Der 132./ 80. Monat – Quarantäne 2.0

Sommerferien: Vorweg geht es für Euch in der ersten Ferienwoche in verschiedene Camps; dann zwei Wochen auf dem Boot in Holland, bevor es uns zum Abschluss drei Wochen nach Korsika verschlägt. Oder wie Eure Mutter das so schön formuliert: „Richtig in Urlaub!“ Holland zählt bei ihr bekanntlich immer noch nicht, weswegen sie auch in diesem Jahr wieder diverse Jobs auf genau dieses Zeitfenster legt. Diesmal sogar noch professioneller, nämlich ganze zwei von zwei Wochen, bedeutet konkret sie nur an den Wochenende an Bord zu haben. Eure mütterlichen Großeltern haben sich hier wieder ein Ferienhaus gemietet und alles fängt ganz planvoll an. Fast kann man sagen, alles wie immer. Aber der Reihe nach.

Leo ist jeden Tag im iCamp der Gemeinde und offenbar froh wenn die Woche rum ist. Deine Begeisterung pendelt sich auf „ist schon ok“-Niveau ein. Ganz im Gegenteil zu Sarah Sophie im gleichen Alter – Du fandest das Camp damals schlicht großartig. Aber es soll ja vorkommen, daß sich die Reichmanns durchaus uneins sein können. Zur gleichen Zeit vertreibt sich Sarah Sophie die Zeit auf dem Rücken eines Pferdes im Reitercamp irgendwo im Münsterland. Das allerdings gefühlt offenbar zu wenig am Tag – jedenfalls höre ich ebenfalls mäßige Begeisterung aus Westfalen. Am vorletzten Tag darf die gesammelte Reitermädchenriege dann zum kollektiven Corona-Test ausrücken, da ein Kind der Gruppe vorzeitig abgeholt und positiv getestet ist.

Dein Schnelltest fällt zwar negativ aus, aber Deine Mutter und ich sind ausnahmsweise mal einer Meinung hier lieber gesicherte Gewissheit haben zu wollen, da Du ja die kommenden zwei Wochen mit deinen Großeltern verbringen wirst. Also PCR-Test am Düsseldorfer Flughafen zum Schnäppchenpreis und nach sechs Stunden steht fest, daß genau das nicht passieren wird. Du bist positiv, wenn auch aktuell noch symptomfrei. Es ist Samstagmittag und wir brauchen Plan B.

Eure Mutter arbeitet die nächste Woche im oberfränkischen Pegnitz irgendwo zwischen Nürnberg und Bayreuth gefolgt von Wetzlar in Hessen. Leo und Dich in der gleichen Wohnung, auf dem gleichen Boot oder was auch immer räumlich zusammengehört zu trennen ist natürlich absolute Theorie, folglich gibt es daher folgende Optionen:

1. Du bleibst alleine an Bord, der Rest im Ferienhaus, oder andersherum.

2. Eure Großeltern bleiben zu Hause, wir haben ein Ferienhaus zuviel, was aber zu derselben räumlichen Trennung führt, nur das sie dann eben auch noch zu Hause hocken.

3. Wir erfinden Quarantäne ein bisschen neu.

Was nun folgt, deckt sich wahrscheinlich nicht ganz mit den Vorstellungen des Gesundheitsministeriums und wird vielleicht bei dem ein oder anderen Unverständnis hervorrufen, weswegen wir es erstmal einfach niemanden erzählen und ich diese Geschichte erst so spät aufschreibe. Ich kalkuliere mit verjährten Verfehlungen.

Steht eigentlich irgendwo geschrieben wo man in Quarantäne geht? Du jetzt jedenfalls erstmal in der bayerischen Provinz und fährst kurzerhand mit Eurer Mutter mit zur Arbeit. Wir interpretieren Quarantäne ein bisschen neu und beschließen, daß das auch in einem Hotel funktioniert. Begeisterung sieht natürlich anders aus, aber Du handelst zumindest heraus, daß der Hund mitkommt, dem ich zu leichtfertig zugestimmt habe.

In Bayern angekommen setzt auch pünktlich am folgenden Tag Dein Fieber ein und Du pendelst die nächsten Tage zwischen Bad und Bett. Was das konkret heißt dürfte klar sein und ich spare hier an den Details. So; das Hotelzimmer ist also dein Zuhause für die kommenden Tage. Emma weicht nicht von Deiner Seite und ihr reduziert Gassi gehen auf das absolut Notwendige. Aus dem verwöhntesten wird nun auch noch der faulste Labrador. Man geht mir Corona auf die Nerven. Seitens des Hoteliers bekommt Eure Mutter Vorhaltungen das Kind mit dem Hund doch nicht so lange alleine zu lassen, in Holland fragen Babuschka und Dedoschka im Stundenrhythmus nach wie die Sachlage in Bayern ist und sogar Deinem Bruder ist langweilig ohne das gewohnte, geschwisterliche Gezänk.

Ich sag mal so – Ferien gehen anders.

Wahrscheinlich nur um den Hotelbesserwisser zufrieden zu stellen organisiert Eure Mutter jemanden der mit Emma tagsüber spazieren geht – zu einem Preis bei dem ich über eine Umschulung nachdenke – damit Sarah Sophie einsam mit 40° C vor sich hinfiebern kann. Eine Woche kann so lange sein. Ab Donnerstag geht es dann aber deutlich besser, und die gefunkten Bilder sehen fröhlicher aus. Der Hundesitter wird arbeitslos und Sarah Sophie nimmt wieder feste Nahrung zu sich. Freitag Nachmittag wird sich wieder glücklich geshoppt und anschließend fahrt ihr nach Düsseldorf. Das übliche Prozedere: Erst zum Flughafen, PCR-Test, um am Samstag zum Frühstück das falsche Ergebnis übermittelt zu bekommen. Immer noch positiv. Sarah Sophie ist topfit aber ohne den erlösenden Freifahrtschein in Richtung Niederlande. Eine weitere Woche im Hotel eingepfercht zu sein sind wahrscheinlich keine optimalen Aussichten in den Sommerferien, selbst dann nicht wenn eine fulminante Abwechslung droht: Das Hotel liegt diesmal nicht im hessischen sondern wieder im bayerischen Hinterland verborgen. Also sagt ein anderer Fuchs einem anderen Hasen „Gute Nacht“. Eurer Mutter fehlt es eindeutig an Projekten im urbanen Raum. Zumindest wenn ein „krankes“ Kind dabei ist.

Da die Hoffnung bekanntlich als letztes stirbt also Sonntagmorgen alles auf Anfang und zu unseren freundlichen Rachenpinselern vom Flughafen. Ich finde spätestens jetzt hätten wir Mengenrabatt verdient. Um genau 12:33 Uhr kommt endlich das ersehnte Ergebnis: NEGATIV.

„Wieder-gesund-glücklich-Shopping“, Juli 2022, Gießen, D

So schnell hat Eure Mutter wahrscheinlich noch nie gepackt, jedenfalls seit Ihr um 15 Uhr bereits am Leukermeer. Familie Reichmann wieder komplett und glücklich.

Und Sarah Sophies Sommerferien starten eben mit zweiwöchiger Verspätung. Aber eine Woche Holland reicht ja auch wirklich. Fragt mal Eure Mutter. Die ist bereits Montag in aller Frühe schon wieder weg und tauscht Boot gegen Bayern.

Möglicherweise haben wir eventuell nicht alles so ganz Coronakonform angestellt – aber ich habe schonmal von Quarantänehotels gehört – oder war das was anderes?

Egal. Jetzt aber endlich: Schöne Ferien.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.