Der 74./ 22. Monat – 16mm für den Schulstart

Nov
2017
03

posted by on Das sechste Jahr, Von Geburt an

“Schule hat begonnen”. Diesen orangen Aufkleber auf dem Heck nahezu jedes Familienautos der 1970er Jahre gibt es – glaube ich – zwar nicht mehr, aber genau das passiert bei uns in diesem Monat. Sarah Sophies Einschulung steht unmittelbar bevor und ist das allumfassende Thema derzeit. Eure Mutter lässt es sich selbstverständlich nicht nehmen die Schultüte standesgemäß selbst zu basteln, auch wenn sie den dazu gedachten Bastelbausatz dafür auf einen der beliebten Ukraine-Jobs mitschleppen muss. Ich habe mal zaghaft nachgefragt, ob wir eventuell auf ein fertig konfiguriertes Modell Rückgriff nehmen können, aber alleine der Blick bedarf keinerlei Nachfrage mehr. Lustig stelle ich mir die fragenden Gesichter der jeweiligen Sicherheitsbeamten an den drei durchreisten Flughäfen vor, aber auf jeden Fall hast Du die garantiert sicherste Schultüte aller diesjährigen Erstklässler. Dafür verbürge ich mich. Wer hat schon eine Variante mit überstandenem Sprengstofftest.

Die wahrscheinlich weit gereisteste Schultüte des Jahrgangs 2017/ 2018

Die wahrscheinlich weit gereisteste Schultüte des Jahrgangs 2017/ 2018

Damit haben wir übrigens auch schon die richtige Überleitung zu Deinem großen Tag. Das Euer Vater unbedingt der Meinung ist denselbigen gefilmt festzuhalten steht außer Frage, aber es muss diesmal auch noch auf 16mm sein, was das Equipment unwesentlich imposanter aussehen lässt. Einen nochmals nachhaltigen Dank an Friedemann aus Hamburg für das Überlassen seiner Bolex H16. Dieses “handliche” 5kg-Gerät schweizerischer Kamerapräzision passt mit angesetzten Pistolengriff in keine meiner Kamerataschen und somit lugt eben dieser metallene Handgriff aus der Tasche oben heraus. Mir ist völlig klar, daß dies gegebenenfalls zu eventuellen Nachfragen beim Betreten der Synagoge führen könnte. Aus Zeitgründen teilen wir uns morgens auf und ich bringe Leo in seinen Kindergarten um dann Dich und Deine Mutter in der Synagoge zu treffen, da dort Dein großer Tag seinen Anfang nimmt.

Erstaunlicherweise finde ich einen Parkplatz nur ein paar hundert Meter entfernt und spaziere mit der geschilderten Tasche in Richtung Eingang. Es dauert keine 10 Sekunden und ich vernehme hinter mir dieses typische Geknirsche welches ich akustisch eindeutig einem Funkgerät zuordne. Eine tiefe, hastige Stimme versucht bewusst leise etwas auf russisch hineinzusprechen und pünktlich etwa 50 Meter vor dem Eingang fängt mich ein sympathetisch dreinblickendes Kraftpaket von gefühlten 2×2 Meter Körpermasse ab um mich zu interviewen was ich hier denn so mache und ob er mal kurzfristig in meine Tasche schauen dürfe. Ja, als Frage war das nur rein rhetorisch zu verstehen. Da sich hier jemand in Konsequenz um die Sicherheit meiner Tochter kümmert, wird mir der mögliche kaukasische Nahkämpfer schnell sympathisch. Ich antworte wahrheitsgemäß über mein Ansinnen und werde unmittelbar mit der Fangfrage konfrontiert, wie denn die Klassenlehrerin meiner Tochter heissen würde. Nachdem ich erkläre, daß ich den Namen ja erst heute im Zuge der Einschulung erfahre, und ihn somit noch nicht kennen kann, verwandelt sich sein reservierter in einen freundschaftlichen Ton und er ruft den Funkgerät-Kollegen herbei, der offenkundig besser in Kamerabegutachtungen ist. Die Herren gehen ohne einen Kommentar von mir davon aus, daß man die Gerätschaft wohl nicht von innen inspizieren kann und jeder linst einmal hindurch. Dann darf ich passieren und werde drinnen von meiner Tochter mit den Worten “Papa, wo bleibst Du denn, es sind schon alle da?!” begrüsst. Augenrollen inklusive!

Von der Synagoge geht es später zur Schule und hier findet das wahrscheinlich überall gleiche Prozedere in der Sporthalle statt. Verzückte Verwandtschaften gruppieren sich um ihre herausgeputzten Kinder, die wiederum ihre Schultüten stolz umhertragen. Einzeln werden die Namen aufgerufen und die betreffenden Kinder betreten voll freudiger Erwartung der kommenden Jahre die aufgebaute Bühne um sich begeistert der applaudierenden Menge zu präsentieren. Da wir zur 1b gehören, dauert das Warten des Aufrufs etwas länger und hier passiert der erstklässlerisch größte anzunehmende Unfall:

Die übervolle Schultüte verliert ihren Schwerpunkt am Kind und fällt auseinander. Wir sind bereits beim Buchstaben “B” unserer Klasse und stehen somit Minuten vor einer Katastrophe wie mir die Reaktionen von Dir unzweifelhaft transportieren. Eure Mutter zaubert aus dem Nichts irgendwelchen Zwirn herbei und ich weiss einmal mehr warum in jede Kameratasche eine Rolle Gaffa-Tape gehört. Problem bei “M” gefixt, bei “P” Kindertränen getrocknet und nach erfolgtem Namensaufruf stolziert eine großes, kleines Fräulein Reichmann nebst Tüte auf die Bühne als wäre nichts gewesen. Das ist meine Tochter – und ich platze vor Stolz!

Ab jetzt also ein Schulkind, Düsseldorf, September 2017

Ab jetzt also ein Schulkind, Düsseldorf, September 2017

Eure Mutter verstaut einen Berg übrig gebliebener Süssigkeiten in ihrer Tasche und Du gehst mit Deinen neuen Klassenkameraden in Eure Klasse. Deine Rektorin fragt mich anschließend noch zu welchem Kind ich gehöre und das es ja sehr gut sei, jetzt jemand mit einer professionellen Kamera an der Schule zu wissen. Was immer das auch heissen soll. Zur Sicherheit habe ich mir dann mal eine eigene 16mm-Bolex gekauft – man weiss ja nie. Dafür übrigens vielen Dank an Gerhard aus Berlin.

So jetzt also ein Schulkind. Es bleibt spannend – und das ab sofort auch auf größerem Format.

Geschrieben in Hurghada, Red Sea Governorate, Egypt.