Der 51. Monat – Papi, wie geht heiraten?

Deine Mutter und ich sind nun bereits seit gefühlten Jahrzehnten zusammen, kleine Unterbrechungen verlieren sich in unserer beider Wahrnehmung. Fakt ist, seit nunmehr 16 Jahren geht es nicht mehr ohne den anderen und wir haben nun wirklich alles versucht. Nur geheiratet haben wir nie. Ich glaube man kann es ganz nüchtern beschreiben: Es hat sich einfach nicht ergeben. Ich weiß, daß kann nur ein Mann so sehen. Aber erstens bin ich einer und zweitens ist es wie es ist. Punkt. 

Dies zu ändern liegt wohl an mir und das geht bei uns so: Ringe kaufen ist einfach, der Juwelier bei dem meine Eltern schon vorstellig geworden sind betreibt sein Handwerk immer noch und da ich schlicht und ergreifend keinen anderen kenne, bin eben auch ich dann mal dort hinspaziert. Wie man auch nur annähernd durch die angebotene Menge durchblicken soll ist mir unverständlich und so habe ich mich – wie übrigens bei sämtlichen wichtigen Entscheidungen meines Lebens – auf mein Bauchgefühl verlassen und war nach einer halben Stunden mit einer kleinen Schatulle unterm Arm wieder draußen. Nur wo fragt man so etwas eigentlich? Eine der wenigen Sichtweisen Deiner Mutter und mir, in denen wir mal nicht kilometerweit auseinanderliegen ist unsere gemeinsame Begeisterung für Berlin. Das mag damit zusammen hängen, daß wir dort jeder viele bunte Jahre zugebracht haben, vor allem aber zusammen das Studium Deiner Mutter dort gemeinsam durchlebt haben.

Es muss also Berlin sein: Ein Open-Air-Event in der Spandauer Zitadelle scheint mir eine gelungene Location für dieses Unterfangen zu sein. Das ging dann selbstverständlich gehörig daneben, da es an dem angedachten Juliwochenende gemütliche 40 Grad in Zentraleuropa hatte und wir uns, darauf basierend, für ein – dann allerdings ebenfalls suboptimal verlaufendes Alternativprogramm an der Nordseeküste entschieden haben. Die heldenhaften Planungen meinerseits in dieser Richtung habe ich bereits offenbart.

Zweiter Anlauf eine Woche später ebenfalls in Berlin nur ohne Konzert. Einen Tisch im schummerigsten arabischen Restaurant habe ich gerade noch mit viel Überzeugungskraft ergattert. Übrigens, einem gestandenen ägyptischen Gastronom zu erklären, daß ein jüdisches Mädchen nur in genau seinem Restaurant mit der einzigen Frage konfrontiert werden kann, die man nur einmal im Leben mit Ja beantworten sollte, macht in Berlin eben Spaß und vor allem: Es funktioniert. In dem ausgebuchten Laden zaubert er ganz souverän noch einen Tisch und garantiert mir, er werde sich persönlich um alles kümmern. 

Diesmal könnte es also klappen. Der Babysitter hat dann eine Stunde vorher abgesagt und es gab abends Brathähnchen auf der Couch. Auch schön – vielleicht sollen wir einfach nicht heiraten.

Beim dritten Versuch zwei Monate später habe ich mich dann für „Form follows function“ entschieden und wir sind ganz einfach in Düsseldorf schick Essen gegangen, Du bist bei Oma und Opa und das Thema ist vor dem Dessert durch. Im November wird geheiratet, und zwar genau am Zwanzigsten, dem Tag an dem Deine Mutter und ich vor 16 Jahren mit einer Flasche Taittinger in einer Prager Badewanne beschlossen haben zusammen zu bleiben. Somit ist die Geschichte rund.

Dir bleibt dieser Umstand natürlich nicht ganz verborgen und irgendwann im Oktober fragst Du mich verständlicherweise: „Papi, was ist heiraten und wie geht Hochzeit?“ Die übliche Antwort in Richtung „Wenn Mama und Papa sich ganz doll lieb haben, heiraten sie, bekommen Kinder und bleiben für immer zusammen.“ macht wenig Sinn, denn dann wären Deine Mutter und ich bekanntlich seit Jahren unter der gemeinsamen Haube. Der bestimmende Pragmatismus Deiner Mutter rettet einen erklärungsbedürftigen Vater.

„Wenn man heiratet, dann kaufen sich die Mädchen ganz schöne Kleider, eine Frau fragt ob man immer zusammenleben möchte, dann gibt es Geschenke und schließlich fahren wir alle in ein Schloß.“

Das verstehst Du sofort und resümierst entsprechend: „Papi, wir heiraten: erst kaufen wir mir ein ganz schönes Kleid, dann bekomme ich Geschenke und wir fahren in den Schlossurlaub – so geht heiraten: weißt Du?!“ Ich bestätige Deine Aussage vollumfänglich und frage höflich bei Deiner Mutter nach wie sich die Schlossgeschichte genau verhält. Eloquente Antwort: „Nächste Woche kaufe ich mit Sarah Sophie unsere Kleider, da kannst Du ja eh nicht mit. Dann hast Du ja Zeit ein romantisches Schlosshotel zu finden.“

Zwei Dinge haben mich dann übrigens nicht weiter überrascht. Eure Hochzeitskleider haben wir zufällig in Berlin gekauft und das Schlosshotel steht selbstverständlich in Frankreich.

Ich glaube, wir können einfach nicht anders. Aber wenn heiraten nunmal so geht.

Geschrieben aus Düsseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland.