Der 136./ 84. Monat – Kiel oder Calais

Der 1. November fällt diesmal auf einen Dienstag und erstaunlicherweise haben Eure beiden Schulen den Montag davor zu einem beweglichen Ferientag deklariert. Ein langes Wochenende steht uns somit ins Haus und das bedeutet natürlich einen Ausflug. Leo möchte am liebsten nach Kiel, da hier seine heißgeliebte Fortuna bei Holstein Kiel gastiert und am Samstag ein Ligaspiel zu absolvieren hat. Keine schlechte Idee finde ich, aber für Eure Mutter zählen Ausflüge innerhalb Deutschlands ja nicht so richtig und wer will schon im November an die Ostsee? Sarah Sophie ist das Ziel egal, solange wir nur im Hotel übernachten. Hotels stehen momentan sehr hoch im Kurs, da ihr Frühstücksbuffets für Euch entdeckt habt. Wahrscheinlich als emanzipatorisches Gegengewicht zum langweiligen Frühstücksalltag zuhause, wo man ja immer nur elterliche Vorgaben vorgesetzt bekommt. Fakt ist, im Hotel futtert ihr etwa die dreifache Menge im Vergleich zum spartanischen Mahl zuhause. Oder es ist einfach gerade „cool“ – wie auch immer.

Es ist dann die französische Kanalküste geworden und wir starten Freitag nach der Schule in Richtung Calais. Hotel unterwegs noch gebucht und alles scheint gut. Aber nur bis zum nächsten Morgen. Wir haben ein schnuckeliges, kleines Hotel in einer Seitenstraße erwischt in dem wir die einzigen Gäste beim Frühstück sind. Jeder der schonmal in Frankreich war weiß wohl, was mit „Petit déjeuner“ gemeint ist und ihr beide jetzt auch. Der kindliche Tagesbeginn-Super-Gau. Nix mit Buffet. Baguette, Butter und Marmelade. Fertig. Ihr habt definitiv noch nie so irritiert geguckt. Das gefühlte Nichts vor Eurer Nase erschüttert vor allem Leo nachhaltig. „Ist das alles?“ fragst Du mich mit enttäuschter Stimmlage und uns Eltern wird schlagartig bewußt, das ihr natürlich überwiegend die Business-Herbergen Eurer Mutter kennt und die sind meistens etwas opulenter ausgestattet als Madame Dechamps 6-Zimmer-Butze mit dem windschiefen Dach. Sarah Sophie setzt aber noch einen drauf und erklärt Leo in jovialer Art die Unterschiedlichkeit der französischen Hotellerie unter gesondertem Augenmerk der Frühstückssituation. Und zwar genau in der Tonlage. Derart eloquent, als hättest Du bereits dutzende Male entsprechend logiert. Hilft aber auch nicht weiter und Leo kommentiert das genauso knapp wie treffend:

„In Kiel wäre das alles nicht passiert.“

Die Notlage kann aber dann doch noch gemildert werden. Und zwar von Eurer Mutter höchstpersönlich. Sie zaubert einige dieser kleinen Nutella-Päckchen hervor, die sie vergangener Woche aus irgendeinem Hotel ausgeliehen hat und rettet damit die größte Frühstücksnot für die nächsten Tage.

Doch die nächste elterliche Verfehlung lässt nicht lange auf sich warten. Die Wahl des diesmaligen Reiseziels rührt nämlich daher, daß Eure Mutter während eines Trips im Mai diesen Jahres nach Dunkerque eine ansehnliche Sammlung dieser kleinen Infozettelchen mit Ausflugszielen der näheren Umgebung, die in jedem französischen Hotel und Campingplatz bereitstehen, gesammelt und jetzt tatsächlich dabei hat. Nachdem wir vor dem ersten mittelalterlichen Dorf mit angegliedertem Vergnügungspark sprichwörtlich vor verschlossenen Toren stehen, checken wir die anderen Lokalitäten online um festzustellen, daß wirklich gar keine Idee der Zettelwirtschaft um diese Jahreszeit geöffnet hat. Erst das fehlende Frühstück und jetzt auch noch das.

Was können Eltern eigentlich noch alles falsch machen. Ihr guckt ziemlich belämmert und Leo fragt vorsichtshalber nach, wie weit es denn von hier nach Kiel sei. Zu weit bis Anpfiff und ich verspreche Dir, das besagte Spiel in irgendeiner Bar auf dem iPad gucken zu können. Das habe ich nämlich nicht zufällig dabei. Damit traut ihr uns ab sofort wieder mehr elterliche Kompetenzen zu.

Fortuna gucken geht überall, November 2022, Calais, F

Apropos Kompetenzen: Es nähert sich der Spielbeginn und überraschend verabschieden sich die Damen zur Shoppingtour während Leo und ich auf geeignete Barsuche gehen. Aus der Bar ist dann die Strandpromenade direkt neben einem mobilen Eiscafé geworden. Ja, hier scheint wirklich die Sonne und die Temperaturen sind durchaus noch auf Eisdielen-Niveau. So richtig schlecht geht es uns gar nicht und wir decken uns an besagter Bude „Spielfertig“ ein. Es scheint alles nicht mehr so furchtbar zu sein. Fortuna gewinnt freundlicherweise, Leo verputzt zwei große Eis und Sarah Sophie trudelt mit Einkaufstüte ebenfalls glücklich grinsend ein.

Der Drache von Calais, November 2022, Calais, F

Am nächsten Tag geht es zum Drachen, der hier auf der Uferpromenade Feuer spuckt und euch auch zu einem „Ritt“ einlädt. Calais ist ab sofort gar nicht mehr so schlimm und die französischen Frühstücks-Freveltaten sind Geschichte.

Drachenritt, November 2022, Calais, F

Bis auf eine Kleinigkeit, die hier Leo jeden Morgen einfach erwähnen muss:

„In Kiel wäre das alles nicht passiert.“

Und weist Du was, das probieren wir einfach mal aus. Das nächste Auswärtsspiel an der Ostsee ist im Mai. Da gibt es dann aber auch gar keine Argumente dagegen. Frag mal Deine Mutter.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.