Der 110./ 58. Monat – Der kletternde Superlativ

Sarah Sophie klettert bereits seit nunmehr vier Jahren und da bleibt es wohl nicht aus, daß auch der kleine Bruder Interesse in dieser Richtung anmeldet. Das hast zwar nicht Du dir überlegt, sondern Eure Mutter, aber in diesem Monat ist es eben soweit. Pandemiebedingt verbringt Eure Mutter immer noch viel zu viel Zeit zu Hause, weiß diese familienförderlich einzusetzen und schlägt folglich eines schönen Tages während des Frühstücks mit einer Idee auf, nachdem Leo die übliche Frage „Was machen wir heute?“ gestellt hat.

„Wir gehen klettern!“ hallt es begeistert über den Tisch. Also begeistert ist zumindest Eure Mutter, während Du hingegen etwas irritiert über Deine Cornflakes hinweg guckst. Sarah Sophie erklärt postwendend, Leo sei dafür noch viel zu klein, was wiederum Dich zwangsläufig animiert der gegenteiligen Meinung zu sein und Du lautstark Deiner Mutter beipflichtet. „Ich bin nicht klein! – Wir gehen klettern!“ Die Sache ist beschlossen, verkündet und besiegelt.

Am Nachmittag ist es soweit und ihr zieht von dannen. Völlig unerwartet bist Du der Jüngste und Kleinste beim Schnupperkurs. Da Du allerdings genau diesen Umstand von diversen anderen Aktivitäten bereits kennst, stört das nicht weiter und lässt Dich lässig den Sicherungsgurt umschnallen. Dich in mehr als zehn Meter Höhe an eine kerzengeraden Wand „geklebt“ zu sehen ist zugegeben schon imposant. Deine Mutter geniest es so sichtlich wie Du in Sachen Geschwindigkeit die mehrjährig älteren Kinder deutlich hinter dir lässt, daß sie immer noch grinst nachdem ihr beide abends wieder zuhause seit und der Nachmittag ausgiebig geschildert wird. Es ist klar, was von nun an jeden Dienstag stattfindet.

Leo entdeckt Klettern für sich, September 2020, Düsseldorf, D

Bereits beim nächsten Termin wächst die Fangemeinde des kleinen Klettermaxe und alle sind glücklich. Jedenfalls ist Klettern in allen Variationen die neue Lieblingsbeschäftigung in der Familie und am nächsten Wochenende finden wir uns ganz überraschend in einem Hochseilgarten wieder. Hier müssen wir dich sogar ein paar Zentimeter größer schummeln, damit Du das geforderte Mindestmaß erreichst.

Hochseilgarten, September 2020, Velbert, D

Spielplätze werden grundsätzlich nur noch aufgesucht, wenn da irgendwo eine Kletterwand zu finden ist, was im Übrigen in Düsseldorf nicht allzu viele sind und selbstverständlich ist die dann stets viel zu klein. Zur allergrößten Not tut es auch ein Baum im benachbarten Park. Sarah Sophie wird nicht müde Dir bedingungslos Unterrichtungen angedeihen zu lassen, nicht ohne in mindestens jedem dritten Satz zu erwähnen wie lange und professionell sie bereits Klettern geht. Ja, „Große Schwester“ ist unbestritten Deine Paradedisziplin.

Und dann war da noch die Geburtstagsparty eben dieser. Die kommt jetzt gerade recht. Ponyfarm-Geburtstagszeiten scheinen ein für allemal passé zu sein und in diesem Jahr steht ein Mitmachzirkus hoch im Kurs. Jedenfalls feiern wir hier Sarah Sophies neunten Geburtstag und das in eben diesen Tagen. Eines der Highlights hier ist eine fest installierte Drehleiter von einem Feuerwehrwagen. Und die Dinger sind verdammt lang oder besser gesagt verdammt hoch. Das hierbei die augenscheinlich vernachlässigbare Kleinigkeit eines Sicherungsseil fehlt habe ich vorsichtshalber nicht erwähnt als ich die Fotos der hoch hinaus wollenden Kinder in die Eltern-WhatsApp-Gruppe geschickt habe. Ich glaube die Ansage war: „Jeder klettert nur so hoch wie er sich traut!“ Etwas naiv vielleicht, aber gut gegangen. Geantwortet hat jedenfalls niemand – wahrscheinlich sitzt der Schock zu tief. Schwer beeindruckt bin ich allerdings wie gut sich Kinder selbst einschätzen können. Rund die Hälfte ist tatsächlich nur ein paar Sprossen hoch geklettert und hat sich damit begnügt. Das ihr beide nicht dazu gehört erwähne ich nur der Vollständigkeit halber. Sarah Sophie winkt derweil munter von oben herab, während Leo murrend meine gesetzte Begrenzung akzeptiert.

Auf dem Weg nach oben, September 2020, Düsseldorf, D

Das hat jetzt zwar nicht so direkt etwas mit Klettern zu tun, lässt aber einfacher einen Bogen zum Satz des Monats spannen. Und der kommt absolut unangefochten von Leo:

„Ich bin der Kleinste, der Schnellste, der Schlauste, der Stärkste und natürlich der Beste!“

Was wollte man da noch hinzufügen? Bewahre Dir dieses Selbstbewusstsein – dann kann nicht mehr viel schiefgehen.

Also, weiter klettern, kleiner Mann!

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.