Der 91./ 39. Monat – Erst die Mädchen!

So langsam wird es mit Leos Sprachentwicklung. Verständnisprobleme hast Du nie gehabt, gleich ob nun die Ansprachen auf russisch oder deutsch erfolgen. Aber das eigenverantwortliche Sprechen will einfach so lange auch sich warten lassen, daß ich zwischendurch schonmal bei unserem Kinderarzt nachfrage ob hier noch alles im Rahmen liegt. „Es liegt!“ wie er mir versichert und schickt mich mit einer genauso wenig erquickenden, wie aber auch beruhigenden Aussage wieder Nachhause: „Er hat ja die denkbar schlechtesten Startvorraussetzungen: Zweitgeborener, Zweisprachig und dann auch noch ein Junge!“ Das ist also die höfliche Umschreibung für: Bitte warten!

Aber genau das hat nun endlich ein Ende – oder besser gesagt, etwas nimmt seinen Anfang: Du beginnst zu sprechen! Und zwar endlich ganze Sätze, was meine besorge Vaterseele deutlich entlastet. Darüber hinaus scheinst Du Dir zu denken mit einem charmanten Sprachgebrauch kommst Du deutlich weiter.

Zum Beispiel übernimmst Du ohne irgendwelche Zweifel die Ansage Deiner Turnlehrerin, die eine konkrete Vorstellung bei der Bonbonverteilung nach der Sportstunde hat: Selbstverständlich bekommen hier zunächst die Mädchen und dann die Jungs ihre Süßigkeiten ausgehändigt. Du bastelst daraus dann: „Erst die Mädchen!“ Und das gilt von nun an für jede Lebenslage, was uns schon den ein oder anderen anerkennenden, aber auch irritierenden Blick eingebracht hat. Da werden Kellner in Restaurants gerne belehrend instruiert wenn hier die Reihenfolge missachtet zu drohen scheint. Besonders putzig vollzieht sich derlei auf dem Spielplatz, wenn hier irgendeine zufällig anwesende Mutter sich erdreistet ihre eigenen Kekse in nicht legitimierter Abfolge geschlechtskonträr abzugeben. Nix da, nicht mit Dir. Mit tönender Stimme erschallt es dann über den Sandkasten: „Erst die Mädchen!“ Und es ist erstaunlich wie hier die Reaktionen ausfallen. Wir hatten bisher von „Nein, wie charmant. Ein kleiner Kavalier.“ bis „Wie kann man sein Kind nur derart reaktionär, rückschrittlich erziehen?“ alles dabei. Und übrigens liebe Profi-Politisch-Perfekt-Eltern: Erstens ist reaktionär und rückschrittlich so ziemlich das Gleiche und zweitens kann so manchem Eurer „Ich-darf-bei-Mama-alles-Nachwuchsmachos“ ein Grundzug Galanterie nicht schaden. Diese Kategorie schafft es sogar als absolute Topreaktion mit ihrem Nachwuchs den Sandkasten zu verlassen. Da bleibt dann allerdings auch nur noch ein hilfloser Lacher meinerseits übrig.

Eine weitere persönliche Note dieser Tage ist Deine neue Definition von Miteinander. Sobald irgendwo ein Kind hinfällt und weint, flitzt Du hin und möchtest es aufheitern. Und das ganze wird selbstverständlich auch verbalisiert. Da das „R“ noch nicht so recht aus Dir heraus will heißt das dann eben „Ich muss dich tösten!“ Diese Situation ist mir mehrfach seitens Deiner Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten geschildert worden und zieht sich darüber hinaus fort. Was Dich allerdings nach wie vor nicht davon abhält Deiner Schwester unvermittelt einfach mal „eine zu langen“. Gerne mit der vorangestellten Aussage „Ich gibt dir gleich ‚ne Backpfeife!“ Keine Ahnung woher das Wort nun wieder stammt, aber Deine Schwester wert sich neuerdings und „langt“ dann einfach mal zurück. Das wiederum irritiert Dich zusehends und Dir ist augenscheinlich nicht so ganz klar wie damit umzugehen ist. Wie diese zwei völlig unterschiedlichen Charaktere in so einem kleinen Kinderkopf miteinander weiterhin klarkommen, dürfte spannend bleiben und die Frage wann diese Unsitte endlich aufhört bleibt weiterhin leider unbeantwortet.

Und, damit an der Wichtigkeit Deiner Person auch niemand irgendwelche Abstriche zu machen gedenkt, setzt Du noch einen drauf. Geht es für Euch beide abends zum Essen – gleich ob zuhause oder auswärts, rennst Du zackig los, schwingst Dich auf Deinen Sitz und verkündest mit breitem Grinsen „Alles gut, ich bin da!“ Selbstverständlich, mein kleiner Kerl. Ihre Majestät haben geruht Platz zu nehmen und erwarten die Auftragung des dîner. Wahre Größe ist eben doch einfach selbstverständlich. Unterläuft aber mir oder einem Kellner nur der kleinste Fehler während aufgetragen wird, erfolgt selbstverständlich sogleich die zu erwartende Korrektur: „Papa, erst die Mädchen!, oder?“ Irgendwie scheinst Du wohl eine innere Ausgeglichenheit zu besitzen.

„Erst die Mädchen!“, Februar 2019, Düsseldorf, D

Aber da war doch noch was: Man(n) kann ja alles auch weiterentwickeln: Das klingt dann so: „Papa, erst die Kleinen!“ Da hat die große Schwester dann aber ganz schnell klargestellt, wie das zu funktionieren hat und die Idee ist schneller vom Tisch als das Essen darauf.

Ich sage mal „Touché!“ Guten Appetit allerseits.

Geschrieben aus Taglio-Isolaccio, Korsika, Frankreich.