Der 58./ 6. Monat – In Bayern allein zu Haus

In diesem Monat bekomme ich schonmal einen sanften Vorgeschmack auf die Zeit, in der Eure Mutter wieder ganz regulär arbeiten geht – ich also folglich mit Euch beiden unter der Woche oft alleine sein werde. Das ist zwar erst in einigen Monaten so, aber ein bisschen Übung schadet ja nicht. Ein nicht unbekannter bayerischer Autobauer möchte von Eurer Mutter irgendetwas über drei Tage erklärt bekommen und diesem Ruf folgen wir dann also in vollständiger Familienstärke. Terminlich haben wir das Projekt erfolgreich zwischen zwei „lange“ Mai-Wochenenden platziert und starten so am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt in Richtung Gardasee um dort das Brückentagwochenende zu verbringen, denn Bayern und Gardasee lassen sich natürlich so herrlich kombinieren. Prinzip: Na wenn wir eh schon mehr als die Hälfte an Kilometern fahren müssen …

Der oberitalienische Abstecher ist ein Volltreffer in dem Sarah Sophie gefühlt das Schwimmbad des Campingplatz nur zum Essen verlässt, während Leo auf der Liege unter dem Sonnenschirm die ersten zaghaften Versuche unternimmt sich selbstständig bewegen zu können – die Drehungen klappen noch nicht so ganz, aber lange dauern dürfte es nicht mehr. Ich gestehe übrigens an dieser Stelle irgendwie vergessen zu haben wie lange es doch dauert bis die Krabbelei losgeht. Sarah Sophie schließt jedenfalls zügig und zahlreich neue Freundschaften, die sogar manchmal länger als einen Tag halten. Völlig überraschend findet Eure Mutter bereits beim ersten Stadtbummel die ein oder andere ach wie bezaubernde Kinderboutique und die Damen des Hauses gehen dann mal shoppen während die Herren meist vor der benachbarten Bar anzutreffen sind. Irgendwann spaziert Sarah Sophie mit einer noblen Tasche aus dem Geschäft, setzt den „Hach-was-muss-ich-wieder-alles-alleine-machen“-Blick auf und erläutert mit seufzender Stimme: „Papi, wir müssen jetzt ein ganz großes Eis essen gehen. Ich habe soviel Kleider ausprobiert, das ist ja ganz schön anstrengend.“ „Aber Du wolltest doch unbedingt ein neues Kleid?“ entgegne ich während sich Leo auf meinem Arm selbst gerade rückt. „Ja schon aber Du willst doch auch immer das ich so schön aussehe.“ grinst Du mich an. Dann wieder ich: „Aber Du wirst doch nicht schöner, nur weil Du ein neues Kleid anhast.“ Wieder Du: „Stimmt, Papi mit einem neuen Kleid sehe ich noch viel, viel schöner aus. So schön wie die ganze Welt. Jawohl!“ Nun erscheint Eure Mutter auf der Bildfläche und verkündet genussvoll „Sarah Sophie hat so viele Kleider anprobiert und das schönste ausgesucht.“ Ich wähne mich in einem Komplott. Sofort wieder Du: „Ja und jetzt müssen wir Eis essen gehen, weil das ja so furchtbar anstrengend war.“ Ich gebe auf und wir steuern die nächste Eisdiele an. Hier beschließen die Damen dann noch kurz, das ich von Kleidern ja sowieso keine Ahnung habe und deshalb auch immer besser mit Leo vor dem Geschäft bleibe.

Ich glaube ja das habt ihr abgesprochen, eine Beweisführung gestaltet sich aber bestimmt schwierig.

So in der Art vertrödeln wir die nächsten Tage und am Sonntag geht es von hier nach Landshut um Eure Mutter in Lohn und Brot zu bringen. Im Vorfeld haben wir besprochen, daß mir Sarah Sophie dann hilft, weil ich mich ja jetzt um zwei Kinder alleine kümmern muß. Wir legen fest was zu tun ist und das klappt hervorragend. Sogar Zähneputzen (unser aktuelles Lieblingsdrama) absolvierst Du ohne Murren solange der Hase Hoppel und Bäh das Schaf zugucken dürfen. Der erste Tag startet somit erfolgreich. Unser Campingplatz ist zwar eine ziemliche Einöde liegt aber nur ein paar Autominuten von der temporären Arbeitsstätte Eurer Mutter entfernt. Das ist natürlich unabdingbar da Leo unter anderem mittags noch gestillt wird und wir somit auf den schnellsten Weg für die mütterliche Mittagspause angewiesen sind. Das klappt auch alles problemlos.

Sarah Sophie wird es verständlicherweise irgendwann langweilig, da wir gefühlt alleine auf dem Areal sind. Lediglich einige dauercampende Rentner schlurfen von Zeit zu Zeit an uns vorbei und eine altersschwache Schaukel entpuppt sich auch nicht direkt als Eventhighlight. Abhilfe verspricht die freundliche Dame an der Rezeption wo wir morgens unsere Brötchen abholen. Nachdem sie sichtlich irritiert ist warum Eure Mutter morgens in aller Frühe verschwindet, mittags und nachmittags mit einem Leihwagen wieder auftaucht und offenkundig ein Vater mit seinen kleinen Kindern ganz verlassen und alleine die Tage überstehen muss, erklärt sie mir wo sich der nächste Spielplatz befindet. Die Dame scheint sehr lokalpatriotisch gestimmt zu sein, jedenfalls wird mir der besagte Platz als ganz neuer und besonders großer Abenteuerspielplatz blumig angepriesen. Das klingt perfekt denn nach dem Frühstück schläfst Leo derzeit etwa zwei Stunden und wir machen uns alle zusammen auf den Weg. Es dauert auch nur rund zehn Minuten und wir sind angekommen. Die Rezeptionsdame hat übrigens fast recht behalten. Der Spielplatz ist gehörig groß, mit den üblichen Klettergerätschaften ausgestattet und der Abenteueraspekt wird vermutlich durch die Seilbahn repräsentiert. Die Sache hat nur einen winzigen Haken:

Wir sind schon wieder alleine.

Verständlich gucken mich zwei Kinderaugen mäßig begeistert an. Ich erkläre Dir, daß die Kinder wahrscheinlich alle in ihren Kindergärten sind, was Dir offenkundig auch einleuchtet, da Du zu dieser Uhrzeit ja auch im Wald wärest, so wir denn zuhause weilten. Also schaukeln wir etwas gelangweilt umher und beschließen, daß das Nachmittags alles ganz anders sein wird, da dann ja der gemeine Kindergarten geschlossen hat. Damit gibst du Dich recht schnell zufrieden und wir schieben gemeinsam Leo wieder zurück. Nach dem Mittagessen also der zweite Versuch und die zweite Enttäuschung: Nichts, niemand, Familie Reichmann alleine auf dem Platz. Wenigstens ist Leo wach und so sitzt Du mit Deinem Bruder im Sandkasten und erklärst was Du mit ihm zusammen in Zukunft alles zu unternehmen gedenkst. Suboptimal ist hier noch eine höfliche Beschreibung der Situation.

Tag zwei und drei verlaufen exakt gleich und Du kommst zu dem logischen Schluss: „Papi, in welchem Land sind wir?“ „In Deutschland, aber recht weit weg von Zuhause und das heißt hier Bayern.“ „Ach so“, kommt als Reaktion: „Aber hier muss es viele dumme Leute geben. Die bauen Spielplätze und haben gar keine Kinder dafür.“ Das kommentiere ich an dieser Stelle ausdrücklich nicht. In der Zwischenzeit haben Eure Mutter und ich übrigens beschlossen die nächsten Tage mit Euch in Berlin zu verbringen. Die haben zwar weniger Spielplätze, dafür aber mehr Kinder.

Als Du Berlin hörst ist alles gut und Du fängst an Deinen Kinderkoffer zu packen. Ich glaube fast Du weißt was Dich erwartet.

Ick freu mir jedenfalls.

Geschrieben in Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.