Der 111./ 59. Monat – Herbst mit Hindernissen

Es sind Herbstferien. Die schon fast traditionell zu nennenden Flüge nach Tel Aviv haben wir gar nicht erst gebucht, da pandemiebedingt derzeit kein Hineinkommen nach Israel möglich ist. Obwohl wir uns auch dabei ertappt haben zu gucken wie das mit der israelischen Staatsbürgerschaft genau funktioniert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls stehen zwei Wochen Ferien an und Eure Mutter platzt mit der Neuigkeit mehrerer Präsenztermine bei irgendwelchen Kunden – nicht ganz unglücklich aussehend – in unsere Ferienplanung. Ich bekomme eine Adresse in der schwäbischen Provinz nebst Datum und dem altbekannten Satz „Suchst Du uns was Schönes?!“ zugeworfen und fange an zu suchen. Diese „Wir-fahren-mit-zu-Mamas-Arbeit“-Ausflüge finden bei Euch durchaus Anklang weil meist gepaart mit erhöhter Schlagzahl „Mama-bringt-Geschenke-von-der-Arbeit-mit“. Im konkreten Fall landen wir auf der Schwäbischen Alb auf einem Isländer-Pferde-Gestüt mit angegliederten Campingplatz. Sarah Sophie ist völlig aus dem Häuschen nachdem sie tägliche Reitstunden ausgehandelt hat und Leo blickt durch meinen Hinweis auf eine vorhandene Miniscooterbahn fortan ebenfalls freudig in Richtung Ferien. Auf dem Rückweg bauen wir noch eine Burgenbesichtigung am Rhein ein und die erste Ferienwoche steht.

Zumindest in der Theorie. In der Praxis regnet es zunächst, der sogenannte Freizeitpark mit den bejubelten Scootern hat am ersten Tag geschlossen und die notwendige Reitlehrerin ist einfach mal krank. Begeisterte Kinder sehen anders aus. Ein Disney Klassiker auf DVD rettet den Vormittag und nachmittags tobt ihr beide mit den gerade angekommenen Nachbarskindern auf dem Spielplatz. Jetzt sind wir zumindest nicht mehr ganz alleine auf dem Campingplatz und die Szenerie sieht weniger gespenstisch aus. Am nächsten Tag das Gleiche, nur mit anderem Disney-Film. Lediglich am letzten Tag trabt Sarah Sophie durch die Reithalle und Leo kurvt endlich etwas auf der Scooterbahn umher. Kurzum wir sind nicht unglücklich nach drei Tagen das Dorfidyll verlassen zu dürfen.

Seit Leo weiß, das nun ritterliches Burgwesen ansteht, ist der verregnete Reitausflug vergessen. Wir landen auf der Marksburg in Braubach am Mittelrhein. Hier gibt es einen Wohnmobilstellplatz von dem wir zu Fuß die 160 Höhenmeter zur Burg meistern. Oben angekommen lauert zwar die nächste Enttäuschung aber mittlerweile habt ihr ja Erfahrung damit umzugehen. Die Burg lässt sich nicht alleine entdecken sondern nur als Gruppenführung. Das gilt übrigens ulkigerweise nur in Coronazeiten und derlei Logik zur Infektionsvermeidung erschließt sich mir nun gar nicht aber wir folgen brav einer zwanzigköpfigen Gruppe eine Stunde durch die Gewölbe. Ist auch alles da: Zugbrücke, Rittersaal, Rüstkammer, Kanonen und ein Folterkeller. Da ist man sich zwar nicht so sicher ob der hier jemals existiert hat, aber die Sammlung verschiedener mittelalterliche Überzeugungshilfen macht schon mehr her als ein Pferdestall in dem wir eigentlich gerade stehen. Das finde ich legitim und ihr sowieso. Der Vollständigkeit halber muss ich hier erwähnen auf dem Burgabstieg das größte zu erwerbende Eis bei einer Wette verloren zu haben, da ich der felsenfesten Überzeugung war zu wissen wo wir lang müssen. Sarah Sophie übrigens auch nur hast Du (leider) Recht behalten und wir sind glücklicherweise Deiner Empfehlung gefolgt. Orientierungsfähig kommst Du nach Deiner Mutter.

Erfolgreicher Burgaufstieg, Oktober 2020, Braubach, D

So nun haben wir die Hälfte der Ferien rum und sitzen im Camper um zu überlegen, was zu tun ist. Eure Mutter ist mit ihren Jobs durch und wir schauen den vorbeifahrenden Schiffen auf dem Rhein nach. Eine gewisse Familienmelancholie macht sich breit. Die Erkenntnis „Jetzt säßen wir eigentlich in Tel Aviv am Strand bringt uns auch nicht weiter.“ und Leo reißt uns schließlich aus der aufkommenden Lethargie.

Nachdem ich mehr beiläufig erwähne, wir könnten ja nach Holland zum Leukermeer fahren, ist Leo nicht mehr zu halten. Deine Begeisterung ist allerdings so ziemlich das genaue Gegenteil vom aufkommenden Gemütszustand Eurer Mutter. „Herbstferien in Holland“ der größte anzunehmende Urlaubsgau auf mütterlicher Seite. Schlechtes Wetter, radfahrende Oberlehrer und die gleiche Location wie in den Sommerferien nur bei unsympathischen Temperaturen. Die Psyche Eurer Mutter erklären zu wollen ist Unsinn an sich, aber soviel sei gesagt: Wenn sie auch nur den Anflug immer wiederkehrender Situationen erahnt, schaltet sie auf Abwehrmodus. Im aktuellen Fall reden wir folglich über den maximal möglichen Verteidigungsfall. Eine Woche Holland im Oktober. So richtig Freude kommt gerade nicht auf. Allerdings mangelt es an Alternativen und wir starten am kommenden Tag ernsthaft Richtung Holland. Ich finde sie sehr tapfer.

Angekommen stellt ihr beide fest, daß es wieder Animationsprogramm gibt und zumindest für Leo ist ab jetzt alles rund. Sarah Sophie braucht für ihre Begeisterung noch etwas Anlauf, das sind vermutlich die mütterlichen Gene. Geregnet hat es übrigens wirklich jeden Tag und ich bekomme Eure Mutter wahrscheinlich eher zur Übersiedlung nach Nordkorea überredet als nochmal zum Urlaub nach Holland

Auf die Website der israelischen Einwanderungsbehörde haben wir wahrscheinlich nur zufällig und rein regenbedingt gemeinsam gelinst.

Es wird Zeit, daß Corona rum ist, die Reichmann-Mädels drehen langsam durch.

Geschrieben in Well, Limburg, Niederlande.