6. Monat – Das erste Sylvester

Beim Thema Sylvester gehen die Meinungen Deiner Mutter und mir radikal auseinander. Je weiter das Jahr fortschreitet desto wichtiger wird die Frage wo wir den Sylvester verbringen. Die letzten Jahre vor Deiner Geburt stellte sich diese Frage zwar auch, aber die Antwort lag auf der Hand. Wir waren stets in einem Skiort der Tiroler Alpen und verbrachten Sylvester mit den Menschen die wir am meisten schätzen. Das waren zwar meistens nur wir beide aber alles war gut. Nicht so in diesem Jahr. „Ihr erstes Sylvester und dann nichts besonderes?“ war für gewöhnlich die erste Reaktion Deiner Mutter auf meinen Vorschlag mit einem so kleinen Baby doch einfach Zuhause zu bleiben. Unvorstellbar! In gebetsmühlenartiger Wiederholung wurde ich über den russischen Traditionstag informiert um mir die Unvereinbarkeit möglicher Passivität meinerseits mit dem Familienfrieden zu demonstrieren.

Kurz gesagt: „Es musste etwas passieren“. Deiner Mutter wäre nicht die Frau die ich uneingeschränkt liebe hätte sie für diese Situation nicht die passende Lösung. Und die kommt in Gestalt von Katja, ihrer neuen Freundin daher. Katja ist 26 hat eine dreijährige Tochter, sieht ausnahmslos gut aus und kann so herrlich jüdisch betroffen schauen das es des brillierten Davidstern um ihren Hals nicht mehr bedarf. Ursprünglich stammt sie aus Kamtschatka mit mehrjähriger Moskauer Lebenserfahrung. Zu Katja gibt es Gera, einen usbekischen Stahlhändler der in der ersten Emigrantenwelle Anfang der neunziger Jahre in Deutschland eintraf. Gera ist Mitte 40 von überschaubarer Statur und erwähnt in jedem zweiten Satz wie wichtig Familie und Freunde sind. Also rundum verdächtig! Aber ich versuche objektiv zu sein. Kennengelernt haben wir die beiden bei einem Abendessen mit dem ehemaligen Mitarbeiter einer Firma für die Deine Mutter einmal beratend tätig war. Das Ganze in der tiefsten russischen Provinz; der vollständigkeitshalber. Das Essen fand in einem Düsseldorfer Nobelrestaurant statt, dessen Lammrücken ich ausnahmslos empfehlen kann. Auch dies nur vollständigkeitshalber.

Dieser beiden kamen nun also auf die Idee besagten Jahreswechsel mit uns zusammen feiern zu wollen. Es gibt natürlich einen geschäftlichen Kompagnon mit großzügiger Ferienwohnung in den französischen Alben. Damit setzt Deiner Mutter an: „Die Kleine das erste Mal im Schnee. Du kannst Skifahren und wir feiern richtiges russisches Sylvester“ höre ich sie nicht nur einmal sagen. Heißt so viel wie: „ Ich bin begeistert, warum freust Du Dich nicht mit mir?“ Meine Einwände gegen das das ganze Vorhaben verpuffen im Moment ihrer Aussprache. Irgendwann sage ich ja zu der Geschichte und von da an ist Deine Mutter nicht mehr zu bremsen. Schnell ist klar ich koche Sylvester. Koscher muss nicht sein, aber schaden würde es auch nicht. Das ist nicht schwer, das bekomme ich hin. Was schenken wir Ihnen? Das wiederum bekommt Deine Mutter hin. Sie weiß natürlich rein zufällig bereits was wem zu schenken ist.

Die Ferienwohnung liegt in Samoens am Grand Massif in der Nähe des Mont Blanc. 1.000 Meter das Dorf, 1.600 die Talstation, 2.400 der Gipfel. Bestens geeignet für den Saisoneinstieg. Im Jahr Deiner Geburt habe ich vom Gletscherauftakt im Oktober/ November Abstand genommen.
3 Schlafzimmer, 140 qm, eigenes Hamam. Was der bescheidene Russe eben so braucht. Wir verabreden zwei Tage vor Sylvester einzutreffen. Die Fahrt verläuft problemlos, zumal wir uns mit eine Zwischenübernachtung in Basel etwas Zeit lassen. Gegen Mittag am 30. Dezember treffen wir ein und das Begrüßungskomitee ist vollständig erschienen. Wenig überraschend gesellt sich noch ein Freund von Gera zu dem ganzen Spektakel und am frühen Nachmittag eröffnen mir die beiden, daß sie die letzten Tage überhaupt keine Wodka getrunken haben und alle Vorräte auf dem Balkon bereitstehen würden. Die folgenden Stunden gestalten sich recht klassisch. Deine Mutter erkundet, selbstverständlich nebst Dir und ihrer neuen Freundin, ebenfalls mit Kind, die lokale Shoppingszene und ich muß mit den Herren auf den Balkon.

Warum um alles in der Welt Gera irgendwann auf die Idee kommt den übergroßen Flachbildfernseher im Wohnzimmer in Betrieb nehmen zu wollen, weiß ich nicht wirklich, jedenfalls scheint es irgendwann von elementarer Dringlichkeit zu sein. Technisch versiert ist der Mann allerdings überhaupt nicht und so wird der örtlicher Hausmeister gerufen um das Problem zu beseitigen. Der kommt auch alsbald vorbeigeeilt und nestelt fleißig an Kabel und Gerät herum. Meine sprachlichen Fähigkeiten im Französischen sind, wie bei den beiden anderen nicht wirklich auf Konversationsniveau aber recht zeitig wird klar: hier ist nichts zu machen. „Jetzt nicht“ scheint allerdings im Wahrnehmungsverständnis usbekischer Stahlhändler wenig verankert zu sein und ein 100,- EURO –Schein wechselt gleichzeitig gönnerhaft aber auch flehend den Besitzer. Das Gestikulieren des Hausmeister steigert sich merklich. Mittels modellhafter Beschreibung wird uns eine fehlende Leitung bebildert und überraschenderweise findet sich Gera dann doch recht schnell damit ab; zumindest nachdem der wackere Handwerker eine Erledigung für den folgenden Tag avisiert hat. Dieser wird dann – da ja mittlerweile zu Unrecht mit dem 100,- EURO-Schein ausgestattet – kurzerhand mit demselbigen in den benachbarten Supermarkt beordert um ein Versiegen der Vodkavorräte auf dem Balkon zu verhindern. Eine halbe Stunde später stellen sich somit Befürchtungen in dieser Hinsicht glücklicherweise als unbegründet heraus. Der usbekische Stahlhändler ist erleichtert und spült eigenhändig die Gläser. Nach der Rückkehr Deiner Mutter und ihrer neuen Freundin dirigieren uns die Damen in weiser weibliche Umsicht zum Essen in ein ortsansässiges Lokal. Auf dem Weg dorthin entdecken wir noch dieses wundervolle Retrokinderauto welches Dein Bobbycar ersetzen wird. Der Restaurantbesuch gestaltet sich ordentlich lustig und mit vorzüglicher Küche verwöhnt man eine nicht ganz dezent auftretende Deutsch-Russische Touristengruppe.

Irgendwann später sind wir wieder in der Wohnung, liegen friedvoll im Bett, Du wie üblich in den Armen Deiner Mutter schlummernd und ein brachiales Getöse aus Richtung Wohnzimmer beendet jedwede Schlafabsichten. Worüber sich der usbekische Stahlhändler mit der Mutter seiner Tochter streitet lässt sich nicht näher definieren, wohl aber das es unsagbar laut ist. Einigen Minuten lauschen wir zwangsweise dem Spektakel, dann schreitet Deine Mutter zu Tat. Von nun an eskaliert die ganze Szenerie. Deine Mutter und Katja verschanzen sich in einem Zimmer während ich den wildgewordenen Wüterich zu beruhigen suche. Ein sinnloses Unterfangen wie ich feststellen muß und nicht nur gute Worte versagen hier ihren Dienst. Dich interessiert das alles in Gänze überhaupt nicht, Du schläfst tief und fest. Irgendwann gibt der Tobsüchtige in Unterhosen auf und bleibt auf seinem Stuhl unter nicht minder lautstarken Protest endlich sitzen. Zeit sich einen Überblick über die Kollateralschäden zu machen. Diese sind unüberbrückbar und manifestieren sich in einem defektem Türschloß bei verschlossener dazugehöriger Türe. Soweit nicht weiter bedeutsam, wären nicht Deine Mutter und Du durch ebensolche Türe räumlich voneinander getrennt. Ein Blick auf die Uhr läßt uns etwa eine Stunde Zeit bevor Du Deine Augen öffnen wirst und das Recht auf Nahrung mittels der bekannten akustischen Signale einforderst. Während ich versuche das Schloß mit allerlei Küchengeräten zur Freigabe des Schließmechanismus zu bewegen geht Deine Mutter anderweitig ans Werk. Zwischen dem Fenster des verschlossenen Zimmer und dem Balkon in unserem Zimmer liegt nur ein Küchefenster dessen Rahmen sich ideal für eine nächtliche Klettertour anbietet. Keine zehn Minuten später erreicht Deine Mutter den befreiten Teil der Wohnung und dem kindlichen Mitternachtmahl steht nichts mehr im Wege.

Gar nicht so schlecht für so einen „Der Tag vor ihrem ersten Sylvester-Abend“ finde ich und erliege der aberwitzigen Annahme, daß sich selbiges Spektakel nicht mehr wiederholt. Das hat es auch nicht. In den folgende Nächten blieben alle Türen geöffnet und unversehrt, der Rest aber genau gleich.

Wir sind dann etwas früher wieder nach Hause gefahren, aber ich lasse mir nicht nachsagen ich hätte Dein erstes Sylvester in irgendeiner Form blockiert. Prosit Neujahr.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.