Tarifa – Kleine Bettgeschichten

Solch eine Elternzeit läßt sich vortrefflich nutzen um eine Vielzahl an erzieherischen Maßnahmen zu ergreifen! So der Plan Deiner Mutter und mir. Einer der wesentlichen pädagogischen Grundideen für diese zwei Monate ist die sowohl sinnvolle wie auch zwingend notwendige Absicht Dich davon zu überzeugen, die Nächte zumindest zu einem nicht nur marginalen Teil in Deinem eigenen Bett zu verbringen. Problembehaftet an diesem Projekt war bisher das Fehlen eines solchen bei uns zu Hause. Damit haben wir es zumindest meist erklärt warum Du die Nächte im elterlichen Schlafzimmer verbringst. Das heißt genau genommen, verbringen wir die Nächte in Deinem Kinderzimmer, da sich dort unser Bett befindet. Das war zwar nur als Provisorium gedacht, diese halten aber bekanntlich und bei uns im besonderen am längsten. Von allen Seiten höre ich zwar wie verkehrt es ist ein Baby im elterlichen Bett nächtigen zu lassen – wir haben aber durch ein simples „Try and Error“-System herausbekommen, das dies eine formidable Methode ist Dich zeitig in den Schlaf zu wiegen. Kurz gesagt: es funktioniert, also lassen wir es so:

Bis jetzt!

Deine Mutter hat also mit dem Ihr gegebenem zwischenmenschlichem Weitblick beschlossen Dich ab sofort in Dein eigenes Bett zu verfrachten. Besser gesagt Sie hat beschlossen, mich in meinen väterlichen Aufgaben wachsen zu lassen und dieses Prozedere entsprechend dirigiert. Selbstverständlich sehe ich mich dieser Aufgabe gewachsen und beziehe entsprechend Position. Das wiederum bedeutet im konkreten Fall Dein Camping-Mobil-Bett aufzuklappen und hinter den Fahrersitz zu positionieren. Die Rückbank grenzt unmittelbar daran und stabilisiert das Ganze zu meiner Beruhigung. Nimmt man auf der seligen Platz kann man Dich von dort mittels einer tiefen Verbeugung in Dein Bett bugsieren. Soweit die Theorie.

Für den Bruchteil einer Sekunde stelle ich noch die Frage, warum denn die elterliche Bettentwöhnung gerade in den räumlich überschaubaren Platzverhältnissen unseres Campingbusses passieren muß, dann aber werde ich unmissverständlich darauf hingewiesen, daß das eben jetzt zu geschehen habe und es schließlich auch in meinem Interesse sei. Und überhaupt hätten wir damit sowieso schon viel zu lange gewartet. Das ist wiederum völlig korrekt und so erwarte ich an dieser Stelle den üblichen Vergleich mit irgendeinem Kleinkind auf dieser Welt. Dieser bleibt zu meinem großen Erstauen aber aus. Ich vermute daher eine weitsichtiger angelegte Absicht und leite daraus die Wichtigkeit des Projektes ab.

Alles beginnt ganz einfach: Kurz vor 20 Uhr bekommst Du Schlafgewand angelegt, Abendbrei hineingelöffelt und wirst nach einem kurzen Stillintermezzo schlafend von Brust ins Bett gelegt. Das geht auch einige Minuten gut. Die völlig neue Schlafumgebung trifft nun aber dummerweise nicht in allen Punkten Deine Zustimmung, was Du mittels akustischer Ablehnung deutlich kund tust. Kein Problem denke ich und biete gekonnt sowohl Schlaflied wie auch Schulter zur Beruhigung an. Geringe Anlaufschwierigkeiten schießt es mir durch den Kopf, das gibt sich bald.

„Bald“ ist in diesem Zusammenhang aber ein relativer Begriff, deren zeitmäßiger Endpunkt gegenwärtig noch nicht ganz erreicht ist. Im normalen Prozedere tritt Deine erste Schlafphase auf meiner Schulter ein, was mich jedes Mal auf einen erfolgreichen Schlafprojektabschluss fröhlich verlocken läßt. Ich lege Dich sogleich von Schulter in Schlafgemach ab und werde dafür bei Erreichen Deiner Horizontalen mit einer neuen Form akustischer Ablehnung bedacht: eine Art Hochfrequenzgegaule untermalt mit Akrobateneinlage im Hohlkreuz unter gleichzeitigen Verdrehen Deines Kopfes über einen Winkel hinweg der nicht mehr gesund sein kann. Meine Mutmaßungen gehen in die Richtung, daß Du mir damit die Verwerflichkeit meines Tun vorhalten möchtest. Kein gutes Gefühl aber was sein muss, muss sein kommentiert dann die mütterliche Doktrin. Schändlicherweise kann ich nicht umhin zu gestehen im deutschen Schlafliedgut mäßig textsicher beheimatet zu sein und so summe ich Dir so ziemlich alles vor was beruhigende Wirkung haben könnte. Bauchkraulen, wieder auf den Arm nehmen, Geschichten von Prinzessinnen und Schlafräubern erzählen; alles beherrsche ich mittlerweile und nach einigen Versuchen – ich habe noch kein System in der Variantenreihenfolge entdeckt – erscheint Dir das eigene Bett wieder als probates Mittel zur Nächtigung in Betracht zu kommen. Jedesmal ein schönes Gefühl.

Phase Zwei tritt für gewöhnlich eine Stunde später ein und gestaltet sich ähnlich dramatisch. Aufschrei, Akrobatik und Aufbegehren diese gegenwärtig unerträgliche Situation doch bitte augenblicklich zu beenden. Und Augenblicklich bedeutet in diesem Zusammenhang dann auch definitiv augenblicklich. Dieses temporäre Ungemach scheinst Du von Deiner Mutter vererbt bekommen zu haben. Warten und Geduld sind nicht ihre ersten Tugenden, aber dies nur am Rande. In Deinem Fall führt das dazu, daß ich mich meist vor Deinem Bettchen knie, Dich umarme und in den üblichen Summsang verfalle. Eine wahrscheinlich ordentlich komisch aussehende Körperhaltung für uns beide da ich natürlich versuche Dich nun nicht mehr aus Deinem Bett heraus zu heben. Das soll nicht gut sein habe ich irgendwo gelesen und wahrscheinlich wird Deine gesamte spätere Entwicklung ansonsten in völlig falsche Bahnen gelenkt, wenn hier auch nur der kleinste Fehler begangen wird. Allerdings leuchtet es mir durchaus ein Dich nicht ständig aus dem Bett heraus zu holen wenn ich gerade erreichen will, das Du in eben diesem langfristig liegen sollst. Väter die diese Entwicklungsstufe in heimischen Gefilden absolvieren, haben wahrscheinlich weniger Rückenschmerzen, aber wer kann schon von sich behaupten, Schlafen im eigene Bett zwischen Barcelona und Tarifa gelernt zu haben.

Die folgenden Phasen gleichen sich ehrlich gesagt allesamt mit dem einzigen Unterschied nach einigen Tagen glücklicherweise länger auf sich warten zu lassen. Da selbstverständlich auch hier kein System erkennbar ist verbringe ich manchmal einen Teil der Nacht auf dem Fußboden neben Deinem Bett. Und wenn Du gut gelaunt bist reicht nach zartem Aufschrei mein Arm um Dich herum gelegt und wir sind wieder Freunde. Das ist gut so, denn mittlerweile sind wir in Tarifa angekommen und bei soviel herrlichem Wind kann man ja nicht die ganze Zeit schlafen.

Gute Nacht, Prinzessin.

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