Der 56./ 4. Monat – Côte Russe

Apr
2016
30

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

Je früher Leo lernt in unserer vagabundierenden Familie zurecht zu kommen, desto besser ist das für uns alle. So ungefähr könnte man die Marschrichtung Eurer Mutter dieser Tage deuten. Um die Ostertage herum wünscht ein langjähriger Kunde Eurer Mutter ihr Mittun und es stellt sich somit die Frage der Organisation eines solchen Projektes. Hinzu kommt, daß es an unserem Campingbus einiger, kleinerer Reparaturen bedarf und da Kunde und Werkstatt nur durch ein paar Dörfer voneinander getrennt sind ist klar, das wir beide Notwendigkeiten kombinieren. Da das Ganze unmittelbar an der Schweizer Grenze stattfindet basteln wir unseren Osterurlaub drumherum. Wir fahren also mit zwei Autos in die badische Provinz, geben den Campingbus zur Reparatur eine Woche ab, Leo spaziert im Bondolino mit Eurer Mutter zwei Tage durch Produktionshallen und ist selbstverständlich der Star bei den meist weiblichen Arbeiterinnen. Immerhin hat Eure Mutter zumindest vorher angekündigt in Familienstärke anzureisen. Die Mitarbeiter der Firma kennen allerdings Sarah Sophie in ungefähr dem gleichen Alter und sind somit wenig irritiert.

Die beiden Tage vergehen flugs und kurz vor Ostern geht es von hier nun weiter nach Nizza. Hier haben wir eine entzückende Wohnung, recht zentral gelegen, ergattert die vor allem mit einem unschlagbarem Vorteil aufwartet: Einer dieser typischen kleinen eingezäunten Parks inmitten von Wohnhäusern wie sie in jeder französische Großstadt zu finden sind – inklusive Spielplatz – ist direkt nebenan. Unsere englische Vermieterin gibt uns noch die letzten Tipps und einer Woche frankophiler Urlaubsfreuden steht nichts mehr im Wege.

Und genau auf diesem Spielplatz trudeln wir ein paar Tage später ein – aber Sarah Sophie scheint wenig begeistert ob dieses Umstandes. Du weichst nicht von meiner Seite und willst nur auf irgendwelche Klettergeräte wenn ich mitkomme. Ein paar Mal druckst noch herum und dann kommt die Erklärung für Dein so ungewöhnliches Verhalten: „Papi, ich verstehe die Kinder hier ja alle nicht! Deshalb mag ich nicht mit denen spielen!“ Das ist so ziemlich die schallendste aller Ohrfeigen für zutiefst kosmopolitische Eltern. Meine Hinweise, daß genau das Dir doch sonst völlig egal ist, ignorierst Du genauso tapfer wie stoisch. Nichts zu machen, Du verlässt die Parkbank nicht ohne mich. Derweil wiegt Eure Mutter Leo mit beherzter Kinderwagenkurvenakrobatik in den Schlaf.

Nach einer Weile scheint sich die gesamte Spielplatzbelegschaft auszutauschen. Fast wie verabredet verlässt alles französisch sprechende das Areal und auf einmal höre ich von überall her russisch. Das stelle man sich in etwa so vor: Von allen Seiten werden Kinderwagen der üblich-verdächtigen Premiummarken herumgeschoben und die örtliche Mobilfunkzelle müsste eigentlich kollabieren, da auf einmal alle Muttis und Papis selbstverständlich ununterbrochen zu telefonieren haben. Hat aber einen Vorteil, man hört die benachbarte Baustelle nicht mehr. Jedenfalls erinnern mich gegenwärtig lediglich die Palmen des Parks daran nicht in Moskau zu sein. Gefühlt werde ich allerdings gerade an die russische Schwarzmeerküste katapultiert, was Sarah Sophie veranlasst von meinem Schoß zu hopsen und nach ihrem Sandspielzeug zu fragen. „Das ist im Auto, hier gibt es doch gar keinen Sandkasten.“ entgegne ich und werde im folgenden darüber aufgeklärt das die Notwendigkeit einer Verfügbarkeit von Eimer und Schaufel auf der einen Seite nicht zwingend in Korrelation mit einer vorhandenen Buddelbude auf der anderen Seite stehen muss. Heißt, Du verklickerst mir Deine Sandkastenutensilien zu holen.

Von nun an ist der Spielplatz gar nicht mehr doof und langweilig und während Du unter einem Baum beginnst so ganz für Dich alleine umherzuharken scharren sich in kurzer Zeit immer mehr Kinder um Dich um das seltsame Spielzeug zu begutachten. Zum Verständnis: Es handelt sich um ganz gewöhnliche Schaufeln, Harken und Förmchen wie sie in jedem Sandkasten zu finden sind, aber eben gerade nicht hier. Nach zehn Minuten sitzen mindestens 10 Kinder unter besagtem Baum und es wird russischer Kuchen gebacken. Du bemerkst recht bald, das es hier verschiedene Begehrlichkeiten in Richtung Deiner Gerätschaften gibt und Du verteilst nicht ganz ungönnerhaft die Ausrüstung. Von nun an sind wir natürlich öfters auf dem „Russischen Spielplatz“ wie Du den Park getauft hast. Das Prozedere wiederholt sich übrigens an jedem Tag den wir hier sind exakt gleich. Sage also nochmal einer Kinder seien nicht berechenbar.

Die finale russisch-französische Urlaubsverwirrung erleben wir einige Tage später in Antibes. Dort am Strand angekommen scheint ein gleichaltriger Junge aus Deutschland nur auf Dich gewartet zu haben und wie selbstverständlich werden Spielzeuge getauscht und ganze Landschaften in den Sand gebaut. Dauert etwa eine Stunde denn dann wird Dein neuer Freund von seinen Eltern zum Essen beordert. Und da ist wieder meine Tochter wie ich sie kenne. Spielkamerad weg – egal, lassen wir uns eben von jemand anderen entdecken. Das dauert ganze zehn Minuten und schon fährt ein Dreikäsehoch auf einem Kindertraktor an uns vorbei. Der quatscht Dich auch gleich auf russisch an und wird von Dir nebst des Traktors zur bisherigen Spielstätte beordert um das Equipment einzusammeln. Von nun an schauen wir nicht mehr nach rechts sondern nach links um der Bebauung einer neuen Küstenlandschaft beiwohnen zu können. Die deutschen Bauwerke sind übrigens schmaler und quer zum Meer gebaut, die russischen breit und längst zum Wasser angeordnet. Das hat bestimmt nicht direkt etwas zu sagen, ist mir aber einfach mal aufgefallen.

Und um das Klischee dann auch noch vollständig abzurunden stellt sich der Vater des Traktorfahrer als Immobilienmakler für hiesige Luxusimmobilien vor – Wohnsitz Moskau!

Als dann auch wir in Richtung Mittagessen aufbrechen ist mein ganz persönliches Frankreichbild dann doch wieder gerade gerückt: Am Ende des Strand finden wir ein kleines Restaurant, welches nur aus Küche und Terrasse besteht und ich habe keine Ahnung was ich gerade bestellt habe. Jedenfalls sind alle glücklich und Sarah Sophie fasst kurz vorm Dessert den Urlaub in einem Satz zusammen:

„Papi, das ist schon ganz schön gut, daß ich auch russisch kann, wo doch alle Leute aus Russland hier Urlaub machen.“ Gar keine Frage: es gibt es zwei Kugeln Schokoladeneis – sozusagen für jede Sprache eine.

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.