Der 76./ 24. Monat – Shabbat shalom!

Feb
2018
12

posted by on Das sechste Jahr, Von Geburt an

Es war klar, daß es kommt, aber die Geschwindigkeit wundert mich dann doch. Sarah Sophie ist bis jetzt völlig religionsfrei aufgewachsen und erzogen worden, unter dem Protest der väterlichen Großeltern nicht christlich getauft und auch sonst völlig frei von institutionellen Religionsdogmen sozialisiert. Aber eben nur bis jetzt. Vier Wochenstunden Religionsunterricht und eine neunjährige beste Freundin in der Schule, die mir persönlich einmal gesagt hat wir müssen aufpassen was wir sagen, hier seien überall Christen in der Nähe, tragen einfach mal Früchte. Und das für gewöhnlich – wann auch sonst – am Freitag Nachmittag.

Die ersten Shabbat-Kerzen hast Du noch aus der Schule mitgebracht und dich damit zufrieden gegeben diese eben einfach mal anzuzünden. Aber dann haben wir eigene gekauft und da wir derzeit Winter haben, wiederholt sich jeden Freitag irgendwann um kurz vor fünf das gleiche Ritual. Eure Mutter ist zu dieser Zeit für gewöhnlich noch nicht zuhause sondern lungert ganz unorthodox in irgendeiner Airport-Lounge umher, tippt verbotenerweise meist noch emails an die Kundschaft und schert sich auch sonst recht wenig um irgendwelche mosaiche Verbote – was wiederum Sarah Sophie zur Überzeugung verhilft, daß sie ja nun die Frau im Haus ist und es somit ihr zusteht die Shabbat-Kerzen zu entzünden. Soweit so gut. Eine etwas freie Interpretation des Alters aber irgendwie schlüssig.

Leo holen wir also Freitag früher aus dem Kindergarten ab, nicht das er noch mitansehen muss, wie sein Vater zu Beginn des Shabbat ein Auto lenkt oder ähnlichen Gebotemissbrauch betreibt und Sarah Sophie nordet ab dann die versammelte Familie religiös ein. Aber eben mit Deiner ganz eigenen Interpretation. Ich habe Dir diese riesigen, langen Streichhölzer gekauft um erstens zu verhindern das Du dich schlicht verbrennst und zweitens sieht das ganze damit irgendwie noch gehaltvoller aus als mit den mickrigen kleinen Zündhölzchen.

Und es kann schonmal passieren, daß Du das Entzündungsritual ein halbes Duzend mal wiederholst, da irgendetwas nicht so ist wie es zu sein hat. Wir wünschen uns allen “Shabbat shalom” und essen meist Challa was bei Leo wiederum wahre Begeisterungsstürme auslöst, da ich für gewöhnlich die Version mit den dicken Zuckerkugeln oben drauf kaufe. Aber so ein Feiertagsbeginn soll ja auch Spaß machen.

Sarah Sophie und "Ihr" Davidstern, November 2017, Düsseldorf

Sarah Sophie und “Ihr” Davidstern, November 2017, Düsseldorf

Deine Kette mit dem Davidstern trägst Du übrigens neuerdings fast täglich und vermutlich werde ich nicht zuletzt deswegen ständig nach den bevorstehenden Feiertagen befragt. Da es bekanntlich im Judentum davon mehr als genug gibt und es in der Schule dann auch immer etwas zu feiern gibt sind aktuell noch alle Beteiligten mit dem Umstand hochzufrieden. Allen interreligiösen Vätern mit jüdischem Nachwuchs empfehle ich an dieser Stelle die „Local-Candle-Times“-Funktion auf chabad.org. Hilft – vor allem unterwegs – ungemein.

Wenn wir uns dann alle ein paar Minuten besinnlich genug gefunden haben, schleppen wir die brennenden Kerzen noch möglichst vor Sonnenuntergang in Dein Kinderzimmer, da sie – aus Gründen säkularer Brandprävention – nicht unbeobachtet im Wohnzimmer alleine vor sich hin kokeln sollten und aus religiösen Gründen eben nicht mehr bewegt oder ausgelöscht werden dürfen und schon nimmt allerlei diverses weltliches Spielzeug wieder den gebührenden Raum für Euch beide ein. Selbstverständlich möchte auch Leo mit den Zündhölzern hantieren und hier brauche ich überraschend überhaupt nicht tätig zu werden, denn Deine große Schwester erklärt Dir mit hingebungsvoller Ruhe in immer gleicher Rhythmik das gebotene weibliche Vorrecht auf eben diese Tätigkeit. Hierbei klingt schon Deine Stimme irgendwie sakraler als sonst. Den Teil mit den anderen Haushaltsvorbereitungen die traditionell ebenfalls von der Frau des Hauses an diesem Tag erledigt werden hast Du sicherlich rein zufällig außer Acht gelassen, denn das scheint Deiner Meinung nach nicht weiter notwendig zu sein wie Du mir erklärst, denn schließlich kommt bereits am Donnerstag ja Larissa zu uns und feudelt die Wohnung standesgemäß sauber. Erklärt wird mir das dann so: „Papa, Larissa ist ja auch eine Frau – damit ist doch alles wieder gut.“ Ich gehe davon aus, das Du dir das rabbinisch in der Schule hast absegnen lassen und zweifle das hiermit nicht mehr an.

Zum Abend hin erscheint für gewöhnlich Eure Mutter auf der Freitag-abendlichen Bildfläche und bei Familie Reichmann zieht mit Ihrem Klingeln (!) wieder eine gehörige Portion Laizismus ein. Vermutlich deswegen haben wir bei uns irgendwie das Gebot etwas an Bedürftige zu spenden familienintern individuell-optimiert uminterpretiert.

Jedenfalls zaubert jeden Freitag-Abend – also zu Shabbat-Beginn – Eure Mutter aus ihrem Koffer einige Geschenke für Euch beide. Wahrscheinlich seit Ihr die Bedürftigen und Eure Mutter befolgt so Ihre Mizwa.

Sitzen wir dann alle zusammen zum Abendessen am Tisch kann es schonmal passieren, daß sich Sarah Sophie wie selbstverständlich etwas ihrer Lieblingssalami auf die Challa legt. Dann schmunzeln wir alle ein bisschen ob des gebotenen Schlamassel aber so ist das bei soviel Cross-religiösen-Input. Da muss sich eben jeder etwas bewegen.

Shabbat Shalom Euch allen!

Geschrieben in Marseille, Provence-Alpes-Côte d'Azur, France.