Der 53./ 1. Monat – Mein Leo

Alle meine Freunde und Bekannten, die mehr als ein Kind haben, sind sich dahingehend einig, daß die kindliche Interaktion untereinander das wohl faszinierendste in der Familienerweiterung an sich darstellt. Ich bin also gespannt und – vorneweg gesagt – Dich interessiert es auch herzlich wenig, daß diese Interaktion zunächst eine – altersbedingte – Einbahnstraße ist. Aber der Reihe nach.

Der Geburtstermin Deines Bruders steht unmittelbar bevor und ich bin wahrscheinlich wieder der Aufgeregteste in der Familie. Für Deine Mutter läuft alles nach dem Prinzip: Kenn ich, weiß ich, habe ich schonmal gemacht. Das ist zwar unumwunden korrekt, aber ihre stoische Ruhe gepaart mit diesem unglaublichen Pragmatismus wirkt schon streckenweise etwas gespenstisch. Der meist gehörte Satz der letzten Wochen Deiner Mutter nach einer angebotenen Hilfestellung in welcher Lebenslage auch immer ist wie selbstverständlich: „Ich bin schwanger und nicht krank.“ Die gepackte Reisetasche im Flur eines Abends deutet aber unmissverständlich in Richtung nächtlichen Ausflug Richtung Geburtsstätte (das Wort Krankenhaus finde ich hier unangebracht). Wir erklären Dir, daß Du vielleicht irgendwann einmal aufwachst, Deine Eltern nicht da sind und müssen Dir ganz fest versprechen, daß Oma und Opa aber auf jeden Fall dann bei Dir sind. Wieso Du auf die Idee kommst, wir könnten Dich alleine lassen, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben – Du äußerst jedoch mehrfach derlei Befürchtungen. Mit dem Oma-Opa-Versprechen gibst Du Dich aber schließlich zufrieden und alles ist gut. Zitat: „Papi, das weiß ich doch alles. Das steht doch genau so im Connibuch. Deinen Eltern glaubst Du also erst wenn es überprüfbar in irgendwelchen Büchern steht. Ob das gelerntes Misstrauen oder ein erstes Anzeichen einer unterstützungswerten, sozialisierten Hinterfragungskultur ist, kläre ich am besten später, denn just an diesem Abend verkündet Deine Mutter, das es wohl heute losgeht.

Jedenfalls stehen Deine mütterlichen Großeltern um zwei Uhr nachts maximal zehn Minuten nach meinem Anruf bei uns auf der Matte um Deine Mutter zur Niederkunft und mich zu den gefühlt untätigsten Stunden meine Lebens zu entlassen. Der Countdown zu Leos Lebensbeginn ist unzweideutig gestartet. Im Kreissaal angekommen gibt es die üblichen Untersuchungen, einen Papierkram den ich unterschreibe ohne ihn zu verstehen und schon werden wir wieder weggeschickt. Der letzte Satz der Hebamme ging so ungefähr in die Richtung: „Geht nochmal etwas spazieren, das hilft!“ Nun tuen sich unweigerlich Parallelen zu Deiner Geburt auf: vor viereinhalb Jahren sind Deine Mutter und ich ebenfalls nächtens stundenlang durch den Klinikpark spaziert, allerdings mit dem geringfügigen Unterschied das damals die Beleuchtung in eben diesem funktioniert hat. Aber da war ja auch Sommer und das Controlling des Hauses hat sich bestimmt gedacht, welcher Depp läuft schon in einer Dezembernacht durch den Park. Es ist jedenfalls stockfinster während wir uns im Zeitlupentempo bemühen nicht vom Weg abzukommen.

Ich mache es kurz: um halb fünf Uhr früh dürfen wir wieder rein und um sieben Uhr sieben ist unsere Familie zu viert und ich so unglaublich erleichtert, daß mir die Aussage Deiner Mutter eine halbe Stunde nach Geburt: „Jetzt habe ich Hunger, wann gibt es Frühstück?“ überhaupt nicht irritierend vorkommt, sondern ich mich mal auf den Weg dorthin mache.

In der Zwischenzeit bist Du aufgewacht und kennst nur eine Frage: „Wann kann ich zu meinem Bruder?“ wie mir Deine Großeltern versichert haben. Da Deine Mutter aber selbstverständlich an alles gedacht hat, gibt es vor dem ersten Klinikbesuch noch kurz eine kleine russische Kinderweihnachtsveranstaltung zu der ich mit Dir und Deiner Freundin Lisa nebst deren Mama gegen Mittag aufbreche. Nachdem dort Väterchen Frost genug Geschenke verteilt hat, fahren wir endlich alle zusammen „Bruder gucken“. Und hier bekommen Deine Eltern und die angesammelte Verwandtschaft schonmal einen Eindruck wie Du Dir in Zukunft unser Familienleben so vorstellst:

Tür auf, alle rein ins Zimmer und Du selbstverständlich vorneweg. Deine Mutter liegt nebst Leo im Bett und Du läßt Dich gerade noch zum Händewaschen überreden und schon sitzt Du mitten mit im Geschehen, Deinen Bruder auf dem Schoß. Meinen Hinweis auf mäßigendes Handeln und erhöhte Vorsicht im Umgang mit einem Neugeborenen entgegnest Du lediglich lakonisch: „Papi, ich weiß, ich muß aufpassen. Aber Leo ist doch schon einen Tag alt und außerdem so süß.“ Ich versichere meinem Sohn mittels direktem männlichem Blickkontakt die Situation unter Kontrolle zu haben. Noch während der ersten schwesterlichen Beschmusungswelle meine ich erkennen zu können, daß ihm das nicht direkt missfällt, was wiederum mich beruhigt. Leo Küsschen links, rechts, vorne, hinten, oben, unten – weil er ja so schrecklich süß ist wie Du mehrfach betonst. „Papi, das ist jetzt mein Lieblingskuscheltier. Noch lieber als Hoppel und Mimi zusammen.“ Bevor ich stellvertretend für Leo sein Recht auf Selbstbestimmung einfordern kann, erläuterst Du kurz das weitere Vorgehen:

„Jetzt darf erstmal ich den Leo auf den Arm nehmen, dann die Mama, dann Lisa, Katja, dann Mira, Irinia und dann wieder ich! Ach so und dann noch der Papa.“ Meine Intervention, mich in der ganzen Aufzählerei unterrepräsentiert zu sehen entgegnest Du lapidar: „Papi, Du schmust Doch immer schon mit mir. Das ist jetzt mein Leo!“

Projekt "Große Schwester": 12.12.2015, Florence-Nightingale Krankenhaus, Düsseldorf
Projekt „Große Schwester“: 12.12.2015, Florence-Nightingale Krankenhaus, Düsseldorf

Ich sehe schon man kann nicht alles haben, aber wenn wir erstmal alle Zuhause sind wird bestimmt alles ganz anders. Das sage ich jetzt erstmal zu mir, dann zu mir und – ach so – dann noch zu Dir.

Herzlichen Glückwunsch zum kleinen Bruder, große Schwester.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.