Der 64./ 12. Monat – Take off bei den Kücken

Unser fröhliches WG-Leben hat sich eingependelt und wir schaffen es sogar noch zusätzlich Besuch aus Berlin hier unterzubringen. Geht alles, wenn man will. Die ukrainischen Betriebsausflüge Eurer Mutter halten wohl auch in den nächsten Monaten an und somit stellt sich die Frage, wie Leo in dieses Konstrukt unterzubringen ist. Er soll stets mit, soviel steht mal fest. Meine anfänglichen Bedenken muss ich schnell über Bord werfen, nachdem ich im vergangenen Monat feststellen durfte, daß mein Sohn alles andere als unglücklich aussieht wenn er auf Lena (dem Kindermädchen in der Ukraine) umher krabbelt. Zwischenzeitlich überlegen wir schon wie wir sie zu uns nach Hause bekommen – wenn das Wohnzimmer wieder frei wird, haben wir ja schlagartig unermesslich viel Platz. Aber die Idee bleibt ein Gedankenspiel.

Viel konkreter wird da nun das Projekt Kindergarteneingewöhnung für Leo. Wie wahrscheinlich jede Stadt, glänzt auch Düsseldorf mit zu wenigen Kita-Plätzen, vor allem für unter Dreijährige, der magischen Altersgrenze. Bereits vor Leos Geburt waren sich Eure Eltern einig, daß die Pleite mit der städtischen Kinderverwahrstelle von Sarah Sophie damals auf keinen Fall zu wiederholen ist und so ist Leo bereits, bevor wir wussten ob es überhaupt ein Leo wird, in einem privaten Kindergarten angemeldet und genau der erwartet nun Deine Eingewöhnung.

Eurer Mutter geht das natürlich alles überhaupt nicht schnell genug – sie reißt sich aber für Ihre Verhältnisse erstaunlich kraftvoll am berühmten Riemen und regt sich auch fast gar nicht auf, als sie Marianne vom Kindergarten am ersten Tag verwundert mit den Worten begrüßt: „Ach, wir dachten der Papa macht die Eingewöhnung. Der war ja auch bei der Anmeldung dabei.“ Dies fürs Protokoll.

Alles läuft nach Plan, die Eingewöhnung dauert rund zwei Wochen und Leo findet von Anbeginn an sein neues Teilzeitzuhause offenbar großartig, jedenfalls krabbelst Du nicht gerade unglücklich vom mütterlichen Arm in den Kreis der anderen kleinen Menschen um Dich sogleich tatkräftigen Aufgaben zu widmen.

Leos Start bei den Kücken, November 2016
Leos Start bei den Kücken, November 2016

An dieser Stelle fällt mir ein, wie unendlich entspannter man mit dem zweiten Kind umgeht. Hatte ich bei Sarah Sophie im gleichen Alter noch wirklich ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie morgens im Kindergarten abgeliefert habe, so freue ich mich jetzt einfach wie es Leo hier gefällt. Du machst es einem aber auch wirklich leicht. Ein normaler Wochentag sieht so aus:

Nach dem Frühstück fahren wir erst zu dritt in den Wald um Sarah Sophie bei sympathischem November-Schmuddelwetter ihrer Waldkindergartenbrigade zu übergeben, dann anschließend, nur noch zu zweit bei etwas höher gedrehter Heizung, Richtung Innenstadt. Hier angekommen, beschleichen mich machmal doch leichte Zweifel, ob der gerechten Verteilung der Kindergartenressourcen für Euch beide. Das mag damit zusammenhängen, daß sich Deine Schwester derzeit morgens bereits drei Schichten Klamotten unter ihre Waldjacke anzieht, ich Dir hier aber sogar die Söckchen wieder ausziehe, da in der – ich will es wenigstens einmal sagen dürfen – Pempelforter Luxus-Kinder-Pamper-Bude natürlich mittels Fußbodenheizung für ein wohliges Raumklima gesorgt wird. Dies und die warmherzige, unschlagbar angenehme Atmosphäre die einem hier entgegen strömt wenn Du von Marina, Trudi, Jan und Co. in Empfang genommen wirst, lassen mich aber schnell wieder an eine richtige Entscheidung von uns Eltern glauben.

Derlei geartete Zweifel in Richtung auf Sarah Sophie zerstreuen sich spätestens an den Tagen, wo ich nachmittags wieder in den Wald fahre und mir ein, mit allen Farben des Waldbodens verschmiertes Mädchen, mit offenen Armen entgegenläuft. Soviel Matsch macht offensichtlich glücklich.

Aber zurück zu Leo: Du kannst nicht schnell genug von mir weg krabbeln, bzw. unter Hilfestellung auf Deinen eigenen Beinchen zu Deiner Gruppe kommen um dann auf irgendeinem Arm sitzend mir fröhlich entgegen zu winken, während der ganze Kindergarten „Paka, Paka“ (Tschüss auf russisch) trällert. Ein Ritual aus der der Eingewöhnung mit Deiner Mutter, auf originelle Weise, teamseitig vollständig assimiliert, übernommen. Väterlich versöhnt werde ich übrigens dadurch, daß Du mir, mit dem gleichen, fröhlichen Grinsen entgegen krabbelst, wenn ich Dich wieder abhole. Das beruhigt dann doch.

Hilft aber alles nix, auch der neue Kindergarten ist natürlich nur von begrenzter Dauer. Die Ukraine ruft und der familiäre Wanderzirkus zieht weiter. Diesmal aber nur für eine Woche und ohne große Schwester. Ich glaube mein Sohn hat unser Familienkonstrukt verstanden und mal ganz unter uns Jungs: So ein Kindermädchen ganz für sich allein ist auch nicht schlecht, oder? .

Viel Spaß bei Kücken und Co. und allseits guten Flug.

Übrigens, auch wenn gerade Ostern ist während ich diese Geschichte schreibe und ihr schon wieder in der Ukraine seit: Die Hasenmütze geht gar nicht, meine Damen.

Wenn mütterlicher Geschmack sinnlos waltet, Kiew, November 2016
Wenn mütterlicher Geschmack sinnlos waltet, Kiew, November 2016

Geschrieben in Sankt Goar, Rheinland-Pfalz, Deutschland.