Der 52. Monat – JA!

Jan
2016
03

posted by on Das fünfte Jahr, Von Geburt an

In Deinem 52. Lebensmonat heiraten wir. Und zwar nicht etwa wir Eltern, sondern wir alle. Mit einer schonungslosen und absoluten Selbstverständlichkeit verkündest Du Deiner Umwelt den anstehenden Familienstandswechsel nicht ohne den vehementen Verweis auf Dein Mittun zum Prozedere. Das besonders putzige ist der Umstand, daß die Heirat für Dich einen Stellenwert an sich darstellt. “Wir sind dann alle drei verheiratet, oder Papi?” bekomme ich mehr als nur einmal als Frage gestellt. Frage ich dann zurück: “Und was bedeutet das dann danach?” “Na, Papi dann sind wir verheiratet und jetzt nicht.” Diese Erklärung reicht Dir skurrilerweise völlig. Kein übliches “Warum ist das so, wieso macht man das so oder so?” Nichts. Heirat scheint einen Selbstzweck zu erfüllen. Du bist eindeutig eine Frau. Aber wer wollte das auch bestreiten.

Von etwa gleichem Rang in der aktuellen Bedeutungshoheit ist der Vorname Deines zukünftigen Bruders. Deine Mutter und ich toppen die Namensfindung bei Dir gehörig. Bei Dir waren wir uns zumindest einig, daß Du nur einen und vor allem kurzen Namen bekommen solltest. Daß das bekanntlich hervorragend geklappt hat ist unschwer an Deinen beiden Namen zu erkennen. Aber es gab immerhin stets Optionen die uns beiden gefielen. Bei Deinem zukünftigen Bruder sind wir davon weit entfernt um nicht zu sagen: kongruent ist anders. Es gibt nicht eine einzige Alternative die uns beiden zusagt. Der eine ist zu jüdisch, der andere zu deutsch (was bei Deiner Mutter offenkundig synonym mit altbacken interpretiert wird) oder – der Super-GAU – zu christlich. Kurzum wir stecken fest.

Aber nicht lange: denn wie haben ja Dich: Als angehende große Schwester mischt Du fleißig im Namensfindungskarussell mit und kamst sogar irgendwann auf die Idee, das jeder Deinen Bruder anders nennen soll. Sicherlich salomonisch aber wohl weder bei Kind noch Standesamt zu vermitteln. Dann platzt Du aus heiterem Himmel mit drei Buchstaben in unser Dilemma: “Mama, Papa: Wir nennen ihn Leo.” Zwei Eltern schauen sich verdutzt aber zustimmend an. Also wir brauchen für das Projekt “Kurzer Name” eben etwas länger – so etwa bis zum zweiten Kind. Seit diesem Tag ist aber klar, Dein zukünftiger Bruder heißt Leo. Das von nun an jeder der es hören möchte oder nicht darüber unterrichtet wird, daß Du den Namen ausgesucht hast versteht sich von selbst.

Doch zurück zur Hochzeit: Am 20. November fahre ich Deine Mutter und Dich früh morgens zum Frisör damit Ihr den maternen Ansprüchen des Tages entsprechen aufgerüstet werdet. Kurz nach elf treffen wir uns alle auf dem Standesamt und das Prozedere nimmt seinen Lauf. Bis zu diesem Zeitpunkt glaubt Deine Mutter noch, das sie demnächst mit “Pick” zu unterschreiben hat; ich habe da aber mal etwas in die Wege geleitet.

Zur Historie: Wir haben Dir damals meinen Namen gegeben, da ich argumentiert habe, wenn wir irgendwann mal heiraten, brauchen wir nicht extra wieder einen neuen Pass für Dich. Aber in unserer Familie ist ja gerne mal alles ein bisschen anders. Die ordnungsgemäße Anmeldung unserer Hochzeit lief selbstverständlich unter meinem Familiennamen, was Deine Mutter zähneknirschend akzeptiert hat. Und lediglich genau das war mir einfach mal ganz wichtig. Im Vertrauen ist mir unser Familiennamen ziemlich egal und ich finde “Reichmann” schlägt “Pick” auditiv um Längen und bevor Rückfragen aufkommen, Doppelnamen stehen und standen niemals zur Disposition. Ach ja, daß wir dann so herrlich jüdisch klingen schadet nach meinem Verständnis auch überhaupt nicht. Und für Deine Mutter mag es reichen, wenn Sie das im Moment der Trauung erfährt – habe ich beschlossen.

Das hiesige Standesamt macht einem genau diesen Umstand prickelnd einfach. Sind zu Beginn des ganzen Formaliendschungel noch Geburtsurkunden und was weiß ich nicht alles im Original nebst Übersetzung beizubringen, genügt für die kleine Namensrotation eine simple Email an die entsprechende Beamtin und die Sache läuft.

Die Überraschung ist ein Volltreffer und das verdutzte Gesicht Deiner Mutter werde ich wohl nie vergessen als der Satz ertönt: “… und sie haben sich gemeinsam nach reiflicher Überlegung für den gemeinschaftliche Familiennamen Reichmann entschieden.” Nein, haben wir nicht – habe ich ganz alleine, aber es betrifft ja auch nur mich ganz alleine. Damit wäre die ganze Nummer übrigens fast geplatzt, da unsere Standesbeamtin eine offenkundig sehr gewissenhafte Dame ihrer Zunft ist und uns mittels eines förmlichen “… so geht das aber eigentlich nicht.” kurz und knapp rügt. Da eigentlich bekanntlich aber eben eine Ausnahme eigentlich zulässt und das ganze auch eigentlich im Sinne der Braut ist, ließ sich die Sache noch geradebiegen. Also – eigentlich – problemlos!

Das war es dann auch schon. Kuß, Ringe, Familienphoto und mit der ganze Mischpoke in die Altstadt. Denn der neue Herr Reichmann hat noch etwas beschlossen: gefeiert wird da wo es sich für einen gebürtigen Düsseldorfer gehört – und das ist zweifelsohne die Ratinger und das Füchschen. Da kann mir jeder Luxusitaliener gestohlen bleiben.

Übrigens, für Dich ist Dein neuer Name völlig selbst- und unmissverständlich. Zur Erklärung genügt hier ein einziges Zitat: “Papa; weil wir beide geheiratet haben, heißen wir jetzt wie Mama. Das ist ja auch viel besser so.” “Warum ?” “Papa; na weil es doch eben besser ist.”

Noch irgendwelche Fragen an Fräulein Reichmann, geborene Pick?

Geschrieben in Düsseldorf, North Rhine-Westphalia, Germany.