Der 55./ 3. Monat – Holland in Tirol

Das wir mit nun zwei Kindern weniger reisefreudig sind steht natürlich nicht zur Debatte, Skifahren ist also gesetzt und im Februar ist es endlich soweit. Zugegeben hält sich die Begeisterung Eurer Mutter in überschaubaren Grenzen, dürfte es ihr ja dämmern die kommenden Tage Dauergast irgendeiner Talstationshütte zu sein. Diesmal entscheiden wir uns für die Kitzbüheler Alpen und starten Richtung Fieberbrunn. Der Campingplatz liegt direkt an der Talstation und alles scheint gut. Es hat genug Schnee und die Aussichten sind prächtig. Lediglich der geringfügige Misstand einer defekten Heizung im Campingbus läßt die erste auch die letzte Nacht dort sein. Dumm gelaufen aber durch die örtliche Touristeninformation vor Ort nicht weiter relevant. Wir finden ein kleines Appartement im Ortszentrum und spazieren eben jeden Tag zu Fuß zum Lift.

Am nächsten Morgen geht es zunächst zur Skischule, Material und Kurs für Sarah Sophie organisieren. Eure Mutter stellt sofort klar, daß hier mit Anfängergruppen überhaupt nichts zu gewinnen ist und verweist auf den letztjährigen Skikurs von Dir. Ich behaupte jetzt mal der gemeine, gestandene Tiroler Skilehrer hört nicht zum ersten Mal möglicherweise, eventuell, punktuell nuanciert zu positive Einschätzungen kindlicher Alpinleistungen. Ich halte mich da einfach mal zurück und kaufe die Skipässe. Dein Skikurs startet zwar erst am kommenden Tag, aber Deine Ski willst Du natürlich sofort ausprobieren und so ziehe ich Dich artig den kleinen Hügel herauf und erst nachdem auch Du einsiehst, das ein gesamter halber Meter Höhenunterschied nichts bringen wird entledigst Du Dich Ski und Schuh. Das Skipässe aber auch erst für folgende Tage gelten betrübt Deine kindliche Seele deutlich und nahezu ganze zehn Minuten, denn dann geht es zum Essen. Spagetti Napoli heißt unser aktuelles Zauberwort und wer braucht da schon Babyberge. Prinzip Ablenkung funktioniert erfolgreich.

Sarah Sophies zweiter Skikurs, Februar 2016, Fieberbrunn
Sarah Sophies zweiter Skikurs, Februar 2016, Fieberbrunn

Am nächsten Morgen trifft sich das skifahrende Kindervolk an der Talstation und die Lehrer sondieren das Können der einzelnen Probanden. Und da ist er der: Der mütterliche Super-GAU schlechthin: Du scheinst alles vergessen zu haben. Schneepflug was ist das? Kurvenfahren unbekannt! Der dazugehörige Skilehrer heißt Daniel und erinnert äußerlich eher an einen RAF-Aufbauhelfer der frühen 70er, wodurch ihn Eure Mutter selbstverständlich unmittelbar ins Herz schließt. Und eben der deutet mit Dir auf die Anfängergruppen am Zauberteppich. „Halt mal Leo!“ sind die letzten Worte bevor Eure Mutter aktiv ins Geschehen eingreift. Also – um das mal zurückhaltend auszudrücken. Leidenschaftlich gestikulierend verteidigt sie Deinen Platz im erweiterten Fahrerfeld der Nicht-Anfänger. Mein Einwand, der besagte Skikurs liegt ja nun auch schon mehr als 13 Monate zurück, kontert Eure Mutter locker aus: „Du hast doch gesagt Skifahren ist wie Fahrradfahren – das verlernt man nicht.“ Das stimmt zwar, bezieht sich allerdings auf Erwachsene mit mehrjähriger Skiabstinenz. Auf solche Spitzfindigkeiten kann aktuell natürlich keine Rücksicht genommen werden und Eure Mutter wird nicht müde die alpinen Erinnerungslücken wortreich aufzufüllen. Hilft aber alles nix, Du gehst in eine andere Gruppe. Die Zustimmung Eurer Mutter pendelt sich auf Gefrierpunktniveau ein. Du bist jedenfalls nicht unglücklich und stapfst mit Deinen neuen Mitstreitern zum Zauberteppich. Alles ist gut und ich verspreche in Zukunft einmal im Monat mit Dir in die Skihalle zu gehen.

Überraschend braucht Eure Mutter auch nur zwei Tage um wieder strahlend mit Leo auf dem Arm im Schnee zu stehen. Irgendwann werde ich jedenfalls darüber informiert, das Sarah Sophie nun doch nicht bei den ganz Kleinen unterwegs ist, ich sie aber gerade nicht sehen könne, da ihre Gruppe zufällig gerade mit dem Schlepplift nach oben gefahren ist. Der Urlaub erfährt seine finale Rettung während ein fröhlich winkendes Kind im rosa Skianzug als Erste ihrer Gruppe den Berg herunter kurvt.

Von nun an möchtest Du auch nicht mehr mit uns zu Mittag essen, sondern spazierst lieber mit Deinem neuen Skilehrer Fabian und Eurer Gruppe ins Restaurant zum „Kinderessen“. Wir werden mal wieder nicht gebraucht. Nebenbei lernst Du dann auch noch ein bisschen Niederländisch. Unser kleines Tiroler Bergdorf erscheint dieser Tage wie ein Vorort von Amsterdam. Egal wo wir hingehen, Oranje ist schon da. Im Lift, auf den Hütten und – wen wundert es – in Deinem Skikurs wird holländisch gesprochen. Ein Junge aus München und Du sind die einzigen Nicht-Holländer und auch Kinderskichef Fabian kommt standesgemäß aus Utrecht. Das nenne ich mal europäisch. Ob im Gegenzug auch österreichische Segellehrer am IJsselmeer anzutreffen sind konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Sarah Sophies Resümee lautet jedenfalls: „Papa, was spricht man in Österreich nochmal für eine Sprache? (kurze Pause) Ach ja, Holländisch. Aber das ist ja auch ganz schön schwer, daß die da anders sprechen als sie heißen.“

Holland hat also wohl Berge, die stehen eben nur in Österreich.

Tot ziens …

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.