Der 115./ 63. Monat – Purim und ein Männerhaushalt

Eure Mutter hat eine ganze Woche Präsenztermine im bayerischen Schongau. Das ist derzeit schon überraschend genug aber just in diese Woche fällt die Onlinevariante von Sarah Sophies Wechselunterricht. Im Februar diesen Jahres gehst Du wöchentlich wechselseitig zur Schule, damit jeweils nur die halbe Klasse in der Schule hockt. Damit fällt dann zwar, im Vergleich zu reinem Homeschooling, noch mehr Unterricht aus, aber unsere konsequent inkonsequente Kultusministerin möchte momentan gerade mal das ausprobieren. Man dürfte verstehen, was ich davon halte, aber das nur am Rande.

Jedenfalls hast Du dir überlegt, Home- zu Hotelschooling umzufunktionieren und möchtest mit. Das findet Eure Mutter natürlich genauso großartig wie ich unsinnig, legt aber noch einen oben drauf. „Wir starten da schon um sechs Uhr morgens, dafür habe ich dann früher frei. Ich habe mit dem Kunden gesprochen, da gibt es ein Rodelgebiet in der Nähe. Und einen Praktikanten der Sarah Sophie da hinfährt haben wir auch schon. Noch Fragen?“ Fettestes Grinsen inklusive. Wie groß die theoretische Möglichkeit ist Dir dagegen eine Woche am heimischen Schreibtisch schmackhaft zu machen, habe ich gar nicht erst überlegt, sondern lasse mir lediglich die Umstände absegnen, daß Du jeden Morgen alleine zum Frühstück musst und dann pünktlich, um Neun, im Hotelzimmer vor dem iPad sitzt. Ich glaube so etwas wie „Papa, wo ist da das Problem?“ zu vernehmen und erwähne der Vollständigkeit halber Deine Heldentat von voriger Woche in der Du ein Schulmeeting innerhalb von einer halben Stunde mal eben vergessen hast. Schlagfertige Reaktion deinerseits: „Papa, das warst doch du Schuld, da dein Wecker nicht geklingelt hat. Da verlasse ich mich ja drauf.“ Ups, und ich habe doch tatsächlich geglaubt der ausgedruckte Wochenplan einen halben Meter in Sichthöhe vor Deiner Nase könnte diese Aufgabe auch erledigen.

Klarer Fall von väterlichem Versagen, das muss ich wohl einsehen. Du legst aber nach: „Das kann mir dann im Hotel ja gar nicht erst passieren. Also das mit dem auf Dich verlassen.“ Klingt irgendwie logisch und ich sehe selbstredend ein, daß es an der Zeit ist hier langsam mal den Widerstand aufzugeben. Projekt beschlossen, Koffer packen und ab gehts.

Leo und ich allein zu Hause heißt vor allem eins: Es ist unfaßbar ruhig. Und wir haben gefühlt irrwitzig viel Zeit. Und wie es sich für einen anständigen Männerhaushalt gehört, wird hier ordentlich geschludert.

Jeden Abend schauen wir sowohl zu viele als auch zu lange Zeichentrickfilme auf der Leinwand. Sarah Sophie ist so langsam aus dem Alter raus wo ich sie mit meiner Sammlung analoger Zelluloidfilme in 8 und 16mm begeistern kann, Leo dafür aber mittendrin. Janoschs Traumstunde konkurriert derzeit mit Tom und Jerry. Zur Sicherheit schauen wir einfach beides, jeden Tag abwechselnd. Damit Du nach dem Toben im Schlafzimmer nicht unnötig ins Kinderzimmer musst, beschließen wir das Du lieber direkt bei mir schläfst. Und das Abendessen darfst Du Dir in Ermangelung einer Schwester natürlich auch ganz alleine aussuchen. Ja, es gibt nicht zu selten möglicherweise nicht ganz so gesunde Sachen, aber ich bin mir ganz sicher, daß der Koch im Kindergarten dies jeden Mittag gewissenhaft kompensiert. Deine Großeltern kennen ihn persönlich, das macht es noch glaubwürdiger. Und jeden Tag nach dem Kindergarten müssen wir noch in den Zoopark damit an der Baustelle weiter gearbeitet werden kann. Steine dafür sammeln wir immer unterwegs ein. Wie entspannt es mit nur einem Kind ist, habe ich irgendwie vergessen, genieße es aber derzeit in vollen Zügen.

Und dann war da noch die Sache mit Purim. Leo kramt die Verkleidungskiste mehrfach komplett durch und landet schließlich – genauso wie im vergangenen Jahr – beim Bienenkostüm und summt fröhlich durch die Gegend. Die übliche Feier in der Synagoge und Purim on ice im hiesigen Eisstation fallen natürlich pandemiebedingt wieder aus, dafür feiert ihr Kindergartengruppenintern inklusive Liveübertragung für die verzückte Elternschaft zuhause.

Purim-Biene, Februar 2021, Düsseldorf, D

Da das Ganze auf einen Freitag fällt, ist der Kindergarten früher zu Ende und wir haben mehr Zeit für die bereits erwähnte Baustelle. Die nimmt nämlich derzeit einen ungemein wichtigen Stellenwert in Deiner Wahrnehmung ein. Und wegen dieser Wichtigkeit kannst Du dich auch nicht umziehen und eine fleißige Biene werkelt mit frisch „gefundenen“ Wackersteinen umher. Ich habe Pause und werde auf die daneben stehende Parkbank beordert. Es gibt Schlimmeres.

Fleißige Biene – auch zu Purim auf die Baustelle, Februar 2021, Düsseldorf, D

Natürlich bleibt es den anderen, hier spielenden, Kindern nicht verborgen, daß hier offenkundig jemand das Ende vom rheinischen Karneval vor gut einer Woche verpasst hat und immer noch im Ornat gekleidet umherwuselt. Es entsteht eine kuriose Kommunikation, der ich schmunzelnd schweigend lausche da ja auf die Parkbank verbannt.

Ein Junge: „Karneval ist vorbei. Du darfst dich nicht mehr verkleiden.“
Leo: „Warum?“
Der Junge: „Das hat meine Mutter gesagt.“
Wieder Leo: „Heute ist Purim, deshalb bin ich die Biene Maja.“
Darauf der Junge: „Die Biene Maja ist ein Mädchen, der Junge heißt Willi. Also bist du die Biene Willi. Was ist Purim?“
Leo mittlerweile sichtlich genervt davon, daß ihn hier jemand von der Arbeit abhält, antwortet pampig: „Purim ist nur was für Juden. Außerdem bin ich die Biene Maja. Frag meinen Vater wenn du mir nicht glaubst.“

Daraufhin wendet sich der Junge zu seiner Mutter, die ebenfalls auf der Bank sitzt und fragt sie: „Mama was sind Juden? Und warum ist bei denen die Biene Maja ein Junge?“

Und da ist sie wieder die bekannte deutsche Schockstarre sobald jemand das Wort „Jude“ auch nur ausspricht. „Das erkläre ich dir zu Hause, komm jetzt wir müssen gehen.“ ist die Antwort, nicht ohne aber peinlich berührt an mir vorbei zu sehen.

Leos Reaktion: „Gut das der weg ist, der wußte ja gar nichts. Papa ich weiß aber was wir jetzt machen: Wir gehen zur Bude ein Überraschungsei kaufen. Wie heißt das nochmal wenn man immer wieder etwas macht?“

„Tradition“ entgegne ich. Wieder Leo: „Genau Tradition. Und zur Bude gehen wir immer, wenn wir hier sind. Und Purim ist auch Tradition. Dann kaufen wir besser zwei Überraschungseier.“

Das nenne ich mal schlüssig. Und zwar ganz traditionell.

Geschrieben in Well, Limburg, Niederlande.