Der 107./ 55. Monat – Keine Opfer!

Der Juni in diesem Jahr steht unter einem einzigen großen Vorzeichen: Verkleiden! Warum weiß ich nicht, aber während ich irgendwann die Wäsche auf dem Speicher aufhänge, wollt ihr beide unbedingt mit und findet dabei die Verkleidungskiste mit allerlei Kostümen auf dem Dachboden. Vielleicht weil dieses Jahr Purim ausgefallen ist oder wir über Karneval Skifahren waren, jedenfalls muss die Kiste mit nach unten und wird selbstverständlich flächendeckend in Euren Zimmern entleert.

Ich kann gerade noch verhindern Sarah Sophie in täglich wechselnden Verkleidungen zu den schulischen Online-Meetings vor dem iPad wiederzufinden, wo hingegen Leo am liebsten im Prinzessinnenkleid umher stolziert. Die Begeisterung Eurer Mutter ist grenzenlos wie man sich denken kann. Rund zwei Wochen vollzieht sich ein immer gleiches Schauspiel jeden Tag. Spätestens zu Mittag sitzen zwei verkleidete Kinder am Tisch. Da inzwischen einige Eurer Freizeitaktivitäten unter angepassten Bedingungen wieder geöffnet sind darf ich mehrfach erklären, daß es keine grundlegend gute Idee ist wenn Leo als Biene Maja zum Sportkurs auf die Rheinwiesen entschwindet. Eltern können herzlos sein. Sarah Sophie als Hexenmeisterin beim Krav Maga hingegen stelle ich mir noch ganz lustig vor, muss Dir das aber gar nicht erst ausreden, da Du dessen Sinnhaftigkeit wohl eigenständig anzweifelst und dich Montagabend in schlichten Sportklamotten auf den Weg machst. Das Training findet ebenfalls auf den Rheinwiesen unter freiem Himmel statt und es ist schon sehr ulkig anzuschauen wenn eine Truppe von rund zwanzig Kindern ein Körperkontakt geprägtes Selbstverteidigungssystem eben kontaktlos vermittelt bekommt. Ihr habt jedenfalls immer genügend Zuschauer.

Apropos Verteidigung: Die Stilblüte des Monats geht unangefochten an Eure Mutter.

Während irgendeines Verkleidungsunterfangen entdeckt ihr das Cowboykostüm von Sarah Sophie. Das passt Dir zwar nicht mehr, dafür aber jetzt Leo und Du fummelst Dir dasselbige Deiner Mutter irgendwie zurecht. Jedenfalls wollt ihr alles über Cowboys wissen und ich habe streckenweise das Gefühl in meinem eigenen Western Regie zu führen. Irgendwann fällt Leo auf, daß es wo Cowboys sind doch auch Indianer geben muss und ich werde gefordert die US-amerikanische Geschichte im Schnelldurchlauf kindgerecht zu erklären. Ich fange also bei der Mayflower an, erkläre missbilligend Kolonisierung, große Trecks und lande zwangsweise irgendwann bei der Unterdrückung der amerikanischen Ureinwohner. Das wollt ihr jetzt ganz genau wissen und lasst Euch alles um Little Bighorn und Wounded Knee erklären. Das der erste Genozid den ich Euch erklären muss der an den Indianer ist habe ich allerdings wirklich nicht vermutet, aber da kann ich schonmal üben.

Cowboys sind fortan das Synonym für die weißen Eroberer und nachdem wir bei den indianischen Reservaten angekommen sind, ist Schluss mit Lustig und Euer Interesse schwindet schlagartig. Die Geschichte scheint zu Ende, Gut und Böse sind geklärt und ihr widmet Euch wieder der Verkleidungskiste. Leo lässt sich noch kurz vergewissern, daß es auch nette Cowboys gab und er somit keine Veranlassung sieht sich Hut und Weste zu entledigen.

Sarah Sophie stellt zwischenzeitlich fest, daß das Indianerkostüm vom sechsten Geburtstag auch nicht mehr passt und bleibt ebenfalls lieber in der Cowboykluft. Am nächsten Tag wollt ihr unbedingt Indianer sein, malt Euch vorsorglich schonmal kräftige Kriegsbemalung ins Gesicht und erfindet die notwendigen Verkleidungen mangels Vorhandensein einfach selbst aus dem Fundus der Kleiderschränke. Bis zum Mittag habe ich Sitting Bull und Pocahontas zuhause und alles ist gut. Nach dem Mittagessen setzen sich dann wieder die Cowboys durch und das Spiel von gestern geht von vorne los.

Nachdem Eure Mutter die Szene betritt und sich von mir erklären lässt das die politisch doch etwas korrekteren Indianer soeben abgelöst wurden, wird das Ganze nur knapp kommentiert:

„Sehr gut, Opfer waren wir lange genug. Zeit endlich mal Täter zu werden!“

Das sitzt – keine Frage! Vielleicht sind Genozide doch die falsche Assoziationsbasis für Verkleidungskisten. Derweil packt Sarah Sophie ihre Boxhandschuhe zusammen und verabschiedet sich murmelnd mit einem „Wer will den Opfer sein?“ zum Kampfsporttraining. Wahrscheinlich muss ich jetzt nicht gesondert erwähnen, das angenommene Opferrollen die größte anzunehmende Unruhe bei Eurer Mutter auslösen. Aber sie ist da ganz ruhig geblieben und geht neuerdings mit zum Krav Maga.

Sicher ist sicher!

Geschrieben in Bergen, Limburg, Niederlande.