Der 62./ 10. Monat – Ökonomische Früherziehung

Apr
2017
14

posted by on Das fünfte Jahr, Elternzeit I + II, Von Geburt an

Unsere zweite Elternzeit neigt sich langsam dem Ende entgegen und es geht kontinuierlich in Richtung Norden. Über die Straße von Messina wieder aufs italienische Festland und nun etwas unorthodox kreuz und quer durch Kalabrien und Apulien. Sarah Sophie hat sich irgendwann mit der deutschsprachigen Kinderlosigkeit unserer jeweiligen Campingnachbarn abgefunden und mit einem gewissen Pragmatismus einem neuen Interessengebiet gewidmet: Es geht um Arbeit im weitesten Sinne. Derzeit dreht sich alles und jedes um dieses Thema und meist ziehst Du Schlussfolgerungen aus Deinen eigenen Aussagen. Die schönsten Stilblüten begleiten unsere weitere Reise und lassen uns alle so manche – sagen wir mal höflich – etwas schwierig-spezielle Situation mit Dir verzeihlich vergessen.

Eines schönen Tages entdeckt Sarah Sophie in einem Spielzeuggeschäft einen Besen samt Kehrblech in den Farben pink und blau. Selbstverständlich möchtest Du direkt beide Farbsets erwerben, da Du uns unmissverständlich das Blaue für Jungs und das Pinke für Mädchen zugehörig erklärst. „Papa, das Blaue schenke ich dann Leo. Dann kann er auch fegen.“ Einwände in Richtung auf Leos altersbedingte, etwas eingeschränkte Motorik prallen natürlich an Dir ab und nach geschicktem Verhandeln kaufen wir überraschend doch nur den Mädchenbesen nebst Blech (und ein großes Eis um den Nicht-Schenken-Können-Schmerz erträglich zu gestalten). Am nächsten Morgen fegst Du munter mit dem neuen Besen durch unsern Campingbus. Als ich Nachfrage, woher der plötzliche raumpflegerische Bedarf erwachsen ist, erklärst Du mir mit diesem bekannten selbstüberzeugten Blick: „Papa, hier ist ja keine Larissa, also muss ich hier saubermachen.“ Es beruhigt mich kolossal, daß in den vergangenen zwei Monaten nicht aufgefallen ist wer hier für eine gewisse Grundhygiene gesorgt hat. Dieser Jemand hat seine Aufgabe offenbar stehst im Verborgenem ausgeführt. Löblich so ein unsichtbarer Hausgeist. Und um diesem seine Arbeit nicht einfach wegzunehmen verlierst Du auch pünktlich nach dem dritten Reinigungsvorgang schon wieder das Interesse daran. Das ganze gipfelt dann in der Feststellung wer hier für was zuständig ist und dem ist auch absolut nichts mehr hinzuzufügen:

„Papa, Du hast jetzt immer Spüldienst und Putzdienst, Mama hat Wasch- und Leodienst und ich habe Spieldienst und Leodienst. Jeder hat zwei Sachen. Das ist gerecht!“

Überraschendes Objekt der Begierde. Apulien, September 2016

Überraschendes Objekt der Begierde. Apulien, I, September 2016

Unterdessen entdeckt Leo das Hinderniskrabbeln und purzelt gemütlich von so ziemlich allem was sich ihm gerade in den Weg stellt. Mittlerweile haben wir von den unentwegt vorbeiziehenden Händlern zwei Strandtücher und eine Trommel erworben, da Sarah Sophie nicht müde wird uns klarzumachen, daß Leo unbedingt eben eine solche Trommel benötigt. Eine Einschätzung die ich übrigens teile und somit war der Kauf nur eine Frage der Zeit und des Verhandlungsgeschick Eurer Mutter mit Strandverkäufer Nummer Siebenhundertdreiundzwanzig, oder so ähnlich.

An der Stelle bemerkt Sarah Sophie übrigens, daß der Warenverkauf der vorbeiziehenden Strandhändler eben deren Arbeit ist und dies ja eine schöne Arbeit sei, da man ja den ganzen Tag am Strand sein kann. Um jetzt den sich anbahnenden disputierenden Exkurs in die eventuell, möglicherweise doch vorhanden sein könnende Ungerechtigkeit der Chancenverteilung innerhalb der europäischen Gesellschaftsordnung vorzugreifen, deklariert Eure Mutter dies kurzerhand auf einen, genauso simplen wie rigiden Umstand: Da wurde eben nicht genug gelernt in der Schule und somit bliebt dann nur noch Strandverkäufer zur Auswahl, weil die Herren im Berufsranking eben qualifikationsbedingt eher im hinteren Bereich angesiedelt sind. Und dann verdient man gar nicht genug Geld, bzw. hat als Alternative vielleicht auch gar keine Arbeit und das wäre ja auch nicht gut. Diese Erklärung ist zwar nicht ganz neu, muss aber wieder herhalten. Meinen wahrscheinlich zu dilettantischen Versuch Dir zu erklären, daß soziale Herkunft, Schulbildung und daraus resultierende Chancengleichheit eben von so vielen Faktoren abhängen, hörst Du aufmerksam zu und Du beendest mit einer einzigen plakativen Aussage Deinerseits das Dilemma der elterlichen fundamental-diametralen Überzeugung zu diesem Thema:

„Papa, die Leute die zu wenig Geld haben, wissen vielleicht nicht wo es die Arbeit gibt. Dafür gibt es dann die Mama, deren Arbeit es ist denen zu helfen und ihre Arbeit besser zu finden.“ So, damit haben wir dann auch das Unternehmensberatertum aus Sicht einer Fünfjährigen verstanden.

Die Sache beschäftigt Dich dann aber offensichtlich doch noch, denn am nächsten Tag bist Du eifrig beschäftigt mir am Strand Dein Sandeis zu verkaufen: „Papa, das Eis ist sehr lecker. Deswegen ist es sehr teuer. Und was lecker ist, ist immer gut und teuer, oder?“ Zu einer Antwort komme ich gar nicht bevor Du mir die nächste Weisheit um die Ohren haust: „Papa, Du buddelst jetzt und ich passe auf, dass du nichts falsch machst. Dann mache ich die gleiche Arbeit wie die Mama.“

Wahrscheinlich hat Eure Mutter da heimlich argumentativ noch einen draufgesattelt. Vermutlich habe ich – Spüldienst bedingt – zu wenig Zeit für Dich, aber das ist nur eine Vermutung.

Am nächsten Tag gewittert es und die ökonomische Früherziehung macht mal Pause. Sarah Sophie beschwert sich jedenfalls: „Können wir endlich mal woanders hinfahren. Ich sitze hier ja nur in Donner und Regen.“ Wir sprechen übrigens über den ersten Tag Regen nach 9 Wochen Sonne und 35 Grad.

Machen wir, wir fahren jetzt nämlich nach Hause, dort muss weniger von Hand gespült werden und die Chancen Dich vom Neoliberalismus wegzuüberzeugen steigen an.

Geschrieben in Sankt Goar, Rhineland-Palatinate, Germany.