Der 88./ 36. Monat – Titus & Tunella-Totale

Der November ist irgendwie derart unaufgeregt, daß es mir schon schwant dies kann nur die bekannte Ruhe vor dem Sturm sein. Schule, Kindergarten und witterungsbedingt die ersten Wochenenden, die wir mal wieder zu Hause verbringen: Das wars auch schon. Und da soviel Heimeligkeit ja aufs Gemüt schlagen kann denkt sich Leo „Süßes macht glücklich“! Sarah Sophie isst selbstverständlich auch immer mal wieder etwas Schokolade aber durchaus in überschaubaren Dosen. Leo hingegen entwickelt derzeit einen nicht enden wollenden Appetit auf alles was irgendwie aus Schokolade fabriziert ist. Das, gepaart mit meiner „Beim-zweiten-Kind-ist-man-entspannter“-Mentalität, kann dann schonmal dazu führen, daß so eine Packung Kinderschokolade nicht wirklich lange vorhält.

„Tunella-Totale“, Nov. 2018, Düsseldorf

Und gibt es dann am Wochenende auch noch Pfannkuchen zum Frühstück ist ja praktisch vorprogrammiert was passieren muss. Die allseits bekannte Schokoladencreme mit dem rot-schwarzem Schriftzug wird in mehreren Schichten auf den Pfannkuchen beordert bis der Belag ein Vielfaches seines Trägermaterials erreicht. Das ganze gefolgt von vollständigem Körpereinsatz während der Verspeisung. Ich denke darüber nach Dich ausschließlich in Badehose an den Tisch zu setzen, aber woran wischst Du dann die Schokoladenfingerchen ab und verwerfe die Idee. Sind dann zwei davon verputzt springst Du auf, lässt Dir widerwillig Kopf und Körper von Tunella – wie die Creme bei Dir nur noch heißt – reinigen und stapfst in Richtung Kühlschrank nicht ohne vorher ein Dessert einzufordern. „Papa, aber jetzt darf ich Dessert ich hab alles aufge-esset.“ Bestechende Logik, bei gleichzeitig spannender Sprachauslegung – da gibt es nichts zu bemängeln, denke ich mir während ich Schokolade hole. In diesen Wochen geht es gern mal aufs Trampolin, was in heutiger Zeit „Air-Hop“ heißt und es in der örtlichen Lokalität am Sonntag Vormittag auch den Kleinsten ermöglicht, schwingend umherzuhopsen. Folglich springt sich Leo dann die Schokolade förmlich von den Hüften bevor diese dort überhaupt ankommt. Ich vermute Dich genauso schlau wie gierig. Sitzen wir im Auto kommt vom Rücksitz nicht selten die Frage „Was hast Du zu essen dabei?“ Werden dann nur Apfelspalten nach hinten gereicht ist kindlicher Protest garantiert.

Folglich geht es nicht gerade selten im Anschluss zum „mittagen“ ins Restaurant, und meist in die mongolische Barbecue-Bude unseres Vertrauen da ihr beide hier eine großartige Grandiosität festgestellt habt: Das Dessert gehört zum Buffet dazu, d.h. Einschränkungen sind eher nicht gegeben. Und da überrascht Leo ein weiteres Mal: Eis ist nun gar nicht Deins, aber Wassermelone kannst Du in noch beängstigenderen Mengen zu Dir nehmen wie Schokolade. Selten sitzt ihr beide ruhiger und friedlicher am Tisch als hier. Sarah Sophie werkelt an der dritten Eis-Ladung Stracciatella während Leo hinter einem Berg Wassermelone nicht mehr zu sehen ist. Kinder glücklich – Eltern auch.

Im November eines jeden Jahres findet in Leos Kindergarten das sogenannte Lichterfest statt. Im Prinzip nichts anderes als ein kleiner Martinsumzug aber hier eben politisch korrekt religionsneutral umgebastelt. Und wer hätte es gedacht, da erlebe ich doch noch ein Highlight des Monats und zwar seitens meiner Tochter. Du möchtest nämlich mit, wenn Leos Kückentruppe im wahrsten Sinne des Wortes um die Häuser zieht. Ob das an dem übergroßen Weckmann liegt, den es dort zu verteilen gilt oder woran auch immer weiß ich nicht, jedenfalls klemmst Du Dir Deine, im letzten Kindergartenjahr, gebastelte Laterne unter den Arm und los gehts. Marianne, sozusagen „Head of Kücken“ hat einen Sohn der ein oder zwei Jahre älter sein dürfte als Du. Und an diesem Abend bekomme ich schonmal einen Vorgeschmack auf das was kommt wenn Du Dich nicht mehr nur für Pferde oder Papa interessierst und Eltern schwierig werden können.

Jedenfalls scheint Titus – so heißt der junge Mann – gehöriges Interesse an Deiner Person zu haben was Dir erstens nicht verborgen bleibt und zweitens offenkundig gut gefällt. Wenn Du Durst hast wird Titus der leere Becher gereicht, die Rosinen aus dem Weckmann muss er ebenso entfernen wie es völlig selbstverständlich erscheint Deine Jacke gereicht zu bekommen. Und als Dein Laternenstab einen Wackelkontakt offeriert muss Titus Ersatz beschaffen. Und der junge Kavalier scheint schon zu wissen, daß die Erlangung einer Gunst über Freundlichkeit und ordentliches Mittun vonstatten geht. Will meinen: Er tut wie ihm geheissen. Aber einem Achtjährigen zuzuhören wir er Dir Komplimente über Dein Kleid macht ist schon ganz großes Kino. Das möchte ich nicht unerwähnt lassen. Das putzige Kinder-Kavalier-Tun nimmt also seinen Lauf und Dir missfällt nachhaltig die Veranstaltung irgendwann verlassen zu müssen, als ich sehe, daß Leo müde wird und es Zeit für den Heimweg ist.

Eurer Mutter berichte ich abends am Telefon vom charmanten Lichterfest und bekomme den Kommentar „Na immerhin kommt sie mit dem Sohn vom Chef an“ zu Ohren, gefolgt von der zarten Wortspitze „Den hat sie Morgen sowieso wieder vergessen! Glaub mir!“

Tue ich natürlich nicht und frage am folgenden Tag beim Abendessen nach ob Du Titus noch mal sehen möchtest: Und da ist es wieder, dieses selbstzufriedene Grinsen Eurer Mutter als wir Deiner Antwort lauschen:

„Papa, wer ist Titus?“

Woher wissen Mütter sowas eigentlich?

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.