Der 94./ 42. Monat – Kühlschrank, Kosher, Kabbala

Mit Untermietern haben wir ja bereits Erfahrung, warum also nicht das ganze nochmal? Eine Freundin Eurer Mutter nebst ihrer elfjährigen Tochter wohnen derzeit bei uns – Katja und Elisabeth – was Euch beide sichtlich freut. Katja hat irgendwie vergessen, das befristete Mietverträge eben mit einer Frist enden und muss leider feststellen, daß alleinerziehende Mütter mit Kindern auf dem hiesigen Wohnungsmarkt nicht so direkt in die offenen Arme der in Frage kommenden Vermieter laufen. Jedenfalls eröffnet sie Eurer Mutter zwei Wochen vor dem festgeschriebenen Auszugstermin die missliche Lage.

Eure Mutter und ich beraten wie zu helfen und vor allem, was zu tun ist. Die Möbel landen in der Garage Eures Opas und an einem Freitag ziehen die beiden in unser Schlafzimmer ein und wir aus. Also genauer gesagt um, nämlich in Leos Zimmer ein. Ihr beiden findet das schlicht großartig, insbesondere nach dem ich Sarah Sophie von der fixen Vorstellung befreit habe, es handelt sich hier um ein zweiwöchiges Projekt. Diese Fehlinterpretation hat sich in Deinem Kopf festgesetzt und die Eröffnung meinerseits, es geht sich hierbei eher um eine unbefristete Unternehmung, da wir ja die beeinflussenden Rahmenbedingungen eben leider nicht dirigieren können, führen zu kindlicher Freude beiderseits.

Das erste Wochenende verbringen wir in Holland an Eurem heiß geliebten Kletterturm und bekommen Samstags ganz überraschend Besuch: Richtig, von Katja und Elisabeth. Nicht das sich da noch jemand plötzlich umgewöhnt. Das Wetter ist prima und die Kindeslaunen ebenfalls. Eure Mutter fliegt Sonntagabend ab und unser neuerliches WG-Leben, diesmal mit so einer Art Familienanschluss, nimmt seinen Lauf.

Leo genießt unverkennbar den Umstand, daß Katja wenig Aufwand daran verschwendet zu zeigen noch einen kleinen Sohn zu haben wäre eine feine Idee und Du lässt Dich bereitwillig dauerbespaßen. Morgens früh hüpfst Du aus dem Bett, flitzt in Katjas und Elisabeths Zimmer und machst hier unmissverständlich klar wann im Hause Reichmann aufzustehen ist – nämlich unverzüglich dann, nachdem Du aufgewacht bist. Katja ist ebenso deutlich anzusehen, daß hier für gewöhnlich offenkundig später aufgestanden wird. Nach genügend Rabatz Deinerseits sitzen drei Kinder am Frühstückstisch und inhalieren Cornflakes. Unsere neuen Mitbewohner scheinen Euren Appetit mehr als anzuregen – die Einkaufsmenge verdreifacht sich jedenfalls. Aber das schadet ja überhaupt nicht. Elisabeth besucht das hiesige jüdische Gymnasium und erfährt somit ebenfalls den großen Luxus vom Schulbus abgeholt zu werden. Praktischerweise ziemlich um die gleiche Zeit wie Sarah Sophie wodurch Leo also doppelt so viel Spaß hat. Schulbusse sind nämlich das ganz große Thema derzeit, zumal Sarah Sophies Busfahrer auch noch erlaubt jeden Morgen zu ihm auf den Fahrersitz zu klettern und mindestens dreimal tüchtig auf die Hupe zu drücken bis sich auch wirklich jeder an der nebenliegenden Linienbushaltestelle zu Dir umdreht und Du fröhlich-frech grinsend zurück winken kannst. Elisabeths Busfahrer ist da wesentlich unkooperativer, was Dich sichtlich irritiert und gewiss daher förmlich nötigt erneut das Horn zu betätigen.

Unsere WG läuft soweit problemlos und Katjas minimal orthodoxere Auslegung ihrer Religion macht sich zunehmend bemerkbar. Freitag Abend zu Shabbat-Beginn tischt sie artig Challa auf und auch sonst besteht unser Kühlschrank neuerdings strickt aus zwei Zonen. Immerhin bleibt es bei einem Kühlschrank bzw. Küche. Das könnte aber auch pragmatisch den räumlichen Gegebenheiten unserer Wohnung geschuldet sein, einen Kühlschrank hat sie jedenfalls nicht mitgebracht. Ob sie unser ganzes Geschirr gekaschert hat, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, könnte aber passen, da die beiden kurz vor Pessach eingezogen sind. Die Spülmaschine läuft jedenfalls neuerdings nur noch im Hochtemperatur-Bereich. Das habe ich allerdings angeordnet – sicher ist sicher. Sarah Sophie empfindet die aktuelle – sagen wir mal – höhere Religionsbegierde im Hause als äußerst interessant und überbietet sich mit Elisabeth im vernünfteln von Tora und infantil interpretiertem israelischem Selbstverständnis. Ich habe das Gefühl den gesamten Religionsunterricht der vergangenen eineinhalb Jahre im Schnelldurchlauf hitparadeartig vorgespielt zu bekommen. Großes Kino – keine Frage.

Kühlschrank – Kosher – Kabbala, Mai 2019, Düsseldorf

Und dann gibt es da ja noch Gucci, den Handtaschen-großen Hund der beiden. Anfänglich noch bei Katjas Schwester geparkt, zieht auch er im weiteren Verlauf bei uns ein. Es ist wohl unnötig zu erwähnen wie groß die Freude bei Euch beiden ist. Allerdings auch nur bei Euch beiden! Eure Mutter hält mit ihrer Verzückung gekonnt hinterm Berg. Endgültig genug hat sie, als sich das Tier erdreistet nach Leo zu schnappen, was es einerseits einmal quer durchs Kinderzimmer segeln und anderseits unverzüglich wieder zur Schwester umziehen lässt. Kindlicher Protest inklusive. Jetzt hat wohl auch der Letzte mitbekommen, daß für Eure Mutter Chihuahuas keine wirklichen Hunde sind – obwohl das war eigentlich schon vorher klar.

Ja, und nach nur rund sechs Wochen ist auch schon wieder alles vorbei. Pünktlich zum Geburtstag Eurer Mutter am 9. Mai verkündet Katja freudestrahlend ein besonderes Geschenk für Sie bereit zu halten: Ihren Auszug! Aus und vorbei mit dem interfamiliären WG-Intermezzo. Lustig war es, interessant war es und Leo zieht die wohl nachhaltigste Schlussfolgerung daraus: Egal wer uns in den kommenden Wochen besucht, sie oder er wird stets mit der immer gleichen Frage begrüßt:

„Wohnst du jetzt auch hier?“

Und ich betone, Du siehst in kleinster Weise unglücklich dabei aus. Aber in der Hinsicht geht die nächsten Jahre bestimmt noch was.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.