Der 114./ 62. Monat – Schweizer Empfehlung

Winterferien sind gleichbedeutend mit Skifahren. Das war all die Jahre so, gestaltet sich aber diesmal etwas anspruchsvoller. Corona-bekanntlich sind Skipisten europaweit zu Winterbeginn erst einmal alle dicht. Je weiter es in Richtung Jahreswechsel geht, desto variantenreicher werden die individuellen Lösungen. Da darf man dann in Österreich Ski fahren, sofern man Österreicher ist und kein Hotel braucht, in Frankreich sind zwar ebendiese in allen Skigebieten geöffnet, nur dummerweise die Lifte nicht und in Deutschland herrscht bekannte Gründlichkeit und alles ist geschlossen. In Italien ebenso. Die Stornierung unseres ursprünglich reservierten Campingplatz in Tirol flattert uns bereits Anfang Dezember ins Haus.

Zwischenzeitlich laden uns Freunde sogar zum Weihnachtsfest ein, sollten wir doch zuhause sein. Wir wirken also verzweifelt – es muss etwas passieren und das führt uns in die Schweiz. Genauer gesagt nach Samnaun in Graubünden. Für die Schweiz entfällt eine Quarantäne sofern man aus einer Region kommt die eine nicht deutlich höhere Inzidenz als sie selbst hat und das veröffentlichen die Eidgenossen auf einer Liste, die ab sofort das meist aufgerufene Objekt im heimischen Internet ist. Sarah Sophie fragt jeden Morgen bereits beim Frühstück: „Und, stehen wir drauf?“ Wir stehen nicht und packen zusammen. Spannend finde ich in diesen Tage die immer wieder gehörte Frage: „Dürft ihr das denn überhaupt?“ Wahrscheinlich machen wir uns bei vielen Leuten gänzlich unbeliebt, da wir die „Empfehlung nicht zu verreisen“ ignorieren, behandeln sie als das was ist – eine „Empfehlung“ – und empfehlen uns dringend Bergluft. Wir finden tatsächlich noch einen freien Platz auf einem Campingplatz, was ich Mitte Dezember schon für beachtenswert an sich halte, wird aber durchaus von den Erfahrungen der kommenden Tage und Wochen locker getoppt. Von allerlei Seiten bekommen wir Videos gemailt, die immer das gleiche zeigen: Riesig lange Schlangen wartender Alpinisten. Meist verbunden mit der Frage: „Wollt ihr Euch das wirklich antun?“

Wir wollen und melden Euch für Ski- bzw. Snowboardkurs an und fahren gemeinsam mit der Gondel nach oben. Und zwar nur wir vier gemeinsam. Es ist einfach keiner da. Wir haben absolute Hochsaison und es ist gefühlt niemand hier. Leos Skigruppe besteht aus ganzen zwei Kindern und Sarah Sophie hat ihren Snowboardlehrer gleich lückenlos für sich alleine. Das ändert sich in der ganzen Zeit auch nicht. In zwei Wochen sind wir ein einziges Mal mit einem Fremden gemeinsam im Sessellift gefahren. Das entschädigt mehr als einmal für die geschlossene österreichische Seite des gemeinsamen Skigebietes.

EU-Grenze auf 2.872 Meter , Januar 2021, Samnaun, CH

Ja, und dann war da noch das ambivalente Verhältnis Eurer Mutter zu Schweizer Skilehrern bzw. Skilehrerinnen. Beruflich durchweg öfters in der Schweiz kommt sie jedesmal wieder nach Hause, ohne ihre ganz persönliche Gedultsmentalität schweizerisch adaptiert zu haben – die höfliche Umschreibung für „Die machen mich wahnsinnig!“ Natürlich geht es um Geschwindigkeit und Empathie. Alle sollen sich lieb haben und das braucht eben Zeit. Mütterliches Unverständnis ist hier sozusagen per Definition implementiert. Auf Leos Skikurs umgemünzt sieht das dann so aus:

Am ersten Tag juckelt ihr gemütlich am Übungslift umher und das bekommt Eure Mutter dummerweise auch noch mit. Mit eruptivem Engagement wird die betreffende Dame zur Rede gestellt, warum hier stundenlang am Idiotenhügel herumgegeistert wird, anstatt das vorhandene Pistenpotential gehörig auszunutzen. Die Antwort gleicht einem Schlag ins mütterliche Gesicht: „Der Kleine wollte lieber Schlepplift fahren. Das verstehen sie doch sicher.“ Das versteht bestimmt Leo, aber nicht Eure Mutter. Folglich wird Ski-Eva kurz eingenordet wie das hier in Zukunft zu funktionieren hat und der Kuschelkurs auf Skiern ist Geschichte. Mit dem Snowboardlehrer von Sarah Sophie spreche sicherheitshalber lieber ich um einem möglichen Landesverweis energisch entgegenzuwirken.

Wir dürfen bleiben. Leo macht ordentliche Fortschritte, das bleibt festzuhalten, wenngleich es für Eure Mutter natürlich alles viel zu lange dauert.

Gegen Mitte der Ferien wird es nachts mal gerne -25 Grad und auch tagsüber klettert das Thermometer meist nicht über die -15 Grad-Marke, was bei den Damen der Familie ein wenig die Laune am Skifahren einfrieren lässt. Wir einigen uns auf nur noch halbe Skitage und ab sofort gibt es des Öfteren ein nachmittägliches Alternativprogramm. Samnaun liegt unglücklicherweise in einer zollfreien Region, was wiederum die Shoppingauswahldichte deutlich über Normalmaß positioniert. Ich muss wahrscheinlich nicht explizit ausführen, was Sarah Sophie und Eure Mutter dann fast täglich treiben.

Und auf einmal ist das gar nicht mehr so schlimm, wenn es hier alles ein bisschen länger dauert, oder wie Leo es formuliert: „Papa, sie gehen schon wieder einkaufen!“

Geschrieben in Well, Limburg, Niederlande.