4. Monat – Mama 2.0

Frauen sind multitaskingfähig, das weiß man und richtet sich danach. Deine Mutter kann beispielsweise Fernsehserien schauen und zeitgleich mit mir elementare Grundlagendiskussionen führen. Ein Umstand den ich erstens grauenhaft und zweitens ungerecht finde.

Grundlagendiskussionen – eine per se weibliche Erfindung – sind schon garstig grauenvoll genug, in Kombination mit deutschem Serienfernsehprogramm schier unerträglich. Während genau einer solchen Situation eröffnete mir Deine Mutter die höchsteigene Planung ihrer Elternzeit, also der zwölf Monate die sie theoretisch eigentlich arbeitslos im Sinne des Bruttoinlandsprodukt zuhause verharrt, gesellschaftlich isoliert, wirtschaftlich zurückgesetzt und intellektuell unterfordert ausschließlich einer Tätigkeit nachgehen wollte: nämlich sich um Dich zu kümmern. An dieser Stelle lege ich gesteigerten Wert meine absolute Zufriedenheit mit dem Erfüllen dieses Arbeitspensums auszudrücken.

Das deutsche Gesetz bestimmt, daß eine bundesdeutsche Mutter spätestens einen Monat vor verplanter Niederkunft aufhört der Solidargesellschaft geldwerte Vorteile zu übereignen und stattdessen beginnt eben diese zu erhalten. Im vorliegenden Fall ist natürlich auch dieser Umstand optimiert worden und der letzte Arbeitstag Deiner Mutter war der 1. Juli. Klassenziel also um einen Tag unterboten. Zurück zur Diskussion: Da wir es im gesamtgesellschaftlichen Interesse für unverantwortbar halten das die internationale Luftfahrt zum Erliegen kommt weil eine ausreichende Zulieferung an Armlehnen, Klapptischen und sonstigem Kabineninterior nicht mehr gewährleistet werden kann, nur weil eine Russisch-Deutsche Familiengründung ansteht und in deren Folge ein badischer Schäumungsbetrieb von seiner Lieblingsunternehmensberaterin Abstand nehmen muß, habe wir – in solchen Fällen spricht Deine Mutter ausnahmslos im Plural – die Entscheidung getroffen besagten Schäumungsbetrieb auch während des einjährigen beruflichen Zwangsausstieges weiterhin zu betreuen und beraten. Im vierten Lebensmonat steht der erste derer Termine an. Konkret bedeutet dies von nun an in jedem folgenden Kalendermonat eine Woche Anwesenheitspflicht vor Ort.

Dieser Ort liegt irgendwo im Nirgendwo zwischen Freiburg und Zürich ziemlich genau in der Mitte und hört auf den Namen Albruck. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht gewusst, daß diese kleine Klapptische mit der Vertiefung für den Getränkebecher nicht aus einer fernöstlichen Industrieproduktion stammen sondern von einem feinen mittelständischen Unternehmen am Füße des Schwarzwaldes. Da vor jedem Wochenbeginn ein Wochenende liegt und Deine Mutter im Läufe der Zeit es wohlwissend verstanden hat mir alles was sie für unabdingbar hält blumigst zu verkaufen – in dieser Fähigkeit ist sie sehr jüdisch – haben wir ein gemeinschaftliches Einstimmungswochenende in München vor unseren ersten interfamiliären Arbeitseinsatz gebastelt. Zugegeben München liegt nicht unmittelbar auf dem Weg vom Rheinland in die badische Provinz, aber auf solche kleinlichen Befindlichkeiten kann in diesen Zeiten keine Rücksicht genommen werden. München bietet das was zum modernen Familienentspannungsleben dazugehört: Biergärten, Brauhäuser und Schuhgeschäfte. Der äußerst milde und sonnige November Deines Geburtsjahres läßt die Sinnbildhaftigkeit bayerischer Gastronomiekultur glücklicherweise zu dieser späten Jahreszeit noch geöffnet und somit hast Du im Alter von vier Monaten Deine ersten Nachmittage in der Glückseligkeit der ältesten Münchener Brauereien und deren Biergärten erlebt.

Am Sonntag fahren wir rund 300 km zum Einsatzort um ab Montag in einen fest gefügten zu verfallen. Alle drei Stunden tauche ich mit Dir im Schlepptau bei der temporären, mütterlichen Arbeitsstelle auf und ein Automatismus spult sich ab: Tür auf, Brust raus, Kind satt.

Zurück nach Düsseldorf bist Du dann das erste Mal geflogen. Wenig spektakulär hast Du entweder gegessen oder geschlafen und ich hatte Zeit mir einmal so einen Klapptisch ganz genau anzusehen.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.

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