Der 87./ 35. Monat – Israel

Mrz
2019
07

posted by on Das siebte Jahr, Von Geburt an

Es sind Herbstferien oder anders ausgedrückt wir sind mal wieder weg. Diesmal steht Israel auf dem familiären Reisezettel. Via Zürich landen wir am ersten Ferienwochenende mitten in der Nacht in Tel Aviv und fahren direkt Richtung En Bokek am Toten Meer. In den vergangenen Tagen habt Ihr Euch beide mehrfach genauestens erklären lassen wie sich das nun mit dem Schwimmen in dem bekannten Salzsee verhält und warum man dort so lustig im Wasser herumtreiben kann. Jedenfalls dreht sich in der ganzen Woche vor Abflug alles ausschließlich um Salz in allen Variationen. Nachdem ich Sarah Sophie erzähle, daß es im Anschluss an die salzige Badeaktion zu einer Übernachtung mitten in der Negev auf eine Alpakafarm geht, wo ihr auf der putzigen Kamelart reiten könnt bist Du völlig aus dem Häuschen und sprichwörtlich nicht mehr zu halten.

Soweit die Theorie. Praktisch sieht das dann so aus: Gegen halb sechs morgens trudeln wir mit dem Mietwagen am Toten Meer ein und suchen uns erstmal eine Frühstücksmöglichkeit. Praktischerweise sprechen hier offensichtlich alle Frühaufsteher vor Ort russisch und wir landen in einer – sagen wir mal rustikalen – Bretterbude die sich als Café zu tarnen versucht. Aber es gibt Muffins und somit zwei Kinder glücklich. Bei dem Preis müssen die jedenfalls derart köstlich sein, daß ich Zweifel hege, ihr beide esst jemals wieder irgendetwas anderes. Ausreichend gestärkt stürzt ihr euch ins salzige Nass. Leo nimmt „stürzen“ gleich wörtlich und legt sich auf dem Weg zum Wasser erstmal gepflegt lang, schürft sich das Bein etwas auf und rennt natürlich dennoch ins Wasser. Was nun folgt kann sich jeder ausmalen. Die Kombination aus offener Wunde und 30 Prozent Salzgehalt im Wasser treiben Leo unter lautestem Gebrüll doppelt so schnell aus dem Wasser wie Du hineingeraten bist. Halbe Stunde duschen auf Mamas Arm und ein weiterer Schokoladenmuffin beenden Leos Interesse an dem skurrilem Gewässer ein für allemal. Da hilft kein gutes Zureden, in die Salzlake kriegen wir Dich wohl während dieses Ausflugs nicht mehr.

Sarah Sophie habe ich vermutlich vorsätzlich, böswillig vergessen darüber aufzuklären, wozu die schmucken Holzhäuschen am Strand mit dem eingravierten „WC“ gedacht sind, jedenfalls folgt alsbald ein ohrenbetäubender Schrei meiner Tochter aus dem Wasser und Du entledigst Dich ebenso so schnell des salzigen Nass wie Dein Bruder, allerdings ohne Schokomuffin einzufordern. Tja, was wohl jeder schonmal im Meer erledigt hat brennt hier höllisch und das „Tote-Meer-Experiment“ darf als abrupt beendet betrachtet werden.

Macht ja nix, fahren wir eben in die Wüste. Die Alpakafarm liegt wirklich im absoluten Nirgendwo und Sarah Sophie packt freudig ihr mitgebrachtes Fernrohr aus, wissend um den Umstand, hier des Nächtens Sterne schauen zu können. So habe ich Dir das erklärt, versprochen und darf auch am Abend ganz gepflegt hiervon zurückrudern, da wir wahrscheinlich die einzige Nacht des Jahres erwischt haben, die hier bewölkt ist. Israel rutscht im kindlichen Freizeitranking bedrohlich unter Normalmaß. Jetzt müssen die Lamas ran. Zum Reiten sind hier nämlich gar nicht die Alpakas gedacht, sondern ihrer größeren Verwandten. Die Lama-Loopings mit Euch beiden klappen endlich mal ohne Kollateralschaden und Israel ist ruckzug wieder das tollste Reiseland überhaupt. Wer braucht da schon Wasser ohne untergehen und Sterne hinterm Wolkenvorhang.

Als nächstes folgt Jerusalem. Eure Mutter und ich haben schon einige – sagen wir mal interessante – Herbergen erlebt, unsere Bude am Yaffator in der Altstadt zu Jerusalem toppt aber so ziemlich alles. Wir haben zwei Stockbetten, die auch als Straßensperren der ersten Intifada hergehalten haben dürften, ein Doppelbett aus Zeiten König Davids und einen Balkon der – wenn man sie schlau hinstellt zwei Klappstühlchen Platz bietet und freundlicherweise immerhin drei ganze Abende nicht zusammengekracht sind – also sowohl Balkon als auch Stühle. Aber zentral gelegen, da kann man nicht meckern. Euch beiden ist das alles völlig egal, solange wir endlich zur Klagemauer aufbrechen, denn davon redet Sarah Sophie bereits die ganze Autofahrt hierhin.

Allerdings geht es gar nicht um die alte Tempelmauer an sich – sondern vielmehr hast Du Dir in den Kopf gesetzt, daß sich Leo etwas auf den Kopf setzen muss: Deine erste Kippa ist zu kaufen und wo kann man das wohl besser, als in Jerusalem. Meine Einwände, Leo braucht noch gar keine, weil er noch so klein ist, ignorierst Du selbstverständlich vollständig und so ziehen wir fröhlich suchend durch die Altstadt. Hingebungsvoll wird ausgesucht, am Kopf probiert, wieder weggelegt und erneut versucht. Irgendwann habt ihr beide Euch auf ein Objekt der religiösen Begierde geeinigt und Leo lässt es artig geschehen. Sarah Sophie ist glücklich. Wenn das Ihre Religionslehrerin sehen könnte, hätten wir bestimmt mindestens einen religiösen Fehltritt gut.

Höchstschwesterlich ausgesucht: Leos erste Kippa, Okt. 2018, Jerusalem, Israel

Also nun weiter zur Klagemauer. Dort angelangt stehen wir vor der Sicherheitsschleuse und die braven Beamten interessieren sich so gar nicht für das was wir hier zu veranstalten gedenken. Weitaus mehr Aufmerksamkeit wird hingegen meiner Kameratasche zuteil in der sich selbstverständlich eine 16mm Filmkamera verbirgt. Die Bolex H16 wird detailliert in Augenschein genommen und Kollege Eins fragt mich ob man da auch mal innen reingucken kann. Sofort fällt ihm Kollege Zwei ins Wort und gibt mit vorsorglicher Sachlichkeit nicht ohne selbstbewussten Unterton erklärend an, daß sich dort drinnen sicherlich ein Film befindet und die Kamera daher nicht zu öffnen sei. „Aber natürlich!“ jetzt wieder Kollege Eins. Es entsteht ein fachsimpelndes Gespräch zwischen den beiden dem ich interessiert lausche. Technisch auf einwandfreiem Niveau, dafür mit länger werdender Schlange an Menschen die sich mehr für Mauern als filmische Maschinen interessieren. Das interessiert die beiden übrigens überhaupt nicht und erst als sich eine amerikanische Dame im hinteren Schlangenbereich ob des Stau beschwert wird sie klipp- und klar darauf hingewiesen, sich doch bitte in Geduld zu üben: man habe hier schließlich jemandem vom deutschen Film stehen und um den müsse man sich jetzt kümmern. Die Antwort gefällt der Dame sichtlich nicht und ich schmunzele so vor mich hin. Nun hat aber auch Sarah Sophie genug vom Nicht-im-Mittelpunkt stehen und möchte endlich durch. Kollege Eins gibt mir die Kamera zurück, öffnet die Tür neben der Sicherheitsschleuse und wir gehen alle unkontrolliert hindurch. Ein spannendes Sicherheitskonzept bemerke ich während Sarah Sophie Leo die Kippa zum x-ten Mal gerade richtet und uns die beiden Beamten freundlich hinterher winken. So nun ist also der deutsche Film im Religiösesten des Judentum angekommen und ich muss erst mal einen Film einlegen. Das habe ich zur Sicherheit nämlich noch nicht gemacht.

Das Sicherheitspersonal soll hier so streng sein, habe ich gehört. Aber wahrscheinlich hat das die amerikanische Dame von vorhin einfach so in die Welt gesetzt, ohne zu wissen wovon sie eigentlich redet.

Geschrieben in Nizza, Provence-Alpes-Côte d'Azur, Frankreich.