. Einen ganz kleinen wische ich unauffällig beiseite. Anna ist aus dem Häuschen und berichtet wortreich, laut und leidenschaftlich von dem gerade gesehen den anderen Gästen. Manche stehen sogar auf um das Wunderkind betrachten zu können. Anerkennende Blicke richten sich an mich während Du freudig in die Runde lachst. Anna muss das natürlich selbst ausprobieren und Du wechselst erneut den Schoß. Das gestaltet sich noch problemlos aber dann kommt Dein persönlicher Wille voll zur Geltung. Volltreffer, meine Tochter macht noch lange nicht alles was andere von Ihr erwarten. Du verfügst eben über einen ausgesprochen individuellen Willen und wenn der nicht trinken möchte wird das auch nicht passieren. Zwei kurze aber intensive Schreie und die Sache ist vom Tisch beziehungsweise Du wieder auf meinem Arm. Anna fällt es zwar schwer ihre Niederlage zu akzeptieren setzt aber ansonsten ihr Bespaßungsprogramm in Deine Richtung fort.

Ich trinke meinen Wein aus und Anna kümmert sich fortan auch um die anderen Gäste, kommt aber bei jedem Gang zur Bar bei uns vorbei um Dir zuzuzwinkern oder ähnliches. Zum Abschied wird Dir das Köpfchen gestreichelt und da Du beim Verlassen der Strandbar rücklings auf meiner Schulter liegst noch lange nachgewunken.

Schön so, wir zwei zusammen in einer Bar. Kontaktscheuen Zeitgenossen empfehle ich dringend vielleicht in der eigenen Verwandtschaft nach Kindern Ausschau zu halten und Strandbars zu besuchen.