Der 105./ 53. Monat – Feuerfester Frühling

Wie überall verdirbt dieses äußerst missliebige Virus auch unsere Frühlingsferien. Eigentlich sollte es Richtung Südfrankreich nach Montpellier gehen – aber eine geschlossene Grenze mit integriertem Lockdown lässt uns einfach mal die Ferien zuhause verbringen. Einen weiteren Umstand den wir bis dato – glücklicherweise – überhaupt nicht kennen und uns dazu zwingt geeignete Alternativen zu erfinden. Vor allem die Aussicht möglicherweise die sechswöchigen Sommerferien ebenfalls rigide zum daheimbleiben verdammt zu sein, löst pure Panik im Hause aus. Zwischenzeitlich erwägen Eure Mutter und ich sogar ein inseriertes, einsames Waldgrundstück einhundert Kilometer von uns entfernt zu pachten nur um überhaupt irgendwo hinfahren zu können. Die Aussicht wochenlang einsam inmitten irgendwelcher Gehölze Mutter Erde anzustaunen lässt uns glücklicherweise dann doch von dem Plan Abstand nehmen. Aber telefoniert habe ich mit dem Vermieter schon. Man(n) macht komische Sachen in diesen Tagen.

Corona zeigt uns überdeutlich: „Zuhause“ können wir einfach nicht!

Uns wird schlagartig bewusst wie selbstverständlich wir eigentlich permanent umhergondeln und eben das derzeit nicht können. Das uns dieses Virus zur Sesshaftigkeit zwingt, nehme ich ihm besonders krumm. Mischpoke Reichmann hockt am heimischen Herd.

Apropos Herd: Just während wir gefühlt an selbigen gekettet sind, beschert uns Eure Mutter eine wahrhaft grandiose Idee: Sie macht jetzt eine Diät. Nein, selbstverständlich keine normale aus irgendeiner Frauenzeitschrift, sondern eine hochwissenschaftliche, höchstpersönlich von Ihrem Ober-Doktor-Ernährungsberater zusammengestellte vollständige Verpflegungsumkehr. Sofort befürchte ich das Schlimmste. Ihre letzte Diät ist drei Jahre her, sie war fünf von sieben Tagen nicht zuhause und die verbleibenden zwei waren – sagen wir mal – innerfamiliär sportlich. Ein Schelm wer das nun auf die aktuelle Situation hochrechnet. Ich erwäge den Auszug. Das Beste ist übrigens die Begründung: „Wenn ich normalerweise immer im Hotel bin, klappt das sowieso nicht – das ist die ideale Gelegenheit.“ Mir werden Viren immer unsympathischer!

Um einer Familientragödie zuvorzukommen müssen wir hier raus und just in diesem Moment schickt mir mein ältester Freund ein Video seines Traktor-Oldtimer. Die Rettung naht: Ich muss telefonieren.

Der Traktor aus den 1950er-Jahren wohnt, wie mein Kumpel Andy, in dem idyllischen Örtchen Flußbach mitten in der Eifel, nämlich genau da wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Dafür es gibt einen geschlossenen Sportverein, der aber über einen Parkplatz, Feuerstelle und ganz viel Wald und Wiese verfügt. Wir scheinen erlöst. Am nächsten Morgen brechen wir auf und gegen Mittag tuckert uns Andy auch schon auf besagtem Traktor entgegen. Neben diesem hat er auch noch einen Camper wie wir und wir starten das Projekt „Eifel-Camping ohne Camping“.

Wer schonmal hier in der Gegend war, weiß das Eifelaner so eine ganz spezielle Spezies sind. Etwas verschroben, manchmal maulfaul, meist herzlich – aber meisterlich darin genau das gut zu verstecken. Um den Eifel-Indigenen unser plötzliches Auftauchen halbwegs plausibel zu machen bin ich flugs Andys Cousin und was der hier auf einmal zu suchen hat, davon wird sich alle paar Stunden selbst überzeugt. Jedenfalls kommt an den ersten beiden Tagen rein zufällig immer mal wieder jemand vorbei der irgendetwas zu besprechen hat. Wir werden beäugt, gemustert, etwas bestaunt und offenbar zulässig und Eifel-tauglich eingestuft. Verscheuchen will uns jedenfalls niemand. Ein betriebsbereites Fass Bier herumstehen zu haben mag dafür förderlich sein.

Der Traktor ist natürlich eine Sternstunde des Ausflugs. Leo darf als erster über die Wiese juckeln und ist hin- und weg. Sarah Sophie setzt noch einen drauf und definiert die umstehenden Bäume zum natürlichen Hindernisparcours. Zwei Kinder glücklich auf den Eifelaner Landtagen.

Eifelaner Landtage auf dem Traktor, April 2020, Flußbach, D

Die unangefochtene Attraktion dieser Tage ist allerdings ganz anderer Natur. Ein Lagerfeuer bringt Euch in völlige Verzückung und ausreichende Beschäftigung. Ihr werdet beide nicht müde im Wald umherzustreifen und gehörig Holz zu sammeln. Manchmal muss ich mit da ihr ganze umgefallene Bäume zur Feuerstelle befördern wollt. Als dann einer der „Wir-gucken-uns-die-Städter-mal-an-Burschen“ auch noch bemerkt, daß ihr beide mit dem gesammelten Vorrat wohl doch nicht über den Abend kommt lädt er kurzerhand eine komplette Kofferraumladung Feuerholz aus seinem Bestand bei uns ab. Wir wirken offenbar etwas bedürftig. Jede Nacht lösche ich brav mit mehreren Eimern Wasser um mein Gewissen zu beruhigen. Bringt aber absolut nix, denn Sarah Sophie schippt am kommenden Morgen lediglich etwas Asche beiseite und schon ist das Ganze mit ein paar dürren Zweigen wieder in Gang und die Tagesbeschäftigung geht von vorne los. Das ihr das Feuer ganz ohne Hilfsmittel selbst entfacht macht Euch sichtbar gehörig Spaß. Da darf dann Leo auch ruhig zwischendurch Feuerwehrmann spielen und den Flammen mit der Gießkanne zu Leibe rücken. Die große Schwester richtet es dann später schon.

Feuer in den Frühlingsferien, April 2020, Flußbach, D

Das Wasser stammt übrigens vom Vereinsheim. Den Schlüssel hat einer unserer Inspekteure vorbei gebracht. Wahrscheinlich sehen wir irgendwie aus als müsste man sich um uns kümmern und wahrscheinlich ist das in der Eifel eben so. Aber da war ich gerade nicht da – wahrscheinlich im Wald oder Holz hacken.

Wie gesagt, man(n) macht wunderliche Dinge in diesen Tagen.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.