Der 99./ 47. Monat – Israel reloaded

Im Oktober zieht Euer Opa bei uns ein. Nicht ganz freiwillig, aber nach drei Wochen Krankenhaus kann und soll er nicht alleine wohnen. Leo räumt unter – verhaltenem anfänglichem – Protest sein Zimmer, sagen wir mal zur Hälfte, jedenfalls steht jetzt Opas Bett hier und Du findest Dich des Nachts entweder im Zimmer Deiner Schwester wieder oder bei uns im Schlafzimmer, je nach Lust und Laune.

Zurück zu Opas Einzug: Der muss nämlich auch zeitnah schon wieder temporär ausziehen, da die Herbstferien unmittelbar vor der Tür stehen und wir bereits am letzten Schultag nach Israel fliegen. Ich bin erstaunt, was es da so alles für Möglichkeiten gibt und auch Eurer Opa ist der Idee einer sogenannten Kurzzeitpflege absolut aufgeschlossen. Somit fahre ich Euren Opa in seine Teilzeitbleibe, den Hund zu Katja und uns ein Taxi zum Flughafen.

In Tel Aviv landen wir wieder mitten in der Nacht und starten mit einem kurzen Abstecher am Toten Meer zu einer Kamelfarm im Negev. Das ganze fühlt sich schon ein bisschen nach Déjà-‍vu an. Exakt zur gleichen Zeit im letzten Jahr waren wir hier sozusagen „ums Eck“ auf einer Alpakafarm, aber das tut Eurer Begeisterung für die diesjährigen Kamele wenig Abbruch, vor allem nachdem ich Euch eröffne, daß es nach der Übernachtung in dem Kameldung durchdrungenem kleinem Häuschen unmittelbar neben der Herde selbstverständlich auf einen zünftigen Ausritt auf den Wüstenschiffen geht. Da verzeiht ihr mir sogar das – sagen mir mal – spannende Abendessen unterm Baldachin.

Haben wir am nächsten Tag Wüste und Kamele abgearbeitet geht es endlich zu Sarah Sophies langgehegtem Herzenswunsch. Wir fahren nach Eilat am Roten Meer. Davon redest Du seit Monaten in einer Weise, daß mir die Dringlich- und Wichtigkeit wahrhaft nicht verborgen bleibt. Woher diese Begeisterung im Ursprung eigentlich kommt lässt sich nicht wirklich ergründen, ihren Höhepunkt erreicht sie aber sicherlich nachdem ich Dir eröffne was Dich hier erwartet. Wird hier zeitig genug aufgestanden und weiß wo man wo, besteht die Möglichkeit mit Delphinen in freier Wildbahn zu schwimmen. Ich kenne mittlerweile diverse Gefühlsausbrüche und Freude über alles mögliche bei Dir, aber diese Aussichten stellen alles bisher dagewesene in den Schatten. Am frühen Abend kommen wir am Südzipfel Israels an und unser Vermieter betreibt nicht nur ein kleines nettes Hotel sondern auch eine Tauchschule und kennt den begehrten Spot um Flippers Freunde. Es kommt einem Wunder gleich, daß Du überhaupt einschlafen kannst – noch erstaunlicher ist es aber, Dich morgens um fünf Uhr freiwillig wieder aus dem Bett heraus hüpfen zu sehen. Zu Schulzeiten wecke ich Dich mehr als eine Stunde später und das ist nicht selten ein sprichwörtliches Drama. Aber gegen Delphine wirkt natürlich auch ein bildungsmahnender Vater eher blaß – dessen bin ich mir durchaus bewusst. Jedenfalls sitzen wir keine halbe Stunde später inklusive Frühstück-Picknick-Körbchen im Auto und kurz darauf an einem wenig einladendem Strand. Wir scheinen aber richtig zu sein, da nicht alleine. Und tatsächlich tauchen die markanten Rückenflossen in unfassbarer Nähe zum Strand auf. Du bist nicht mehr zu halten und schnorchelst mit Deiner Mutter munter drauf los. Und bereits beim ersten Anlauf klappt es auch tatsächlich und Dein großer Wunsch geht in Erfüllung. Ich habe Dich definitiv noch nie so begeistert gesehen. Das das Ganze im morgendlichen Halbdunkel stattfindet macht das Prozedere noch eine Spur abenteuerlicher. Leo ist ebenfalls völlig aus dem Häuschen, obwohl er dem Spektakel lediglich mit mir zusammen vom Strand aus zuschaut – was Dir aber offenkundig auch völlig genügt. Sarah Sophies Grinsen hält jedenfalls den ganzen Tag an – kann aber prinzipiell auch gar nicht abnehmen, da Eure Mutter noch ein Highlight aus dem Hut zaubert. Am Migdalor Beach befinden sich die ersten Korallenbänke in unmittelbarer Nähe zum Ufer und die Fischvielfalt in allen Farben und Größen ist beeindruckend. In welchem Element ihr beide den Tag verbringt bedarf wohl keiner gesonderten Erläuterung. Drei Tage Eilat verstreichen in Rekordgeschwindigkeit und ich bringe jeden Abend zwei überglückliche Kinder ins Bett. Eltern mit Meerestier-affinem Nachwuchs garantiere ich hier berauschende Kindertage. Seitdem steht – zumindest für Sarah Sophie – unverrückbar fest wohin die Reise in den nächstjährigen Herbstferien zu gehen hat. Das wiederum stößt bei Eurer Mutter allerdings auf konsequent wenig Gegenliebe, da für sie bereits zwei Jahre in Folge, gelangweilte Ewigkeiten darstellen – von dreien ganz zu schweigen. Ich gehe davon aus, Du denkst bereits über geeignete Strategien nach.

Ein paar Tage später eröffnest Du deinerseits ganz nebenbei den nächsten Höhepunkt der Ferien. Valerie aus der besten Freundinnen-Riege der Schule ist aktuell ebenfalls auf Ferienreise in Israel. Selbstverständlich belatscherst Du uns erfolgreich hier entsprechend Kontakt aufzunehmen. Valerie hat, neben einer älteren Schwester, auch noch einen passenden kleinen Bruder in Leos Alter und es ist klar, mit wem wir den ein oder anderen Strandtag in Tel Aviv verbringen. Ab jetzt hast Du einen brüderlichen Verbündeten für die „Israel-2020-Strategie“. Leo und Jonatan sind bereits am ersten Tag die dicksten Freunde und Eure Mutter erwähnt vorsichtshalber ab sofort täglich mehrfach ihre alternativen Ferienpläne.

Tja und das nächste Argument steuert sie auch noch Eigentormäßig selbst bei. Wie derzeit jede Großstadt läßt sich auch Tel Aviv auf hippen E-Scootern erfahren. Dies, die ungemeine Gelassenheit israelischer Polizisten im Umgang mit Eltern-Kind-Besetzungen auf den Rollern, gepaart mit der Begeisterung Eurer Mutter für jeden Mobilitätsblödsinn lässt selbstverständlich keine Frage offen wir wir täglich durch die Stadt kommen. Ich gebe aber zu mich ebenfalls nicht wirklich dagegen zu wehren. Man soll sich ja der einheimischen Urbankultur anpassen. Für Euch beide sind die lustigen Gefährte ausschließlicher Bestandteil derselbigen – spätestens nachdem ich Euch versichere bei der deutschen Polizei weit weniger Akzeptanz dafür zu finden. Unumstößlich steht fest: Das darf man nur in Tel Aviv, Basta! Nach drei Tagen hat uns Sarah Sophie soweit, daß Du – zumindest auf dem Radweg am Strand – sogar alleine fahren darfst. Auch das irritiert die heimischen Ordnungshüter in keiner Weise – hier herrscht eben eine andere Gefahrengewichtung. Den kurzen Aufenthalt im Krankenhaus um Sarah Sophies Kinnwunde infolge einer böswilligen Bordsteinkante zu behandeln geht familienintern als Kollateralschaden durch und wird hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Herbstferien = Israel reloaded, Oktober 2019, Tel Aviv, IL

Nun sitzen wir im Flieger zurück nach Hause und besprechen gewiss rein zufällig nächstes Mal ein paar Tage länger in Eilat bleiben zu wollen. Denn dann kann Leo ja auch schon schwimmen und die Delphine warten sozusagen nur auf Dich.

Dein Schwimmkurs startet übrigens nächste Woche. Aber das ist bestimmt reiner Zufall und noch gar nicht Bestandteil der „Israel-2020-Strategie“.

Das heißt bei Leo dann: „Wir gucken mal!“

Geschrieben aus Warschau, Woiwodschaft Masowien, Polen.