Der 109./ 57. Monat – Hilflos

An irgendeinem Wochenende im August landen Leo und ich ohne die weiblichen Teile der Familie am Boot in Holland. Jungs-Ausflug sozusagen. Sarah Sophie besucht einen Theater-Workshop des Düsseldorfer Akki und ist somit zuhause verpflichtet. Und in diesen Tagen scheine ich besonders hilfebedürftig auszusehen. Zu den Zeiten als Sarah Sophie noch mit Förmchen, Schippe und Eimer in Sandkästen gewerkelt hat, bin ich des öfteren als Hilfesuchend deklariert worden. Väter mit kleinen Kindern alleine rufen wahrscheinlich Mutterinstinkte urbrachialer Art hervor. Da wurden Dir von wildfremden Damen die Schuhe zugebunden, Dinkel-Vollkorn-Kekse in den Mund gesteckt und auch schon mal ohne Aufforderung auf des Klettergerüst geholfen – auch wenn Du da gar nicht hin wolltest. Das hat mich immer amüsiert und ich habe die Damen meist machen lassen.

Über die Jahre hat sich das gelegt, was ich eher Deinem Alter zuschreibe und weniger der Lernfähigkeit fremder Muttis. Die ausgeprägtesten dieser Spezies sind übrigens gar nicht diejenigen, welche nach Studium und Diplom Karriere gegen Lätzchen und Vollzeit-Mutterrolle getauscht haben, sondern die 12-Wochenstunden-Teilzeit-Jobberinnen die einem ungefragt auf jedem Spielplatz der Republik innerhalb der ersten Minuten erzählen, daß sie nur Teilzeit arbeiten um jederzeit für den heranwachsenden Nachwuchs parat zu stehen und auch damit erst angefangen haben als Amalia-Agathe und Jasper-Jakob über drei waren um der frühkindlichen Bildungsinitiative persönlich vorzustehen.

Aber es geht noch eine Nummer schlimmer wie ich dieser Tage erleben darf: Großmütter, der selbsternannten zukünftigen Universalelite. Wer hätte das gedacht.

Da sitzen Leo und ich also bei bestem Wetter einfach so am Strand herum und verhandeln wer denn nun dafür verantwortlich ist die Süßigkeitentüte im Boot vergessen zu haben und vor allem wer sie dort holen geht. Diese Debatte bleibt natürlich nicht unbemerkt und schon naht Hilfe im rotgeblümten Strandkleid. Die schätzungsweise Mittsechzigerin schleicht sich vom Nachbarhandtuch heran und da sind sie wieder: Vor Leos Nase baumelt, wie von Zauberhand getrieben, eine Schachtel Dinkel-Vollkorn-Kekse hin- und her. Ich schrecke zusammen und ahne bereits was noch folgt. „Wenn der Papa die Kekse vergessen hat, kannst Du gerne von unseren nehmen.“ Die Dame schaut etwas mitleidig auf mich herab, setzt sich aber schließlich doch – offenbar um mir auf Augenhöhe zu begegnen. Der dazugehörige Enkel, ungefähr gleichen Alters wie Leo, stapft herbei um seine individuellen Keksansprüche gelten zu machen. Und schon startet die Erklärungswelle: Sie sei mit dem Enkel hier, da sein Papa arbeiten müsse und sonst käme der Junge ja gar nicht an die frische Luft. Und ob ich mit Dir denn ganz alleine hier sei. Die direkte Frage nach der Mutter traut sie sich wohl noch nicht. Ich bejahe artig und werde äußerst bedauernd barmherzig angeschaut.

Derweil beschliessen die Jungs sich in Richtung Wasser abzusetzen und können von Helikopter-Omi gerade noch vor der imaginären Bauchnabel-Wasserlinie abgefangen werden. Selbstverständlich hat Super-Oma zufällig zwei Paar Schwimmflügel dabei und möchte auch Dir die orangenen Vehikel über die Oberarme streifen. Das verweigerst Du und informierst die Dame über Deine vorhandenen Schwimmfähigkeiten, was sie dir wiederum nicht glaubt und sich bei mir rückversichert. Auch dies bejahe ich wieder artig und erlebe Großmama einigermaßen überrascht.

Erstaunlicherweise dürft ihr beiden nun sogar alleine ins Wasser – der eine mit, der andere ohne Schwimmflügel. In der Zwischenzeit informiert mich die Grand Dame der Familienpädagogik über den weiteren Tagesablauf. Nach einer halben Stunde seit ihr wieder da und vermeldet baldiges Interesse am Mittagessen. Noch bevor ich auch nur den Ansatz meiner Antwort in Richtung von „Wir machen Pasta an Bord.“ loswerden kann legt das Großmuttertier noch einen oben drauf. „Wir gehen jetzt ins Restaurant. Kommt ihr mit. Ihr habt ja bestimmt nichts zu essen dabei!“ Natürlich, ich verreise grundsätzlich nahrungslos mit meinen Kindern. Dann aber sofort Leo: „Ob es denn da Chicken-Nuggets geben würde?“ Wieder Oma: „Aber natürlich!“ Darauf Du: „Papa, kommst Du auch mit oder gehst Du zum Boot?“ Damit ich nicht zu viel darüber nachdenke, fragt unsere neue Überlebenshilfe nach ob sie Dir beim Badehosenwechsel behilflich sein soll. Zu diesem Zeitpunkt bin ich nicht mehr wirklich Bestandteil der Unterhaltung und fühle mich irgendwie überflüssig. Ich erwähne kurz mein Geld zu holen und sehe euch da bereits auf dem Weg zum Lokal.

Als ich schließlich dort ankomme wurde mir bereits ein Bier bestellt. Diplom-Omi scheint also auch zu wissen was gut für mich ist. Ich spiele schwer beeindruckt und füge mich in mein Schicksal.

Am nächsten Tag sind Leo und ich dann einfach ganz alleine mit dem Boot rausgefahren, haben geankert und sind so dermaßen mutterseelenallein schwimmen gegangen, daß uns noch nicht einmal ein Rettungsboot zu Hilfe kommen musste.

Jungs-Ausflug, August 2020, Leukermeer, NL

Ich hoffe nur, uns hat niemand gesehen!

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.