Der 8. Monat – Sowjetische Gewichtszunahme

Dein achter Lebensmonat beginnt so unspektakulär, friedvoll und unaufgeregt das ich beginne mir Sorgen zu machen. Die wahrscheinlich, sowohl meist gehörte, wie auch ebenso gehasste Lieblingsfrage aller Eltern untereinander „Und, schläft sie schon durch?“, schwant es mir, könnte die einzige Aufregung des Monats sein. Für das Protokoll gebe ich hiermit hochoffiziell bekannt: Nein, natürlich nicht. Aber warum auch, lassen sich Nächte nicht sinnvoller und freudiger verbringen als simpel in den Schlaf zu sinken? Ich denke schon und Du pflichtest mir jede Nacht akustisch untermalt einige Male bei. Das ist völlig in Ordnung und läßt sich prima organisieren. Schlaf wird ohnehin überbewertet.

Nicht so Deine Verweigerung der proportional festgelegten statistischen Gewichtszunahme Folge zu leisten. Kommt Deine Mutter mit Dir vom Kinderarzt hat sie für gewöhnlich ein ganzes Bündel an beantworteten Fragen im Gepäck und alles ist gut. Nicht so in diesen Tagen. Der brave Doktor bestätigt Deiner Mutter in jedem Gespräch das Du eben eine zierliche Persönlichkeit bist und es keinen Anlass zur Sorge gibt. Dummerweise verfügt Deine Mutter über eine Zeichnung in der ein Koordinatensystem mittels Graphem den gewichtsmäßigen Zuwachs aller Babies und Kleinkinder in Europa, Deutschland und den Aleuten darstellt. Das wäre nicht weiter wichtig, aber natürlich kennt Deine Mutter genau diese Zeichnung in jeder Nuance. Trägt man Dein Körpergewicht an die entsprechenden Altersstellen ein und verbindet die Punkte zu einer Linie liegt diese dann streckenweise unterhalb der besagten Linie.

Dem approbierten Humanmediziner unseres Vertrauen wird augenblicklich das selbige entzogen und Deine Mutter ist in heller Aufregung. Das Kind nimmt nicht genug zu, verkümmert und wird in seiner weiteren Entwicklung völlig gehemmt. Die Befürchtungen Deiner Mutter befinden sich auf familiärem Rekordniveau. Alle Einwände meinerseits scheinen leider die verbrauchte Atemluft im Moment ihrer Aussprache nicht Wert zu sein und so bleibt mir nichts übrig als einer Eskalation entkommen zu wollen.

Doch Deine Mutter ist bereits schon einen Schritt weiter. Nachdem sie zunächst das gesamte deutsche Gesundheitssystem in Schutt und Asche verflucht hat kommt Rettung aus dem Osten. Diese Rettung wohnt in Düsseldorf in der Nähe des Oberbilker Marktes, hört auf den Namen Lilaja und dürfte bereits zu Sowjetzeiten ihren wohlverdienten Ruhestand angetreten haben. Unser weiblicher Rasputin muss abgeholt und wieder nach Hause gebracht werden, glänzt aber ansonsten mit allerlei medizinischer Fachkenntnis. Sie hört Dich mit einem Stethoskop ab, welches bereits den letzten Zaren diagnostiziert haben könnte. Kurzum die Dame besitzt alle Attribute um eine jüdische Mutter zu beeindrucken und den Vater nicht allzu sehr zu schockieren. Das personifizierte Mütterchen Russland spricht ausnahmslos in ihrer angestammten Sprache und ich demzufolge relativ wenig. Deine Mutter notiert fleißig, welche Nahrungskombinationen anzuwenden sind, ich telefoniere meine Verwandtschaft auf Ihr Geheiß nach Herzfehlern ab und Du scheinst an ihr Gefallen gefunden zu haben.

Eine Stunde später halte ich einen kleinen Zettel in der Hand auf dem unsere Verhaltensänderungen der nächsten Zeit vermerkt sind. Es ist wirklich ein sehr kleiner Zettel und ich erlaube mir die Bemerkung ob diese drei Lebensmittel die ich nicht lesen kann jetzt die Zukunftsträchtigkeit unseres Familienmodells garantieren. Wir gehen einfach mal davon aus.

In den nächsten Tagen beobachten wir gespannt In- wie Output bei Dir und ich stelle mir mehr als einmal die Frage wie gerade der Output quantitativ in Relation zu Deinem Körper stehen kann. Solche Fragen können sich wahrscheinlich nur halbwegs frisch gebackene Eltern stellen – für die ist das aber von wesentlicher Bedeutsamkeit. Es scheint – zumindest für mich – alles in Ordnung, doch dann folgt ein ganz normaler Dienstag. An diesem Tag findet sich Deine Mutter allwöchentlich samt Dir zu einer Art konkurrierendem Krabbelkreis in der Stätte Deiner Geburt ein: Dem Stillcafé. Eine Einrichtung in der etwa ein gutes Duzend glücklicher Muttis ihre Erfahrungen zu Kind und allem was dazu gehört untereinander austauschen und vor allem, das dürfte der Grund Deiner mütterlichen Teilnahme an diesem Kleingruppenzwang sein: Ihre Brut unter immer gleichen Bedingungen zu wiegen. In Deinem Fall wirst Du also Dienstags von Strampelanzug und Wickelbody befreit und unmittelbar nach morgendlicher Befütterung gewogen. Das ist nun all die Wochen gut gegangen aber an diesem einen Dienstag zeigt die Waage eine geringeren Wert als in der vergangenen Woche. Das bedeutet: Nichts ist, wie es wahr.

Meine Erklärungsversuche in Richtung Gerätetoleranzen und dergleichen kommentiert Deine Mutter lediglich mit einem unverständlichen Kopfschütteln. Die sowjetische Ernährungsdoktrin ordnet von nun an eine häusliche Eigenproduktion von Quark an, deren Bereitstellung allabendlich von mir höchstpersönlich erfolgt. Das Kind muss zunehmen, egal wie lautet die Devise. Ohne Frage ist der Quark erst zu dünn, dann zu dick, aber irgendwann paßt er. Ein diätisches Lebensmittel in Form weißen Pulvers deren Konsistenz jeden Drogenfahnder zu Hinzuziehung eines geeigneten Hundes nötigen dürfte ist auf Anraten der sowjetischen Gesundheitsbehörde zwei Deiner Malzeiten zuzuführen. Aus Israel treffen ähnliche Ratschläge ein. Der großelterliche Teil der Familie wurde offensichtlich ebenfalls in die Problembeseitigung mit einbezogen und hat ihrerseits eine Rundfragerunde gestartet. Gegen ein jüdisch-russisches Familienbollwerk ist nicht anzukommen. Ich mische also fleißig was das Zeug hält und mich nicht weiter ein.

In den folgenden Tagen wird der Ernährungsplan auf das kleinste Detail umgesetzt und von Deiner Mutter mit strengem Blick überwacht. Allabendlich findet eine Telefonkonferenz mit unserer neuen Kinder-Gesundheits-Vorsteherin statt und die Lage entspannt sich von Tag zu Tag. Ich ersehne den nächsten Dienstag herbei und als an selbigem Deine Mutter fernmündlich gegen Mittag eine leichte Zunahme Deines Gewichtes übermittelt scheinen wir der Normalisierung des Familienfriedens einen Quantensprung näher zu kommen. Der eben noch verteufelte Doktor muss ebenfalls seinen Segen zur erfolgreichen Zunahme geben und damit leben ab jetzt grundsätzlich in seiner Meinung durch unsere neue Gesundheitsgenossin hinterfragt zu werden. Die verstehe ich zwar immer noch nicht, aber man gewöhnt sich erstaunlich schnell an den Umstand, daß Deine Mutter eben nach jedem Arztbesuch mit Dir erstmal eine auf zwei Stunden telefoniert.

In der nächsten Woche sind wir wieder zum mütterlichen Arbeitseinsatz aufgebrochen und Du hast ebenfalls prima zugenommen. Vielleicht lag es auch daran, das Du neuerdings Eis mit Schlagsahne von meinem Löffel lutscht. Das ist gut so, denn so nimmst Du und nicht ich zu. Ob das ein so kleines Kind überhaupt schon darf ich habe ich allerdings nicht mit der Generalsekretärin des Gesundheitskomitee abgesprochen. Und Deiner Mutter hält dicht, das weiß ich aus sicherer Quelle.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.