Der 100./ 48. Monat – Hui-Buh

Euer Opa nebst Hund Carlos wohnen weiterhin bei uns, was mit fortschreitender Dauer – sagen wir mal – sehr ambitioniert wird. Das liegt an unterschiedlichen Faktoren. Grundsätzlich funktioniert das eigentlich ganz passabel aber ich muss gestehen mich dem Gefühl von „Täglich grüßt das Murmeltier“, nicht wirklich entziehen zu können. Jeden Morgen und jeden Abend wiederholt sich ein exakt gleiches Prozedere: Habt ihr beide Eure Portionen Cornflakes respektive das Abendessen verputzt, möchte Opa sich in den eingeübten, mittlerweile schon jahrelangen Ablauf einbringen und meint es sei eine gute Idee, Leo sein Schüsselchen vor der Nase wegzuziehen um sich damit in Richtung Küche aufzumachen. Das siehst Du natürlich gänzlich anders, denn das ist ja eben Dein Geschirr und das bringt auch nur einer in die Küche – nämlich Du ganz alleine. Ein Umstand den Euer Opa offenkundig schwer akzeptieren kann: Schlurft er um den Tisch herum wird er auf der anderen Seite von Dir gekonnt abgefangen und in Leos rustikaler Art von besagtem Behältnis wieder befreit. Lautstarker Rentnerprotest inkludiert. Artig sage ich jetzt mein tägliches Sprüchlein „(…) daß die Kinder gewohnt sind ihr Geschirr selbst wegzuräumen (…)“ auf um von meinem Vater belobigt geantwortet zu bekommen „Das sei ja auch richtig so!“ Das weiß ich, das wisst ihr und das weiß jetzt auch der Opa, aber eben nur bis heute Abend, denn dann kann ich garantieren, wiederholt sich das ganze Prozedere wirklich genau gleich. Klingt geschrieben ganz lustig, gelebt ist es allmählich schlicht anstrengend.

Das eigentliche Kernproblem ist allerdings ein ganz anderes. Es mangelt an einer Perspektive. Euer Opa kann unmöglich wieder alleine wohnen, das sieht sogar er selbst ein und ich tüftele mit ihm die verschiedenen Lösungsansätze durch. Wir sind uns einig, das es im Prinzip drei Möglichkeiten gibt:

1. Wir ziehen alle gemeinsam in eine größere Wohnung bzw. Haus damit Leo und Opa nicht mehr ein gemeinsames Zimmer haben, sondern jeder ein eigenes.

2. Wir mieten eine Wohnung für Opa in unmittelbarer Nähe zu uns, damit ich mich um meinen Vater kümmern kann und die Wege kurz sind.

3. Wir kümmern uns um eine dauerhafte Betreuungsperson für Euren Opa und er zieht wieder in sein Haus.

Die Idee „Betreutes Wohnen“ stößt bei Eurem Opa nicht so ganz auf direkte Begeisterung und meine Vorschläge für eine gemeinsame große Wohnung werden mit dem stets gleichen Kommentar versehen: „Wir warten mal ab!“ Worauf weiß ich bis heute nicht – aber Euer Opa ist sehr veränderungsresistent. Am ehesten gefällt zwischenzeitlich die Wohnung hier ums Eck. Allerdings leider nur in der Theorie. Zu Besichtigungen der durchaus vorhandenen Angebote kommt es nie. Entweder ist die Wohnung zu groß, zu hoch, zu tief gelegen oder sonst irgendetwas missfällt.

Kurz gesagt: Wir kommen nicht weiter.

Euer Opa ist froh den Rollator frühzeitig in die Garage verbannen zu können und kommt seinem täglichen Bewegungsdrang folglich ohne Hilfsmittel in der gesamten Wohnung nach. Ulkigerweise vergisst er gerne mal, daß hier noch andere Menschen beheimatet sind und schleicht völlig lautlos von Zimmer zu Zimmer. Ob ihr beide da gerade spielt, Sarah Sophie Hausaufgaben am Schreibtisch erledigt oder Leo den Spielteppich in eine Puzzlelandschaft verwandelt: Egal, er muss da durch! Motorisch durchaus in der Lage die Klippen zweier Kinderzimmer zu umschiffen, aber nicht Willens kurzzeitig Anker zu werfen um vielleicht den örtlichen Bewohnern möglicherweise Gehör zu schenken. So zieht der Opa also seine Kreise und ihr beide gewöhnt Euch bemerkenswert schnell an dieses Skurrilitätenkabinett. Einzig Leo setzt noch einen drauf: Wahrscheinlich meiner Verweigerung geschuldet, Dir mehrmals täglich das iPhone als Unterhatungsvehikel zu überlassen, hast Du Hörspiele für Dich entdeckt.

Aber nicht irgendwelche sondern ausschließlich Hui Buh das Schlossgespenst mit der rostigen Rasselkette. Somit intonierst Du folglich das einzig behördlich zugelassene Gespenst von Schloss Burgeck zum einzig umherschlurfenden Opa im Hause Reichmann, den es wiederum überhaupt nicht stört wenn Gespenstergeschichten erzählt werden während er umhergeistert. Das ist schon spannend an sich aber nichts im Vergleich dazu, daß Euer Opa nur vier Wochen gebraucht hat um an einem einzigen Tag einfach mal Eure Schüsseln auf dem Tisch stehen zu lassen und sogar mit Leo ein Spiel zu spielen.

Wir brauchen eine Lösung! Bald!

Es hat gedauert – aber es hat geklappt: Sie spielen miteinander, November 2019, Düsseldorf, D

Eure Schüsseln bleiben seitdem übrigens gerne einfach auf dem Tisch stehen. Schon schön wenn alle etwas dazugelernt haben.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.