3. Monat: Sophie und Paul

Sophie und Paul – so könnte eine Liebesgeschichte beginnen oder eben der erste Irrtum im jungen Elterndasein. Deine Mutter hört nur recht leidlich Musik – ich hingegen traktiere meine Umwelt tagtäglich mit einem recht illustren Musikgeschmack der irgendwo im Balkan anfängt und in düsteren Elektroklängen noch lange nicht aufhört. Führt man beides zusammen – ich meine jetzt nicht die stilistische Ausrichtungen sondern die musikalische Gleichgültigkeit Deiner Mutter und die Elementarheit für Musikdinge meinerseits kommt für gewöhnlich ein Konzertbesuch dabei heraus. Dreierlei Veranstaltungen bette ich gerne in wunderbare Ausflüge ein und somit stellte sich irgendwann vor Deiner Geburt die Frage warum Herr Paul Kalkbrenner in Oberhausen zu besuchen sein sollte, wenn das auch in Hamburg geht. Wir fahren also an die Alster.

Zum Konzerttermin – spricht man hier eigentlich von Konzerten oder wie heißt das? – bist Du gerade zwei Monate alt und ich war – wenn auch nur kurzfristig dem Gedanken erlegen, Du würdest das Wochenende bei den Großeltern verbringen und wir führen nur zu zweit nach Hamburg. Wie gesagt diese Überlegung stammt aus der vorgeburtlichen Zeitrechnung. Welch ein Unfug. Oma und Opa kommen also mit. Die Vorstellung, Dich nicht permanent bei uns zu haben erscheint dann doch mehrere Nummern zu abstrus, obwohl wir uns vorgenommen haben nicht zu Übereltern zu mutieren und in unserem gesamten Freundes- und Bekanntenkreis mit ebensolchen Vorschusslorbeeren gesegnet sind. An einem Samstag morgens viel zu früh ist Aufbruch. Drei Generationen rollen recht dicht gedrängt nach Norden. die Fahrt klappt Wunderbar, Paul wummert – etwas zu sanft – aus den Boxen, aber immerhin stimmen wir uns ein. Zu einem vollständigen Familienausflug gehört bei uns natürlich auch noch ein Hund, der trefflich platziert auf dem großmütterlichen Schoß zu thronen geruht. Meine Mutter ist der festen Überzeugung die Sensibilität des Hundes ist mit einer Platznahme im Fußraum unvereinbar. In Hamburg angekommen verweigert wenig wundersam unsere Haus- und Hoffischbude den tierischen Zutritt weswegen wir auf ein benachbartes Restaurant in norddeutschem Rustikalambiente ausweichen. Kein Problem Familien haben flexibel zu sein. Anschließend zum Check-In im Hotel. Warum sich jeder der artigen Unterkunftsmitarbeiter dazu berufen fühlt uns drauf hinzuweisen, daß wir kein gesondertes Kinderbett geordert haben, bleibt ein Rätsel. Wahrscheinlich meinen Sie es alle nur allzu gut und gehen davon aus, das junge Eltern solch banale Beiläufigkeiten schon einmal vergessen könnten. Man bemüht sich um uns: Wie nett!

Es ist früher Nachmittag und wir treffen die Vorbereitungen Dich in die abendliche Obhut Deiner Großeltern geben zu können – heißt das Grund- oder besser gesagt das derzeit einzige Nahrungsmittel muss aus Brust in Flasche umgepumpt werden. Mir waren solche Gerätschaften bis vor wenigen Wochen noch völlig unbekannt, aber es gibt Dinge die gehören nun zu unseren unabdingbaren Reiseutensilien dazu. Die kleine gelbe surrend-pumpende Maschine ist ein solches Vehikel. Es ist langwierig aber zuverlässig. Es ist eine sonderbare Vorstellung Dich, wenn auch nur für ein paar Stunde nicht direkt bei uns zu haben (Etwas in der Richtung erwähnte ich bereits, glaube ich). Ich selbst bin wohl der lebende Beweis der eindeutigen Kompetenz Deiner Großmutter für ein solches Vorhaben, aber es bleibt eben dieses befremdliche Gefühl, was einen überkommt, tut man Dinge gegen die man sich im Inneren wehrt, der Kopf aber ja sagt. Selbstverständlich will ich die Abendveranstaltung mehrfach absagen, erfinde immer neue Symptome an Dir um eben diese Entscheidung herbeizuführen. Nach dem Vortäuschen einer plötzlichen Darmgrippe ist endgültig Schluss und Deine Mutter zu keinerlei Zugeständnissen bereit. Wenn der oberste Sowjet etwas beschließt dann bleibt das auch so. Punkt! Einen Fünfjahresplan hat man in der Sowjetunion auch nicht mal eben wieder umgestossen. Die Verhandlungen darüber sind endgültig gescheitert und ich hole das Auto. Kurz vor acht parken wir direkt vor der Alsterdorfer Sporthalle, der Stätte des Event. Die meissten Einlassbegierigen sind halb so alt wie ich – ein Umstand an den man sich bei derlei Veranstaltungen im Läufe der Zeit gewöhnt, will man nicht sein musikalisches Kulturinteresse auf Rockformationen im gesetzten Alter beschränken. Eine halbe Stunde später stehe ich eine ebensolche lang in einer Schlange um zwei Getränke erwerben zu können. Ich mag Hamburg aber in Sachen Bierkultur können sie von den Rheinländern wirklich noch einiges lernen.

Währenddessen gibt sich der Supporteinpeitscher alle Mühe ein paar tausend Partygänger auf Musikkurs zu trimmen. Nicht gesondert erwähnenswert ist der Umstand, daß Deine Mutter das iPhone nicht aus den Augen läßt, aber die Großeltern melden keinen Mutter-vor-Ort-Bedarf an. Es schön zu wissen, beruhigend zu sehen, nicht der einzige zu sein, welcher gegenwärtig vielleicht einen Hauch zu fürsorglich wegen Dir ist. Während eines weiteren Warteschlangenmanövers am Bierstand erfahre ich das sich Herr Paul gerne ein paar Stündchen Zeit läßt auf der Bühne zu erscheinen um dann allerdings mehrere Stunden an Reglern und Files herumzudrehen. Das tut er hier auch: Er kommt um elf, wir gehen um halb zwölf. So lange wollen wir Dich eben doch noch nicht alleine lassen. Wir fahren zum Hotel zurück und erhalten ein friedvoll schlummerndes Kind ausgehändigt. Gut, wir hätten also bleiben können. Dein Opa bemerkt noch wie lange doch heutzutage solche Veranstaltungen dauern. Da gebe ich ihm Recht und nächste Woche schaue ich mal bei YouTube vorbei um ein paar Highlights von Paul zu hören. Am Sonntag machen wir alle zusammen noch eine Hafenrundfahrt. So gehört sich das für einen Familienausflug. Ahoi!

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.