Der 98./ 46. Monat – Volksfestfeiertage

Der September besteht gefühlt ausschließlich aus Geburtstagen. Sämtliche Freundinnen und Freunde von Sarah Sophie scheinen jetzt Geburtstag zu haben oder feiern zumindest in diesem Monat. Dein eigener Geburtstag fällt wie immer mitten in die Sommerferien und dort möchtest Du verständlicherweise nicht feiern, da dann natürlich die Gästemenge urlaubsbedingt einer Selbstregulierung unterliegt die es zu verhindern gilt. Also lädst Du zum 1. September auf die bekannte Ponywiese und wir verbringen den ganzen Tag zwischen Smarty, Percy und Co und der Geburtstagsmarathon ist damit eröffnet. An den kommenden Wochenenden schaffst Du in Spitzenzeiten bis zu drei Kindergeburtstage an zwei Tagen und Deine Mutter und ich versuchen uns nicht anmerken zu lassen, daß wir die Wochenende bei bestem Spätsommerwetter vielleicht lieber woanders verbringen würden. Zumindest das letzte Wochenende des Monats bleibt frei und hier fangen dann auch schon die jüdischen Feiertage an, die bekanntlich nahezu alle im Herbst innerhalb von sechs Wochen angesiedelt sind. Los geht es mit RoshHaschana (Neujahr im jüdischen Kalender) was uns ein langes Wochenende beschert, denn Montag und Dienstag sind Schule und Kindergarten geschlossen. Da freundlicherweise an diesen niemand Geburtstag hat und Eure Mutter einen Kunden im Münchner Umland zu versorgen hat, heißt das im Hause Reichmann zwangsläufig Kofferpacken.

Vorher ist aber noch Carlos, unser neuer Familienhund, unterzubringen. Der ist durch eine nicht so schöne Geschichte bei uns gelandet. Meinem Vater ist leider genau das passiert, was ich ihm immer vorausgesagt habe: Er ist in seinem Haus gestürzt, konnte sich nicht selbst behelfen und ich habe ihn – entfernungsbedingt – erst viel zu spät gefunden. Er liegt im Krankenhaus und daher ist der Hund bei uns. Die vorangegangene, monatelange Überzeugungsarbeit – er solle sich eine Wohnung bei uns um die Ecke nehmen – ist leider fruchtlos geblieben. Zukünftig wird er erstmal bei uns einziehen, aber das ist wird dann mal eine andere Geschichte.

Ich bin erstaunt wieviele Hundepensionen es in und um Düsseldorf herum gibt. Carlos quartieren wir in Marions Tierparadies auf einen Bauernhof im Umland ein und starten in Richtung München. Da dort derzeit das Oktoberfest über die Bühne geht, entscheiden wir uns für einen Campingplatz außerhalb der Stadt mit S-Bahn-Anschluß wodurch Leo völlig aus dem Häuschen ist. Alternative Verkehrsmittel sind gerade hoch im Kinderkurs. Auf der Hinfahrt zählst Du mehrfach auf wie wir uns vor Ort bewegen und bist begeistert das S- und U-Bahnen zum Repertoire gehören. Eine Begeisterung die Eure Mutter – sagen wir mal umsichtig – vielleicht im theoretischen Kern noch teilt, sich aber ansonsten trotzend-tapfer in ihr bevorstehendes Bimmelbahn-Wochenende fügt.

Und da gibt es natürlich noch eine Hürde zu überstehen: Euch beiden bleibt nicht ganz verborgen was denn dieses Oktoberfest eigentlich ist und an einem solchen Riesen-Rummel vorbeizukommen wenn man Euch im Schlepptau hat ist ein eher unsinniges Unterfangen. Nach Dom im Norden also jetzt Wiesn im Süden. Ich erwähne sicherheitshalber bei Eurer Mutter, daß der Hamburger Dom auch irgendwann im Winter stattfindet und bin froh das es dann weder Feiertage, noch Norddeutsche Kundentermine gibt. Wir scheinen somit im Volksfestfinale des Jahres einzulaufen.

Bestes Wiesnwetter, September 2019, München, D

Samstag shoppen sich die Damen gemütlich durch die Münchner Innenstadt bevor es dann am Sonntag bei strahlendem Sonnenschein auf die Theresienwiese geht und Euer ganz persönlicher Kirmes-Contest „Nord gegen Süd“ beginnt. Es ist brechend voll, aber das stört Euch beide überhaupt nicht. In Punkto Bewegungsfreiheit geht der erste Punkt ganz klar an den Norden, aber die Achterbahndichte lässt München wieder ausgleichen. Sarah Sophie ist nicht mehr zu halten: Loopings und Geschwindigkeiten können derzeit nicht groß, lang und wild genug sein, wodurch ich eine dauergrinsende Achtjährige an der Hand halte. Selbst die langen Wartezeiten nimmst Du billigend in Kauf und ihr beide guckt auch nur einmal zutiefst betrübt, als wir Euch eröffnen, daß bei drei Fahrgeschäften pro Nase Schluss ist und Sarah Sophie mich auch erstaunlich nur auf vier hoch verhandelt. Nein, Autoscooter zählen – wie immer – nicht dazu, die gibt es on top. Das ist eine geheime Konvention zwischen Euch und mir, da Sarah Sophie schon vor Jahren herausbekommen hat, daß ich auf einem Rummel problemlos an allem was fährt und fliegt vorbeigehen kann. An allem – bis auf Autoscooter. Eure Mutter wundert sich übrigens über dieses ungeschrieben Zusatzprotokoll immer wieder. Worüber wir uns wiederum immer wundern.

Leos aktueller Favorit solcher Veranstaltungen ist das gemeine Riesenrad in allen Größenordnungen. Das finde ich für eine Dreijährigen auch völlig logisch, denn so verschaffst Du Dir eben einen allumfassenden Überblick. Das ist für Eure Mutter natürlich alles viel zu langsam und so verwundert es kaum, das die Damen im Looping auf dem Kopf stehend umher rasen und die Herren gemütlich von oben herabschauen. München liegt einen Punkt vorn. Es gibt eindeutig mehr Riesenräder. Der Rest geht für Karussells und Geisterbahnen drauf. Beim Kettenkarussell pocht Leo aber vehement darauf zur Hamburger Version zu wollen und es wird wohl immer Dein kleines, feines Geheimnis bleiben, warum. Jedenfalls verlassen wir mit einem eindeutigen Unentschieden die Wiesn.

Auf der S-Bahn-Fahrt zurück mosert Eure Mutter übrigens die ganze Zeit darüber, daß Sarah Sophie den angeblich nicht verhandelbaren Autoscooter gegen eine weitere Achterbahn getauscht hat und sie bei dieser Fahrt im Übrigen noch nicht mal dabei war.

Aber ich erwähnte ja bereits wie ungern sie S-Bahn fährt.

Geschrieben in Tel Aviv-Jaffa, Bezirk Tel Aviv, Israel.