Der 139./ 87. Monat – Kehrtwenden

Der Februar steht ganz unter zwei rheinischen Vorzeichen die in Düsseldorf einfach dazugehören: Fortuna und Karneval. Letzterem kann ich bekanntlich nicht so wahnsinnig viel abgewinnen, aber da in diesem Jahr, nach zwei Jahren Corona-bedingter Absagen, der Rosenmontagszug wieder stattfindet, seit ihr beide nicht zu halten. Wir müssen da hin. Hilft alles nix. Selbst unser elterlicher Versuch Euch die Variante in Nizza erlebnisorientiert schmackhaft zu machen fällt nicht auf fruchtbaren Boden. Das kommentiert Sarah Sophie süffisant mit: „Nicht schon wieder Nizza. Da waren wir schon. Ihr sagt doch immer wir sollen auch neues ausprobieren.“ Das nennt man dann wohl „Klassisch ausgekontert“ womit wir wörtlich betrachtet beim Fußball wären.

Leos Kosmos besteht zu einem gehörigen Anteil aus Fortuna Düsseldorf. Die Liebe zu unserer launischen Diva vom Rhein kann man sowieso nicht erklären, folglich versuche ich das hier auch gar nicht erst. Stattdessen gehen wir lieber ins Stadion und das aktuell sogar dreimal innerhalb von 25 Tagen. Nicht schlecht oder? Die Auswärtsspiele in diesem Monat liegen entweder terminlich oder geographisch derart ungünstig, daß hierfür nur die heimische Leinwand bleibt. Aber auch hier achtest Du peinlich genau darauf, daß wir standesgemäß ausstaffiert im beheimateten Wohnzimmer sitzen. Übrigens sehr zur Freude unserer Nachbarn. Die bekommen jeden Treffer, vor allem aber jede subjektiv wahrgenommene Fehlentscheidung des Unparteiischen live durch die Wand gestreamt. „Papa, das ist kein Ballet. Das muss so laut!“ ist das Zitat des Monats. Auswärts ist aber schon etwas geplant, doch das kommt erst im nächsten Monat. Soviel sei schonmal bekannt gegeben.

Lautstärke bietet natürlich die ideale Überleitung zum Karneval. Der ist ja bekanntermaßen ebenfalls nicht gerade leise. Und hier kommt ihr dieser Tage etwas in die Bredouille, was Wichtigkeit angeht.

Denn neben Rosenmontagszug und Altweiberdonnerstag in Sarah Sophies Schule (das scheint eine in Stein gemeißelte Institution zu sein) gibt es ja noch diverse andere Veranstaltungen. Ginge es nach Sarah Sophie würden wir jedwede karnevalistische Veranstaltung mitnehmen die irgendwie möglich ist. Da macht Eure Mutter gewaltige Luftsprünge, ist doch ihre Begeisterung in karnevalistische Umtriebe noch bedürftiger ausgeprägt als bei mir. Und das ist schwer genug. Es ist schon grotesk anzuschauen wir ihr beide darüber verhandelt ob nun eine Pressekonferenz von Fortunas Cheftrainer im Freizeitranking höher bewertet wird als die Kinderkarnevalssitzung irgendeiner ortsansässigen Folkloretruppe. Was uns rettet: Die meisten Veranstaltungen sind bereits ausverkauft. Eindeutig Vorteil Fortuna.

Besonders auffallend zu beobachten ist in diesen Tagen, daß ihr alles ausschließlich zusammen machen wollt. Es wird sich ausgiebig Bruder-/ Schwesterlich gezankt aber getrennt agieren geht überhaupt nicht. Doch genau das funktioniert gleich am ersten Ligaspiel des Monats nicht. Wir haben drei Karten gekauft aber ein paar Tage vor dem Spiel flattert Sarah Sophie die Geburtstagseinladung einer Klassenkameradin ins Haus. Jetzt gilt es sich zu entscheiden. Leo versucht dich selbstverständlich auf Fortunas Seite zu ziehen. Und zwar mit allen Mitteln. „Zum Geburtstag kannst Du immer. Ist sie denn überhaupt deine Freundin? Man darf keinen Stadion-Platz freilassen.“ sind noch die höflichen Vorhaltungen. Sarah Sophie weiss nicht wirklich was sie machen soll. Aber irgendwann kommt dann der „Papa, ich hab da mal ne’ Frage“-Blick und ich kann mir schon denken was nun kommt. Natürlich, ganz kleinlaut deutest Du darauf hin, daß Du schon ganz gerne zur Geburtstagsfeier gehen möchtest. Nachdem ich Dir versichere, daß ich von nichts anderem ausgegangen bin und das auch völlig in Ordnung geht kann man Dir die Erleichterung sichtlich anmerken. Du hast dir scheinbar wirklich Gedanken gemacht. Das finde ich respektvoll und wir kaufen das Geschenk.

Leo ist knurrig und bemerkt bockig: „Und was machen wir jetzt Bitteschön mit Ihrer Karte?“ Ich schaue Dich einigermaßen erstaunt an und frage: „Was schlägst Du vor?“ Keine Reaktion, außer einem Grummeln und einem unverständlichem „Was will sie nur auf dem doofen Geburtstag?“ Ich bin wirklich erstaunt, aber das naheliegende fällt dir partout nicht ein. Du bist viel zu sehr damit beschäftigt auf Deine Schwester sauer zu sein und verkrümelst Dich in dein Zimmer.

Ich werfe dann einfach mal ein „Wir könnten ja einen Deiner Fußballfreunde mitnehmen?“ in den Raum. In Lichtgeschwindigkeit stehst du wieder vor mir und vergewissert dich, daß das auch wirklich möglich ist. Ich bestätige vollumfänglich. Meinungskehrtwende um 180 Grad mal eben hingelegt. Nicht schlecht. „Sarah Sophie, viel Spaß beim Geburtstag?“ trällerst Du in Richtung schwesterliches Zimmer.

Wir überlegen nun wen wir mitnehmen. Und das stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Da wird entweder tagelang überlegt ob der Sohnemann schon ins Stadion darf, und was da alles passieren kann (ja das war die Biodeutsche Fraktion) oder irgendein Opa hat Geburtstag oder die Ausreden sind so hanebüchen das ich irgendwann nicht mehr nachfrage. Ich möchte doch nur eine Eintrittskarte verschenken.

Eure Mutter löst das Ganze pragmatisch auf: „Mit wem spielst Du in der Schule immer Fußball?“ Antwort: „David“ „Super, ich rufe die Mutter an. Das sind Russen, die haben kürzere Entscheidungswege.“ Stimmt und am Samstag sitzen Leo, David und ich im Stadion und es ist gar nichts passiert. Außer das Fortuna gewonnen hat und ich zwei begeisterte Jungs etwas heiser jeweils zu Hause abliefere.

Nur wir beide bei Fortuna – das war mal, Februar 2023, Düsseldorf, D

Tja, und die nächsten Spiele hast Du zur Sicherheit gleich zwei deiner Freunde mit ins Stadion geschleppt. Sarah Sophie hatte nämlich an allen Spieltagen immer schon etwas anderes vor.

Das war Dir dann wohl zu unsicher.

„Was interessiert mich mein Gequatsche von vor fünf Minuten.“

Zum Rosenmontagszug hat dann Sarah Sophie aber nicht nur eine Freundin, sondern ebenfalls auch Dich mitgenommen. Das nennt man wohl ausgleichende Gerechtigkeit.

Helau und 95 Olé

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.